MORITAT VOM EWIGEN WANDEL

Amerika feiert Tony Kushner als wichtigsten
Theaterautor seiner Zeit.

© Andrian Kreye

Ehrgeiz ist eine kreative Navigationshilfe, die wahrscheinlich in mehr künstlerische Sackgassen geführt hat, als Hybris, Trunksucht und verirrte Leidenschaften zusammen. Der New Yorker Theaterautor Tony Kushner leidet unter der schlimmsten aller Ehrgeizformen - er hat sich vorgenommen, ausschließlich so grandiose und historisch relevante Theaterstücke zu schreiben, wie Tony Kushner. Der Tony Kushner der späten 80er Jahre, der dann mit dem zweiteiligen Epos “Angels In America" über die konservativen Reaganjahre und den Ausbruch der Aidsepidemie neben dem Pulitzer gleich noch ein Dutzend wichtiger Theaterpreise abgeräumt hat, die ihm einen ewigen Platz im Pantheon der amerikanischen Literatur garantiert haben. In den nachfolgenden Stücken “Slavs!" und “Homebody Kabul" nahm er sich dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Zusammenprall der Kulturen nach dem Kalten Kriege an. Mit mäßigen Erfolg.

Auch in seinem neuesten Stück “Caroline, or Change" reduzierte Kushner den großen Atem der Geschichte auf scheinbar alltägliche Figuren. Da geht es zunächst um die karge Freundschaft zwischen Noah, dem Sohn einer jüdischen Künstlerfamilie, und der schwarzen Zugehfrau Caroline im Louisiana von 1963. Eine historische Zeit. Die Bürgerrechtsära bricht an. Kennedy wird ermordet. Der Vietnamkrieg beginnt. Noahs Familie transportiert dabei die moralischen Zwickmühlen des liberalen Bürgertums, Caroline den nach innen gerichteten Zorn der so genannten Uncle Crow-Generation der Schwarzen im amerikanischen Süden. Es geht um die Ängste in der Vorahnung der Umwälzungen, um die Sehnsucht nach Anpassung und die Unvermeidlichkeit der Zeitläufte.

Die inneren und äußeren Konflikte werden dabei über eine pädagogische Banalität ausgetragen - Noahs Stiefmutter versucht ihm einzubleuen, seine Hosen nach Kleingeld zu untersuchen, bevor er sie in die Schmutzwäsche gibt. Damit er das auch lernt, darf Caroline jede Münze, die sie in der Schmutzwäsche findet behalten. Das schafft einen enormen Deutungsrahmen. Vor allem wegen des Wortspieles mit dem englischen Wort Change, das sowohl Kleingeld, als auch verändern und verändert werden heißen kann.

Und noch eine Deutungsebene drängt sich auf. Denn nicht zum ersten Mal dient das Jahr nach der Ermordung John F. Kennedys als Allegorie auf die Zeit nach dem 11. September. Die tiefe Erschütterung im Selbstverständnis Amerikas durch politische Gewalt im eigenen Land, ein Krieg als Vorbote eines drohenden Kulturkampfes und die gesellschaftlichen Umwälzungen durch wirtschaftliche und technologische Quantensprünge von damals und heute ähneln sich verblüffend.

Um dem Ganzen nun auch noch eine tiefe Emotionalität zu verleihen, hat Kushner “Caroline, Or Change" als Musical geschrieben. Fast jeder Satz wird gesungen, dabei halten sich Reime und Musik an die schlichten Formen von New Orleans Jazz, Blues und frühem Soul. Das sind allerdings Stilformen, die heute längst ihrer einstigen Radikalität beraubt sind und als niedliche Popklischees nur noch zum Mitwippen einladen. Irgendwo zwischen der bittersüßen Emotionalität der Soulrefrains und der allgegenwärtigen Atemlosigkeit der Geschichte erstickt “Caroline, or Change" dann an seinen eigenen Ansprüchen. Man kann die kleinen Ängste und großen Vorahnungen sehr wohl nachvollziehen. Kushner kann diese beiden Emotionen normalerweise auch so brillant in Szenen fassen wie kaum ein anderer Autor. Aber da geht nichts mehr unter die Haut. Höchstens die aufdringlichen Swingarrangements, die einen spätestens im zweiten Akt an eine Neujahrsrevue im Fernsehen erinnern.

Als sollte er sich an sich selbst messen lief in dieser Woche auf dem amerikanischen Kinokanal HBO die Fernsehfassung von “Angels In America". Das Drehbuch stammt von Kushner, Regie führte Mike Nichols, und Merryl Streep, Emma Thompson und Al Pacino spielen so brillant, dass sich ein Kritiker zu der Behauptung hinreißen ließ, dass “Angels in America" als Kinofilm sämtliche Oscarrekorde brechen würde.

Lange galt das sechsstündige Stück als unverfilmbar. Acht Schicksale überschneiden sich da im Strudel der konservativen Revolution und aufkeimenden Seuche. Jedes für sich mit der Komplexität eines ganzen Entwicklungsromans. Daran scheiterte selbst der Meister des Ensemble- und Episodenfilmes Robert Altman, der eine zwei- bis dreistündige Fassung drehen sollte. Glücklicherweise. Denn in seiner vollen Länge führt “Angels in America" noch einmal vor, warum Tony Kushner in Amerika immer noch als wichtigster Bühnenautor seiner Zeit gefeiert wird.

Über seine acht Figuren transportiert er auch im Fernseen die Milleniumsängste und Vorahnungen der Fin-de-Siècle-Jahre in ihrer ganzen epischen Breite, ohne auch nur eine Zeile lang aus dem Tritt zu kommen. Dagegen wirkt “Caroline, or Change" wie eine bieder Moritat vom ewigen Wandel. Dem Erfolg des Stückes hat das allerdings keinen Abbruch getan. Derzeit laufen Verhandlungen, das Musical an den Broadway zu bringen. Das ist in der hierarchischen Theaterwelt von New York nicht nur ein Kompliment, sondern meist auch der Schlüssel zu unbegrenzten Möglichkeiten.





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