* BERICHTE AUS AMERIKA

VOM ANDEREN STERN

“Le Tigre" gehören zu den wenigen Popstars
der amerikanischen Protestbewegung.

© Andrian Kreye


New York 11. 04. '05 - Wenn Le Tigre am Mittwoch in Berlin auftreten, sollte man sich zunächst einmal von der traditionellen Idee eines Rockkonzertes befreien. Die drei jungen Damen von Le Tigre benutzen Gitarre und Keyboards eher wie Requisiten für ihre Show mit Videos, ironischen Choreographien und Refrains, die sie wie Slogans auf einer Demo skandieren. Über eine Stunde hinweg wirkt das, als würde ein Haufen extrem gut gelaunter Punkmädels eine Karaokebar in Chinatown aufmischen. Alles ziemlich bunt, aber doch auch ziemlich zornig.

Wer da die Nase rümpft macht sich eines Vorurteils schuldig, das amerikanische Kritiker "Rockism" nennen - das Beharren eines weißen, heterosexuellen Männerpublikums, dass Pop in der klassischen Comboform von Schlagzeug, Bass und Gitarre gespielt werden muß. Was mit der homophoben "Disco Sucks"-Bewegung der Punk-Ära begann, richtete sich in den letzten zwei Jahrzehnten gegen Minderheitenmusik wie Rap (Schwarze), House (Schwule) und Techno (Designerdrogensüchtige).

Der Kampf gegen "Rockism" gehört bei Le Tigre nicht nur zum Konzept, sondern auch zu ihrer Geschichte. Als Kathleen Hanna Le Tigre vor sechs Jahren zusammenstellte, galt sie als lebende Legende. Ende der achtziger Jahre hatte sie in Olympia, Washington, erst das feministische Fanzine Bikini Kill und kurz danach eine Band mit gleichem Namen gegründet, die als Epizentrum der “Riot Grrrls" gilt, einer Bewegung, die der Männerwelt des Grunge im benachbarten Seattle Kontra gab.

Mit Le Tigre ging Kathleen Hanna inhaltlich noch ein paar Schritte weiter. Zum Feminismus kamen linke Protestkultur und lesbische Identität. Für das Video zu “New Kicks" schnitten sie Fernsehaufnahmen der Friedensmärsche vor dem Irakkrieg zusammen. Bei ihren Konzerten versammelt sich die örtliche Protestbewegung. Die kann Popstars gut brauchen, denn in den antihierarchischen Strukturen war bisher kein Platz für Führerfiguren. Weshalb sich bei den Protestmärschen Veteranen längst vergangener Zeiten feiern ließen. Der Bürgerrechtler Jesse Jackson zum Beispiel, Punklegende Patti Smith oder Hollywoodstars wie Susan Sarandon. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, allerdings hatten die ihre großen Zeiten eben vor zwanzig, dreißig Jahren.

Zum Interview bitten Le Tigre dann ins Büro ihrer neuen Plattenfirma in einem Wolkenkratzer in Midtown Manhattan. Kathleen Hanna hat sich entschuldigen lassen, weil sie ihre Stimme überstrapaziert hat und sich schonen muss. J.D. Samson und Johanna Fateman lümmeln auf einem Polstersofa herum. Samson wirkt mit ihrem Oberlippenflaum und ihrer Fußballerfrisur wie ein schmächtiger Bursche. Fateman wirkt mit ihrer hochgesteckten Frisur eher wie aus einem Fünfziger-Jahre-Film.

Sie entschuldigen sich, dass es nach Marihuana riecht und versichern, dass sie das nicht geraucht hätten. Kann man gerne glauben. Joints rauchen eher die kumpelhaften Altrocker in den Chefsesseln der Plattenfirmen als die Vertreter einer Subkultur, die sich dem nüchternen “Straight Edge" und dem Veganertum verschrieben hat. Auf einem Tisch stehen Salate, Brote, Mineralwasser. Das sind die Vorteile, bei einem Konzern zu sein. Sonst hat sich ja nicht viel verändert, auch wenn ein paar Fans meckern. Die Vorwürfe vom Ausverkauf lassen Le Tigre nicht gelten. Johanna Fateman sagt: “Wir wollten ein Video mit einem richtigen Budget machen, in einem großen Studio arbeiten und natürlich auch ein größeres Publikum erreichen. Das hätten wir bei einem unabhängigen Label nicht gekonnt." Dreingeredet hat ihnen jedenfalls niemand. “Wir hatten die Platte schon mit unserem eigenen Geld aufgenommen", sagt J. D. Samson. “Wir mussten nur noch drei Songs abmischen. Aber mit Leuten wie Rick Ocasek von den Cars und Nicholas Sansano zu arbeiten, der schon Public Enemy produziert hat, war entscheidend, um den Sound breiter zu machen. "

Die Politik, der Feminismus und die Fragen nach der lesbischen Identität sind aber genauso wichtig wie vorher. “Natürlich sind wir ziemliche Sonderlinge", sagt J. D. Samson. “Wenn wir auf Tour sind, starren sie uns an den Autobahnraststätten schon mal an." Johanna Fateman lacht. “Da glauben manche vielleicht, dass J. D. ein Junge ist. Aber im Konzert kriegen sie das dann schon mit. Schief angeschaut werden wir eigentlich nur, wenn wir als Vorgruppe von anderen Bands auftreten, die ein anderes Publikum haben. Wir haben zum Beispiel für die Scissor Sisters gespielt, da waren vor allem junge Bürohengste in Khakihosen, die haben uns schon angeschaut, als wären wir von einem fremden Stern." Das liegt auch daran, dass Le Tigre für eine Subkultur stehen, die im Gegensatz zur Schwulenkultur von der gesellschaftlichen Mitte immer noch nicht angenommen wurde. “Lesbische Kultur, die allgemein akzeptiert wird, ist nicht unsere Wirklichkeit", sagt J. D. “Da gibt es diese Fernsehserie ’The L Word' - das ist total lächerlich. Das ist eine Männerfantasie. Maskuline Lesben bleiben nach wie vor unsichtbar."

Meist berührt sie ihre Außenseiterrollen nicht weiter. “Wir haben das manchmal fast vergessen, weil wir die ganze Zeit auf Tour waren und deswegen eigentlich nur Gleichgesinnte und Radikale getroffen haben", sagt J. D. Und seit dem 11. September ist die Szene enorm gewachsen. “Manchmal fragt man uns, ob wir es nicht albern finden, dass jetzt alle auf den Zug aufspringen", sagt J. D. und lacht: “Im Gegenteil. Je mehr Leute auf den Zug aufspringen, desto besser." Johanna Fateman ergänzt: “Zur Zeit herrscht in Amerika dieses merkwürdige Klima. Pelze kommen wieder in Mode und Kokain. Und dann ist da diese Verehrung für Bush. Die Leute haben eben Angst und suchen sich deswegen so eine abgefuckte Vaterfigur." Sie seufzt. “Vielleicht war es ja ganz gut, dass Kerry verloren hat. Das war sowieso nicht unser Kandidat. So werden wir gezwungen, uns noch einmal vier Jahre lang an Bush abzuarbeiten."





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