* BERICHTE AUS AMERIKA

HEITERE AUSSICHTEN

Warum die USA nicht um das Kyotoprotokoll herumkommen.

© Andrian Kreye


New York 17.12. '04 - Optimismus findet man beim Thema Erderwärmung eher selten. Schon gar nicht in den USA. Dort wird beharrlich an der Diskreditierung der Klimaforschng und der Umweltschutzbewegung gearbeitet. Erst vor wenigen Tagen veröffentlichte Michael Crichton, der mit Büchern wie “Jurassic Park" und der Fernsehserie “Emergency Room" zu den erfolgreichsten Autoren Amerikas gehört, seinen neuen Roman “State of Fear", in dem er Umweltaktivisten als Terorristen verunglimpft.


Doch bei ihrem New Yorker Symposium anlässlich der Klimakonferenz in Buenos Aires gaben sich der Klimaforscher an der Princeton University Michael Oppenheimer und der Kodirektor der Umweltschutzorganisation Environmental Defense Peter Goldmark zuversichtlich. Die welt- und innenpolitischen Entwicklungen zeigten ganz klar - es sei keine Frage ob, sondern wann und wie sich die USA den Kyotoprotokollen anschließen. Oppenheimer wagte sogar die Prognose, dass Amerika spätestens in zwei Jahren gezwungen sei, seine störrische Haltung aufzugeben.


Beide sahen die Klimakonferenz von Buenos Aires als historischen Moment. Aus gleich mehreren Gründen, so Goldmark. Das Kyotoprotokoll trete offiziell in Kraft. Die Umweltauflagen der europäischen Handelsverträge zeigten erste Wirkung. Mit dem so genannten Cap and Trade System, bei dem niedrige Schadstoffwerte wie eine Art Währung bares Geld wert sind, sei ein regelrechtes neues Wirtschaftssystem geschaffen worden. Und damit auch erstmals die Bedingungen für einen neuen Nordsüddialog, bei dem die Industriestaaten nun endlich das moralische Recht hätten, von den rapide wachsenden neuen Wirtschaftsmächten des Südens einzufordern, ebenfalls ihre Schadstoffemissionen einzugrenzen.


Höchste Zeit, denn die wissenschaftlichen Aussichten bleiben eher finster. Die Meeresspiegel steigen um 50 Prozent schneller, als gedacht, so Oppenheimer. Dabei sei das Abschmelzen der antarktischen und grönländischen Eisdecken noch gar nicht eingerechnet, das ebenfalls schneller voranschreite schneller voran, als bisher angenommen. Die Erderwärmung sei außerdem ein Phänomen, das sich nicht rückgängig machen ließe, wie viele glaubten, es gehe nur noch darum, ob sie lediglich ernste oder doch katastrophale Folgen habe.


Das läßt sich für die in den USA üblichen wirtschaftliche Argumentation auch durchaus in Zahlen ausdrücken. Die Versicherungskonzerne haben in Buneos Aires erstmals Zahlen veröffentlicht, was die Auswirkungen klimabedingter Naturkatastrophen für die Weltwirtschaft bedeuten. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2004 immerhin schon 90 Milliarden Dollar Folgekosten. Doppelt so viel wie im Vorjahr.


Angesichts der weltpolitischen Entwicklungen sei es nun sehr bedauerlich, dass die USA die Lösung des dringlichsten aller globalen Probleme nicht mitgestalteten und so letztlich auch kein Mitspracherecht hätten. Sämtliche Entwicklungen zeigten schon jetzt, dass kein Weg an den Kyotoprotokollen vorbeiführe. Denn Druck gibt es nicht nur von außen, sondern auch von innen. Sieben Bundesstaaten des amerikanischen Nordostens, wie New York, New Jersey und Massachusetts planen mit der “Regional Greenhouse Gas Initiative" RGGI ab April des Jahres 2005 die industriellen Schadstoffemissionen einzugrenzen. Diese Bundesstaaten werden sich vielleicht sogar unabhängig von der Bundesregierung den Kyotoprotokollen anschließen.


Kalifornien hat dieses Jahr zudem neue Auflagen für die Schadstoffemission und den Benzinverbrauch für Kraftfahrzeuge erlassen. Das wird dazu führen, dass die Autokonzerne bald schon Druck auf Washington ausüben, die Auflagen erstens bundesweit zu standardisieren, und zweitens auch andere schadstoffreiche Industrien zu Emissionsbegrenzungen zu zwingen. “Progressive Entwicklungen haben in der Geschichte der USA oft ihren Anfang auf Bundesstaatsebene genommen", gab Oppenheimer zu bedenken.


Dieser politische Druck von innen verstärkt den Druck von außen. Und der ist massiv, denn die Macht des europäischen Wirtschaftsblocks ist nicht zu unterschätzen. Europäische Konzerne würden sich bald schon gegen die wirtschaftlichen Nachteile wehren, die ihnen die Auflagen des Kyotoprotokolles bringen. Die Europäische Union kann darauf nur mit Handelsbeschränkungen für die USA reagieren, die mit den Schadstoffemissionen der amerikanischen Wirtschaft korrespondieren. Davon einmal abgesehen, so Goldmark, sei das Argument der USA, dass Schadstoffbegrenzungen zu viele Jobs kosten nicht ganz richtig. Wer rechtzeitig in neue Energietechnologien investiere, könne mehr Jobs schaffen. Denn eines vernachlässigten alle neoklassischen Wirtschaftsmodelle - technologischen Wandel. Auch der sei schon abzusehen. Selbst ohne Initiativen wie das Kyotoprotokoll würde ein Drittel des weltweiten Energiebedarfes in naher Zukunft aus erneuerbaren Energiequellen gespeist werden. Wer auf diese Entwicklungen nicht rechtzeitig reagiert, wird sie verpassen.


Zeit sei das einzige, was die Welt nicht habe, betonte Oppenheimer. “Während wir hier sitzen, steigen da draußen die Kohlenmonoxidwerte." Bis die Kräfte der freien Marktwirtschaft dafür sorgen, dass neue Energietechniken profitabel genug sind, um Schadstoffemissionen effektiv einzudämmen, wie es amerikanische Politiker fordern, wäre die Durchschnittstemperatur auf dem Planeten um schätzungsweise zehn Grad Celsius gestiegen.





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