Bei Wahlkämpfen wird die Skandalisierung der Politik von einem Berufsstand namens “Opposition Researchers" sogar professionell betrieben. Denn die Bloßstellung von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens hat in den USA nicht nur System, sondern auch eine rechtliche Grundlage. Der Freedom of Information Act von 1966 erlaubt es jedem Bürger, Akten einzusehen, die in Europa oft noch unter Datenschutz und Amtsgeheimnis fallen. In Deutschland tritt das erste Informationsfreiheitsgesetz auf Bundesebene beispielsweise erst am 1. Januar 2006 in Kraft. Informationsfreiheit ist jedoch die Grundlage für eine der wichtigsten Säulen der Demokratie - die Transparenz. Und die ist ganz und gar unparteiisch.
Das zeigt das amüsante Bändchen “Do As I Say - Profiles in Liberal Hypocrisy" des Publizisten Peter Schweizer. Der Mitarbeiter des konservativen Hoover Institute hat sich den gesetzlich garantierten Zugang zu Steuerunterlagen und Vermögensaufstellungen zu Nutze gemacht und ein Potpourri pikanter Details über die Bannerträger des amerikanischen Liberalismus zusammengestellt. Die Kapitelüberschriften lassen noch die übliche Demagogie vermuten. Hillary Clinton und George Soros - Konzernbüttel und gierige Spekulanten. Barbra Streisand - Kriegsgewinnlerin. Doch im Gegensatz zu den meisten konservativen Demagogen, belegt Schweizer seine Vorwürfe mit Fakten und Quellen.
Vor allem wenn es ums Steuernzahlen geht, sind die Vorkämpfer für die Umverteilung der Vermögensverhältnisse nicht ganz so kämpferisch, wie in ihren Forderungen an das System. So versuchte die Chefredakteurin der linken Wochenzeitung The Nation Katrina Vanden Heuvel mit ihrer Familie beim Versuch, auf dem Gerichtswege um die Zahlung von 2 Millionen Dollar Erbschaftssteuer herumzukommen. John Kerry, der während seines Präsidentschaftswahlkampfes im letzten Jahr nicht müde wurde, die klassenfeindliche Steuerpolitik von George W. Bush geißeln, bezahlte zusammen mit seiner schwerreichen Frau Teresa lediglich auf 15 Prozent des gemeinsamen Einkommens Steuern.
Nun machen sich die Steuerflüchtlinge dabei nicht strafbar. Wer über genügend Geld verfügt, kann mit Hilfe geschickter Steuerberater sein Geld in den USA in diversen Steuernischen parken. Treuhänderfonds eignen sich dafür zum Beispiel ganz hervorragend. Weswegen die Kennedyfamilie, zu der auch der führende Linke im Senat Ted Kennedy gehört, seit dem Ableben ihres Patriarchen Joe im Jahre 1969 nicht einmal ein halbes Prozent Erbschaftssteuer auf das Erbe bezahlt hat, das auf 300 bis 500 Millionen Dollar geschätzt wird.
Um Ausreden sind die liberalen Heuchler dann meist genauso verlegen, wie ihre konservativen Pendants. So druckste der Präsidentschaftskandidat der unabhängigen Linksaußenfraktionen Ralph Nader betreten herum, als er darauf angesprochen wurde, dass er mit seinem Aktivismus ja doch zweistellige Millionensummen verdiente und diese in Fonds investierte, in denen auch Anteile an Öl- und Rüstungsfirmen stecken.
New York 01.12. '05 - Der besondere Kitzel ist bei Politskandalen meist die Genugtuung, dass dabei Persönlichkeiten demontiert werden, die ihre Laufbahn auf moralische Positionen gründen, die sie mit einem enormen Maß an Selbstgerechtigkeit vertreten. Der Niedergang der Bushregierung, die sich und ihrer Verbündeten in einem Geflecht aus Lügen und Inkompetenz verstrickt hat, wird in den USA beispielsweise mit ausgesprochener Häme kommentiert. Aber es müssen nicht gleich historische Regierungskrisen sein. Gerade konservative Moralhüter wurden über die Jahre hinweg immer wieder in schwachen Momenten erwischt. Da waren die Prostituiertenbesuche des Fernsehpfarrers Jimmy Swaggart, die sexuellen Übergriffe des konservativen Fernsehmoderators Bill O'Reilly oder die Spielsucht des ehemaligen Bildungsministers und Feldherrn des Antidrogenkrieges William Bennett.
Das Buch beginnt mit Noam Chomsky, der die Heuchelei der großen Politik seit Jahrzehnten anklagt und mit seinen Cordjacketts und Wollpullis gerne den klassischen Linksintellektuellen gibt. Der Linguistikprofessor am Massachusetts Institute of Technology begann seine Laufbahn als politischer Intellektueller mit einem Essay für die New York Review of Books mit dem Titel “Die Verantwortung der Intellektuellen", in dem er den Begriff vom “heuchlerischen Moralismus" prägte. In den folgenden Jahrzehnten etablierte sich Chomsky als führender Sprecher der Friedensbewegung und der amerikanischen Linken. Schweizers Nachforschungen in den Archiven ergaben nun, dass Chomsky sich seine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten jedoch über Jahre hinweg direkt und indirekt vom Pentagon finanzieren ließ, während er gleichzeitig zur Verweigerung von Wehrdiensten und Steuerzahlungen aufrief. Auch seine persönlichen Finanzen hat er weitgehend von jener Utopie der “postkapitalistischen Gesellschaft" ausgenommen, für die seine Anhänger kämpfen sollen. Chomsky lebt in einem stattlichen Eigenheim, das rund 850.000 Dollar wert ist und besitzt zudem noch ein Ferienhaus im Werte von 1,2 Millionen Dollar.
Dankbarstes Ziel der Schweizerschen Nachforschungen ist jedoch der Filmemacher und Komiker Michael Moore. Der wettert zwar immer gerne gegen Konzerne und die Börse, besitzt jedoch Anteile von einigen jener Firmen, die er sonst verteufelt. Da finden sich Aktien der Energiekonzerne Haliburton und Sunoco in seiner Steuererklärung, der Pharmafirmen Pfizer, Merck und Eli Lilly, sowie des Rüstungskonzerns General Electric. Auch seine Starallüren passen längst nicht mehr zu seinem Image als Medienheld der Arbeiterklasse - für seine letzte Lesereise verlangte er einen Privatjet. In London steigt er regelmäßig im Ritz ab, lässt für Interviewtermine aber zusätzlich Zimmer in billigen Hotels anmieten, um sein Image zu wahren. Und obwohl er die Waffennarren und die Angst des amerikanischen Bürgertums in seinem Film “Bowling For Columbine" thematisierte, umgab er sich mit bewaffneten Leibwächtern, die seine schlangestehenden Fans anwiesen, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen.
Schadenfreude mag unparteiisch sein, allerdings sollte man das Ausmaß des Schadens nicht vergessen. “When Clinton lied, nobody died", lautet ein Slogan, der seit den Vorbereitungen zum Irakkrieg immer wieder auf amerikanischen Demonstrationen auftaucht. Auch wenn die amerikanischen Linken schwindeln, mogeln, lügen, heucheln - einen Krieg, dem mehrere zehntausend Iraker und über 2000 amerikanische Soldaten zum Opfer fielen, haben sie mit damit nicht angezettelt.
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