KALTER KRIEG
DER SCHWERGEWICHTE

In der Boxwelt ist ein transatlantischer Kampf
um Weltmeistertitel, Heldengeschichten und Millionen
entbrannt. Bei dem dominiert Osteuropa.

© Andrian Kreye

New York am 12. November '06 - Am Tag bevor Wladimir Klitschko im Madison Square Garden seine beiden Weltmeistertitel gegen den amerikanischen Herausforderer Calvin Brock mit einem Bilderbuch-KO verteidigen wird, lädt der Boxpromoter Don King zwei Strassen von der Sporthalle entfernt zu einem Lunch mit seinem Schützling und ebenfalls amtierenden Weltmeister Shannon Briggs in Uncle Jack's Steak House ein. Don King lässt sich nicht lumpen. “Kein Hühnchen a la Kiew, keine Blinipfannekuchen", hieß es in der Einladung. Nein, es gibt “durch und durch amerikanisches" Steak mit Broccoli, Kartoffelpüree. Und dazu eine wunderbare Heldengeschichte, weil es beim Boxen nicht nur um Titel, Macht und Millionen, sondern eben auch um Geschichten geht.

Da hat Don King ein Problem. Schlimm genug, dass die fünf wichtigsten Schwergewichtstitel bis zum vorletzten Wochenende von Kämpfern aus ehemaligen Sowjetstaaten gehalten wurden und Klitschko mit seinem weltweit im Fernsehen ausgestrahlten Kampf gerade dabei ist, das Monopol der amerikanischen Promoter zu knacken. Er erzählt derzeit auch die beste Geschichte. Wie er damals als junger Nachwuchssportler von einem Kampf im Madison Square Garden träumte, dass er jetzt im gleichen Ring kämpfen wird, wie Ali und Frazier bei ihrem legendären Kampf im März '71, dass er von Ali gelernt hat, dass Siegen nicht alles ist, weswegen er einen Teil seiner Einkünfte an Schulen in Afrika spenden wird, und dass ihm schon Max Schmeling gesagt habe, dass der Madison Square Garden das Mekka des Boxens ist, was er dann immer mit einem Zitat aus Frank Sinatras “New York, New York" unterstreicht. Das ist die klassische Fabel vom Traum der alten Welt, die fast jeder Amerikaner aus seiner Familiengeschichte kennt und die gerade in diesen Zeiten so gut zieht, in denen sich Amerika vom Rest der Welt so unverstanden fühlt. Da muss Don King dagegen halten. Deswegen inszeniert er jetzt einen neue Geschichte und in der spielt die Hauptrolle eben Shannon Briggs, der Mann aus den Schwarzenghettos von Brooklyn.

Der riesenhafte Kämpfer grüßt etwas zögerlich. Seine Rechte ist immer noch zu einer grotesken Tatze aufgeschwollen. Mit dieser Rechten hat er den bis zu diesem Moment amtierenden russischen Weltmeister Sergej Liakowitsch kurz vor dem Ende der ersten Runde niedergeschlagen und dann buchstäblich in letzter Sekunde mit einer Abfolge gewaltiger rechter Haken und Geraden durch die Seile aus dem Ring geprügelt. Da waren auch die zwölf ermüdenden Runden vergessen, in denen sich der schwarze Muskelberg und der teigige Russe immer langsamer umkreisten. Dafür hat Briggs ja auch eine gute Erklärung. Er sei so schwer und langsam, weil er unter Asthma leider, deswegen müsse er seine Gegner möglichst in den ersten Runden bewusstlos schlagen, weil ihm sonst der Atem ausgeht. Und dann erzählt er noch von seiner Jugend im Ghetto von Brownsville, seiner Zeit als er sich als heimatloser Teenager ein wenig Geld mit Schachspielen im Park verdiente, von seiner Mutter, die an seinem 24. Geburtstag an einer Überdosis Heroin starb und seinem Stiefvater, der im Gefängnis verendete. Und wie er sich herausgekämpft hat, als er im Boxclub von Starrett City zu trainieren begann, einer Sozialbausiedlung aus 46 Hochhäusern am Rande einer Müllkippe im Osten von Brooklyn.

Dann trat er gegen George Foreman und Lennox Lewis an und nun hat er nur noch ein Ziel. “Ich werde die Weltmeisterschaftstitel vereinigen", sagt er. Die vier wichtigsten zumindest. Etwas verwirrend ist das Meisterschaftssystem ja mt seinen unzähligen Vereinen und Vereinigungen, die alle ihre eigenen Weltmeister ausrufen. Deswegen wolle er gegen Klitschko in den Ring. Der Kampf gegen Brock sei ja eigentlich seiner gewesen. Klitschko habe gekniffen. Ein Feigling sei das, der von einem mächtigen Apparat gestützt werde und sich nur Gegner aussuche, die er ganz sicher besiege. Dann begrüßt er ein paar Jungs mit schweren Goldketten am Tisch gegenüber und die Raplegende Fab Five Freddie schaut vorbei, der ja auch in Brooklyn angefangen hat und nun mit Briggs befreundet ist.

Ganz offensichtlich, welche Geschichte hier erzählt werden soll. Die Geschichte aus “Rocky Teil 4", in dem Sylvester Stallone als Rocky Balboa gegen den sowjetischen Boxkiller Captain Ivan Drago antritt. Der Film wurde 1985 noch im Kalten Krieg gedreht und zeigte die wahrscheinlich legendärste Trainingssequenz der Boxfilmgeschichte. Während Rocky durch kniehohen Schnee joggt, Holz hackt und auf gefrorene Schweinehälften eindrischt, lässt sich Drago von einem ganzen Stab Trainern und Ärzten mit einem Sportmaschinenpark und Dopingspritzen in Form bringen. Hat Klitschko gemeinsam mit seinem Bruder Vitali nicht im Militärsportverein von Kiew mit dem Boxen begonnen? Mit vierzehn, als es die Sowjetunion zumindest offiziell noch gab? Hat er nicht in Sportwissenschaften promoviert? Und dann ist da natürlich die Optik. Klitschko mit seinen ein Meter achtundneunzig, den Muskeln wie aus Stahl gegossen, dem kantigen Gesicht und den kalten Augen, die beim Staredown zur Waffe werden können. Dagegen wirkt der joviale Shannon Briggs mit seinen blondgefärbten Dreadlocks und seinem leichten Ranzen um den Bauch wie ein gemütlicher Held der Arbeiterklasse.

Ganz so einfach ist die Geschichte natürlich nicht. Nur zur Erinnerung für Don King - der Kalte Krieg ist vorbei, Amerika hat gewonnen. Wenn man schon Mythen spinnen will, dann bitte auch im Hier und Jetzt. Und da sieht es für die Kämpfer aus den ehemaligen Sowjetstaaten keineswegs so rosig aus, wie damals, als das sozialistische Imperium noch Unsummen in den Sport steckte, um den Propagandakrieg in den Stadien und Sporthallen der Welt zu gewinnen. Gerade die Boxer müssen heute ihren Weg im Westen und letztlich in Amerika machen, denn nur dort gibt es das Publikum und das Geld, mit denen man auch die Weltspitze erreicht. Das ist für die Ex-Sowjets nicht leicht. Und gerade in Amerika wirken sie zu grob, zu exotisch. Der Russe Nikolai Valuev? Eine Zirkusnummer. Sein Landsmann Liakowitsch? Wirkt im Fernsehen wie ein Bauerntrampel. Der Kasache Oleg Maskajew? Ein grober Klotz. Doch Klitschko vereint alles, was ein Weltstar braucht. Er sieht gut aus, spricht flüssiges Englisch und kann mit seiner sauberen Technik im Ring hin und wieder jene Sorte Feuerwerk produzieren, das ein Millionenpublikum in Atem hält. Es war am Samstag vielleicht nicht sein bester Kampf, das sagte hinterher jedenfalls sein Trainer Emmanuel Steward. Doch jene letzten Sekunden in der siebten Runde, als er seinen gewaltigen rechten Haken landet, der in Zeitlupe aussieht, als würde er Calvin Brocks Kopf in Sülze verwandeln, bevor der schwere Amerikaner leblos, flach zu Boden geht, sind genau jene Sorte Sportspektakel, die zieht. Und die Weltstars haben ihn schon als einen der ihren erkannt. Da sassen Dustin Hoffman und Spike Lee in der Arena, Mickey Rourke, Dennis Hopper, Axl Rose, Boris Becker, Joschka Fischer und ein gutes Dutzend ehemaliger und amtierender Boxweltmeister.

Und hier ist das Problem. Klitschko ist nämlich nicht nur telegen und technisch überlegen. Er versteht auch etwas vom Geschäft. Deswegen haben sich sein Bruder und er vor zwei Jahren vom Hamburger Boxstall Universum getrennt und die Promotionfirma K2 gegründet. Den Kampf im Madison Square Garden haben sie selbst veranstaltet, weltweite Fernsehrechte verkauft. Es stimmt sogar, dass Shannon Briggs ursprünglich als Gegner für den Kampf vorgesehen war. Doch es war keine Feigheit, warum Klitschko dann gegen Brock antrat. Im Gegenteil, das Manöver war ein Befreiungsschlag gegen das Monopol der großen US-Promoter Don King und Bob Arum, der Folgen haben könnte. Denn Briggs hatte kurz vor dem Kampf bei Don King unterschrieben, der für seine Knebelverträge berüchtigt ist. Der kassiert bei seinen Kämpfern meist den Löwenanteil der Kampfbörse und hat schon Superstars wie Mike Tyson ruiniert. Hätte Klitschko gegen Briggs kämpfen wollen, hätte er Optionen unterschreiben müssen, nach denen Don King auf Jahre hinaus bei Klitschko kassiert und mitgeredet hätte. Das ist nicht nur in Amerika üblich. Auch europäische Promoter verlangen solche Zugeständnisse. Die Klitschkos wisen, dass sie mit so dominierenden Fernsehsendern wie RTL und HBO an ihrer Seite auch gegen die Vormacht der Promoter ankommen können. Deswegen war der wahre historische Rahmen am Samstag die Tatsache, dass ein Osteuropäer als Attraktion im Madison Square Garden ohne die amerikanischen Machthaber kämpft. Wie zum Hohn überstrahlten in der Beleuchtungsanlage über dem Ring die schlichten Senderlogos aus jeweils drei Buchstaben das protzige Kronensignet von Don King.

Denn nun erzählt Wladimir Klitschkos Biografie eine ganz neue Geschichte. Es ist die Geschichte vom ukrainischen Teenager, der sich Videobänder von Muhammad Ali und Joe Frazier im Madison Square Garden ansieht und der im exakt selben Ring seinen Durchbruch als Superstar feiert, der die ganze Arena zum tosenden Jubel bringt und sich dabei nicht unterwerfen muss. Es ist die Geschichte vom Befreiungskampf der Schwellenländer und dem Abstieg der amerikanischen Vormacht. Es die Geschichte vom bescheidenen Weltmeister, der hunderten New Yorker Ghettokindern Eintrittskarten schenkt und einen guten Teil seiner Einnahmen dafür verwendet, Schulen in Afrika zu bauen.

Trifft man ihn abseits der Spektakel, lenkt er von solchen Mythenbildungen gleich ab. Er redet dann davon, wie er mit seiner Linken Distanz aufbaut und mit der Rechten dominiert, wie er seine Ausdauer fördert und seine Gegner einschätzt, wie er die Weltmeistertitel vereinigen will und von seinen Helden Max Schmeling und Muhammad Ali. Ein Vorbild fehlt - Sugar Ray Leonard. Der befreite die amerikanischen Kämpfer in den Siebziger Jahren erstmals aus den Klauen der Promoter. Das könnte Klitschko nun für den Rest der Welt gelingen.



Die legendäre Trainingssequenz

Klitschkos Sieg über Brock

Briggs Sieg gegen Liakowitsch

Filmtrailer "Rocky 4"



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