Man hätte in diesen Tagen glauben können, ein Volksheld sei gestorben. In jeder Ausgabe berichteten die Boulevardzeitungen über die Vorbereitungen zum Begräbnis des Paten, als stünde eine Feier am königlichem Hofe bevor. Steve Dunleavy, der Chefkolumnist der Post, schrieb, im Gegensatz zu den Feiglingen von Enron habe die Mafia wenigstens die Finger von den Brieftaschen der Normalbürger gelassen. Damit brachte Dunleavy die Stimmung in der Stadt mit seinem populistischen Gespür auf den Punkt: Angesichts der Milliardenschwindler aus der Hochfinanz erschien den New Yorkern ein blutrünstiger Gangsterboss schon fast wie ein Held der Arbeit.
Was sich auf den New Yorker Straßen als eigenartige Nostalgie nach einer altmodischen Ehrlichkeit im Faustrecht formuliert, hat sich im Rest des Landes zu grundlegenden Zweifeln am System des Kapitalismus ausgeweitet. Und es sind nicht die üblichen Verdächtigen wie Noam Chomsky oder der Grünenpolitiker Ralph Nader, die das Prinzip der freien Marktwirtschaft in Frage stellen. Es war Henry Paulson Jr., Chef der Investmentfirma Goldman Sachs, der in einer Rede vor dem National Press Club in Washington verkündete, dass sich die amerikanische Geschäftswelt in der größten Krise seit 50 Jahren befinde.
Anstatt mit Schimpf und Schande davongejagt zu werden, bekam er für seine deutlichen Worte Beifall von Leuten wie dem Multimilliardär Warren Buffet, Senator Jon Corzine und mehreren anwesenden Bankenchefs. Lange galten die kritischen Urteile des Investors und Philantropen George Soros als Minderheitsmeinung, jetzt aber fallen die Sätze in seinem jüngsten Buch “On Globalization" an vielen Orten auf fruchtbaren Boden: “Märkte sind amoralisch", “Finanzmärkte brauchen deutliche Führung" und “es reicht nicht, einen Krieg gegen den Terror zu führen, die Menschen brauchen auch eine Vision von einer besseren Zukunft".
Die etablierten Medien, die während der letzten zehn Jahre unbeirrbar die Segnungen der freien Marktwirtschaft priesen, sprechen nun täglich von der Krise des Kapitalismus. Sowohl die New York Times als auch das Wall Street Journal bezeichnen die Enthüllungen der neuesten Finanzskandale als “Watergate der amerikanischen Wirtschaft". Die Washington Post macht “einen Wurm im Kern des Kapitalismus" aus, das Wirtschaftsmagazin Fortune konstatiert das “Versagen des Systems". Die dazu passende Titelgeschichte des Economist lautet: “Die Niedertracht der Wall Street". Und das alles, bevor diesen Mittwoch mit den Enthüllungen beim Kommunikationskonzern Worldcom der bisher größte aller Wirtschaftsskandale losbrach.
Einen so radikalen Stimmungswandel hat Amerika seit dem Ende der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren nicht durchgemacht. Am Abend nach der Verkündung des Worldcom-Skandals lag das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in ihre Marktwirtschaft mit 38 Prozent auf einem Rekordtiefststand. Nicht zuletzt lag das daran, dass diesmal kein nebulöser Industriekonzern beim Betrug erwischt wurde, sondern einen Kommunikationskonzern, zu dem auch das zweitgrößte Telefonunternehmen im Land gehört: MCI Ein Markennamen, der Durchschnittsbürgern so geläufig ist wie Pepsi, Burger King und Chrysler. Und auch der Rest der Welt spürt das Debakel auf sich zukommen, denn Worldcom betreibt gut ein Drittel des Internetverkehrs.
Selbst Ikonen der amerikanischen Tugenden sind inzwischen in Finanzskandale verwickelt. Martha Stewart, die mit ihrem Imperium aus Zeitschriften, Fernsehsendungen und Produktkollektionen für die gepflegte Hausfrau ein dreistelliges Millionenvermögen erwirtschaftet hat, muss sich wegen Insidergeschäften verantworten. Vizepräsident Dick Cheney, der trotz Herzkrankheit erfolgreich den starken Mann im Krieg gegen den Terror gibt, war seinerzeit beim Bauunternehmer Halliburton Vorstandsmitglied, als auch dort Bilanzen geschönt wurden.
Die Goldenen 90er sind noch keine zwei Jahre her, doch die zu neuen ökonomischen Ufern aufbrechende, aufregende Kultur der Wirtschaftswunderjahre gilt plötzlich als Anachronismus. Vorbei sind die Zeiten, als Konzernchefs wie Popstars gefeiert wurden. Als Erfolgsgeschichten wie die Autobiographie von Jack Welch monatelang auf den Bestsellerlisten standen. Als Time Magazine den begehrten Titel “Man of the Year", der vor allem für Politiker, Wissenschaftler und große Wohltäter der Menschheit reserviert ist, gleich zweimal in einem Jahrzehnt an Geschäftsleute vergab. Als Publizisten und Futurologen die Ära der “Third Wave" verkündeten, ein Zeitalter der bahnbrechenden Technologien, welche die Menschheit von Grund auf zum Besseren verändern sollten.
Der Optimismus des verjüngten Kapitalismus schien grenzenlos, selbst dann noch, als im März 2000 der neue Markt zusammenbrach. Die so genannten Dotcoms, die jungen Aufsteiger aus den neuen Industrien, wurden noch als präpotente Versager belächelt. Die Weltwirtschaft habe sich zurechtgerüttelt, hieß es. Kein Grund zur Sorge. Die Dotcoms traten ab. Die alte Garde kehrte zurück und mit ihr das Vertrauen in die Börse.
Doch dann flog Ende letzten Jahres auf, dass die Geschäftsleitung des Energiekonzerns Enron mit Hilfe ihrer Finanzberater Betrug in großem Stil begangen hatte. Ein Einzelfall, beschwichtigte man. Aber die ersten Zweifel regten sich. Als sich der Firmenleiter Kenneth Lay bei der Anhörung vor dem Kongress wie ein ertappter Schuljunge um die Verantwortung drücken wollte, um sich danach mit zweistelligen Millionenbeträgen aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen, während seine Winkelzüge die Angestellten von Enron um ihre Rente und Ersparnisse gebracht hatten, platzte das amerikanische Traumbild vom Konzernchef als Superheld.
Auf Enrons Ken Lay folgten Chuck Watson vom Stromversorger Dynegy, Gary Winnick vom Kommunikationskonzern Global Crossing, John Rigas von den Adelphia Communications und der Leiter der amerikanischen Hugo-Boss- Niederlassung, Marty Staff. Die Tathergänge ähneln sich. Mit Hilfe von gefälschten Bilanzen treiben die Chefs die Aktien in die Höhe, um sich dann spätestens kurz vor dem Zusammenbruch des Lügengebäudes daran zu bereichern. Der jüngste ist auch der schwerste Fall - die Firmenleitung von Worldcom soll die Bilanzen bekanntlich mit einem Falschbetrag in Höhe von 3,8 Milliarden Dollar frisiert haben.
Ein Gespenst aus der Vergangenheit scheint wieder aufzutauchen - der habgierige, moralverachtende Yuppie der 80er Jahre. Der Börsenspekulant Ivan Boeski hatte damals den Schlüsselsatz geprägt: “Greed is Good!" Gier ist gut. Und die Hotelmagnatin Leona Helmsley definierte kaltblütig die Klassengrenze: “Nur kleine Leute zahlen Steuern". Doch angesichts der Milliardenschäden der Enron-Generation nehmen sich die Millionenbetrüger der 80er wie Kleinganoven aus. Und sie mussten auch bezahlen. Boeski und Helmsley wanderten ins Gefängnis.
Nach dieser Zäsur schien der neue Reichtum der 90er den Kapitalismus noch einmal von allen Sünden reinzuwaschen. Mit den neuen Technologien sollte sich eine neue Geschäftskultur zu etablieren; Erfolg war “hip", aber nicht das wichtigste. Die neuen Millionäre arbeiteten sich mit ehrlichen Leistungen nach oben, waren sozial engagiert, bemühten sich um Kultur und Umweltschutz, trugen Jeans und Turnschuhe, gaben sich zumeist bescheiden. Als es eigentlich schon vorbei war mit dem Boom, erfand der Journalist David Brooks noch rasch jenes Schlagwort für die lässige neue Oberschicht: die Bobos. Die bourgeoisen Bohémiens. Sie hätten die Wandlung Amerikas zu einer wahren Meritokratie endgültig vollzogen, behauptete er in seinem Bestseller “Bobos in Paradise".
Tatsächlich aber nahm die Misere schon Ende der 80er Jahre, als sich die Wirtschaft von den Exzessen der Yuppie-Ära reinigen wollte, ihren versteckten Anfang. Es könne nicht angehen, dass Chefs und Aufsichtsräte millionenschwere Gehälter beziehen, während es mit ihren Firmen bergab ging, war die einhellige Meinung. Vor allem die Aktionäre waren es leid, die Verluste ausbaden zu müssen, während sich das unfähige Management bis zum Konkurs reich entlohnen ließ. Um die Chefetage ins gleiche Boot wie die Aktionäre zu holen, bedrängten die Aktionärsversammlungen die Aufsichtsräte, die Chefs in Zukunft jenseits eines moderaten Basisgehalts mit Aktienoptionen zu belohnen. Nun mussten die Chefs die Bilanzen ihrer Firmen nach oben treiben, um nach Ablauf der Sperrfrist ihrer Optionen am gestiegenen Aktienkurs zu verdienen: die perfekte Motivation. Und darum beging der Kapitalismus den gleichen Denkfehler wie der Kommunismus: er glaubte an das Gute im Menschen.
Sicherlich gab es viele Konzernchefs, die ihre Firmen zu großen Erfolgen führten, die ehrliche Bilanzen ablieferten und daran interessiert waren, den Markt mit guten Produkten zu überzeugen. Doch es gab einfachere Methoden, um den Wert der Aktien hochzutreiben - den Abbau von Personal, die Übernahme der Konkurrenz und eben die so genannte “kreative Buchführung".
Für die Konzernchefs hat sich die vermeintlich strenge Linie der Aktionäre mehr als ausgezahlt. Seit 1985 ist das durchschnittliche Jahresgehalt eines Topmanagers von rund einer Million auf über 10 Millionen Dollar im Jahr gestiegen. Auch die Bezüge der regulären Angestellten sind in dieser Zeit im Schnitt um 63 Prozent gestiegen. Doch während die Chefs vor 17 Jahren noch das rund 70fache eines Arbeiters verdienten, bekommen sieheute im Schnitt das 410fache eines Normallohns ausbezahlt.
Die Auswirkungen dieser eingebauten Versuchung zum systematischen Blendwerk und Betrug sind noch nicht abzusehen. Nach der einhelligen Meinung der Wirtschaftsexperten waren Enron, Tyco und Worldcom erst der Anfang. Die direkten Folgen aber schlagen bereits unmittelbar auf die Wall Street und die Börsen durch, die wie keine anderen Institutionen vom Vertrauen der Anleger abhängen. Zum ersten Mal seit den 20er Jahren sinken die Aktien gegen den ökonomischen Trend, da die einschlägigen Indikatoren eigentlich auf eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft hindeuten.
Das Debakel im inneren Zentrum des Kapitalismus ist in der Geschichte der Wall Street nicht ohne Präzedenzfall. Lynn Stout, die an der University of California Wirtschaftsrecht lehrt, erinnerte diese Tage in der Nachrichtensendung des Fernsehsender PBS daran, dass die amerikanische Börse nach dem Schwarzen Freitag von 1929 bis zum Jahr 1954 brauchte, um auf den alten Stand zu kommen. Schlechter könnte die Stimmung nicht sein.