Professor Nzongola-Ntalaja, sind diese ersten freien Wahlen ein historischer Wendepunkt für den Kongo?
Diese Wahlen sind eher ein symbolischer Akt. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass die ersten freien Wahlen im Kongo im Mai 1965 ausgerichtet wurden und die Ergebnisse, welche die Regierung des Premierministers Maurice Tshombe im Amt bestätigten, in lediglich fünf von 137 Wahlkreisen angezweifelt wurden. Das war für ein unterentwickeltes afrikanisches Land damals nicht schlecht.
Was dem Kongo nach Mobutus Putsch wenige Monate später nicht viel nutzte, weil der Westen eben nicht Tshombe, sondern Mobutu unterstützte.
Das ist das große Paradox von Afrika. Der Westen predigt zwar Demokratie, aber stützt meist die Staatschefs, die mit Gewalt an die Macht kamen. Weil sie zu Recht befürchten, dass Demokraten einer Verfassung und ihrem Volk verpflichtet sind und keine Weisungen aus dem Ausland befolgen. Sie brauchen aber Staatschefs, die Entscheidungen aus Washington, Paris, Brüssel und London akzeptieren. Männer wie Joseph Kabila eben.
Der gute Chancen hat, als Präsident des Kongo im Amt bestätigt zu werden.
Das ist ein junger Trottel, der kaum die Oberschule geschafft und keinerlei Erfahrung hat, ein Jasager, der sich darüber freut, Präsident zu sein, aber seine meiste Zeit damit verbringt, sich Musikvideos anzusehen und Videospiele zu spielen.
Aber irgendeine Wirkung auf die Leute muss er doch haben.
Hat Kabila denn irgendeine volksnahe Art, die ihm Sympathien einbringt? Spricht er einen Dialekt, über den sich die Leute mit ihm identifizieren?
Nein, er kann ja nicht einmal Lingala, die Sprache, die man in Kinshasa spricht. Er ist in Tansania aufgewachsen und spricht Suaheli. Deswegen kann er zu den Volksmengen in Kinshasa auch nur auf Französisch sprechen.
Aber sein Vater...
...Laurent-Desire Kabila. Der war so eine Art Übergangslösung, die man damals gebraucht hat, obwohl er in Washington viele Gegner hatte. Immerhin hatte er amerikanische Studenten als Geisel genommen. Nach heutigen Kriterien wäre er damit wohl ein Terrorist. Aber Madeleine Albright kam damals nach Kinshasa und lobte ihn in den höchsten Tönen. Bis sie merkten, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt hatten. Da war er dann plötzlich verschwunden. Man weiß ja bis heute nicht, was mit ihm geschehen ist.
Werden die Wahlen diese Zeit der Übergangslösungen beenden?
Nun gibt es eine internationale Beobachter- und Friedenstruppe, an der sich auch Deutschland beteiligt.
Um Frankreich einen Gefallen zu tun. Die glauben ja alle an diese Rhetorik, die wir hier an der UNO formuliert haben. Dass wir dem Volk eine Stimme geben müssen und eine Verfassung, und dass nach Wahlen alles besser wird. Dabei fängt die Abhängigkeit schon damit an, dass diese ganze Übung komplett vom Ausland finanziert wird. Weil wir sowieso ein Land sind, das 60 Prozent seines Staatshaushaltes aus dem Ausland bezieht.
Und die treibende Kraft ist Frankreich?
Ja. Zum einen hat Frankreich schon lange die Idee einer EU-eigenen Kampftruppe verfolgt, die unabhängig von der Nato operiert. Das wäre eine gute Gelegenheit, diese Strategie in der Praxis zu prüfen. Auf der anderen Seite hat sich Frankreich in Zentralafrika schon immer als regionale Macht verstanden und denkt gar nicht daran, zuzulassen, dass wir ihnen da Konkurrenz machen, wenn es um Einfluss und Kontrolle über rohstoffreiche Länder der Region wie Kongo-Brazzaville, Gabun, Kamerun und sogar den Tschad geht.
Aber die Leute im Kongo scheinen den Wahlen doch sehr begeistert entgegen zu sehen.
Kommt darauf an, wen sie fragen. In den Gebieten, in denen die Leute immer noch unter der Gewalt leiden, wie in Ituri und Nord-Katanga, haben viele die Wahlen boykottiert. Die meisten wählen einfach nur, damit die Zeiten der Übergangsregierungen aufhören. Und in der Hoffnung, dass eine legal gewählte Regierung den Kämpfen im Osten vielleicht doch ein Ende bereiten kann.
Galt der Kongo in den Fünfziger und Sechziger Jahren nicht als Hoffnungsträger für die postkoloniale Zukunft Afrikas? Vort allem mit einer Figur wie Patrice Lumumba an der Macht?
Lumumba war 1960 nur zwei Monate im Amt, da konnte er ausser Krisenmanagement nicht viel tun. Aber es gab schon im November 1952 den berühmten Artikel in dem Wirtschaftsmagazin Fortune mit der Titelzeile “Der Kongo ist im Geschäft", der den wirtschaftlichen Aufschwung der so genannten “Modellkolonie" beschrieb.
War Kinshasa damals nicht eine aufstrebende Metropole?
Gibt es das Institut noch?
Ja, auch wenn in ziemlich üblem Zustand. Die Amerikaner haben das noch ein Auge drauf, damit da nichts in die falschen Hände fällt. Damals war Kinshasa eine wunderbare, saubere Stadt, die wir Kin La Belle nannten - Kinshasa die Schöne. Heute nennen wir sie s Kin La Poubelle - Kinshasa die Mülltonne. Die meisten Menschen in Europa und Amerika scheinen allerdings nicht sehr viel über den Kongo von damals zu wissen.
Hat Joseph Konrads Roman “Herz der Finsternis" da nicht viel Schaden angerichtet? Den Titel assoziieren jedenfalls viele mit dem Kongo.
Ich glaube nicht, dass ein Buch viel Schaden anrichten kann. Letztlich sind es ja doch nur Intellektuelle und Meinungsmacher wie Sie, die sich darauf beziehen. Es mag auch richtig sein, dass der Roman so einige Vorurteile zementiert hat. Aber letztlich war es auch eine recht gute Darstellung, wie der Kongo von der europäischen Macht des belgischen König Leopold ausgebeutet wurde, der ja immerhin Völkermord begangen hat. Unter seiner Herrschaft sind zwischen 1885 und 1908 in unserem Land fast 10 Millionen Menschen zu Tode gekommen.
Liegen im Erbe der Kolonialära die Probleme der Gegenwart? Sind die künstlich gezogenen Grenzen von damals zum Beispiel die Wurzel des Krieges, so wie im Irak?
Nein, diese Grenzen sind längst Tatsache. Stammesverhältnisse spielen da kaum noch eine Rolle. Wir grenzen an neun verschiedene Länder, zum Beispiel an Ruanda und Burundi, da gibt es auf beiden Seiten Hutus und Tutsis, aber wer in Ruanda geboren wurde ist eben Ruandese und kein Kongolese.
Dann sollte man diese Grenzen akzeptieren?
Auf alle Fälle. Wir müssen sie nur nach dem Vorbild der Europäischen Union bedeutungslos machen.
New York im Juli '06 -
Georges Nzongola-Ntalaja ist Professor Emeritus für African Studies an der Howard University in Washington DC und einer der führenden Intellektuellen des Kongo. Der 62jährige unterrichtete an mehreren Universitäten in den USA, dem Kongo und Nigeria politische Wissenschaften. Vor zwei Jahren erschien sein historisches Grundlagenwerk 'The Congo from Leopold to Kabila - A People's History'. Im Kongo fungierte er nach 1992 als diplomatischer Berater des Übergangsregierung von Premier Etienne Tshisekedi und 1996 als stellvertretender Vorsitzender der Wahlkommission. Derzeit leitet er für das United Nations Development Program den Aufbau des Africa Governance Institute AGI in New York.
Das dachte ich auch, aber als ich neulich im Kongo war, sagten mit die meisten jungen Leute dort, wir alle die im Ausland leben, würden nicht verstehen, dass er nur sagt, was ihm angeordnet wird und danach auch nichts mehr zu sagen hat. Bei diesen Wahlen wird der gewinnen, der genug Geld hat, um das Land zu bereisen und so seinen Namen bekannt macht. Und er wird viel Geld brauchen, weil der Kongo so groß ist, dass man ihn nur mit dem Flugzeug bereisen kann.
Ja und nein. Als Historiker betrachte ich die jüngere Geschichte als parallele Abfolge drei verschiedener Übergänge. Da ist zum einen der Übergang vom Krieg zum Frieden, der mit dem Abkommen von Lusaka von 1999 begann und mit den Abkommen von Sun City und Pretoria 2002 und 2003 gefestigt wurde. Dann gibt es den Übergang von einer autoritären zu einer demokratischen Staatsform, die mit dem Ende von Mobutus Einparteienherrschaft im Jahre 1990 ihren Lauf nahm. Der wichtigste Wandel ist meiner Meinung der Übergang vom Kolonialismus zu echter Unabhängigkeit. Echte Unabhängigkeit haben wir allerdings nie genossen. Entscheidungen, die von ausländischen Mächten gefällt wurden, hatten immer mehr Gewicht. Und ganz egal, wer jetzt gewählt wird - er wird in jedem Fall Washington, Paris und Brüssel verpflichtet sein.
Es hatte sogar eine Leitfunktion als wissenschaftliches Zentrum. Das lag nicht zuletzt daran, dass 1954 mit der Lovanium University die erste afrikanische Universität gegründet worden war. Die sogar über ein Institut für Nuklearforschung mit eigenem Atomreaktor verfügte. Das war ein Geschenk der USA als Dank dafür, dass der Kongo ihnen das Uran für die Bomben in Hiroshima und Nagasaki geliefert hatte.
Bericht über den Kongo vor den Wahlen
Trailer für den Film
"Lumumba"
Fernsehbericht über Lumumbas
Verhaftung
Bericht über
Söldner im Kongo 1960
Trailer für den Film
"Congo River"
Zurück zum Inhalt