DIE QUAL DES LINKEN DENKENS

Erfolgsautor Benjamin Kunkel will
den Literat als öffentliche Person rehabilitieren

© Andrian Kreye

New York im August '06 - In der Redaktion des Essay- und Literaturmagazins n+1 sollte das Treffen mit dem Schriftsteller Benjamin Kunkel stattfinden, einer Halbjahresschrift, die er vor zwei Jahren gemeinsam mit Gleichgesinnten gegründet hat, und da fangen die Parameter der Hipness und der Subkulturgeschichte schon das Rotieren an. Das hört auch gleich wieder auf, doch zunächst einmal befindet sich die Adresse auf der Lower Eastside von Manhattan nur wenige Straßenblocks vom CBGB's entfernt, dort wo der Punk erfunden wurde, und nur ein paar Meter weiter war früher einmal das Five Spot, in dem Thelonius Monk Klavier spielte und sich die Beatnikliteraten wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac die Nächte um die Ohren schlugen. Zwar bleiben solche historischen Bezüge in Downtown New York nur selten aus, aber Benjamin Kunkel ist nun mal ein Schriftsteller, den man im New Yorker Medienmarketingjargon als “hot item" bezeichnen würde, einer der das Potential hat, das nächste große Ding zu werden, was ihm in den USA schon gelungen ist und in den dreizehn, vierzehn Ländern, die in den nächsten Monaten die Übersetzung seines Debütromanes “Indecision" herausbringen werden bevorsteht.

Da formt sich sofort ein Bild, wenn er um die Ecke schlurft, auf dem Kopf eine Baseballkappe, wie man sie in den Truck Stops an den Überlandstrecken kaufen kann, dazu ein gelbgrün gemustertes Westernhemd und ein Gesicht, das mit seinem melancholischen Zug unter den blonden Fransen ein wenig an Kurt Cobain erinnert. Genau so ein Buch hat Kunkel geschrieben. Einen Weltschmerz-beseelten Bildungsroman für Hipster in dem der junge Dwight Wilmerding ziellos durch die Popkulturen der New Yorker Bohèmeviertel treibt und es passt ganz hervorragend in diese Zeit, dass Wilmerding als Mittzwanziger eigentlich schon viel zu alt ist, um noch seinen Platz im Leben zu suchen und seine Zeit mit einem öden Job bei einem Pharmakonzern zu vertrödeln. Aber dann spielt ihm ein Freund und Kollege die Testpillen eines neuen Medikamentes zu, das Entscheidungsunfähigkeit kurieren soll und so nimmt das Leben an Fahrt auf, die Anschläge des 11. Septembers und eine Reise nach Südamerika durchbrechen das Phlegma des Hipstertums, und weil Kunkel mit “Indecision" den Nerv seiner Generation so punktgenau getroffen hat, kaufte der Produzent Scott Rudin die Filmrechte an dem Roman, bevor der überhaupt erschienen war. Und weil Rudin neben Kassenschlagern auch Filme von Wes Anderson und literarische Filme wie “The Hours", “Iris" und “Die Wonder Boys" produziert hat, gilt das als eine Art Ritterschlag.

Es ist viel zu heiß in der Redaktion, die in einem dunklen Raum in einem jener alten Werksgebäude untergebracht ist, in denen hier am Rande von Chinatown die Demarkationslinie zwischen Einwanderelend und Hipsteraufbruch immer noch von Stockwerk zu Stockwerk neu gezogen wird. Ein paar Schreibtische, ein Sperrmüllsofa, übervolle Regale, auf dem Couchtisch leere Bierflaschen, vor dem Fenster die Brandmauer. Isaac Scarborough, der junge, unbezahlte Büroleiter, wollte sowieso gerade zusperren, Kunkel berät noch kurz über einen Text, dann wird das Treffen in das Pink Pony Café verlegt, eine Künstlerkneipe, die vor zehn Jahren einer der ersten Brückenköpfe der neuen Bohème hier unten war.

Damit soll aber auch Schluss sein mit den Referenzen an das Hipstertum und den Pop, denn auch wenn Benjamin Kunkels Roman vielleicht den Nerv der aktuellen Popgeneration getroffen hat, so hat er ja immerhin in Harvard studierrt, deswegen macht er sich in “Indecision" auch recht kunstfertig über Heidegger lustig, verehrt gleichzeitig Horkheimer und Adorno, und mit seiner Zeitschrift n+1 hat er das ganz altmodische Anliegen, den Literaten wieder als öffentlichen Intellektuellen zu etablieren. Das hört man in jedem seiner Sätze. Er spricht ein anachronistisches Englisch, das all die grammatikalischen Abschleifungen, die Surf- und Ghettoslangworte vermeidet, die aus dem amerikanischen Englisch eine so leicht konsumierbare Sprache gemacht haben. Er bemüht eine Syntax, die man nur noch selten hört, und wenn er von der Arbeit mit n+1 spricht, bemüht er Vorbilder, die selbst in New York fast vergessen sind - Hannah Arendt, Edmund Wilson, Lionel Trilling, die Giganten des politisch-literarischen Essays. Kunkel weiß um die gestrige Aura solcher Referenzen “Natürlich sind wir ein Anachronismus", sagt er. “Das wir als solcher gesehen werden, haben wir mit unserer offenen Bewunderung für das ’Partisan Review' ja auch bewusst herausgefordert. Aber das war nun mal das letzte Aufbäumen einer Zeit, die dem Intellektualismus einen Platz in der amerikanischen Kultur eingeräumt hat, auch wenn Anti-Intellektualismus hier immer eine enorme Dynamik hatte. Heute sicherlich so stark wie eh und je."

Nun veröffentlichten im Partisan Review Saul Bellow, T.S. Eliot, George Orwell und Susan Sontag während der Vierziger, Fünfziger und Sechziger Jahre epochale Texte. Doch weiß Kunkel, dass die Protagonisten der so genannten Third Culture, jener naturwissenschaftlichen Intellektuellenszene um Autoren wie Steven Pinker, Richard Dawkins und Daniel Dennett das Partisan Review als Paradebeispiel für einen Intellektualismus anführt, der sich in semantische Haarspaltereien und ideologische Grabenkämpfe verrannte? “Jaja", sagt er und winkt ab. “Man muss diesen Autoren ja auch zugestehen, dass ihre Weltsicht der Soziobiologie mehr Einfluss auf das amerikanische Leben genommen hat, als jede andere Idee in den letzten Jahren. Keinen besonders guten Einfluss allerdings, denn da wird mehr mit Sexualität erklärt, als man damit erklären kann." Er seufzt. “Da sagt man Freud sei eine Reduktion der Dinge. Meiner Meinung nach sind die Soziobiologen noch ungleich viel reduktiver."

Da sind ihm selbst die neonkonservativen Intellektuellen noch lieber, die im Weekly Standard das Bild einer neuen Welt entwerfen. “Auch wenn mir jede Art von rechtem Denken prinzipiell fremd ist." Was er dort vermisst sei vor allem ein letzter Glaube an die Utopie, und die finde man doch immer noch links. Auch wenn sich da derzeit viel Fatalismus einschleicht. Die apokalyptischen Aussichten einer Welt die von Menschenhand geschaffenen Katastrophen in die Knie gezwungen wird beispielsweise. Die fanden in der letzten Ausgabe von n+1 sogar ihren Weg in das Eröffnungsessay, das in jeder Ausgabe unter der Rubrik “The Intellectual Scene" so etwas wie die neuesten Koordinaten einer geistigen Heimat der Redaktionsmitglieder und Autoren ermitteln soll.

Das Essay der ersten Ausgabe zerpflückte noch die aktuellen Platzhirsche des intellektuellen Lebens in Amerika. Die nihilistischen Literaturkritiker des New Republic, die infantile Autorengemeinde um Dave Eggers Magazine McSweeney's und The Believer, die verstiegenen Neocons beim Weekly Review. In der aktuellen vierten Ausgabe dreht sich der Schlüsseltext nur noch um Klimawandel und potentielle Katastrophen. Kunkel empfiehlt auch gleich die Lektüre des neo-apokalyptischen Autoren James Howard Kunstler, der im Zusammenspiel von Klimawandel, neu aufkeimenden Seuchen und schwindenden Rohstoffvorkommen ein wahrhaft düsteres Bild von der Zukunft zeichnet. Doch dann lenkt er noch einmal ein. “Wenn man keine Hoffnung mehr hat, dass man etwas zum Besseren ändern kann, wird das linke Denken eine Qual", sagt er.

“Man braucht diesen utopischen Impetus, selbst wenn man sich bewusst wird, dass man den Zug in eine utopische Gesellschaft längst verpasst hat." Das aber sei nur ein persönlicher Fatalismus. “Ich bin nun einmal in einem Alter, in dem ich immer ein Produkt meiner Zeit sein werde, selbst wenn der unwahrscheinlichen Fall eintreten würde, dass eine utopische Gesellschaft möglich wird." Prinzipiell habe er ja Hoffnung, immerhin habe sich n+1 wenn schon nicht durchgesetzt, so doch immerhin mit einer Auflage von 5.000 und großer Aufmerksamkeit im intellektuellen Leben etabliert. “Der Zeitgeist hat ja viele Strömungen und eine davon scheint für gut zu befinden, was wir da tun." Dann suchen seine Augen nach der Bedienung. “Ich werde mir jetzt erst einmal ein Bier bestellen", sagt er. “In der Hoffnung, dann noch etwas Interessantes zu erzählen."


Texte aus n+1


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