DIE KRIEGSTROMMLER

Mit wenigen Ausnahmen unterstützen
die amerikanischen Medien den Angriff auf den Irak.
© Andrian Kreye

New York, 18. März 2003 - Wenn man dieser Tage die Abendnachrichten des amerikanischen Networksenders NBC oder den Nachrichtensender MSNBC einschaltet, dann erklärt einem ein kerniger Herr namens Barry McCaffrey die Feinheiten der amerikanische Militärstrategie für den kommenden Einmarsch im Irak. Man merkt sofort - der Mann kennt sich aus. Immerhin befehligte er im letzten Golfkrieg die siegreiche 24. Infanteriedivision, und als er die Armee 1996 verließ, um für Präsident Clinton den zivilen Krieg gegen die Drogen zu führen, war er der höchstausgezeichnete Viersternegeneral in der Geschichte der amerikanischen Streitkräfte. Nach den Regeln der Genfer Konvention und des Völkerrechts ist Barry McCaffrey allerdings auch aller Wahrscheinlichkeit nach ein Kriegsverbrecher.

Vor drei Jahren beschrieb der investigative Journalist Seymour Hersh im New Yorker anhand von Augenzeugenberichten, wie McCaffreys Truppen zwei Tage nach Beginn des Waffenstillstandes eine irakische Einheit auf dem Rückzug angriffen und vernichteten, und wie McCaffreys Männer zwischen 350 und 400 unbewaffnete Kriegsgefangengene töteten. Die New York Times forderte damals in einem Leitartikel, dass ein Untersuchungsausschuß den Vorwürfen nachgehen sollte. Was bis heute nicht geschehen ist.

McCaffrey ist nicht der einzige ehemalige Offizier, der den amerikanischen Fernsehzuschauern den Krieg erläutert. Auf der Gehaltsliste des Gemeinschaftssenders von Microsoft und NBC stehen gleich acht hochrangige Militärs, darunter Golfkriegsheld “Stormin'" Norman Schwarzkopf und der ehemalige General Wayne Downing, der letzten Juni von seinem Posten als stellvertretender Sicherheitsberater zurücktrat, weil er fand, dass die Pläne der Bushregierung für den Einmarsch im Irak nicht hart genug durchgreifen würden.

Fox News hat Beraterverträge mit ex-Airforce-General Tom McInerney, einem der ersten Piloten des Vietnamkrieges, und General Paul Vallely, Spezialist für psychologische Kriegführung. CNN beschäftigt den ex-Nato-Oberbefehlshaber Wesley Clark, der sich im Kosovo den Spitznamen “Serbenhammer" verdiente. Beim Disneysender ABC kommentiert General Charles Horner, einst leitender Offizier im Raumfahrtprogramm der Air Force, der seine Erinnerungen als tollkühner Kampfpilot im Vietnamkrieg mit Hilfe des Bestsellerautoren Tom Clancey aufgeschrieben hat. Und auch der Militäranalyst bei CBS Oberst Mitch Mitchell gehörte zu den Weltraumkriegern.

Die Militärberater sind dabei nur die Spitze eines Phänomens, das sich im amerikanischen Fernsehen schon seit Jahren anbahnt. Vor allem die Nachrichtensender ersetzen immer häufiger teure Reporter und Außenbüros durch so genannte “Pundits", Experten und Prominente, die sich vor allem dadurch auszeichnen, dass sie eine klare Meinung deutlich vertreten können. Bewähren sie sich, bekommen sie eine eigene Sendung, so wie die ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Pat Buchanan und Jesse Jackson, oder Bill Clintons Wahlkampfmanager James Carville und George Stephanopoulos. Der Stil des radikalen Meinungsjournalismus kommt gut an. Agit-Moderatoren wie Rush Limbaugh, Bill O'Reilly und Chris Matthews sind zu Superstars aufgezogen. Und mit wenigen Ausnahmen bleiben sie stramm auf Pentagonlinie.

Die Auswirkungen dieser Form der Berichterstattung sieht man dann an den Zuschauerreaktionen. Statt der landesüblichen 30 bis 50 Prozent, die einen totalen Krieg unterstützen, sind es bei MSNBC schon sensationelle 85 Prozent. Kein Wunder - der Sender führt seine Erhebungen eben nur beim eigenen Publikum.

Natürlich könnte man zur Not auch mit Pundits eine ausgewogene Bericherstattung hinkriegen, wenn man sich die richtige Gästemischung ins Studio holt. Die New Yorker Medienanalystengruppe Fairness and Acuracy in Reporting veröffentlichte jedoch am Dienstag eine Studie, die nachweist, dass in den letzten zwei Wochen mehr als zwei Drittel aller Studiogäste bei den großen Fernsehsendern amerikanische Staatsbürger waren, von denen wiederum rund 75 Prozent momentane oder ehemalige Regierungsangehörige oder Militärs waren. Lediglich 17 Prozent hätten Kritik oder Zweifel an den Irakplänen geäußert. Und von den 393 Studiogästen, die von der Studie erfaßt wurden, bekannten sich lediglich drei zu den massiven Protest- und Friedensbewegungen im Land.

Rachel Coen, Medienboeobachterin der Gruppe, sieht darin eine große Gefahr. “Die meisten Amerikaner beziehen ihre Informationen aus dem Fernsehen", sagte sie. “Mit der zunehmenden Monopolisierung der Medien wird das auch nur schlimmer."

Bei den Printmedien ist die Situation nicht besser. Als Medienbeobachter Dan Schechter den Medienreporter der Washington Post Howard Kurtz in einer Talkshow angriff, dass selbst die Post keine kritische Töne mehr anschlage, verteidigte sich dieser mit einem eigenartigen Argument. “Natürlich greifen wir die Regierung an", sagte er. “Zum Beispiel dafür, dass sie diesen Krieg nicht ordentlich verkauft hat." Selbst die New York Times bringt seit Wochen auf ihrer Titelseite regelmäßig jene Fotos von den Soldaten an der Front, die immer aussehen, als habe sie ein Hollywoodregisseur inszeniert. Doch die New Yorker hielten wenigsten auf ihrer Leitartikelseite gegen den Kriegskurs in Washington. Auch wenn die Redaktion im Leitartikel vom Dienstag resigniert prophezeite, dass die Zeit, an dem man das undiplomatische Vorgehen der Regierung kritisieren konnte, spätestens mit den ersten Kämpfen vorbei sei.

Doch das ist nichts Neues. Als sich die USA im April 1917 entschlossen, in den Ersten Weltkrieg einzugreifen, hielt der kalifornische Senator Hiram Johnson eine Rede vor dem Senat, in der er das legendäre Zitat prägte: “Wenn der Krieg kommt, ist das erste Opfer die Wahrheit".





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