Doch es waren der Pianist und Sänger Harry Connick Jr. und der Trompeter Wynton Marsalis, die mit Louis Armstrongs “Do You Know What It Means, To Miss New Orleans" eine Ahnung vermittelten, was Amerika mit dieser Stadt, in der beide geboren wurden, verlieren wird. Auch wenn das kulturelle Erbe von New Orleans heute eher konserviert, als gelebt wird und das historische Zentrum mit seinem French Quarter und dem Garden District bis zur Flut vor allem eine trinklaunige Touristenattraktion war, so ist New Orleans doch der Geburtsort der einzig originären Hochkulturform, die Amerika hervorgebracht hat - des Jazz. Und es war gerade diese einzigartige Mischung aus afrikanischer, französischer, spanischer und amerikanischer Kultur, die neben der Literatur von Mark Twain, William Faulkner und Tennesse Williams auch eine Musik hervorbrachte, die die Welt noch nicht gehört hatte.
Kanye West ist nicht alleine mit seiner Wut und die Wut ist nicht nur eine Wut des schwarzen Amerika. Es ist die Wut auf einen Präsidenten, der den ersten Tag nach dem Sturm damit verbrachte, nach San Diego zu fliegen, um dort politische Spenden für seine Partei zu sammeln, der es erst am vierten Tag für nötig befand, seinen Urlaub abzubrechen, und der mit seinen halbherzigen Worten und Gesten nicht eine Sekunde wie der Oberbefehlshaber wirkte, als den ihn seine Bürger gewählt haben. Auf einen Vizepräsidenten, der immer noch in seinem Heimatstaat Wyoming in den Ferien ist, während die Navy seinen Geschäftspartnern vom Halliburtonkonzern schon Aufträge für Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten im Katastrophengebiet zusicherte. Auf eine Außenministerin, die sich nach der Katastrophe von einem Sprecher verleugnen ließ, weil sie ihren Kurzurlaub in New York nicht absagen wollte, während dem sie dann beim Besuch des Musicals “Spamalot" vom Publikum ausgebuht und beim Kauf von Schuhen im Wert von mehreren tausend Dollar bei Ferragamo von einer Kundin angebrüllt wurde, die sie allerdings von ihren Bodyguards prompt vor die Tür setzen ließ. Wut auf ein Heimatschutzministerium, das mit seiner lethargischen Bürokratie genau jene Aufgabe nicht wahrgenommen hat, wegen der es nach dem 11. September gegründet wurde - das Leben amerikanischer Bürger zu retten. Diese Wut zieht sich durch alle Bevölkerungsschichten und politischen Lager.
New York 05.09. '05 -
Die Emotionen kochen hoch in Amerika, denn das Land sieht sich nicht nur mit einer der größten Naturkatastrophen seiner Geschichte konfrontiert, sondern auch mit einem Versagen von Regierung und Bürokratie, das man eher in den finstersten Zeiten der Sowjetunion erwartet hätte, als in einer Nation, die die Wahrung der eigenen und internationalen Sicherheit zum Credo erklärte. Doch es war zunächst einmal die Trauer, die überwiegte, als Musiker aus New Orleans und den betroffenen Staaten gemeinsam mit Hollywoodstars auf dem Fernsehsender NBC eine Stunde lang auftraten, um die Spendenmaschine anzukurbeln. Da brach dem Countrysänger Tim McGraw fast die Stimme weg, Faith Hill standen beim Singen die Tränen in den Augen und es gab selten einen so herzzerreißenden Fernsehauftritt, wie die zwei Minuten als der Mitbegründer des New Orleans Funk Aaron Neville Randy Newmans “Louisiana 1927" sang.
Der Moment der Wahrheit kam allerdings, als der Rapper Kanye West beim gemeinsamen Spendenaufruf mit Mike “Austin Powers" Myers vom Text des Teleprompters abwich und eine zornige Tirade gegen den Rassismus der Medien und die zynische Untätigkeit der Regierung abließ. “Bush schert sich nicht um schwarze Menschen", rief er neben dem entsetzt dreinblickenden Myers, bevor die Sendeleitung auf den eilig herbeigerufenen Komiker Chris Tucker schaltete.
Dabei genügt selbst in Momenten der größten Krise eine kleine, aber beherzte Geste, um die Stimmung wieder umzudrehen. Der Stimmungsumschwung in Amerika kam, als der militärische Oberbefehlshaber des Katastropheneinsatzes General Russel Honoré am Freitag Vormittag mit dem ersten Kontingent der Nationalgarde in der Innenstadt von New Orleans eintraf. Breitbeinig stiefelte der kernige General über die Straßenkreuzung und brüllte Soldaten wie Polizisten an, ihre Sturmgewehre verdammt noch mal runterzunehmen, dies sei nicht der Irak, sondern eine humanitäre Hilfsaktion. Dann wies er noch ein paar Rettungsfahrzeugen mit strammen Gesten den Weg und half einer erschöpften Mutter, ihre zwei Kinder zu bergen. Mehr brauchte es gar nicht. Selbst der zornige Bürgermeister Ray Nagin, der den Präsident beschimpft hatte, sagte erleichtert: “Eines muss ich dem Präsidenten anrechnen - er hat diesen John-Wayne-Typ hier heruntergeschickt, der Sachen gebacken kriegt. Der kam aus seinem verdammten Hubschrauber, hat angefangen zu fluchen und die Leute dazu gebracht etwas zu tun." Rudolph Giuliani hatte solche Führungsqualitäten am 11. September 2001 bewiesen, als Bush schon einmal zu lange zögerte. Weswegen Bushs eigenen Parteigänger John Sweeney und Newt Gingrich schon forderten, man solle Giuliani nach New Orleans schicken.
Von Wut und Trauer wird nur die Trauer bleiben. Die Wut wird von den Spindoktoren und Ideologen schon kunstvoll zerpflückt, die Kritik am Versagen der Regierung und Behörden vor allem mit dem Argument zurückweisen, man dürfe die Katastrophe aus Pietätsgründen nicht politisieren. Doch es ist vor allem die Trauer um die Kulturmetropole New Orleans, die der Stadt langfristig das Leben retten könnte. Das legendäre French Quarter mit seinen gusseisernen Balkonen und der Garden District mit seinen viktorianischen Villen blieben von Sturm und Flut weitgehend unbeschädigt. Vielleicht sollte das World Heritage Committee des UNESCO die beiden historischen Viertel bei seiner 30. Konferenz im Juli nächsten Jahres zum Weltkulturerbe erklären. Das wäre angesichts der menschlichen Not auf den ersten Blick eine frivole Geste, doch es würde Zweifler wie den Mehrheitsfraktionsführer im Kongress Dennis Hastert zwingen einzuhalten, die fordern, die Stadt als Ruinenlandschaft abzusperren. Denn es war nicht nur ein Industriehafen, der da überspült wurde und den man einfach verlegen könnte. Es war nicht nur Heimat für insgesamt eineinhalb Millionen Menschen. Als die Stars sich zum ungeprobten Finale gemeinsam vor die Kameras stellten und aus vollem Halse den Dixielandmarsch “And When The Saints" anstimmten, erinnerten sie, dass New Orleans auch ein unwiederbringliches Stück der amerikanischen Kultur und Seele war. Es wird viel Kraft kosten, bis dieser Satz wieder im Präsens steht.
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