* BERICHTE AUS AMERIKA

GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG

In den USA werden die liberalen Kirchen
von den machthungrigen Evangelisten
verdrängt.

© Andrian Kreye


Die Community Church of Astoria ist eine kleine Gospelkirche am Westrand des New Yorker Vorstadtbezirkes Queens. Mann könnte sie glatt übersehen, denn ohne Kirchturm oder großes Portal gehört sie zu den so genannten “Storefront Churches", die sich in den ärmeren Vierteln der amerikanischen Großstädte an fast jeder Ecke in ehemaligen Ladengeschäften, Lagerhallen und Theatersälen einrichten. Viel braucht man ja nicht, um das Wort Gottes verbreiten - ein Kreuz, ein paar Bankreihen, ein Stehpult als Kanzel. Es ist früher Nachmittag, als sich die Türen der Kirche öffnen und ein paar Dutzend Gläubige auf die Strasse strömen. Der Pastor hat, wie so oft in diesen Feiertagen, über Glaube, Liebe und Hoffnung in schweren Zeiten gepredigt. Hoffnung können sie hier in der Gegend gut brauchen. Gleich hinter der Kirche ragen rostbraune Sozialbautürme in den Winterhimmel und unten auf dem Sportplatz der Schule spielen Halbstarke in überweiten Anoraks gelangweilt mit ihren Kampfhunden.

Das sind die Elendsnischen der Stadt New York, in der trotz Wirtschaftswunder und Wiederaufserstehungsmythos immer noch 50 Prozent aller jungen Schwarzen keine Arbeit bekommen und die Zahl der Sozialhilfeempfänger nur deswegen geschrumpft ist, weil der Bürgermeister die Auflagen verschärft hat. Der einzige Farbfleck in der graubraunen Tristesse des Ghettos scheint die Familie zu sein, die in allerbestem Sonntagsstaat zur Bushaltestelle laufen. Vater im Anzug, Mutter mit Hut, die drei Töchter in roten und grünen Wollmänteln. Symbole der Hoffnung auf eine Bürgerlichkeit, die man in den Armenvierteln Amerikas oft nur in den Kirchengemeinden vorfindet. Da ertappt man sich beim irritierten Seitenblick. Das Bild von der Kirche als Hoffnungsträger erscheint ungewohnt. Dabei ist noch nicht allzu lange her, dass die Kirchen als Motor der progressiven Entwicklungen im Land dienten.

Nun ist gerade in letzter Zeit viel über das amerikanische Christentum berichtet worden. Über den Einfluss der evangelistischen Kirchen auf die Regierung. Über George W. Bushs religiös gefärbte Sprache und seine Vorstöße, im Rahmen der “faith based initiatives" die Bundesgelder für Sozialhilfe zu schenken. Über die fundamentalistischen Mitglieder seines Kabinetts wie seinen ehemaligen Justizminister John Ashcroft und seine zukünftige Außenministerin Condoleezza Rice, die mit missionarischem Eifer die Trennung von Kirche und Staat, die Bürgerrechte und die Diplomatie demontierten. Über die Hetzreden gegen Andersgläubige, Abtreibung und Homosexualität, und über die Megakirchen, die Entwicklungs- und Nothilfe dazu missbrauchten, weltweit Mitglieder für ihre Version des christlichen Glaubens zu rekrutieren, so wie Billy Grahams Sohn Frank nach den Erdbeben von Zentralamerika und dem Einmarsch in den Irak.

Und die Zahlen sprechen Bände - 70 Prozent aller Amerikaner sagen, dass Glaube in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt, vierzig Prozent bezeichnen sich als “Born Again", also als Widergeborene, die als Erwachsene und somit aus eigenem Antrieb zum Glauben fanden.

Da erscheinen die Überreaktionen amerikanischer und europäischer Liberaler fast verständlich. So wie die Anfrage eines deutschen Zeitschriftenredakteurs, ob man nicht einen Text verfassen könne, dass die amerikanischen Christen ja eigentlich viel gefährlicher seien, als die Islamisten, was er sich dann auch mit den Argumenten nicht ausreden lassen wollte, christliche Fundamentalisten hätten im Namen ihres Gottes bisher weder Flugzeuge entführt, noch Züge gesprengt oder Frauen gesteinigt. Denn die Berichte über die Siegeszüge der fundamentalistischen Evangelisten überschatten inzwischen die Tatsache, dass Kirchen im politischen Alltag Amerikas schon immer eine wichtige Rolle gespielt haben, und zwar meist die Rolle der Progressiven. Der zivile Widerstand unter der Führung des Baptistenpredigers Martin Luther King Junior war da nur eines von vielen Beispielen.

Die Erlassung der Bürgerrechtsgesetze von 1965 gelten allerdings auch als Schlüsselmoment der amerikanischen Geschichte, der die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft im Jahre 1968 in die lautstarke Minderheit der progressiven Subkulturen und die so genannten schweigende Mehrheit des Bürgertums vorbereitete. In der Soziologie und der Politik ist diese Spaltung ausführlich dokumentiert worden. Dass sich dieselbe Spaltung auch innerhalb der amerikanischen Kirchengemeinden vollzog, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Im Kontext der kirchenhistorischen Entwicklungen relativieren sich die vorab erwähnten alarmierenden Zahlen allerdings recht schnell.

So fand das Pew Research Center heraus, dass die Zahl derer, die das grundsätzliche Dogma der Kirchen als absolut akzeptieren, und die glauben, dass es unfehlbare Richtwerte für den Unterschied zwischen Gut und Böse gibt, um ein Vielfaches gestiegen sei. Genauso haben die evangelistischen Kirchen seit 1965 ihre Mitgliederzahlen um ein Vielfaches gesteigert. Die erzkonservative Southern Baptist Convention, die weiße Südstaatler nach der Abschaffung der Sklaverei gründeten, um nicht mit Schwarzen in eine Kirche gehen zu müssen, hat ihre Anhängerschaft um rund fünf Millionen vergrößert. Die fundamentalistische Pfingstkirche der Assembly of God verfünffachte ihre Gemeinde auf weltweit 15 Millionen Mitglieder.

Die liberalen Kirchen kämpfen dagegen seit ihrer großen Zeit in den 60er und 70er Jahren mit Mitgliederschwund und dem Verlust ihres Einflusses auf Politik und Gesellschaft. Die Presbyterianer haben seit 1965 rund vierzig Prozent ihrer Mitglieder verloren, die Episkopalkirche und die Methodisten jeweils rund ein Viertel. Zwar kann der National Council of Churches, eine Art Dachverband liberaler Kirchen, zusammengerechnet immer noch auf eine Mitgliederschaft von 50 Millionen verweisen. Rechnet man da die gut 100 Millionen Amerikaner dazu, die überhaupt keiner Glaubensgemeinschaft angehören, wundert man sich über die dominante Rolle der Fundamentalisten.

Progressive Kirchen verstehen sich auch heute noch als Speerspitze progressiver Strömungen. Vor allem sehen sie die Aufgabe der Kirchen in der aktiven Bekämpfung der Armut und Ungleichheit im Land, der Opposition gegen Krieg, und weniger in der Verteufelung von Abtreibung und Homosexualität, die Bushs Stratege Karl Rove geschickt zum Wahlkampfthema aufbauschte. Doch Sozialarbeit und Nothilfe sind eben nicht die glamourösen Aufgaben, mit denen man die Emotionen der konservativen Wählerschaft aufpeitschen kann. Innerhalb der liberalen Kirchen hat sich nun eine Debatte entsponnen, wie man gegen den Niedergang vorgehen soll. Erste Stimmen, dass sich die Kirchen in die Sensationsdebatten einmischen sollen, weil viele Geistliche offensichtlich progressiver seien, als ihre Gemeinde, werden mit Sorge betrachtet. Die Leitung des National Council of Churches will den fundamentalistischen Demagogen eher die liberalen Grundwerte der christlichen Nächstenliebe entgegensetzen.

George W. Bush ist übrigens keineswegs Anhänger einer fundamentalistischen Kirche, sondern gehört als Methodist eigentlich einer Konfession an, die das Schicksal eher als Konsequenz des naturgegeben freien Willens, als der göttlichen Bestimmung ansieht. So befindet sich George W. Bush mit seinem Glauben, dass ebenjene Bestimmung Gottes ihm das Mandat für das Präsidentenamt übertragen habe, eigentlich im Widerspruch zu den Lehren seiner eigenen Kirche. Doch auf dem politischen Parkett hat er von Anfang an mit den Führerfiguren der evangelistischen Bewegung paktiert, die ihm als Konservativen die Wählermassen liefern konnten, und ihn nicht, wie so viele progressive Kirchen, in Debatten verstrickten.

Es ist also keineswegs der Glaube, sondern der Machthunger und Populismus der “New Religious Right", der Anlass zur Sorge gibt. Ronald Reagan war der erste Regierungspolitiker, der die verführerische Wirkung und rhetorische Kraft erkannte, die eine Vermischung aus Religion und Ideologie ausüben kann. Als er 1983 in seiner Rede vor der National Association die Sowjetunion als “Reich des Bösen" verteufelte, war er der erste, der die amerikanische Weltpolitik mit religiösen Motiven zum göttlichen Auftrag formulierte und somit der “Manifest Destiny" der Gründerjahre eine globale Dimension gab. Gegen solch großmächtige Gesten haben sich die liberalen Kirchen mit ihren bescheidenen Ambitionen von christlicher Nächstenliebe nicht durchsetzen können. Die konservative Revolution, die 1968 mit der Wahl Richard Nixons begann und in der Innen- und Außenpolitik der Bushregierung ihren vorläufigen Höhepunkt findet, hat somit nicht nur die liberale Politik, sondern auch die progressive Stoßkraft der progressiven Kirchen beendet. Die politische Realität scheint das zu bestätigen. Der Schwarzenprediger Al Sharpton wirkte auf dem Parteitag der Demokraten mit seiner Brandrede gegen die multikulturelle Heuchelei des weißen Amerika wie ein radikaler Sonderling. Die radikalen Fernsehevangelisten wie Pat Robertson, Jerry Falwell oder Frank Graham geniessen dagegen direkten Zugang zum Weissen Haus.

Als Defätist gilt jedoch jeder Zweifler, der das moralische Dogma der evangelistischen Kirchen in Frage stellt und auf das Prinzip der Nächstenliebe hinweist. Das musste die United Church of Christ neulich erfahren. Die Kirche gehört zu den progressivsten Konfessionen im Land, die Ende des 19. Jahrhunderts als erste eine Frau und einen Schwarzen, und 1972 einen offen Homosexuellen ins Priesteramt ordinierte. 1972 weihte. Um gegen die zunehmende Intoleranz der evangelistischen Kirchen anzukämpfen, produzierte die United Church nun einen Werbespot, in dem ein Türsteher ein schwules Paar davon abhält eine Kirche zu besuchen, gefolgt von dem Slogan: “Jesus hat niemanden abgewiesen. Wir auch nicht." Zwei der drei großen Fernsehanstalten weigerten sich, den Spot zu senden. Ihre Begründung: “Zu kontrovers."





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