Kurze Frage über die Sprachbarriere hinweg - ist Hip das Gleiche wie Cool?
John Leland: Wir benutzen die beiden Worte ja wie Synonyme, da wäre es Haarspalterei, auf Unterschiede zu bestehen. Aber sie wurzeln in zwei verschiedenen Wortstämmen. Das Wort hip kann man bis nach Westafrika zurückverfolgen, wo das Wort hepi oder hipi auf Wolof so viel bedeutet wie klar sehen oder seine Augen öffnen. Robert Farris Thompson von der Yale University hat den Ursprung des Wortes 'cool' ebenfalls bis auf den afrikanischen Kontinent zurückverfolgt. Er beschreibt das Cool als Maske der Ruhe und Selbstsicherheit, während alles um einen herum verrückt spielt. Hip ist also eher die Haltung, Cool das Verhalten.
Der erste Schriftsteller, der sich an eine theoretische Betrachtung des Phänomens Hip gewagt hat, war 1957 Norman Mailer mit seinem Essay 'White Negro' (Der weiße Neger). Stimmt seine Einschätzung noch, dass sich die Subkulturen immer auf die Kultur des schwarzen Amerika beziehen?
John Leland: Die Idee, dass sich Weiße an der Kultur der Schwarzen versuchen, war schon immer Mittelpunkt der amerikanischen Popkultur. Das fing mit den Minstrel Shows des 19. Jahrhunderts an. Die Trennung zwischen den Rassen ist eine Neurose, mit der man nur schwer leben kann und einige wollen sich damit nicht arrangieren. Was sich auf verschiedene Weise manifestieren kann. Ein Interesse für andere Kulturen ist eine Form davon.
Sie siedeln das Auftauchen einer ersten Hipness im 17. Jahrhundert an, als die ersten Sklaven in Virginia an Land gebracht wurden. Was für eine Funktion hatte Hip damals?
John Leland: Ursprünglich war das ein geheimes Wissen, das die Afrikaner untereinander bewahrten. Wie eben das Wort Hepi oder Hipi. Die Weißen wollten dann wissen, was die Schwarzen da reden. Genau diese Mechanismen der Sprache als Mittel, sich zu isolieren oder anders herum eine Brücke zu einer anderen Gemeinde zu schlagen, sind bis heute die Kernfunktionen des Hip.
Sie bauen auf diesen Anfängen eine Chronologie auf.
John Leland: Ich unterteile die Geschichte des Hip in sechs Phasen. Als erste Phase sehe ich die 50er Jahre des 19. Jahrhunderts, als Autoren wie Ralph Waldo Emerson, Herman Melville und Walt Whitman sagten, dass kulturelle Stärke in Amerika eher aus der Umgangssprache und der Volkskunst kommen würde, als aus der Hochsprache und der Hochkultur. Das wurden dann die Bausteine des Hip.
Waren Punk und Hip Hop nicht eher eine Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln? Punks verehrten europäische Dichter wie Arthur Rimbaud. Hip Hopper beschäftigten sich mit afrikanischen Traditionen.
John Leland: Diese Elemente gab es sicher. Aber nicht lange. Schon die Crash Crew hatte einen Song mit dem Titel "Play It For The Punk Rock". New York brachte Fab Five Freddie Graffiti aus der Bronx mit einer Ausstellung im Mudd Club nach Downtown. Punk benutzte Elemente aus der schwarzen Musik, so wie die Talking Heads und The Clash.
Was folgte auf Punk und Hip Hop?
John Leland: Die virtuelle Onlinewelt. Die hatte ihre eigene Sprache, Menschen, die sich in dieser Welt bewegen konnten, verfügten auf einmal über mehr Information als jeder andere, da gab es Sex, Humor, Codes, Cliquenbildung, eben alle Elemente des Hip. Und plötzlich war eine ganze Generation von verklemmten Bücherwurmtypen hip.
Jetzt befinden wir uns in der sechsten Phase. Das Schwierige an dieser Phase ist, dass nun jeder hip sein will und sich da die Frage stellt, was es bedeutet, wenn die kulturelle Mehrheit hip ist.
Gilt Hip heute nicht vor allem als eine Art Gütesiegel für modernen Geschmack.
John Leland: Das ist aus historischer Sicht fast schockierend, weil der größte Teil der Geschichte des Hip von Figuren getragen wurde, die Regeln verletzten und dafür oft sogar bestraft wurden. Heute haben sich so weite Teile der Wirtschaft hinter das Phänomen hip gestellt, dass Hip kein Rückzug aus der Gesellschaft mehr ist, sondern die aktive Teilnahme am wirtschaftlichen Leben.
Führt das Hip nicht ad absurdum?
John Leland: Ich glaube eher, dass Hip die Natur des Marktes, in dem sich unser Leben heute abspielt vorausgeahnt hat. Hip hat immer einen Mehrwert verliehen, hat immer schnelle Stilwechsel gefordert, hat das Neue und das Junge hoch geschätzt. Das sind alles Dinge, die der Markt will. Hip hat uns eher gelehrt, wie wir mit der Marktsituation umgehen können, in der wir nun leben.
Gehört es nicht zur Natur des Hip, dass es sich vom Mainstream absetzt und ihr mehrere Schritte voraus ist?
John Leland: Das ist eine Art Dialog. Sicher ist der Mainstream immer ein bisschen hinterher, aber er holt auch immer wieder auf. Das ist der normale Zyklus des Hip und der Moment, an dem der Mainstream aufholt, beschließt so einen Zyklus dann auch. In den 30er Jahren war der Lektor von John Kerouacs 'On The Road' Malcolm Cowley ein Mitglied der 'Lost Generation'. Später beschrieb er diese Boheme als Konsumethik, weil sie andauernd nach neuen Stilen und Produkten verlangte. Die Beschwerde, dass Hip kommerzialisiert wird, ist also schon sehrs alt.
Kann man sich hip denn aneignen? Indem man zum Beispiel Zeitschriften wie Wallpaper liest?
John Leland: Ich fand Wallpaper immer eher beklemmend. Da wurde Hip plötzlich zu einer reinen Kaufentscheidung. Darum kann es beim Hip nicht gehen. Es wird immer um die Intelligenz und die Sprache gehen, mit der man sich den Dingen nähert, auch wenn es um Konsum geht.
Wo sehen Sie die nächsten Impulse des Hip?
John Leland: Momentan beeindrucken mich eher Leute, die etwas in der kulturellen Mitte bewegen. Der Satiriker Jon Stewart mit seiner Fernsehsendung "Daily Show" zum Beispiel. Aaron McGruder, der die Comicserie 'The Boondocks' zeichnet. Oder Kanye West, der mit seinem Song 'Jesus Walks' das Uncoolste überhaupt, einen christlichen Rapsong, cool gemacht hat.
Ich hoffe allerdings, dass die nächste Phase des Hip nicht von den üblichen Verdächtigen lanciert wird, wie den Musikern oder den Filmemachern, sondern aus einer ganz unerwarteten Ecke kommt. Ich finde ja einige dieser Zwei-, Drei-Minuten-Filme sehr beeindruckend, die im Internet zirkulieren. Die kommen der Graffitibewegung vor zwanzig Jahren am nächsten. Aber genau das ist ja das Faszinierende am Hip - dass wir nie wissen, wo die nächste Strömung herkommt.
Seit mehr als zwanzig Jahren gilt John Leland als einer der wichtigsten Popkritiker Amerikas. Robert Christgau von der New Yorker Wochenzeitung Village Voice nannte ihn den “besten postmodernen Kritiker überhaupt", und der Rapstar Chuck D spielte in seinem Song “Bring the Noise" auf ihn an. Seit einigen Jahren arbeitet John Leland als Reporter und Kritiker für die New Yorker Times.
In seinem ersten Buch hat er die Geschichte eines Phänomens aufgeschrieben, dem sich schon Generationen von Schriftsteller, Musiker, Kulturkritiker und Marketingspezialisten angenähert haben, ohne es jemals greifen zu können - dem Phänomen des Hip. In “Hip: The History" (Ecco, New York, 384 Seiten, US $ 26,95) verfolgt John Leland die Wurzeln der Hipness bis nach Afrika zurück.
Die zweite Phase waren die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die Zeit der Harlem Renaissance, die Jazz Ära, die Lost Generation. Die dritte Phase ist dann die Zeit des Kalten Krieges mit der Beat Generation und dem Be Bop. Die vierte Phase waren dann Punk und Hip Hop. Seit der Jazz Ära gab es da immer eine Gruppe schwarzer und eine Gruppe weiße Künstler, die ihre jeweilige Existenz als Bohemiens im Bezug zueinander definierten.
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