Mit Kennedy Flair

Seit F. Scott Fitzgeralds “Der große Gatsby" ist Long Island der Fluchtpunkt des amerikanischen Traums.
© Andrian Kreye



Sehnsucht braucht ein Ziel, auch wenn dieses unerreichbar bleibt. Dabei dauert die Fahrt zum Fluchtpunkt des amerikanischen Traums nicht lange. Bei gutem Verkehr braucht man von Manhattan für die knapp 25 Meilen nicht einmal eine Stunde. Man fährt über die 59th Street Bridge, dann auf dem Northern Boulevard immer weiter nach Osten, biegt bei Manhasset links ab, bis die Vorgärten der bürgerlichen Einfamilienhäusern mannshohen Hecken weichen, hinter denen die Familien des amerikanischen Geldadels auf ihren Anwesen leben. Dort wo sich die Straße im Schatten mächtiger Bäume schließlich verjüngt, führt die Hoffstots Lane nach rechts. Von links weht nun die salzige Luft des Sund von Long Island durchs offene Fenster, von rechts der frische Duft von Nadelhölzern. Das Gezwitscher der Vögel wird höchstens von einem Möwenschrei gestört. Und dann steht man vor dem weißen Gatter, hinter dem F. Scott Fitzgerald in seinem Roman “Der große Gatsby" 1925 den Mythos des modernen amerikanischen Traums begründete.

“Land's End" steht auf dem Schild geschrieben. Das Gatter öffnet sich. Man rollt über den geteerten Weg am Pförtnerhaus vorbei, an den Stallungen und Gesindehäusern, und dann sieht man auf dem Hügel schon jenes Anwesen, das Fitzgerald wie folgt beschrieb: “Ihr Haus war sogar noch weitläufiger, als ich es erwartet hatte. Eine freundliche rote und weiße Kolonialvilla mit Blick über die Bucht. Der Rasen begann am Strand und zog sich eine Viertelmeile bis an die Vordertüre, sprang über Sonnenuhren, gepflasterte Wege und blühende Gärten. Die Fassade wurde von einer Reihe französischer Fenster durchbrochen, die das goldene Licht widerspiegelten, weit offen für den warmen, windigen Nachmittag."

Es hat sich seither kaum etwas verändert in Land's End. Der überdachte Pool ist neu, doch die über 20 Zimmer sind immer noch mit der Eleganz altehrwürdigen Reichtums möbliert. Links neben dem Haus weht am weiß gestrichenen Fahnenmast das Sternenbanner. Unten im Sund ziehen Segelboote und Yachten ihre Bahnen. Die Auffahrt schwingt sich um ein Rund voller Rosenbüsche und Blumenrabatten. Ein Schäferhund schleicht über die Veranda. Dann öffnet sich unter den Säulen der Fassade die Tür und die Wirtschafterin erscheint, eine resolute Dame, die unangemeldeten Besuch überhaupt nicht goutiert. Doch irgendein Glücklicher wird am kommenden Donnerstag den Mythos ersteigern. In der Immobilienbranche gilt der Verkauf von Land's End als Sensation. 50 Millionen Dollar sollte das Anwesen letztes Jahr kosten. Viel Geld für eine betagte Kolonialvilla, auch wenn fünf Hektar exklusivstes Land dazugehören. Doch wer “Land's End" ersteigert, der gelangt an jenes Ziel, das dem literarischen Stellvertreter des amerikanischen Unternehmergeistes Jay Gatsby bis zu seinem Tode verwehrt blieb.

Es war vor allem seine unerfüllte Liebe zu Daisy Buchanan, die Gatsby dazu trieb, seinen Reichtum wie ein eitler Pfau zur Schau zu stellen. Doch sein Geld war neues Geld. Schnöde zusammengeraffte Dollars, mit denen er die Kluft zu jener Welt der Buchanans nicht überbrücken konnte, in der nicht nur das Vermögen über Generationen zusammengetragen wurde, sondern auch die Würde, mit Reichtum umzugehen. Gatsby lebte in einem protzigen Schlößchen. Die Buchanans auf einem altehrwürdigen Anwesen, für das Fitzgerald Land's End zum Vorbild nahm.

Land's End ist das Symbol für jene Kluft geblieben, die sich bis heute durch die amerikanische Gesellschaft zieht. Was sich damals an der North Shore von Long Island abspielte, wiederholt sich heute gut sechzig Meilen weiter östlich in den Hamptons. Hier giert das aufgeregte neue Geld nach der gelassenen Ruhe der Eliten.

Bis in die 40er Jahre hinein waren die Hamptons nicht mehr als eine Ansammlung verschlafener Fischerdörfer zwischen West Hampton und Montauk, in denen sich ein paar reiche New Yorker ihre Sommerhäuser bauten. Es gab einen jener elitären Country Clubs - den Maidstone Club, einen weitläufigen Gebäudekomplex hinter den Dünen von East Hampton, zu dem ein Golfplatz, Tennisplätze und ein Salon gehörten, in dem sich die Herren bei Brandy und Zigarre über die Börsenkurse unterhielten. Doch die Aufnahmebedingungen waren so restriktiv wie die Auflagen für Immobilienverkäufe der Gegend - keine Farbigen, keine Juden, keine sogenannten alleinstehenden Herren und keine Entertainer.

Doch mit dem Zweiten Weltkrieg kamen die vertriebenen Künstler nach New York. Max Ernst, Marcel Duchamp, Fernand Léger und die Kunstsammlerin Peggy Guggenheim. Gerald und Sara Murphy, die das Dunes-Anwesen gleich neben dem Maidstone Club besaßen, kannten viele der Exilanten aus ihrer Zeit in Paris und luden sie ein, der drückenden Sommerhitze von New York City zu entfliehen. Und etablierten die Hamptons fast nebenbei als Kolonie der Kreativen. Die Sommergäste der Murphys zogen nach dem Krieg eine ganze Reihe prominenter Künstler und Autoren in die Hamptons. Maler wie Jackson Pollock, Willem de Kooning, Larry Rivers, Jasper Johns und Robert Rauschenberg richteten sich in Sommerhäusern und Scheunen Ateliers ein. Die Literaten des Paris Review um George Plimpton und Peter Mathiessen verbrachten ihre Sommer hier. John Steinbeck kaufte sich ein Haus in Sag Harbor und benutzte das Dorf als Hintergrund für seinen Roman “The Winter of Our Discontent".

Später folgten die Stars der Pop Art. Andy Warhol zog sich von den Exzessen in seiner Factory nach Montauk zurück, Roy Lichtenstein baute sein Studio in Southampton auf. Heute noch arbeiten hier Künstler wie Julian Schnabel, Ross Bleckner oder Peter Beard. Robert Wilson gründete sein Water Mill Center, in dem er die meisten seiner Inszenierungen entwickelt.

In den Boomjahren der 80er Jahren folgten die Superstars aus Pop, Film und Mode. Steven Spielberg kaufte sich eine ehemalige Farm an der West End Road. Billy Joel und Paul Simon bezogen prächtige Villen. Calvin Klein richtete sich eine Villa direkt am Strand komplett in strahlende Weißtöne ein und Donna Karan zog sich in ein Anwesen hinter dem versteckten Barcelona Beach zurück.

Die Künstler, Genies und Superstars zogen schon bald das große Geld nach sich. Industriekapitäne wie der Medienmogul Steve Ross und der Chef des Seagramkonzerns Edgar Bronfman wurden wie magisch von der Aura der Kreativen angezogen. Für sie waren die Künstler und Stars die Halbgötter der amerikanischen Meritorkratie, hatten sie ihre Macht und ihren Reichtum doch nicht durch Finanzgeschick und eine gehörige Portion Rücksichtslosigkeit erlangt, sondern mit Genius und Ideen.

In der New Yorker Haute Volée gehörte es bald schon zum guten Ton, während der Sommersaison zwischen dem Memorial Day im Mai und dem Labour Day im September eine Residenz in Strandnähe zumindest anzumieten. Unter der Ägide des findigen Maklers Allan Schneider explodierte in den 80er Jahren der Immobilienmarkt ins Unermeßliche. Die Anwesen im begehrten Teil südlich des zweispurigen Highway 27 waren schon bald nicht unter fünf Millionen Dollar zu haben. Um ein standesgemäßes Sommerhaus mit Swimming Pool, mindestens sechs Schlafzimmern und Meerblick zu ergattern, muß man für die Saison gut 100.000 Dollar Miete, für Spitzenobjekte bis zu einer halben Million hinlegen. Nicht ganz so wohlhabende Hausbesitzer ziehen für die Sommermonate oft in weiter abgelegene Wohnungen und bestritten mit der Miete einen guten Teil ihres Jahreseinkommens.

Im Vorwort zur autorisierten Fassung des Fitzgerald-Romans schreibt der Literaturwissenschaftler Matthew Bruccoli: “Der große Gatsby verkündet nicht den edlen Geist der Menschheit; er ist nicht politisch korrekt. Er ist ganz einfach nur ein Meisterstück." So ähnlich verhält es sich mit den Hamptons. Der besondere Zauber von Long Island erschließt sich nicht sofort. Die Ortschaften mögen liebliche Dörfer sein, mit schmucken Hauptstraßen, gepflegten Gärten und weiß getünchten Kolonialgebäuden. Solch hübsche Orte gibt es auch in Neuengland. Die Landschaft ist eher karg und erinnert mit ihren Dünen und struppigen Büschen an die Nordsee. Es gibt keinen Glamour wie in St. Tropez oder in Monte Carlo, keine atemberaubenden Landschaften wie auf Capri oder in San Remo. All die Prominenz, all der Reichtum verbergen sich hinter geradezu protestantischer Schlichtheit. Doch wer den Exzeß verteufelt, die endlosen Schlangen von Luxus- und Sportwagen, die an jedem Wochenende den Highway 27 entlangschleichen, wer sich darüber echauffiert, dass er im Delikatessengeschäft “The Barefoot Comtessa" für ein Fischbrötchen zwölf Dollar bezahlt und im Country Store von Ralph Lauren für einen schlichten Pulli gute tausend, der hat die Hamptons nicht verstanden.

Nein, politisch korrekt sind die Hamptons beileibe nicht. Als Bill Clinton noch Präsident war, ließ er im Maidstone Club anmelden, dass er an einem Sonntag im Sommer Golf spielen wollte. Nun kann nicht einmal der Maidstone Club dem Präsidenten eine Runde auf dem Golfplatz verwehren. Doch ausgerechnet an jenem Sonntag sollte das traditionelle Sommerturnier stattfinden, das in über hundert Jahren nicht einmal verschoben worden war. Die Not war groß. Bis ein politisch findiges Maidstonemitglied darauf kam, den Beratern des Präsidenten die politisch nicht ganz korrekten Verhältnisse im Maidstone zu schildern. Ob es sich der Präsident denn leisten könnte, in einem Club zu spielen, der bekannterweise bis heute kaum Juden und Farbige aufnehmen würde. Der Hinweis genügte. Bill Clinton buchte um. Statt im Maidstone spielte er an diesem Sonntag im Atlantic Golf Club von Bridgehampton, den 1992 schwerreiche, jüdische Industriekapitäne gegründet hatten, weil sie bis heute aus dem Zirkel der Hampton WASPs ausgeschlossen bleiben.

Doch wer die Hamptons wirklich verstehen will, der sollte zunächst einmal eine Sommerwoche zwischen den Wolkenkratzern von Midtown Manhattan verbringen. Er sollte 16 Stunden am Tag arbeiten und nur vier bis fünf Stunden schlafen. Dann sollte er sich am frühen Abend des Freitags in einen jener Geländewagen setzen, die weniger das große Abenteuer simulieren, als auf dem Highway das Wohnzimmer ersetzen sollen. Er sollte sich in den Business-Class-Sessel hinter dem Steuer lehnen und spüren, wie ein leichter Druck aufs Gaspedal die vier Tonnen Stahl mit der Kraft eines Sportwagens beschleunigt. Er sollte sich K.D. Langs Song “Summer Fling" anhören, in dem es heißt: “The smell of Sunday in our hair, we ran along the beach with Kennedy flair". Dann sollte er sich am Nachmittag in einen Swimming Pool legen, an einem Martini nippen, dem Vögelzwitschern lauschen und über die blühenden Rhododendronbüsche hinweg in den azurblauen Himmel blicken. Später sollte er sich Sandalen überstreifen und zum Strand hinuntergehen, wo die untergehende Sonne die karge Dünenlandschaft in organgefarbenes Licht taucht.

Der schlichte Frieden mag teuer zu stehen kommen. Aber hier können ihn die Reichen, Schönen und Berühmten unter ihresgleichen verbringen. Doch inzwischen ist auch der Rest des Landes neugierig geworden, was da jeden Sommer am Ostende von Long Island vor sich geht. Gleich drei Bildbände über die Hamptons sind in diesem Sommer erschienen. Mehrere Dokumentarfilmer haben sich am Paradies der High Society versucht. Allen voran Barbara Kopple, die für ihre Filme über Minen- und Fabrikarbeiter mit zwei Oscars ausgezeichnet wurde. An diesem Wochenende wird der Fernsehsender ABC ihren vierstündigen Film “The Hamptons" in zwei Teilen ausstrahlen. Doch selbst Barbara Kopple hat es nicht geschafft, die Hamptons zu erklären. Vier Monate hat sie letztes Jahr gedreht. Und ist doch an der Oberfläche geblieben.

Vielleicht taugt der Blick einer engagierten Dokumentaristin nicht für diese Welt. Da kam sie letzten Sommer mit ihrem Team in den Nachtclub Tsunami, heftete sich ans junge Partyvolk, die offensichtlichen Klischees des Exzeß. Junge Börsenmakler, die sich zu dreißigst ein Sommerhaus teilen, auf Matratzenlager schlafen, nur um dabei zu sein, am Strand der Meritokraten. Gierige Mädchen auf der Suche nach reichen Männern und geile Burschen auf der Pirsch. Sie hat vor allem die Discohamptons entdeckt, die mit dem neuen Geld der 90er Jahre an die Strände schwappte. Eine vulgäre Welt, die letztes Jahr im Skandal um Lizzie Grubman kulminierte, einem reichen Töchterchen, die sich als Presseagentin für Nachtclubs und Postars verdingt. Die setzte im Wutanfall vor der Disco Conscience Point ihren Mercedes-Geländewagen in eine Menschenmenge, hinterließ bei ihrer Fahrerflucht mehr als ein Dutzend Schwerverletzter und landete als Prototyp der verdammenswerten Noveaux Riches landesweit in den Schlagzeilen.

Nein, wenn die amerikanische Fernsehnation an diesem Wochenende “The Hamptons" einschalten, dann bekommen sie nur die neueste Generation junger Aufsteiger zu sehen, die wie Jay Gatsby vor den ewig verschlossenen Türen der Eliten ihre prahlerischen Feste feiern. Und sie werden nicht begreifen, warum die Hamptons so wichtig sind. Als Fluchtpunkt des amerikanischen Traums. Als Ziel der kollektiven Sehnsucht. Denn nur ein Ziel, das unerreichbar bleibt, treibt Menschen dazu, ihr bestes zu geben, nach vorne zu sehen und ihr Glück zu suchen. Denn nicht Ruhm, Reichtum und Macht, sondern genau diese Suche nach Glück ist die Essenz des amerikanischen Traums.

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