
Winston hätte ihnen was davon erzählen können, was es heißt, sich in Rotchina mit den Kommunisten anzulegen, mit den engstirningen, verbissenen Politkomissaren, oder, noch schlimmer, mit den humorlosen Studenten der Roten Garden, die mit haßerfüllten Augen durch die Gänge der Universität gezogen waren, um auf der Kultur und der Geschichte herumzutrampeln. Aber davon hatten die Hongkong-Chinesen keine Ahnung. Die hatten nur Angst, daß ihnen die Dividenden davonlaufen und die Zinsen einbrechen, und deswegen verkauften sie die Sodadosen zehn Cents billiger als alle anderen.
Ich kam meistens am Nachmittag in den Laden, der eigentlich nur ein Lagerraum war, mit einer Doppeltür aus Holz, trüben Fensterscheiben und einem Plastikschild davor: "Eurasian Trading Company". Drinnen war schummriges Licht, der Raum ein Schlauch, der sich weiter hinten im Dunkeln verlor. An den Wänden standen Kühltruhen mit Glastüren, die Chromleisten angerostet. Rechts neben dem Eingang die Theke mit der mechanischen Ladenkasse auf der gesplitterten Marmorplatte, und einem Ständer mit Süßigkeiten, stufenförmig aufgereiht wie Zuschauer in einem Sportstadion. Am Boden die Dielen, abgeschabt bis nach hinten, dort wo Winston seinen Holzverschlag mit der Matratze aufgebaut hatte, und daneben seinen Arbeitsplatz - einen alten Kartentisch mit einem Holzstuhl davor. Über allem lag immer ein leichter Staubnebel, der etwas muffig roch, wie auf einem Dachboden.
Winston stand jeden Tag von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends hinter seiner Theke. Das Junggesellenleben hatte schon Spuren hinterlassen. An seinen karierten Hemden, die er sich auf der Delancey Street in den puertorikanischen Billigläden kaufte, fehlten die Knöpfe. Sein schütteres Haar war in grauen und schwarzen Strähnen über die lichten Stellen gekämmt. Schwer zu sagen, wie alt er war, aber ganz jung konnte er nicht mehr sein.
Wenn ein Bekannter hereinkam leuchtete sein rundliches Gesicht mit einem fröhlichen Lachen auf. Mich begrüßte er immer auf deutsch. "Tagg! Wie gett's!", rief er aus. Wenn ich um kurz nach drei kam, versuchte Winston jedesmal, mich in eine gebrüllte Unterhaltung zu verwickeln. Dann war nämlich Schulschluß, und die Kids von der Dr. Sun Yat Sen Intermediate School gegenüber stürmten seinen Laden. Vorpubertäre Rotzlöffel, die Jungs die Haare in modische Muster geschoren, die Mädchen kokett und frech, manche schon mit Lippenstift. Die machten Winston etwas Angst.
"Wie GEHT'S!?"
Dabei versuchte er den ganzen Laden im Auge zu behalten, damit keiner was klauen konnte. Jeder Satz, den er mit mir wechselte sollte den Kids beweisen, daß er einen erwachsenen Freund hier hatte, einen Weißen, der ein Meter fünfundachtzig hoch über die Menge ragte und ihm sicher helfen würde, wenn es Ärger geben sollte. Meistens tat ich ihm den Gefallen, mich eindringlich nach den verschiedenen Kekssorten zu erkundigen, oder umständlich Papierservietten vom Hochregal zu angeln. War ja wohl das mindeste, schließlich bewahrte er immer meine Paketpost für mich auf.
Punkt sieben sperrte Winston seinen Laden zu. Dann stand er in Mantel und Hut auf der Straße, Regenschirm und Aktenmappe unter dem Arm, ließ mit lautem Scheppern den Rolladen aus Metall herunter, prüfte nach, ob das Vorhängeschloß eingerastet war, ging mit weiten Schritten Richtung Bowery und bog um die Ecke.
Zehn Minuten später kam er aus der anderen Richtung wieder, schaute sich vorsichtig um, sperrte auf, und schlüpfte unter dem Rolladen zurück in das dunkle Geschäft. Hätte ihn ein Inspektor der Gesundheitspolizei dabei erwischt, daß er hinten im Laden wohnte, hätten sie ihm die Lizenz weggenommen, aber darüber machte er sich keine Gedanken. Hinter dem Barbier versteckte sich schließlich eine Spielhölle und hinter dem Schönheitssalon ein Bordell.
Die Fuk Ching Gang, die den Block kontrollierte, hatte ihre Arrangements mit dem fünften Polizeirevier, den Block in Ruhe zu lassen.
Wir, die Weißen aus der Gegend, hatten von all dem natürlich keine Ahnung. Bis zu jenem Nachmittag, als Rich und ich vor meiner Haustüre standen, und der Mönch vorbeikam. Einer jener Bettelmönche mit geschorenem Kopf, brauner Kutte und Gebetsschale, die bei uns im Viertel alles umsonst bekommen, und die oft an der Grand Street Station vor dem U-Bahnhof sitzen, wo ihnen die Passanten Dollarnoten in die Gebetsschale legen. Gestikulierend beschwatzte der Mönch uns auf chinesisch, doch als wir ihm den buddhistischen Tempel zeigten, schüttelte er nur den Kopf, plapperte weiter, und machte eine obszöne Geste. Winston hatte die Szene beobachtet und sofort verstanden. Lachend wies er dem Mönch den Weg zum Schönheitssalon. Der bedankte sich und verschwand in der Tür.
Die Gang sorgt heute noch dafür, daß es den Bettelmönchen bei uns im Viertel gut geht. Sie garantiert auch, daß nicht eingebrochen wird, daß sich Straßenräuber nur ganz selten in die Gegend trauen, und daß sich keine Bettler herumtreiben. Nur im letzten Sommer verirrte sich ein Vergewaltiger zu uns. Er mißbrauchte eine junge chinesische Mutter im Park. Die glaubte, den Mann schon einmal gesehen zu haben. Hinten bei den Sozialbauten an der Essex Street. Die Polizei hängte daraufhin in allen Läden Flugblätter mit einem Phantombild des Täters auf. Auch bei Winston hing ein Zettel.
Für die Fuk Ching Gang ist so ein Vorfall ein großes Problem, weil das heißt, daß die Polizei im Viertel herumschnüffelt, und dann kann es immer sein, daß irgendein ganz Eifriger, Neuer, der Gang und ihrem Arrangement mit dem Revier auf die Schliche kommt. Deswegen regelt die Gang solche Angelegenheiten lieber selber.
Im Falle des Vergewaltigers war die Gang schneller als die Polizei. Keine vier Wochen nach dem Überfall im Park fanden zwei Streifenbeamte den Verdächtigen unten am FDR Drive im Fluß. Genickschuß. "Execution Style".
So dramatische Fälle sind allerdings selten. Wenn im Sommer zum Beispiel die Banden der Halbstarken aus den Sozialbauten ausschwärmen, reicht es schon, daß zwei Vollstrecker der Gang die Straßen ganz langsam mit dem Auto abfahren, dann benehmen sich die Halbstarken. Das ist gar keine offene Feindschaft, weil im Park spielen die puertorikanischen Jungs von der Essex Street mit den chinesischen Jungs aus unserem Viertel oft Basketball und Rollschuh-Hockey.
Winston ärgerte sich jedenfalls nicht weiter darüber, wenn er einmal im Monat zweihundert Dollar Schutzgeld bezahlen mußte.
Er hätte ihnen gerne das doppelte bezahlt, wenn sie ihn dafür wirklich beschützt hätten. Das erste mal wurde Winston im Frühjahr überfallen. Ein Puertorikaner war's, oder ein Dominikaner, da war er sich nicht so sicher. Kam rein, als der Laden leer war, schlug Winston mit einem Baseballschläger über den Kopf und räumte die Kasse aus. "Wegen achtzig Dollar fast umgebracht", erzählte mir Winston am nächsten Tag ganz atemlos. "Achtzig Dollar! Das Krankenhaus hat mich dreihundert gekostet." Dreihundert Dollar für eine Röntgenaufnahme und eine saubere Naht.
Winston hatte sich in Chinatown nie zu Hause gefühlt. All die Flüchtlinge aus den Südprovinzen, die sich in den engen Wohnungen drängten, die für zehn Dollar am Tag in den Sweatshops Kleider zusammennähten oder in den Restaurants Touristen bedienten - Bauern, Landvolk, herzensgute Menschen, aber was sollte er mit denen schon reden?
Früher hatte Winston an der Universität von Peking unterrichtet. Sprachen und Geschichte. Elf Sprachen beherrschte er. Sieben chinesische Dialekte, zwei japanische, englisch und französisch. Er war Spezialist für japanische Geschichte gewesen. Für die Geschichte der verhaßten Imperialisten, die das chinesische Volk untejocht hatten. "Auch wenn es unsere Feinde sind, so müssen wir sie doch studieren", hatte er gesagt. Dafür hatte ihm das Mädchen, das die Fragen stellte, mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Ein zierliches Mädchen war es, siebzehn, vielleicht achtzehn Jahre alt, ihre Haare zu Zöpfen geflochten. Hübsch wäre sie gewegesen, aber ihr Gesicht hatte sich zu einer albernen Grimasse verzogen, als wollte sie ihren Genossen durch die heruntergezogenen Mundwinkel beweisen, daß sie wirklich hinter der Sache des Volkes stand. Und deswegen hatte jeder Schlag richtig weh getan, weil sie voller Eifer ihr ganzes Körpergewicht hinter die Fausthiebe legte, und weil er gerade auf seinem Stuhl zu sitzen hatte, die Hände hinter dem Rücken.
Die anderen hatten ihn nur spöttisch angeschaut. Junge Burschen und Mädchen in blauen und schwarzen Uniformen. Voller Verachtung hatten sie mit ihm gesprochen und das hatte ihm weh getan. Nicht daß er so viel älter gewesen wäre, er war damals bloß Dozent noch kein Professor. Trotzdem hatte er geglaubt, daß man auch im Kommunismus den
Älteren Respekt entgegenbringen könnte.
Seine Nachbarn hier in Chinatown hatten alle ganz andere Geschichten, die sie vergessen wollten. Die meisten von ihnen waren aus den ländlichen Provinzen geflohen, viele von ihnen vor Hungersnöten und Dürrekatastrophen. Oder sie hatten in den Städten im Süden ihr Glück versucht und waren in die Polizeiakten geraten.
Einmal hatte Winston einen Freund gefunden. Einen Ingenieur aus der Fukinesischen Provinz. Sie waren abendelang bei Winston im Laden gesessen, hatten Tee getrunken und diskutiert. Über China, Taiwan, den Buddhismus, die konfuzianischen Werte und vor allem über die Politik. Aber dann war die Familie seines Freundes nachgekommen, seine Mutter, seine Frau und die vier Kinder. Danach hatte er sich nur noch Gedanken gemacht, wie er die alle durchbringen würde, in dieser teuren Stadt.
Das zweite mal wurde Winston im Sommer überfallen. Diesmal war es ein schwarzer Junge mit einer Pistole. Eine winzige Kaliber 22, deren Lauf gleich über dem Abzug endete. Der Junge war furchtbar nervös und brüllte Winston im Hochgeschwindigkeits-Stakkato an: "Geld! Mach schon! Her damit! Alles, alles, alles! Schneller! Das Geld! Komm schon! Das Geld!" Winston hat danach zwei Tage lang gezittert.
"Weißt du was das Schlimme ist? Nicht die paar Dollar. Aber wenn mir sowas passiert, kann ich zwei, drei Wochen lang nicht richtig arbeiten." Damit meinte er nicht seinen Laden, sondern sein Buch.
Winston hatte einen Tutor an einer kleinen Universität in Texas gefunden, der bereit war, seine Zeit als Dozent in Peking anzuerkennen. Abends, wenn er unter dem Rolladen zurückgeschlüpft war, saß Winston vor seinem Holzverschlag am Tisch und studierte alte Bände des "Journal of Social and Political Ideas in Japan". Oder er hackte in die alte Schreibmaschine. Seite um Seite entwickelte er seine Thesen, wie die japanischen Eliten ihr Land gestalteten, wie sie trotz ausländischer Einflüsse streng über den Erhalt ihrer Kultur wachten, und wie sie die Massen im
strengen Regiment hielten. Einmal im Monat fotokopierte er die Seiten, und schickte sie nach Texas, wo sie Professor Brown zu lesen bekam.
Je näher der Abgabetermin rückte, desto besser gelaunt war Winston. Und umso weniger Geduld hatte er mit den lärmenden Schulkinder. So stellte er Nancy ein, das pummelige, 13jährige Mädchen, das von nun an Nachmittags an der Kasse stand, während Winston streng darüber wachte, daß keiner was mitgehen ließ. Er mochte Nancy irgendwie, auch wenn sie ein bißchen langsam war, und sich beim Zusammenzählen oft verrechnete. Er mochte sie wie ein Onkel seine Nichte mag. Unromantisch, familiär und nicht zu nahe.
Die Hester Street war inzwischen heißumkämpftes Gebiet. Die Fuk Ching Gang, die unseren Block kontrolliert, ist eine Bande südchinesischer Gangster aus der Fukinesischen Provinz, die das neue Chinatown um den East Broadway herum übernommen haben. Von Westen her versuchten die vietnamesischen Gangster auf das Gebiet vorzustoßen, weil sie um die Canal Street herum von den alteingesessenen Organisationen der Hip Sing Tong und der Ong Leong Tong vertrieben wurden.
Im Sommer, kurz vor Winstons Abgabetermin, kamen die Vietnamesen zu uns. Fünf Burschen schlichen durch den Park am Westende der Straße, jeder mit einem Baseballschläger bewaffnet. Auf ihren luftgepolsterten Turnschuhsohlen bewegten sie sich wie fünf drahtige Katzen. Fünf vietnamesische Halbstarke, frisch vom Boot, die Haare schon modisch zurechtgeschnitten - hinten lang, vorne igelmäßig kurz.
Vor dem Bordell stand der Toyota eines der Fuk Ching-Offiziere. Mit einem Schlag zertrümmerte der vietnamesische Bursche mit der roten Jacke die Windschutzscheibe. Das schrille Jaulen und Gackern der Alarmanlage gellte durch die Straße, und die fünf Vietnamesen rannten eilig in den Park zurück. Stille.
Nach ein paar Minuten kamen sie wieder. Nichts hatte sich auf der Straße geregt. Blindwütig begannen die Burschen jetzt auf den Wagen einzuschlagen. Ohne Unterlaß prasselten
die Baseballschläger auf den Wagen - Seitenfenster, Rückscheibe, Scheinwerfer, Bremsleuchten, Türen - die Alarmanlage jaulte, dazu das Scheppern und Bersten.
Erst verstummte das Jaulen. Die Alarmanlage hatte aufgegeben. Dann die Schläge. Ein leises, fünffaches Ächzen war zu hören, als die Burschen den Wagen auf die Seite kippten. Ein paar Tritte noch, dumpf, fast lautlos prallten die Turnschuhe gegen das Chassis, dann lag der Toyota inmitten von Scherben und Schrott auf dem Dach. Wie eine zertretene Schabe.
Winston hatte von alledem nichts gesehen. Er hätte den Rolladen hochschieben müssen, was viel zu auffällig gewesen wäre, deswegen saß er dahinter und lauschte, was ihm allerdings noch mehr Angst machte, als wenn er auf die Straße gekuckt hätte. Er lauschte und dachte daran, wie er damals in seinem Dozentenzimmer gesessen war, wie er gehört hatte, daß sich die Roten Garden Zimmer für Zimmer zu ihm vorarbeiteten. Wie sie die Fenster zertrümmert hatten und die Möbel, wie sie einander scharfe Befehle zurgerufen hatten und die Professoren niederbrüllten. Im Nebenzimmer hatten sie noch ein Bücherregal umgeworfen, dann war die Türe aufgesprungen und das zornige Mädchen mit den Zöpfen vor ihm gestanden.
Die Magisterarbeit für Texas war ein voller Erfolg. Professor Brown hätte ihm fast ein Summa cum laude gegeben. Winston ließ die Arbeit als Buch drucken, mit einem Umschlag in Blau und Rot, auf dem eine japanische Landkarte abgedruckt war. Zweitausend Stück hatte er bestellt, und eines hängte er hinter der Theke über die Kühltruhe mit der Wurst und dem Käse. "$ 10.-" hatte er auf ein Pappschild geschrieben. Ich habe ihm zwei abgekauft. Ein paar von den Lehrern aus der Schule gegenüber auch. Die meisten Exemplare verschickte er jedoch an Bibliotheken in aller Welt. Erhoffte auf einen späten Platz in der Wissenschaft.
Im Herbst verschwand Winston von einer Woche auf die anderen. Den Laden schloß er einfach zu. In den Tagen vor seiner Abfahrt war er so überdreht und euphorisch, daß nichts aus ihm herauszubekommen war. Einen Brief aus Japan
hätte er bekommen, mit einem Jobangebot an einem Institut, den er sofort angenommen hätte, obwohl der Job für einen ehemaligen Dozenten nicht gerade standesgemäß sei. Aber er hatte eben nur ein Magister des Fernstudienprogramms der Baylor University in Waco, Texas. Er wollte mir noch eine Adresse dalassen, aber dann war die Türe zu seinem Laden verrammelt.
Niemand weiß wo Winston abgeblieben ist. Eine Arbeitsvermittlungsagentur hat den Laden übernommen, alles weiß gestrichen, Gipswände eingezogen und Neonröhren aufgehängt. Man sieht von außen nicht viel, nur einen Warteraum mit drei Plastikstühlen und einem Wandkalender, auf dem eine chinesische Flußlandschaft zu sehen ist. Die Agentur vermittelt Billigjobs für Restaurantarbeiter und Näherinnen, die in den Sweatshops in unserer Gegend Jacken und Hemden zusammensetzen. Heißt es jedenfalls.
Ich muß jetzt zwei Blocks weit laufen, wenn ich einen Sandwich oder eine Tüte Milch kaufen will. Da haben Khaled und Sami ihren 24-Stunden-Laden aufgemacht, zwei Brüder aus dem Yemen, die Nachts mit dicken Backen hinter der Theke stehen und Khat kauen, damit sie nicht einschlafen. Ein nagelneuer Laden, blitzblank mit hellen Neonröhren und verchromten Kühlschränken, einer richtigen Sandwichbar, über der eine Preistafel mit einem Wildschweinkopf aus Plastik hängt. Die Sodadosen kosten bei Khaled und Sami zehn Cents mehr als im Hongkong-Supermarkt. Aber wie ich schon sagte: "Gotta stay true to the hood."
Neben der Computerkasse kleben zwei Erinnerungsfotos. Eines zeigt einen Bungalow in einer kargen Hügellandschaft. Auf dem anderen stehen Kahled und Sami in einem Feld, Kafiyahs auf dem Kopf, Kalaschnikow-Gewehre vor der Brust. "Daheim haben sie uns erst im Namen des Volkes unseren Getreidehandel beschlagnahmt", erzählt mir Sami, der jüngere. "Dann kamen die Scheichs aus dem Norden und haben alles kaputtgeschossen." Khaled grinst, schiebt den Sandwich und die Cola über die Theke und sagt in bestem Fernsehgangster-Englisch: "That's all boss?"
Ich hatte im Dezember aufgehört, meine Sandwiches bei Winston zu kaufen, weil die Kälte seine Hände mit graubraunen Schuppen überzogen hatte, und ich nicht mitansehen konnte, wie er mit seinen dreckigen Reptilfingern die Wurstscheiben aufs Brot legte. Aber ich kam immer noch jeden Nachmittag, um Milch zu holen. "Gotta stay true to the hood", hatte mein Freund Rich gesagt. Bleib' deinem Viertel treu, dann bleibt dein Viertel auch dir treu - New Yorker Nachbarschafstsentimentalitäten, aber er hatte ja recht, vor allem nachdem die Hongkong-Chinesen gleich um die Ecke einen Supermarkt aufgemacht hatten, in dem die Sodadosen zehn Cents billiger waren, und die Milch einen ganzen Quarter. Sollte so einer wie Winston draufgehen, nur weil diese arroganten Hongkong-Chinesen ihr Geld vor den Kommunisten retten wollten?
"Sehr gut, Winston. Wie geht's selber."
"SEHR gut. - Soda sechzig Cents - KALT heute, nicht wahr!?"
"Sehr kalt. Wird aber wärmer."
"-und vierzig- WIRKLICH?! - Soda, Kekse, Sandwich? - Ach ja, keine Post heute."
"Trotzdem Danke. Geht's voran, Winston?"
"Geht voran."
"Und was war mit der Polizei?"
"Ach, die tun doch nichts."
"Hast du die Polizei gerufen?"
"Nein. Aber der Wachmann von der Schule."
"Und?"
"Und was? Die werden den sicher nicht finden. Wegen achtzig Dollar..."
Er seufzte.
