DAS ENDE DER SCHÖNFÄRBEREI

Medien und Prominente sind nach der
Katastrophe von New Orleans die Speerspitze
eines neuen Volkszornes.

© Andrian Kreye


New York 05.09. '05 - Als der Fernsehreporter Shepard Smith am Mittwoch Nachmittag auf einer Autobahnbrücke des Interstate Highway Nummer 10 hoch über der Innenstadt von New Orleans realisierte, dass dort ungefähr eintausend gestrandete Opfer der Flutkatastrophe ohne Wasser und Nahrung in der Sonne saßen, ohne dass sich auch nur irgend jemand um sie kümmerte, verlor er die Geduld. Wütend setzte er einem Polizeibeamten nach, der keinerlei Anstalten machte, die Gestrandeten wenigstens darüber zu informieren, ob und wann etwas mit ihnen geschehen sollte. Genau das wollte Shepard Smith nun wissen - ob und wann etwas geschehen würde und warum bisher nichts geschehen sei und wie es kommen könnte, dass eintausend Menschen auf einer amerikanischen Autobahn sitzen würden, ohne dass sich jemand um sie kümmert. Der Polizist ging schweigend weiter und verschwand wortlos in seinem Streifenwagen.

Dabei gehört Shepard Smith ansonsten nicht gerade zu den rebellischen Vertretern seiner Zunft. Im Gegenteil, er arbeitet für Rupert Murdochs rechtskonservativen Nachrichtensender Fox News, der normalerweise rund um die Uhr gegen Minderheiten, Arme, Liberale und Pazifisten hetzt. Überhaupt haben sich die amerikanischen Medien während der Jahre unter George W. Bush nicht gerade mit Ehre bekleckert. New York Times und Washington Post entschuldigten sich sogar für ihre unverantwortliche Weise, mit der sie Regierungspropaganda verbreitet hätten, die letztendlich zum Irakkrieg führte. Doch in New Orleans war Schluss mit der Schönfärberei. Und Shepard Smith war nicht der einzige Reporter, der seine politisch korrekte Höflichkeit über Bord warf und genau jene harten, unbequemen Fragen stellte, die man in den amerikanischen Medien so lange vermisste.

Da polterte CNN-Reporter David Mattingly am Donnerstag: “Das ist nicht das Amerika, in dem ich aufgewachsen bin." Sein Kollege Jack Cafferty schnaubte, auf die Nachricht dass Bush seine Ferien nun doch unterbreche, der Präsident habe im März ja auch nicht gezögert, Hals über Kopf aus dem Urlaub nach Washington zurückzukehren, um gegen die Sterbehilfe für die Komapatientin Terri Schiavo zu intervenieren. Am selben Abend unterzog ABCs Ted Koppel den inkompetenten Chef des Katastrophenhilfe Fema Michael Brown einem Interview, das eher ein Verhör war.

Am Samstag verlor CNN's Starreporter Anderson Cooper die Geduld, als die Senatorin von Louisiana Mary Landrieu ihren Auftritt vor seinen Kameras dazu nutzte, Präsident Bush für seine Sorge und den Kongress für zehn Milliarden Dollar Nothilfeaufwendungen zu danken. “Senator, ich glaube Sie haben nichts kapiert", fauchte Cooper. “Das letzte was die Leute hier brauchen sind Politiker, die sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Die Leute sterben hier unten und die Hilfe, die sie brauchen, bekommen sie nicht."

Auch auf den Seiten der Zeitungen herrscht ein ungewohnt herber Ton. Auf der Meinungsseite der New York Times, sonst Ort hitziger Debatten, zerlegen konservative Kommentatoren wie David Brooks und liberale Kolumnisten wie Paul Krugman oder Maureen Dowd in seltener Einigkeit die himmelschreienden Inkompetenzen der Behörden und das zynische Desinteresse der Bush-Regierung am Schicksal von zehntausenden Bürgern.

Zeichnet sich hier das Ende des Spin ab? Spin ist die hohe Kunst der Propaganda, die niemand so gut beherrscht, wie George W. Bushs engste Berater Karl Rove und Karen Hughes. Spin bedeutet, nicht zu lügen, und trotzdem die Wahrheit bis zur Unkenntlichkeit zu verzerren. Spin heißt, durch Schönfärberei jedem Thema eine ideologische Wendung zu geben, die man nutzen kann. Bushs Meister des Spin haben es in den letzten Jahren fertig gebracht, dass selbst so haarsträubende Skandale wie die Lügen vor dem Irakkrieg, die Unfähigkeit einen Terrorkrieg effektiv zu führen oder die Folterungen von Abu Ghraib und Guantanamo Bay spurlos an der Regierung vorüberzogen.

Sie haben menschenfeindlichen Regierungsprogrammen Titel gegeben, die den Bürgern das genaue Gegenteil der Intention suggerierte. Den unamerikanischen Abbau der Bürgerrechte nannten sie Patriot Act, das Programm, mit dem derzeit öffentliche Schulen so ruiniert werden, dass verängstigte Mittelstandseltern die staatliche Finanzierung von Privatschulen unterstützen, betitelten sie “Leave No Child Behind", die Politik, die staatliche Renten- und Sozialversicherung abzuschaffen, heißt “Saving Social Security".

Die amerikanischen Medien haben bisher nur matt oder gar nicht gegen die konstante Flut des Spin aus Washington reagiert. Oft wurden haarsträubende Verlautbarungen, die selbst ohne Hintergrundrecherche als vollkommener Schwachsinn erkennbar waren, als gleichberechtigte Verlautbarung oder Meinung behandelt, wie es sich nach dem Gleichheitsprinzip des amerikanischen Journalismus, beide Seiten zu befragen, gehört. Damit haben sie ihre ureigenste Aufgabe vernachlässigt. Mit den harten Fragen zu Katrina und New Orleans erinnern sie sich jedoch ihrer angestammten Rolle als vierte Macht im Staate, die nicht nur neutral berichten, sondern auch in Frage stellen soll.

In der amerikanischen Bevölkerung stößt die neue Kampflust der Medien auf großen Zuspruch. Sicherlich feiern Medien, die ausschließlich Spin verbreiten, wie die Talkradiosender, Fox News und einige Polittalkshows auf CNN seit dem Beginn dieses Jahrzehntes vermehrt Erfolge. Doch der Großteil der Bevölkerung lässt sich nicht so abfüttern. Da rangiert ein schmales Essaybändchen namens “On Bullshit" seit Wochen auf der Bestsellerliste, in dem der Philosophieprofessor an der Princeton University Harry G. Frankfurt aufzeigt, dass der ausgemachte Blödsinn, der oft als Wahrheit akzeptiert ist, im Gegensatz zur Lüge, keinen Bezug zur Realität mehr hat.

Ideologisch so entgegengesetzte Vordenker wie der linke Historiker und Soziologe Mike Davis und der konservative Kommentator David Brooks sehen in den Trümmern von New Orleans schon eine neue Bürgerrechtsbewegung gären. Der öffentliche Zorn der Leitfiguren der Hip-Hop-Generation scheint das zu belegen. Da wich der Rapstar Kanye West beim Spendenaufruf im Fernsehen vom Telepromptertext ab und polterte “Bush schert sich nicht um schwarze Menschen". Rapmogul P. “Puff Daddy" Diddy verteidigte, die Menschen, die sich in ihrer Not in leerstehenden Geschäften mit dem Nötigsten versorgten: “Ich hätte genauso gehandelt." Und spendete gemeinsam mit Rapstar Jay Z eine Million Dollar, der sagte: “Das sind unsere Leute. Wenn ich CNN anschalte, sehe ich eine ganze Menge schwarzer Menschen in den Straßen." Auch New Orleans Rapstar Master P handelt eher pragmatisch und versucht gerade Firmen, die Windeln und Nahrung herstellen zu Sachspenden zu bewegen. Der Gründer der Politrapgruppe Public Enemy Chuck D hat als Reaktion auf New Orleans schon einen Protestsong mit dem Titel “Hell No, We Ain't Alright" geschrieben, in dem es heißt: “Ausnahmezustand, zeigt dass sich eine bestimmte Regierung, schon weit von der Realität entfernt hat."

Es sind aber nicht nur die Jungen, die angesichts der Katastrophe von der Wut gepackt werden. Wer ganz genau hingehört hat, der hat gemerkt, dass der herzzereissende Auftritt von New-Orleans-Soullegende Aaron Neville noch viel subversiver war, als der Ausbruch von Kanye West in der selben Sendung. Neville sang als erstes Randy Newmans "Lousiana 1927", einen Song, in dem die Flut von 1927 beschworen wird, bei der die rassistische Lokalregierung Tausende Schwarze dem Tod preisgab, als sie Dämme um den Mississippi durchstossen ließ, um den Druck der Fluten abzulassen, und nach der 300.000 überwiegend schware Obdachlose über Monate hinweg in notdürftigen Lagern hauste. "Louisiana, Louisiana, sie wollen uns einfach wegspülen", heißt es da im Refrain. Und schon damals versagte ein Präsident: "Präsitend Coolidge ist mit einem Zug angefahren", erzählt die letzte Strophe. "Mit einem kleinen fetten Mann mit einem Notizbuch, und er sagte - kleiner fetter Mann, ist es nicht eine Schande, was der Fluss mit dem Land dieses armen Crackers getan hat." Wobei Cracker eine Bezeichnung für arme Weiße ist.

Da formiert sich eine Speerspitze des Volkszornes, die mit dem Hip-Hop eine ähnlich breite Jugendkultur nutzen kann, wie die Protestbewegung vor dreißig Jahren die Rockmusik. Die politische Opposition blieb dagegen mit Ausnahme der Abgeordneten vom Congressional Black Caucus eher ruhig. Erst am Montag meldete sich Expräsident Bill Clinton zu Wort, der in diesen Tagen mit George Bush dem Älteren Spenden für die Katrina-Opfer sammelt. Als Bush seinen Sohn verteidigen wollte und dazu meinte, Clinton sei sicher auch der Meinung, man dürfe hier nichts politisieren, erhob der Einspruch. Er sei sogar sehr wohl der Meinung, dass man Fragen stellen müsse. “Unserer Regierung hat diese Menschen im Stich gelassen", sagte er auf CNN. Wenn die größten Anstrengungen vorbei seien, müssten Kongress und Bundesregierung Untersuchungen anstellen. Ob George W. Bush und die Verantwortlichen der Katastrophe wie Heimatschutzchef Michael Chertoff und Fema-Leiter Michael Brown auch diesen Skandal mit Hilfe der Spinmeister überstehen, ist abzuwarten.





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