Luis Cardona kannte die Mörder auf dem Motorrad. Sie gehörten zu den Paramilitares, jenen Todesschwadronen, die sich schönfärberisch Autodefensas Unidas de Colombia (kurz AUC) nannten: Selbstverteidigungseinheiten. Die Castaños-Brüder aus Cordoba hatten diese Mordtruppen ursprünglich gegründet, Grossgrundbesitzer mit rechtsradikaler Gesinnung, die mit gedungenen Killern die Entführung und Ermordung ihres Vaters durch linke Guerrillatruppen rächen wollten. Aber dann behielten sie ihre Truppen auch nach den Fehmemorden, die daraufhin ihre Besitztümer bewachten und einen Privatkrieg gegen die Rebellen begannen. Bald schon zogen sie mit Kommandos der Drogenbosse von Medellín ins Feld, und so sind die Paramilitares zu einer Privatarmee von rund 10 000 Mann angewachsen, die heute im ganzen Land die Drecksarbeit für die Armee erledigt. Und seit einiger Zeit auch für die Bosse bei den Fabriken und Betrieben. Denn die denken gar nicht daran, ihren Arbeitern mehr als den monatlichen Durchschnittslohn von umgerechnet rund 200 Euro zu bezahlen.
Hier in Urabá genossen die Paramilitares fast uneingeschränkte Macht. Calíche, der Anführer der örtlichen Einheiten, galt mit seinen 22 Jahren als so etwas wie ein inoffizieller Bürgermeister von Carepa. Und die Gewerkschaftler wussten, wenn Calíche seine Mannen am Tag der Tarifverhandlungen ausschwärmen liess, bedeutete das nicht nur das Ende der Gewerkschaft, sondern Lebensgefahr für jeden Einzelnen von ihnen. Werksleiter Ariosto Milan Mosquera habe die Todesschwadron angeheuert, sagt Luis Cardona. Um keine Verhandlungen führen zu müssen. Beweisen konnte ihm das keiner. Doch jeder im Ort wusste, dass Mosquera oft mit den Paramilitares in Bars ging und schon seit Jahren für ihre Feste gratis Coca-Cola lieferte.
Luis Cardona fuhr an diesem Mittag mit seinem Fahrrad die zwei Kilometer vom Abfüllwerk ins Ortszentrum von Carepa, wo er mit seiner Frau Luz und seiner vierjährigen Tochter Dayanna in einem kleinen Haus mit grünen Fensterläden und kühlen Steinböden lebte. Nach einem kurzen Mittagessen schwang er sich wieder auf sein Fahrrad, um ins Werk zurückzuradeln. Er kam nicht weit.
Gleich hinter der zentralen Plaza wartete schon Calíche auf ihn. Der Paramilitares-Chef stellte sich ihm in den Weg, legte die Hand auf den Fahrradlenker und sagte mit perfider Freundlichkeit: «Luis, wir müssen mal reden. Warum kommst du nicht kurz in die ÐHeladería la Selvað. Ich kauf dir eine Cola, und wir besprechen den ganzen Ärger mit der Gewerkschaft.»
Luis Cardona folgte Calíche in die Eisdiele. Schon sah Luis Cardona die sechs Paramilitares, die im Lokal sassen und ihn beäugten. Ihre finsteren Gesichter verhiessen nichts Gutes. Langsam dämmerte ihm, dass er diesen Tag vielleicht nicht überleben würde. Er kannte die Geschichten, die man sich im ganzen Land erzählte. Wie Fabrikbesitzer die Paramilitares dafür bezahlten, die Gewerkschaften zu zerschlagen, und dass die meist nur wenige Tagen brauchten, um Verbände aufzulösen, die schon seit Jahrzehnten bestanden. Er kannte auch die Statistiken der internationalen Gewerkschaftsverbände, dass von zehn weltweit ermordeten Gewerkschaftlern neun in Kolumbien sterben, dass dort seit Anfang der Neunziger jedes Jahr zwischen hundert und zweihundert Gewerkschaftler ermordet werden und dass niemand etwas dagegen tut. Weder die Regierung noch die Polizei, die Armee oder die Mutterfirmen der Betriebe, die oft in den USA oder in Europa sitzen. Er hatte die Berichte der Menschenrechtsgruppen gelesen, die nachwiesen, dass mit den Militärhilfen aus den USA Einheiten finanziert würden, die Pipelines und Fabriken bewachen, und die wiederum mit den Todesschwadronen zuammenarbeiten. Und ganz langsam kroch ihm die Angst in die Glieder.
«Was wartest du noch? Lass uns gehen», sagte Calíche und gab ihm einen Schubs. Luis Cardona setzte sich an einen Tisch etwas abseits der sechs Paramilitares. Die beiden Schergen vom Morgen sassen auch dort. Jetzt sahen sie betont weg. Nur Calíche hockte sich breitbeinig an seinen Tisch, stellte zwei Coca-Cola auf den Tisch und meinte, der Ärger mit der Gewerkschaft sei ja gross, deswegen würde jetzt gleich der Provinzleiter der Autodefensas kommen, der müsse sich nur noch duschen. Luis Cardona nippte an seinem Cola. Calíche fragte ihn nun alles Mögliche. Wie viele Mitglieder die Gewerkschaft im Abfüllwerk hätte. «Achtzig von hundert.» Wie lange sie das schon machten. «Zehn, zwölf Jahre.» Was sie denn erreichen wollten, ob sie mit den Gewerkschaften in Bogotá zusammenarbeiteten und ob sie Kontakt zu den Rebellen hätten, es sei doch bekannt, dass die Gewerkschaften mit den Rebellen zusammenarbeiteten. Luis Cardona sagte, dass er ja nur für die Kultur zuständig sei und das alles nicht wisse. Er habe eigentlich immer nur die Fussballspiele organisiert. Die Coca-Cola-Belegschaft gegen die Jungs aus dem Ort, gegen die Plantagenarbeiter, gegen die Lastwagenfahrer, gegen die Polizei.
Calíche rauchte Zigaretten, fragte gelangweilt weiter, als würde ihn das eigentlich alles nicht interessieren. Und dann sah Luis Cardona aus dem Augenwinkel plötzlich das weisse Taxi vorfahren. Ein betagter Geländewagen mit einem Schild aus Plastik auf dem Dach. Wie ein kalter Guss schoss Luis Cardona die Angst aus dem Kreuz in die Fuss- und Fingerspitzen. Es schien unter der Kopfhaut zu prickeln. Das Taxi war nicht weiter auffällig, aber alle am Ort wussten, was es damit auf sich hatte. Das war der Wagen, mit dem die Paramilitares ihre Opfer zum Fluss hinunterfuhren. Stundenlang folterteten sie ihre Gefangenen dort, schnitten ihnen mit Fleischermessern Hände und Füsse ab, zogen ihnen den Skalp vom Kopf und wenn sie der Folter müde wurden, schossen sie ihnen ins Genick. Die verstümmelten Leichen liessen sie dann einfach liegen. Als Warnung für die anderen.
Dreissig kolumbianische Gewerkschaftler wie Luis Cardona verstecken sich derzeit in amerikanischen Grossstädten, im Rahmen eines Schutzprogrammes des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL/CIO. Hin und wieder reisen sie durchs Land, um zu Abgeordneten, Gewerkschaftsverbänden, Studenten und Menschenrechtlern zu sprechen.
In den USA können sich die Gewerkschaftler endlich wehren. Daniel Kovalik, ein junger Anwalt der Metallgewerkschaft United Steelworkers of America ist aus Pittsburgh nach New York angereist, um vom letzten Stand der Dinge zu berichten. Mit Unterstützung des International Labour Rights Funds, so Kovalik, haben sie beim Bezirksgericht in Miami Klagen gegen zwei amerikanische Mutterfirmen eingereicht, deren Unterfirmen in den Terror der Todesschwadronen gegen die Gewerkschaften verwickelt seien: gegen Coca-Cola und gegen den Energiekonzern Drummond, der in Kolumbien Kohle abbaut.
Protestbriefe an Coca-Cola werden derzeit mit einem Formschreiben beantwortet, in dem es unter anderem heisst: «Wir möchten betonen, dass diese Klage unglaubliche Unterstellungen gegen die Firma und ihre Abfüllpartner beihnhaltet. Die Firma betrachtet die Anschuldigungen für die Ermordung und Folter von Gewerkschaftsmitgliedern verantwortlich zu sein als besonders absurd.» In Kolumbien hat Panamco inzwischen sogar Verleumdungsklagen gegen die Gewerkschaftler angestrengt.
Gut möglich, dass die Prozesse gegen Coca-Cola und Drummond nie zu einem konkreten Ergebnis führen. Es kann ihnen keiner konkret vorwerfen, Todesschwadronen zu engagieren oder bewusst Menschen- und Arbeitsrechte zu missachten. Doch Dan Kovalik hofft darauf, dass sie wenigstens genug Aufmerksamkeit erzeugen, damit die Solidarität internationaler Gewerkschaftsverbände und ein möglicher Boykott die Firmen dazu bringen, ihre Rollen als Corporate Citizens ernst zu nehmen. Sie sollen in den Ländern, in denen sie Geschäfte machen, Verantwortung übernehmen, sie sollen aktiv gegen Menschenrechtsverletzungen vorgehen und dafür sorgen, dass ihre Unterfirmen und Zulieferbetriebe ein Mindestmass an Arbeitsrechten garantieren. In den USA gibt es schon die ersten Anlegerfonds, die solche Dinge zur Bedingung für Investitionen machen.
In der Heladería la Selva in Carepa erhob sich nun der Bursche, der am Morgen Isidro erschossen hatte. «Los, steig in das Auto da», herrschte er Luis Cardona an. Wie im Traum erhob der sich, trottete mit den Paramilitares über die Strasse. Die hatten sich schon in den Wagen gedrängt, jeder Platz war besetzt. Da sagte Calíche «Du fährst bei mir auf dem Motorrad», und Luis Cardona wusste - jetzt! Für eine Sekunde kümmerten sich die Paramilitares nicht um ihn, und Calíche nestelte an seinem Motorrad herum. Lieber auf der Flucht sterben, als an den Fluss hinunterfahren.
Er rannte los. Einfach geradeaus. Hinter sich hörte er Rufe, das plötzliche, heisere Knattern von Calíches Motorrad, wie der das Gas hoch drückte und näher kam. Wie ein Besessener hetzte Luis Cardona die Strasse entlang, bog um die Ecke und drückte sich in den Eingang einer Billardhalle. Mit schreckgeweiteten Augen harrte er hinter dem Türstock, bis er hörte, wie das Motorrad vorbeiraste. Dann sprang er zurück auf die Strasse, doch Calíches Beifahrer hatte ihn schon gesehen. Mit wenigen Sätzen hetzte Luis Cardona Richtung Plaza, in die Menge. Dort drehte er sich zum ersten Mal um und sah noch, wie Calíche seine Pistole in die Luft reckte. Doch da war er auch schon am Tor des Polizeireviers. Atemlos warf er die Tür zu der modrigen Polizeistation hinter sich zu.
Dort durchzuckte ihn gleich noch ein Schreck. Kein Mensch war in den düsteren Amtsstuben. Kein einziger Polizist. Nur beklemmende Stille. Erst hinten in der Zentrale fand er einen einzigen Beamten, der das Funkgerät bewachte. Es dauerte lange, bis Luis Cardona den einsamen Beamten davon überzeugt hatte, dass er das Revier so lange nicht mehr verlassen würde, bis er Geleitschutz zu seinem Haus bekäme. Acht Mann kamen schliesslich nach langem Betteln und Flehen, fuhren Luis Cardona mit einem Polizeilaster nach Hause. Dort packte er eilig eine Tasche. Ein Kleid für seine Frau, zwei für seine Tochter, zwei frische Hemden für sich selbst. Sie würden die Gegend verlassen müssen. Nach zwölfeinhalb Jahren bei Coca-Cola würde er als 39-Jähriger noch einmal von vorne anfangen. Doch auf dem Weg zum Flughafen müssten sie erst noch zum Pfandhaus und den Familienschmuck versetzen. Drei Flugscheine nach Medellín kosteten rund 200 Franken. Bus kam nicht in Frage. Würden sie einen Bus besteigen, wüssten die Todesschwadronen schon bald in welchen und würden ihnen draussen auf der Landstrasse auflauern.
Wortlos setzten die Polizisten die Familie schliesslich am Flughafen ab, einem flachen Betongebäude, hinter dem die Landebahn eine Schneise durch die Felder schlug. Zu spät. Der letzte Flug hatte vor wenigen Minuten abgehoben. Die Sonne stand schon tief.
Reiner Zufall, dass die Bürgermeisterin der nahen Provinzhauptstadt Apartadó Gloria Cuartas an diesem Nachmittag am Flughafen war, die als Friedensheldin bekannt war, sich regelmässig mit Armee, Todesschwadronen und Rebellen gleichzeitig anlegte und ihm einen Geleitbrief für Polizei und Rotes Kreuz schrieb. Reiner Zufall, dass einer der Beamten im Revier am Flughafen Luis Cardona vom Fussballspielen kannte. Reiner Zufall, dass der Fahrer der Streife, die sie zur Rotkreuzstation nach Apartadó fuhr, damit sie sich dort verstecken konnten, ein guter Freund seines Schwagers war und sie bei sich unterbrachte, weil auch bei der Rotkreuzstation kein Mensch mehr aufzufinden war.
Man merkt Luis Cardona an, dass es ihm immer noch Angst einjagt von diesem Donnerstag zu erzählen. Seit fünf Jahren ist er nun auf der Flucht. Selten konnte er länger als zwei, drei Wochen an einem Ort arbeiten. Selbst in der Hauptstadt Bogotá liefen Männer mit seinem Foto herum und fragten nach ihm. Zurzeit ist er in Sicherheit und lebt unter dem Schutz des amerikanischen Gewerkschaftsverbandes AFL/CIO in den USA.
An dem Nachmittag, an dem er entkommen war, so erfuhr Luis Cardona später, war die Todesschwadron auf das Gelände des Abfüllwerkes gekommen und hatte das Büro der Gewerkschaft niedergebrannt. Eine Woche später waren sie dann am frühen Morgen auf dem Werkshof erschienen und hatten die Belegschaft zusammengetrommelt. Calíche hatte einen Stapel Formulare mitgebracht. Austrittserklärungen für die Gewerkschaftsmitglieder, fein säuberlich mit allen persönlichen Daten ausgefüllt, die er sich aus dem einzigen Firmencomputer hatte ausdrucken lassen. Wer nicht unterschreiben würde, sei dem Tod geweiht, sagte er. Das war das Ende der Gewerkschaft im Coca-Cola-Werk von Carepa in Nordkolumbien.
New York im Mai - Luis Adolfo Cardona erinnert sich noch gut an den Morgen jenes Donnerstages, seit dem er bis heute auf der Flucht ist. Als er den Schuss hörte, stand er im Kiosk des Abfüllwerks am Rande der Kleinstadt Carepa, in dem die Firma Panamco Sprudelgetränke für Coca-Cola produziert. Es war noch früh am Tag, aber hier in der Provinz Urabá am nordwestlichen Ende Kolumbiens lag wie immer schon kurz nach Sonnenaufgang eine stickige Hitze über den Bananen- und Zuckerrohrfeldern, deren endloses Grün sich von den Ausläufern der Anden bis hin zur Dschungelküste am karibischen Meer erstreckt.
Luis Cardona lief sofort auf den Werkshof, um zu sehen, was geschehen war. Er war nicht besonders kräftig, nicht besonders gross, eher der Typ Fussballer mit muskulösen Beinen, schmalen Schultern und einem prächtigen Schnauzbart im Gesicht. Aber als er den Schuss hörte, handelte er fast wie im Reflex. Vorne am Eingangstor sah er noch, wie sich der Bursche mit der Pistole über Isidro beugte. Über Isidro Segundo Gil, den Bezirksleiter der Gewerkschaft «Sinaltrainal» für Arbeiter der Lebensmittelindustrie, der hier als Pförtner arbeitete und der an diesem 5. Dezember später am Abend die Tarifgespräche mit der Werksleitung hätte führen sollen, weil der Vertrag mit den Arbeitern auslief und sie ein paar Wünsche hatten, ein wenig mehr Geld zum Beispiel, etwas Zuschuss für das Schulgeld ihrer Kinder, aber vor allem Schutz vor den Paramilitares, die den Gewerkschaftlern schon seit zwei Jahren zugesetzt hatten. Aber nun lag Isidro vorne am Tor in seinem Blut. Luis Cardona lief zu seinem Freund, doch dem konnte keiner mehr helfen. Vier Schüsse hatten ihn im Kopf getroffen, sechs in Brust und Unterleib.
Es wird nicht leicht werden, meint Kovalik. Es gibt keine schriftlichen Beweise für die Zusammenarbeit der Werksleitungen mit den Todesschwadronen. Nur Zeugenaussagen. Momentan versucht Coca-Cola den Prozess noch für unzulässig erklären zu lassen. Schliesslich gilt die Firma Panamco, die für Coca-Cola in acht verschiedenen Ländern Erfrischungsgetränke abfüllt, rein rechtlich nur als Zulieferbetrieb, auch wenn 25 Prozent der Firma dem Coca-Cola-Konzern gehören.
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