STATEN ISLAND 08:15

Die Dokumentarfilmerin Katja Esson
wurde für einen Oscar nominiert.

© Andrian Kreye

Großes Glück kann zu Schockzuständen führen, die es den Betroffenen unmöglich machen, das Ausmaß der neue Realitäten zu begreifen. Meist reicht dann aber schon ein kleiner Anstoß, um diesen Trancezustand aufzulösen. Bei der deutschen Dokumentarfilmregissseurin Katja Esson war es ein sehr charmanter Spruch von Clint Eastwood, der ihr beim gemeinsamen Mittagessen der Oscarkandidaten im Beverly Hilton Hotel plötzlich vor Augen führte, was es bedeutet, wenn man für einen Oscar nominiert wurde.

Angefangen hatte Katja Essons großes Glück mit einer Fahrt auf der Staten Island Ferry. Für einheimische New Yorker gehören die orangefarbenen Fährboote, die die Kleinbürgerviertel von Staten Island mit dem Bankenviertel von Manhattan verbinden, zu den Wahrzeichen der Stadt, weil sie im Viertelstundentakt den ewigen Traum der kleinen Leute von der großen Stadt symbolisieren. Der Regisseur Mike Nichols hat der Fähre vor Jahren mit seinem Film „Working Girl" ein Denkmal gesetzt, in dem Melanie Griffith eine jener Arbeitsbienen spielt, die jeden Morgen über die Upper New York Bay setzen. Deutsche Leser kennen die Fähre vielleicht aus Uwe Johnsons „Jahrestage". Katja Esson war also in guter Gesellschaft, als sie sich dort auf die Suche nach einer jener Geschichten machte, die mit der Beschreibung von Alltagsbanalitäten so viel mehr über das Leben und die Welt erzählen können, als manch groß angelegte Dokumentation. Und weil ihr eine Freundin davon erzählt hatte, dass sich auf der 08:15-Uhr-Fähre jeden Morgen ein Trupp resoluter Damen im Schminkraum des Damenklos treffen und dort eine verschworene Gemeinschaft bilden, schlich Katja Esson erst einmal vorsichtig um das Hauptdeck herum.

Das blieb nicht lange unentdeckt, wozu man wissen muß, dass Katja Esson eine hochgewachsene Frau ist, die ihre Haare in einen Schopf aus Rastalocken gebündelt hat. Das fiel auf. „Sie kamen mir schon bald auf die Schliche und waren auch erst einmal mißtrauisch, was die Deutsche mit der Videokamera da wollte", erzählt sie. Doch über die nächsten Wochen entwickelte sich auf der allmorgendlichen Überfahrt eine Freundschaft zwischen der Regisseurin und der Frauen, und bald durfte sie im Heiligtum der Schwesternschaft filmen, was sie wollte. Die subtilen Kämpfe innerhalb der strengen Hierarchie, die die zwanzigminütige Überfahrt auf den acht Hockern vor den zwei Schminkspiegeln bestimmen. Die Unterhaltungen über Familie, Sex, Rassenspannungen, böse Bosse, launische Männer, anstrengende Kinder. So wuchs der Film auch weit über die Aschenputtelallegorie hinaus, in der sich ein paar Frauen während der Überfahrt von Vorstadtmüttern in Karrierefrauen verwandeln.

„Ferry Tales" hat die Dichte und literarische Qualität einer Kurzgeschichte. Da sind die Hauptfiguren — Camilla die Buchhalterin, Rachel die Sozialarbeiterin, Justine die Friseuse, Valerie die Sekretärin. Die sind auf der Fähre weder Ehefrauen, noch Mütter, noch Angestellte. „Das hier ist eine Kultur", sagt im Camilla im Vorspann. Eine Kultur der Frauen, die weit über diese Rollen hinausgeht. Denn „Ferry Tales" ist keine Working-Girl-Fabel, sondern eine Geschichte über das Leben als Frau.

Auch Katja Essons eigene Geschichte ist kein Aschenputtelmärchen, sondern eine hart erarbeitete Karriere. Katja hieß noch Kümmerle, als sie von Popenbüttel nach Florida ging, um an der University of Miami Film und Theater zu studieren. Eigentlich wollte sie nach Deutschland zurück, doch dann lernte sie den kubanischen Maler Tomas Esson kennen. Sie heirateten, lebten erst in Miami, dann in New York. Sie ließen sich scheiden. Der Nachname blieb. Katja Esson drehte ihre ersten Dokumentationen, verdiente mit Musikvideos und Industriefilmen Geld. Genug Geld, um die Arbeit an „Ferry Tales" zunächst selbst zu finanzieren. Und das war sicherlich auch ein Grund, warum „Ferry Tales" so eine Qualität hat. Keine Fernsehredaktion saß ihr im Nacken. Dafür fand sie Gleichgesinnte — die Kamerafrau Martina Radwan, die Komponistin Cassis, die Produzentinnen Corinna Sager und Sabine Schenk. Ein halbes Jahr verbrachte sie mit den 60 Stunden Material im Schneideraum, überwarf sich mit einem Cutter nach dem anderen. Bis sie zusammen mit der Schnittmeisterin Sabine Hoffman die Geschichte so erzählt hatte, dass sie die Frauen, ihre Freundschaften, ihre Reise und ihre Stadt begreiflich machte.

Katja Esson war mit ihrem Lebensgefährten dem Tonmeister und Reiseschrifsteller Richard Fleming in Brasilien, als sie die Nachricht von der Nominierung bekam. Das war sehr abstrakt, denn an der Küste von Bahia haben die Surfer und Fischer keine Ahnung, was ein Oscar bedeutet. Zurück in New York gab es dafür keine Sekunde zum Verschnaufen - die Presse, das Fernsehen, die Freunde. CNN nannte „Ferry Tales" ein „Sex and the City im richtigen Leben". Die New York Times feierte sie im Kulturaufmacher. Der Stardesigner Eric Gaskins schneiderte ihr ein Abendkleid. Und dann war sie eben zum Lunch der Nominierten ins Beverly Hilton geladen. Das offizielle Oscarfoto wurde dort gemacht, bei dem sie sich der alphabetischen Reihenfolge nach im Pulk bei Coppola (Sofia), Del Toro (Benicio) und Eastwood (Clint) aufstellen sollte. Die Gesellschaft erhob sich von der Tafel, Katja Esson schüttelte ihre Haare noch einmal aus und da passierte das Malheur- irgend jemanden hatte ihre volle Ladung Dreadlocks mitten ins Gesicht getroffen. Da stand auch schon Clint Eastwood vor ihr und wischte sich die Augen. Wer würde da nicht nervös? So schritt sie an seiner Seite zum Podest, plapperte auf ihn ein, wie leid ihr das tue und wie grandios es doch sei, ihn hier zu treffen, wie sehr sie seine Arbeit bewundere. Bis ihr Clint Eastwood die Hand auf den Rücken legte, sein legendäres Lächeln aufsetzte und fragte: „Und? Bist du öfter hier?" Charmanter hätte es der König der Einzeiler wahrscheinlich nicht formulieren können. Ab und zu muß einem eben erst jemand sagen, dass man nun angekommen ist.





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