Die junge Mutter auf der Fotografie, die Larry Clark 1971 in Tulsa aufgenommen hat, wirkt auf den ersten Blick wie ein kunsthistorisches Zitat. Im Profil von links sitzt sie mit gesenktem Blick auf einem Stuhl. Das Sommerlicht wirft schräge Schatten auf ihren Körper und die Wölbung ihres hochschwangeren Bauches. Nichts lenkt ab von der Figur, hinter der lediglich die Ecke eines leeren Zimmers und ein Fenster zu sehen sind. So saßen die Frauen auf den Bildern alter Meister Modell, und erst auf den zweiten Blick entdeckt man, dass die demütige Pose lediglich die konzentrierte Anspannung ausdrückt, mit der sich die junge Mutter eine Spritze in die Vene ihres rechten Armes setzt. Einer Besucherin der großen Larry-Clark-Werkschau im International Center of Photography ICP entlockte das bei der näheren Betrachtung des Bildes dann auch ein spontanes “Oh mein Gott".
Es war genau dieses Spannungsverhältnis zwischen einem klassischen Gespür für Bildkomposition und einer bis dahin unerhörten Schonungslosigkeit im fotografischen Umgang mit Sex und Drogen, welche die Stärke von Larry Clarks beiden grundlegenden Fotobänden “Tulsa" und “Teenage Lust" ausmachten. Das Revolutionäre an Larry Clarks Fotos war aber vor allem, dass hier kein Fotojournalist einen Blick auf fremde und brutale Welten warf, so wie es Robert Frank, Leonard Freed und Danny Lion vorexerziert hatten, sondern jemand sein eigenes Leben dokumentiert, dessen Alltag eben von Sex, Drogen und Gewalt bestimmt werden. Clarks Vorwort zu “Tulsa" bestand aus ganzen vier Sätzen: “Ich wurde 1943 in Tulsa, Oklahoma geboren. Als ich 16 Jahre alt war, begann ich, Amphetamine zu spritzen. Ich habe mit meinen Freunden drei Jahre lang jeden Tag gespritzt und dann die Stadt verlassen, aber ich bin während der Jahre immer wiedergekommen. Wenn die Nadel erstmal einfährt, dann kommt sie auch nicht mehr raus."
Kein Fotograf hat die Direktheit und Intensität, mit der Clark in die Subkultur seiner Jugend eintauchte, jemals erreicht. Das ICP gibt den beiden Zyklen viel Raum, zeigt jedes einzelne der Bilder von Clark und seinen Freunden im mittleren Westen, die sich prügeln, vögeln, Spritzen setzen. Da wird brennende Hochgefühl des Speed begreifbar, das in der Tiefe der amerikanischen Provinz ins Leere und so nur in jenen rohen Sex laufen kann, den er so unverblümt zur Schau stellt, dass einen im ICP auf Schritt und Tritt Hinweistafeln davor warnen, dass die Bilder im nächsten Raum empfindliche Gemüter verstören könnten. Und gerade weil Clark seine Fotos zunächst in der tiefsten amerikanischen Provinz gemacht hat, fehlen ihnen sowohl die moralische Anklage, als auch die glamouröse Verherrlichung.
Dieser Blick von Innen, der Clark damals erlaubte, der selbstzerstörerischen Kehrseite der Jugendrevolution auf Augenhöhe zu begegnen, hat längst Geschichte gemacht. Ohne Clark hätte sich die Fotografie nie vom Zwang der Objektivität befreit, ohne ihn hätte es keine Nan Goldin, keinen Wolfgang Tillmanns, keinen Terry Richardson gegeben. Clarkes Bilder wirkten bis in den Film, an dem er sich später im Leben selbst versuchte - Regisseure wie Martin Scorcese, Francis Ford Coppola und Gus Van Sant nannten seine karge, direkte Bildsprache als wichtigen Einfluss.
Die Retrospektive des ICP ist trotzdem die erste Werkschau Clarks in seiner amerikanischen Heimat. Viel zu unbequem war die selbstverliebte Nervensäge für das Establishment der Fotografie. Viel zu kompromisslos kreiste seiner Arbeit um die immer gleiche pubertäre Sexualität, die in ihrer Mischung aus jugendlicher Schönheit, exzessivem Kräfteüberschuß und sorgloser Arroganz einen unwiderstehlichen Sog entwickelte, der sich schon in seinem zweiten Buch “Teenage Lust" manifestierte, das 1983 den Untertitel “Eine Autobiografie von Larry Clark" trug. An die vierzig war Clarke damals, als er sich daran machte mit den Bildern aus Teeniezimmern, Landkommunen und den Abgründen der Großstadt die eigene biografische Uhr so weit zurückzudrehen, bis sie an jenem Punkt stehen blieb, an dem die ersten sexuellen Erlebnisse das Teenagerleben zu einem einzigen Hormonrausch aufpeitschen.
Da steht sie immer noch. Als Clark so um die fünfzig war, kreisten seine Fotografien und Collagen um das Idealbild chronisch potenter Knaben und Burschen, wobei er absichtlich offen ließ, ob seine homoerotischen Obsessionen altergeile Lust auf Jungs oder sentimentaler Rückblick auf die Hochzeiten der eigenen Libido bedeutet.
Auch Larry Clarks Filme, die das ICP als Rahmenprogramm zeigt, drehten sich ausschließlich um die Kräfte der frühpubertären Sexualität. Kräfte, die in seiner Arbeit immer zerstörerischer wirken. Vom selbstsüchtigen Eroberungsdrang der Aidsinfizierten Skateboarder in “Kids", über den kollektiven Mord am Schulhoftyrann in “Bully" bis zur autoerotischen Selbstmordparabel von “Ken Park", steigert sich seine Erforschung jenes philosophischen Klischees, wie nahe Sex und Tod beieinander liegen. Lediglich in seiner einzigen Hollywoodproduktion “Another Day In Paradise" setzte sich Clark in der Geschichte vom alternden Junkiepärchen das mit zwei Teenagern durchs amerikanische Hinterland reist, mit seinem eigenen Alter auseinander.
Heute ist Larry Clark 62 Jahre alt, was seine regressive Sexualität nicht gerade appetitlicher macht. Die Inhaltsangabe seines neuen Films “Whassup Rocker" verspricht schon wieder eine Skateboardergeschichte. Damit auch gar keine Zweifel aufkommen, dass sich seine Arbeit um seine eigene Person dreht, schließt die Ausstellung mit einer erweiterten Fassung seines letzten autobiografischen Werkes “Punk Picasso", das er vor zwei Jahren auch als Buch veröffentlichte. Da sind die Bilder und Videos, die Clarke mit der nymphenhaften "Ken Park"-Darstellerin Tiffany Limos in einem fast surrealen Beziehungsalltag zeigen neben einem Rahmen, der Aufnahmen vom Totenbett und Begräbnis seiner Mutter Bildern eines muskulösen nackten Mannes gegenüberstellt, der mit abfälligem Gestus seine stramme Manneskraft zur Schau stellt. Doch die zunehmende Abstraktion seiner Galeriearbeiten, die Videoinstallationen und Mixed-Media-Techniken stellen ihn eher in die Nähe seiner Zeitgenossen Richard Prince und Mike Kelley, als in die Tradition der großen Dokumentarfotografen.
Einfach hat er es seinem Publikum noch nie gemacht, egal ob er die eben erst liberalisierte Gesellschaft der frühen 70er Jahre mit seiner Direktheit, oder das abgebrühte Kunstpublikum mit seiner abstrahierten Pornografie fordert. Doch egal ob in der Ausführung oder der Rezeption - Clarkes Arbeit kehr immer wieder zu ihrem Ausgangspunkt im Tulsa der 60er Jahre zurück. Darin unterscheidet er sich von Künstlern, die sich oft eine Leben lang weiter entwickeln und ähnelt eher einem alternden Rockstar, der in seinen frühen 20ern Schallplatten veröffentlichte, deren Genialität er nie mehr erreichen konnte und seither seinem eigenen Werk hinterher jagt.
"Larry Clark", International Center of Photography, 1133 Avenue of the Americas, New York, noch bis zum 5. Juni 2005, Dienstag bis Sonntag 10:00 - 18:00 Uhr, Freitags bis 20:00 Uhr.
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