Die Schuldigen sind auch schon ausgemacht. Allen voran das Internet und die digitalen Technologien. Das so genannte File Sharing, der unbegrenzte Austausch von Musik- und Filmdateien über das Internet, gilt zwar rein rechtlich als Diebstahl, ist inzwischen allerdings so weit verbreitet, dass er von der Gesellschaft längst als Kavaliersdelikt, von seinen Befürwortern sogar als gutes Recht der Konsumenten betrachtet wird. Das, so die Kritiker, schafft eine Mentalität, dass es für den Betrug per Mausklick auch dann kein Schuldbewußtsein mehr gibt, wenn es nicht nur um ein paar Popsongs geht, sondern um eine akademische Karriere.
Nun war es schon immer einfach, neue Technologien für gesellschaftliche Mißstände verantwortlich zu machen. Doch die digitale Welt verwischt nicht nur die moralischen Grenzen, sie macht es auch immer schwieriger sie zu erkennen.
Computervergehen sind scheinbar Verbrechen ohne Opfer. Da werden keine physischen Werte bewegt oder Menschen geschädigt. Mit den gleichen Tastaturbefehlen, mit denen man die Hausarbeit absichert, einen Liebesbrief absendet, oder ein legal erworbenes Computerprogramm vom Netz lädt, kann man auch jede digitale Medienform kopieren, digitales Diebesgut verbreiten oder sich besorgen. Für die Betrugsdezernate der Polizei ist der illegale Datenaustausch sogar die Einstiegsdroge für die Verbrechensform mit der derzeit höchsten Zuwachsrate - dem Identitätsdiebstahl. Bei dem kopiert man die persönlichen und finanziellen Daten seines Opfers aus dem Netz, um dann mit der geraubten Idenität vom Einkauf bis zur Kreditaufnahme die selbige zu plündern.
Aber auch die Spurensuche wird immer schwieriger. In der digitalen Welt gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Original und Fälschung. Das unterscheidet sie von den traditionellen Vervielfältigungstechniken. Selbst der Vergleich mit dem Klonen reicht nicht aus, um die Perfektion zu beschreiben, mit der sich digitale Dateien vervielfältigen lassen. Ein biologischer Klon steht am Anfang einer Entwicklung. Das Schaf Dolly mochte das identische Erbgut seines geklonten Ebenbildes haben, Umwelteinflüsse und die eigene Entwicklung hätten aus dem Klonschaf nach biologischen Gesichtspunkten schon von der ersten Lebensminute an ein eigenständiges Subjekt gemacht. Ein digitaler Klon ist jedoch nicht der Ausgangs-, sondern der Endpunkt eines Schöpfungsprozesses. Sämtliche Entwicklungsstufen sind abgeschlossen. Bei der Vervielfältigung eines digitalen Produktes gibt es weder Reibungs- noch sonstige Qualitätsverluste. Bei zwei Musikdateien des selben Popsongs ist es beispielsweise unmöglich, nachzuweisen, welche Datei das Original und welche die Kopie ist. Wenn es aber das Prinzip des Originales nicht mehr gibt, kann es auch keinen Maßstab für seinen Wert mehr geben. Doch setzt man die Grenzen? Sind die Klangcollagen eines Hip-Hop-DJs noch Zitat oder schon Plagiat? Ist die Mix-CD, die ein Schüler seinen Freunden bastelt Privatvergnügen oder Diebstahl? Entläßt die Fußnote den Autor eines Textes aus der Verantwortung, selbst zu formulieren?
So hatten sich das die Propheten der neuen Mediengesellschaft natürlich nicht vorgestellt - eine Welt der digitalen Langfinger. Doch der Betrug mit dem Internet hat inzwischen sogar die tragenden Säulen der Gesellschaft erreicht. Der inzwischen gefeuerte New York-Times-Reporter Jayson Blair täuschte seine Arbeit mit Material aus dem Internet vor. Die britische Regierung beschwor die Gefahren von Saddam Husseins Regime mit der Arbeit eines Studenten, die sie vom Netz geladen hatten. Wenn das Internet aber zum Betrugswerkzeug wird, stellt dies das Wertesystem der Mediengesellschaft in Frage. Denn die kulturellen Wurzeln des Netzes liegen in der akademischen Welt, die von einem Ehrenkodex auf höchstem Niveau bestimmt wird, die als Basis des säkularen Wertesystems und der Leistungsgesellschaft dient. Nur der freie Austausch von überprüften Informationen erlaubt eine effektive Forschungsarbeit. Wird dieses Prinzip von innen ausgehöhlt, gerät diese Basis ins Wanken.
Doch es wird ja nicht nur am Netz geschummelt, geschwindelt und betrogen. Dafür gibt auch in der analogen Wirklichkeit genügend Beispiele. Amerikas bekanntester Historiker Stephen Ambrose wurde des Plagiats überführt. Den Basebeallspieler Sammy Sosa, erwischte man mit einem viel zu leichten, da mit Kork ausgefüllten Schläger. Das Vorbild für hausfrauliche Tugenden und Etikette Martha Stewart muß sich derzeit wegen Aktienbetrugs vor Gericht verantworten. Höhepunkt der von David Callahan ausgerufenen Betrugskultur waren aber mit Sicherheit die Wirtschaftsskandale der letzten Jahre, bei denen die Vorstandsmitglieder von so mächtigen Konzernen wie Enron, Worldcom und Halliburton ihre Firmen auf Kosten von Belegschaft und Anlegern plünderten. Und hier liegen für Callahan auch die wahren Wurzeln dieser Kultur. Denn letztendlich kann das Internet nur Werkzeug, nie Ursache einer Straftat sein. Sicherlich machen digitale Technologien Betrug und intellektuellen Diebstahl so leicht, dass die hunderte von Millionen Gelegenheiten das Moralverständnis der Gesellschaft verändern. Doch das ist nur ein Aspekt eines Phänomens, das weit über Netzkultur und Mediengesellschaft hinausgeht. Callahan sieht die Wurzeln der Betrugskultur in der Radikalisierung der freien Marktwirtschaft während der letzten zehn Jahre. Fortschreitende Deregulierung und Massenarbeitskosigkeit, der rapide Aufschwung abstrakter Wirtschaftswerte und gleichzeitige Niedergang der Lebensqualität für das Gros der Bevölkerung haben zu einer allgemeinen “Zweck heiligt die Mittel"-Mentalität geführt.
An den amerikanischen Universitäten, an denen sich die Betrugskultur nicht nur an Einzelfällen, sondern auch statistisch festmachen ließ, gilt nun erst einmal die Devise Vorsicht. Eine erste Maßnahme gegen betrügerische Studenten gibt es nun auf dem so gescholtenen Internet. Spezielle Onlinedienste bieten Professoren die Möglichkeit nachzuprüfen, ob die Arbeiten ihrer Schüler etwas aus dem Netz geliftet wurden. Bei der Webseite Directessays.com werden sogar beide Seiten bedient. Studenten können sich dort unter über 100.000 Texten gegen eine Gebühr die passende Arbeit herunterladen. Ihre Lehrer können dann ebenda überprüfen, ob sie nur gestohlen war.
Der Professor für Management an der Rutgers University in New Jersey Donald McCabe untersucht seit zehn Jahren die Integrität an den akademischen Institutionen Amerikas. Nach seiner jüngsten Studie schlug er Alarm. 38 Prozent der 16.000 befragten Studenten gaben an, Hausarbeiten ganz oder teilweise aus dem Internet kopiert zu haben. Fast viermal so viele wie vor drei Jahren. 44 Prozent aller Studenten fanden das digitale Schummeln auch noch in Ordnung. Das gibt nun berechtigten Anlaß zu kulturpessimistischen Überlegungen, schließlich gilt die akademische Integrität als grundlegender Wert der modernen Gesellschaft. Die Fakultäten der amerikanischen Universitäten haben deswegen schon eine Art Notstand ausgerufen. Die New York Times titelte neulich “Eine Nation von Kopisten". Und der Politologe David Callahan wird im Januar ein Buch mit dem Titel “The Cheating Culture" (die Betrugskultur) veröffentlichen, in dem er nachweist, dass das Betrügen im kleinen wie im großen Rahmen während der letzten zwei Jahrzehnten epidemische Ausmaß angenommen hat.
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