Sonst haben die Beamten vom Los Angeles Police Department LAPD ja vor nichts und niemandem Angst. Schon gar nicht die Cops des Rampart Gang Detail, die im Schatten der Bürotürme von Downtown seit fast 20 Jahren einen immerwährenden Krieg gegen die Streetgangs im Einwandererviertel rund um den Echo Park führen. Im offiziellen Sprachgebrauch leisten sie natürlich “hochempfindliche Polizeiarbeit", aber für die Beamten auf der Straße ist der Fall klar. “Wir müssen die Stadt zurückerobern. Block für Block", hat einer der Beamten vorher die erschöpfende Taktik der Gangeinheiten beschrieben. Und ein Kollege bemerkte dazu trocken “Das ist hier ein bißchen wie in Vietnam. Wir gewinnen alle Schlachten. Die anderen den Krieg." Alleine im Großraum Los Angeles stehen nach Angaben des LA County Sheriff Department die rund 3000 spezialisierte Polizisten einem Heer von 97.000 Gangmitgliedern gegenüber.
“Unsinn", sagt Detective Tony Moreno, der mit seinem wuchtigen Körper, dem kahlrasierten Schädel und dem Biker-T-Shirt trotz seiner 46 Jahre wie ein Catcher aussieht. “Das Problem ist sogar noch schlimmer geworden", erzählt er beim Interview in einem der fensterlosen Verhörzimmer des Hollywood Precinct. Alleine in den letzten vier Jahren ist die Mordrate der Streetgangs landesweit um 50 Prozent gestiegen. In Los Angeles gab es im Jahr 2002 im Zusammenhang mit Bandenkriegen zum Beispiel 685 Morde. Das sind fast zwei pro Tag. Und nicht nur das. “Seit den 80er Jahren geht es nicht mehr um harmlose Revierkämpfe, sondern um Absatzgebiete für den Drogenhandel. Deswegen beschränken sich die Gangs längst nicht mehr auf ihre angestammten Viertel. Die sind längst in die Provinz ausgeschwärmt. Heute finden Sie in den kleinsten Käffern Ableger der großen Gangs."
Ausgerechnet die Nacht, in der er mit dem gelben Fury Totalschaden hatte, zementierte Morenos Spitznamen für die Ewigkeit. Da verfolgte er einen Mörder aus der Crip Gang, der seinen Wagen stoppte und mit seiner Maschinenpistole das Feuer auf Moreno eröffnete. Der gab Gas, rammte den Gangster, der in seinen Sitz zurückfiel und dann im Kugelhagel von Morenos Kollegen starb.
Auch daran hat sich nichts geändert, sagt Moreno. Gangbanger, wie die Mitglieder der Banden genannt werden, schießen immer noch auf Polizisten. Deswegen werden Einsätze wie die nächtliche Razzia der Rampart Divison auch mit militärischer Präzision vorbereitet.
Dafür braucht man aber keine jovialen Straßencops, wie Moreno, sondern präzise Taktiker wie Einsatzleiter Sergeant Jay Wenninger vom Rampart Gang Detail. Der erinnerte mit seinem kantigen Gesicht und der frisch gebügelten schwarze Uniformhemd über der kugelsicheren Weste ein wenig an eine jener Kampfmaschinen, wie man sie aus Comics kennt. Er sprach auch militärisch zackig und kurz, als er seine Einheit mit Fahndungsfotos und Lageplänen instruierte. Mindestens zwei steckbrieflich gesuchte Mitglieder einer Gang mit Verbindungen zur mexikanischen Mafia sollten sich in der Zweiraumbaracke am Ende einer unbeleuchteten Sackgasse aufhalten, wahrscheinlich sogar vier. Sie verkauften dort große Mengen Crack und seien im Besitz von schweren Waffen, hatte ein Informant aus dem Viertel gemeldet. Deswegen mußte die Razzia in Sekundenschnelle durchgeführt werde, damit die Gangbanger keine Chance hatten, zu ihren Waffen zu greifen.
Ende der 80er Jahre waren solche Razzien für die Polizisten selbst mit großem Aufgebot lebensgefährlich. Damals hatte die LAPD ihre Cops noch mit Revolvern und Schrotflinten ausgerüstet, während sich die Streetgangs Sturmgewehre und Maschinenpistolen leisten konnten. Heute verfügt die Polizei über ein adäquates Arsenal. Auf dem Parkplatz des Reviers überprüften die Polizisten im dunstigen Licht der Straßenlampen ihre Ausrüstung. Jeder Beamte trug eine kugelsichere Weste, dazu einen Helm aus schußfestem Kevlar. Zusätzlich zu den halbautomatischen Pistolen waren Sturmgewehre und Pumpguns am Start. Die Vorhut bildeten zwei Beamte mit einem Rammbock aus Stahl. Sergeant Wenninger gab das Kommando. “Alle bereit! Weiß jeder seinen Platz? Ab sofort Funkstille!" Langsam setzte sich der Konvoi aus Streifen- und Geländewagen in Bewegung.
Dieser militärisch korrekte Ton ist neu auf den Straßen von Los Angeles. Dafür ist nicht zuletzt die Rampart Division verantwortlich. Das Revier an der Temple Street war das Hauptquartier der Crash Unit gewesen, einer Antigangeinheit, die nicht nur wegen ihrer Brutalität, sondern auch wegen des inzwischen legendären Korruptionsskandals in Verruf kam. Beamte der Rampart Division hatten Geschäfte mit den Mob Piru Bloods gemacht, einer Gang, die für den Rapmogul Suge Knight und dessen Firma Death Row Records arbeitete. Da verschwand Kokain im Wert von sechs Millionen Dollar aus der Asservatenkammer, ein Cop wurde bei einem Banküberfall erwischt und Mitglieder gegnerischer Gangs starben bei Schießereien und Verhören. Gegen mehr als 70 Polizeibeamte wurde damals ermittelt. Die Dienstvorschriften des gesamten Police Department wurde in Folge strengen Auflagen unterworfen.
Er weiß nur zu gut, was er sich mit seinem Job in Los Angeles aufgehalst hat. “Das Problem mit den Streetgangs kann man mit regulärem Verbrechen nicht vergleichen", sagt er. Realistisch ist er geworden. “Streetgangs sind ein Problem, das man nicht lösen kann. Und trotzdem müssen wir mit aller Kraft daran arbeiten." Er weiß auch um den Ruf der Polizei hier. “Wir müssen gegenseitiges Vertrauen aufbauen", sagt er. Zwischen der Polizei und den Bürgern, aber auch intern, denn seit den strengen Maßnahmen nach dem Rampartskandal fühlen sich die Polizisten von den Politikern zu Unrecht abgestraft.
Die neuen Cops von der Rampart Division lieben ihren neuen Chef allerdings. “Bratton versteht uns", schwärmte einer der jungen Polizisten, die ein paar Nachmittage vor der Razzia Revierdienst schoben. “Er hat die Dienstwege verkürzt, uns wieder mehr Verantwortung gegeben, und die verschiedenen Abteilungen mit dem Comstat-Computernetz koordiniert." Alles Maßnahmen, mit denen er in New York statistisch meßbare Erfolge vorweisen konnte. Aber damit hören die Gemeinsamkeiten der beiden Städte auch schon wieder auf. New York ist die wohl integrierteste Stadt Amerikas. Sicher gibt es dort auch Ghettos, doch deren Strukturen fluktuieren, werden durch neue Einwanderungswellen aufgelöst und neu gemischt. In Los Angeles sind die Ghettogebiete von verkrusteten Strukturen geprägt, in denen die Gangs eine entscheidende Rolle spielen. Einige der mexikanischen Gangs in East Los Angeles wie White Fence, Maravilla oder Flats existieren heute in der vierten und fünften Generation.
Mike Garcia gehörte zum Beispiel schon zur zweiten Generation der Chicano Gangs, war früher auf den Straßen von East Los Angeles als “El Cubano" bekannt, weil er seine Freunde mit seinem schmalen Gesicht und seinem leicht gekräuselten Haar eben an einen Kubaner erinnerte. Heute ist Mike Garcia 63 Jahre alt, ein stämmiger Mann mit lichtem grauen Haar und einem melancholischen Zug im Gesicht, der in der Cafeteria des White Memorial Medical Center seine Lebensgeschichte erzählt. Während seines letzten Gefängnisaufenthaltes hat er zu Gott gefunden. Jetzt arbeitet er für den Chef der Notaufnahme im Brian Johnston als Berater und Sozialarbeiter. Sie haben ein Programm mit dem Namen La Vida Sana lanciert - das gesunde Lebe. Eine Anspielung auf Luis Rodriguez Grundlagenwerk über das Leben der East LA Gangs “La Vida Loca". Im Rahmen dieses Programms knöpft sich Mike Garcia junge Gangmitglieder vor, wenn sie mit Schuß- oder Stichwunden Krankenhaus eingeliefert werden. Oder wenn sie ein Kind gebären. “Das sind die beiden einzigen Situationen, in denen Gangkids für einen Moment zu sich kommen", sagt Dr. Johnston. Und Mike Garcia ergänzt: “Sonst scheren sie sich ja nicht weiter um ihre Zukunft. Weil sie auch keine haben."
Mike Garcia war 13, als ihn ein Onkel für die 10th Street Flats rekrutierte. Mit 18 wurde er vor seiner Schule zum erste Mal niedergeschossen. Nicht das letzte Mal. Trocken listet er seine Verletzungen auf: “Viermal angeschossen, dreimal niedergestochen, einmal mit dem Wagen über den Haufen gefahren." Das sagt er ohne einen Hauch von Selbstmitleid. Er klingt sogar fast, als ob er seine Blessuren als gerechte Strafe empfindet: “ Das hat schon einen Grund, warum ich heute immer noch einen Ruf wie Donnerhall habe. Ich habe in meinem Leben viele schlimme Dinge getan."
Wie jeden Abend fährt Mike Garcia auch an diesem Abend nach dem Dienst im Krankenhaus mit seinem altersschwachen japanischen Kleinwagen ein paar Runden durch sein Viertel Boyle Heights, das Herz von East Los Angeles. Immer wieder bleibt er stehen und deutet auf Straßenkreuzungen, durch die unsichtbare Reviergrenzen verlaufen. Zu jeder Ecke kennt er eine Geschichte. “Hier hat die Maravilla Gang zwei Jungs von White Fence erschossen." Die Ecke wirkt harmlos. Flache Einfamilienhäuser und schlanke Palmen säumen die Straße. “Die Freundin von einem der White-Fence-Jungs hat sich daraufhin seine Schrotflinte gegriffen und drei Maravillas erschossen."
Zwei Straßen weiter haben Maravilla erst vor wenigen Wochen mit Jagdflinten das Haus einer Großmutter durchsiebt, deren Enkel Streit mit der Gang angefangen hatte. Drei Ecken weiter deutete er auf ein zweistöckiges Holzhaus: “Das war das Hauptquartier eines Crackdealers, der unter dem Schutz von La Eme stand." Der gefürchteten Gefängnisgang, die inzwischen den Drogenhandel in sämtlichen Chicanovierteln von Kalifornien kontrolliert.
Vor dem Sportplatz an der Schule winkt Mike Garcia einen Burschen in blauweißer Baseballkluft an seinen Wagen heran. “Na? Alles in Ordnung?", fragt er. Der Junge beugt sich ins Fenster. “Klar." - “Nix Neues?" - “Naja. White Fence haben mir am Wochenende eine Tracht Prügel verpaßt." Garcia schüttelt sorgenvoll seinen Kopf. “Bist Du jetzt in der Gang?" - “Nein. Ganz sicher nicht." - “Na gut. Ich rede mit denen."
Sonst wirken die Straßen wie ausgestorben. Trotz des prächtigen Wetters sieht man nur alte Leute und Kinder in den Vorgärten. Garcia nickt. “Es gibt dieses neue Gesetz gegen die Zusammenrottung krimineller Banden. Wenn die Cops mehr als zwei Teenager in Gangstermontur erwischen, dürfen sie sie sofort festnehmen." Das kommt einer de facto Ausgangssperre gleich. Kein Wunder also, dass die Bewohner der Latinoviertel Polizisten als eine Art Besatzungsmacht sehen. Und so reagieren sie auch.
Als der Razziakonvoi der Rampart Gang Division an jenem Abend kurz nach zehn Uhr in die Straße einbog, von der die Sackgasse abzweigte, saßen Familien vor den flachen Einfamilienhäusern und Baracken in ihren Vorgärten, Passanten schlenderten die palmengesäumte Straße entlang. Kaum war der Konvoi zum Stehen gekommen, flohen die Familien und Passanten in Hauseingänge, als habe es Bombenalarm gegeben. Innerhalb von Sekunden hatten sich die Polizisten in Sturmformation aufgestellt und liefen die Waffen im Anschlag los.
Für Los Angeles Cops ersetzt diese Anspannung jede Form von Routine. In den Revieren der Streetgangs kann jede Streifenfahrt in einer Katastrophe enden. Doch Streifenfahrten müssen sein. Alleine um Präsenz zu zeigen. Aktive Präsenz. Drei der Cops aus dem Razziateam waren zum Beispiel noch am Nachmittag auf Rundfahrt durch die Rampart Division, um nach Bewährungsflüchtigen zu suchen. Betont langsam kreisten sie in ihrem Streifenwagen um die bekannten Treffpunkte der Gangs. Mitgliedschaft in einer Gang ist in Kalifornien schon ein Strafbestand, als Gang gilt schon eine Zusammenrottung von mehr als drei Personen, die wegen ihrer Kleidung oder ihren Tätowierungen als Gangmitglieder erkenntlich sind, und nachdem die meisten Gangbanger irgendeine Form von Bewährung ausstehen haben, fällt es den Cops meist leicht, sie bald schon wieder einzubuchten. So eine Aktion spricht sich dann schnell herum und sorgt bei den Gangbangern für Unruhe.
Vor einer Mietskaserne hielten sie zum ersten Mal. Ein paar Kinder tollten dort herum, mittendrin lümmelte ein dicklicher Bursche auf seinem Fahrrad herum. Mit schwerem Schritt stiefelten die Cops auf den Jungen zu, der sich ohne Aufforderung sofort an die Wand stellte. Sein Footballhemd hatte ihn verraten. “Westsider" stand darauf, zeichnete ihn somit als Mitglied der 18th Street Westsiders aus.
Ein paar Ecken weiter hielten sie einen Schwarzen an. Wieder kontrollierten sie die Tätowierungen. Der Mann war allerdings nur ein Obdachloser auf dem Weg ins Asyl. Dann endlich ein Fang - zwei Gangbanger in blauweißen Sportklamotten. Kaum erspähten sie die Polizisten, begannen sie betont langsam zu gehen, und da sah der Beifahrer, wie der eine der beiden etwas fallen ließ.
Mit quietschenden Reifen hielten sie den Streifenwagen an. Auch die beiden Burschen kannten das Spiel, stellten sich an die Wand, streckten ihre Arme nach hinten, für die Handschellen, die mit metallischem Schnarren einrasteten. Ein Päckchen Marihuana fanden die Cops im Rinnstein. Ein Blick unter das Hemd des Besitzers zeigte, dass er zur Maravillagang gehörte. Ob er auf Bewährung sei? Er schüttelte den Kopf. Ein Funkspruch zur Zentrale ergab - nicht nur auf Bewährung, sondern schon zweimal vorbestraft.
Der Cop, der ihn erwischt hatte, schüttelte den Kopf. “Wie kannst du nur so blöd sein?" Nach dem so genannten “3 Strikes "-Gesetz für Wiederholungstäter würde der Bursche für das Päckchen Gras nun Lebenslänglich bekommen. Da könnte ihm nicht einmal ein gnädiger Richter helfen. Seit 1994 gibt es dieses Gesetz, nach dem Wiederholungstäter bei der dritten Verurteilung automatisch eine lebenslange Haftstrafe bekommen. Über 7000 Angeklagte sind bisher für Straftaten zu Lebenslänglich verurteilt worden, für die sie sonst mit ein paar Jahren oder gar mit einer Bewährungsstrafe davongekommen wären.
Erst als der junge Detektiv vom Morddezernat die Dose mit den panzerbrechenden Kugeln findet, verstummen sie. Panzerbrecher. Die Dose wird auf dem Klapptisch im Vorgarten postiert. Ehrfürchtig stochern die Cops mit Kugelschreibern in ihrem Fund herum. Irgendwo, das wissen sie, muß auch die Waffe dazu sein. Wahrscheinlich ein Sturmgewehr, denn in normale Flinten passen solche Geschosse nicht. Einer der Cops verliert die Geduld. “Wo ist das Ding?", schreit er den gefesselten Burschen vom Steckbrief an. Der schüttelt nur den Kopf. Der Cop holt mit der Rechten aus, überlegt es sich anders, macht auf dem Absatz kehrt und stürmt in den Vorgarten zurück.
Noch einmal durchwühlen die Polizisten das Haus. Einer kriecht mit der Taschenlampe in den Unterbau. Einer klettert aufs Dach. Nach einer weiteren Stunde geben sie auf. Der Einsatztrupp zieht ab. Auf der Rampart Polizeistation wollen sie noch kurz die Lage besprechen. Sie haben nicht ganz so viel gefunden, wie sie gehofft hatten. Nur einen der Gesuchten. Keine schweren Waffen. Gerade mal ein knappes Pfund Crack. Aber das reicht für eine Erfolgsmeldung. Immerhin haben sie einen Gangbanger von der Straße geholt. Für immer.
Als der junge Detektiv vom Morddezernat bei der nächtlichen Razzia in der Baracke der mexikanischen Arbeiterfamilie hinter dem Sofa die Kaffeedose mit den Kugeln findet, huscht für einen Moment Panik über sein Gesicht. “Panzerbrecher", sagt er, und klingt dabei gar nicht mehr so selbstsicher, wie noch vor einer Viertelstunde, als er die männlichen Angehörigen der Familie angebrüllt hat, dass sie sich verdammt noch mal draußen auf der Straße an die Wand stellen und die Hände hinter dem Kopf verschränken sollen. Panzerbrecher - militärische Hochgeschwindigkeitsmunition, die jede kugelsichere Weste durchschlägt. Der Horror jedes Polizisten.
Die Öffentlichkeit hat lange geglaubt, dass die Polizei das Problem mit den Gangs in den Griff gekriegt hat. Man liest ja so wenig darüber. Ende der 80er Jahre machten die Streetgangs von Los Angeles Schlagzeilen, als die Revierkämpfe aus den Ghettos der Latinos und Schwarzen in die weißen Bürgerviertel überschwappten und Streetgangfilme wie “Colors" und “Boyz in the Hood" in die Kinos kamen. Aber nach den Rassenunruhen der Los Angeles Riots 1992 schlossen mit den Crips und den Bloods die zwei größten schwarzen Gangs einen offiziellen Frieden. Außerdem sinken seit zehn Jahren die Kriminalitätsraten im ganzen Land.
Kaum einer kennt sich mit den Gangs so gut aus wie Detective Moreno. Seit über 28 Jahren arbeitet er für die LAPD. Er leitet eine Spezialeinheit, die Gangster in ganz Südkalifornien verfolgt. Nebenher bildet er Polizisten im ganzen Land in anti-Gangtaktiken aus. Auf den Straßen von Los Angeles gilt er als Legende. Sean Penn hat Moreno 1988 sogar als Vorbild für seine Rolle als Gangcop in Dennis Hoppers Film “Colors" genommen, und sogar seine echten Spitznamen verwendet - Pacman. Der steht heute noch auf Morenos Visitenkarte. Anfang der 80er Jahre haben ihm den die Gangster von South Central verpaßt, als er mit einem knallgelben Plymouth Fury unterwegs war und sie deswegen an das gefräßige, gelbe Comicmonster aus dem gleichnamigen Videospiel erinnerte. Morenos Stärke war aber seine Herkunft. Er war in East Los Angeles mit den Gangs aufgewachsen, kannte ihre Sprache, Regeln und Kultur. Er hielt sich an den Ehrenkodex der Gangs. Er verfolgte nur wer ihm querkam, also wer das Gesetz brach oder gegen seine Bewährungsauflagen verstieß. Im Gegensatz zu der Taktik, Gangs auch präventiv zu verfolgen, die Polizeichef Gates Ende der 80er einführte.
Inzwischen gilt die Rampart Division als Musterfall für die Methoden des neuen Polizeichefs William Bratton, der seit 2002 im Amt ist. Bratton hat einen Ruf wie Donnerhall. Zu Beginn der 90er Jahre fungierte er als Polizeichef des New Yorker Bürgermeisters Rudolph Giuliani. Mit seiner Mischung aus Strategie und Härte räumte er den Moloch am Hudson River damals innerhalb von drei Jahren so gründlich auf, dass New York auf der Liste der 216 amerikanischen Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern in punkto Kriminalität heute noch auf Platz 197 steht.
Trifft man William Bratton persönlich, kann man sich seinem Charme nur schwer entziehen. Er lächelt mit der Professionalität eines Karrierepolitikers, vermittelt mit seinem festen Händedruck sofortiges Vertrauen. Wenn er das Lächeln allerdings wieder ausknipst, bekommt sein pockennarbiges Gesicht einen harten, unerbittlichen Zug.
Für Dr. Johnston war Garcia der ideale Mann für das Programm. “Niemand bekommt auf den Straßen von East L.A. so viel Respekt, wie Mike", sagt der Arzt. “Weil die Kids wissen, dass er keine hohlen Sprüche klopft, sondern ganz genau weiß, wie das Leben auf der Straße ist." Garcia trägt auch immer noch die Uniform der Cholos, der Chicano Gangster - eine Khakihose und ein kurzärmliges kariertes Hemd. “Meine Eltern waren schon Pachucos", erzählt er. Das waren die Hipster unter den mexikanischen Einwanderern, die Zoot Suits trugen, Anzüge mit Hosen, die bis zum Brustbein reichten, mit überlangen Jacken zu denen sie breitkrempige Hüte trugen. 1943 stürmten nach einem Streit am Hafen 200 Matrosen nach East Los Angeles und lieferten sich mit den Pachucos eine Massenschlägerei, die als “Zoot Suit Riot" in die Stadtgeschichte einging. Das brachte den Pachucos ihren Ruf als Unruhestifter ein, die sich in kriminellen Banden organisierten.
Ein erster Blick in die stockfinstere Sackgasse zeigte eine Reihe von Baracken. Nur die zugezogenen Fenster warfen ein mattes Licht auf die Gasse. Stück für Stück hasteten die Cops nun weiter, gaben sich Handzeichen und Feuerschutz. Eine ältere Dame bog um die Ecke, stieß ein lautes Geheul aus: “Nein, nicht, da sind meine Enkelkinder im Haus!" Kaum hatte sie ein Beamter zur Seite gedrängt und angefahren, sie sollte sich ruhig verhalten, hatten die Cops die Baracke am Ende der Gasse auch schon mit der einstudierten Choreographie einer Häuserkampfkolonne umstellt. Im Vorgarten hockten drei Männer um einen Klapptisch und spielten Karten. Daneben saßen zwei ältere Frauen im Nachthemd, drei Teenager, ein Mädchen mit Baby im Arm. Sie hatten die Cops noch gar nicht bemerkt, als plötzlich ein Suchscheinwerfer aufflammte und das Kommando durch ein Megaphon schallte: “Polizei! Alles flach auf den Boden!" Selbst im Halbdunkel konnte man erkennen, wie sich die Gesichter der Cops verspannten. Die nächsten Sekunden waren nun entscheidend.
Mit routinierten Griffen zogen ihm die Cops das Hemd hoch, prüften die Tätowierungen auf Brust und Rücken. An Tätowierungen können Los Angeles Cops die gesamte Karriere eines Gangbangers ablesen. Zu welcher Untergang er gehört, ob er schon im Gefängnis war oder jemanden umgebracht hat. Der 15jährige Verdächtige schien sauber zu sein. Trotzdem bekam er einen Strafzettel. Fahrradfahren auf dem Gehsteig. Das kostete 200 Dollar. Eine beliebte Methode, Gangbanger schon früh zu kriminalisieren. Ein 15jähriger Gangbanger kann so eine Strafe nicht bezahlen, muß dann vor Gericht und bekommt so seine erste Vorstrafe.
Auch einer der beiden Verdächtigen, die vor der Baracke am Kartentisch saßen, würde Lebenslänglich bekommen, wenn die Cops Waffen oder Drogen bei ihm finden würden. Aber dazu mußten Sergeant Wenningers Mannen erst einmal das Gelände absichern. Mit schnellen Griffen rissen sie die Männer auf ihre Füße, brachten sie nach draußen, stellten sie an die Wand, legten Handschellen an. Den Rest der Familie plazierten sie auf Klappstühlen im Garten, um sie im Auge zu behalten. Die alte Frau im Nachthemd schüttelte nur ängstlich den Kopf. Sie ist die Großmutter der Teenager, nur auf Besuch auf Mexiko. Unterdessen durchsuchten die Cops das Haus, das aus zwei düsteren Zimmern besteht, die mit Betten und Schränken vollgerammelt sind. Sieben Personen auf 50 Quadratmetern.
Zunächst fanden sie nichts. Noch mehr Schubladen wurden auf den Boden geleert, die Matratzen umgedreht, aber da lagen nur ein paar Heiligenbildchen. Dann endlich. Hinter dem Abflußrohr in der Kochnische klemmte ein Plastikhandschuh prall gefüllt mit kleinen Beutelchen - Crackportionen für den Straßenverkauf. Die Polizisten feixten, riefen nach draußen zu den Kollegen, dass der Bursche jetzt fällig war.
Dort greift er sich die Mutter des Verdächtigen, die schüchtern auf ihrem Klappstuhl sitzt. Er zieht sie um die Ecke und faucht sie auf Spanisch an. “Wenn du nicht sofort sagst, wo dein Sohn die Waffen hat, kommt ihr hier alle in den Knast und deine Kinder ins Heim." Die Mutter schüttelt nur ängstlich den Kopf. Sie weiß von nichts. Er hält ihnen ein Geldbündel unter die Nase, das er in der Hosentasche des Verdächtigen gefunden hat. Ob sie wüßte, mit was ihr Sohn das Geld verdient?
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