POP UND POLITIK

So politisch engagiert wie bei diesen Wahlen,
war das junge Amerika seit dem Vietnamkrieg nicht mehr.

© Andrian Kreye

New York 01.11. '04 - Es lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, wann der Ruck durch die amerikanische Jugend ging. Waren es die ersten Friedensdemonstrationen gleich nach den Anschlägen des 11. September, als sich am New Yorker Union Square spontan Tausende zusammenfanden, um gegen den Afghanistankrieg zu protestieren? Waren es die Monate, als Millionen gegen den Irakkrieg auf die Strasse gingen? Oder liegen die Anfänge der neuen Politisierung der amerikanischen Jugendlichen doch schon viel früher in den Anfängen der Antiglobalisierungsbewegung, die mit den Straßenschlachten von Seattle im Dezember 1999 auch vom Rest der Welt wahrgenommen wurde?

Eines steht fest - die amerikanische Jugend ist politisch so engagiert, wie seit den Protesten gegen den Vietnamkrieg nicht mehr. Nach einer Umfrage der Musikzeitschrift Rolling Stone finden 78,9 Prozent, dass sich ihr Land auf dem falschen Weg befindet. Das macht die Jugend mit einem Mal zu Hoffnungsträgern der Oppositionsparteien Wenn die Politik den Dialog mit der Jugend sucht, endet das natürlich oft mit rührenden Versuchen, sich der Popkultur zu bemächtigen. Die amerikanische Jungwählerorganisation “Choose or Loose" hat zum Beispiel letzte Woche einen Werbespot herausgebracht, in dem Videospielfiguren wie Lara Croft, Sonic und Tony Hawk mit einem flotten Rap zum Wahlgang aufrufen. Das wirkt ungefähr so vertrauenerweckend wie ein einer dieser Zettelverteiler, die einen im Wurtsemmelkostüm in eine Imbissbude locken wollen.

Nun steht hinter “Choose or Lose" immerhin der Musiksender MTV und das Video wurde von einigen der besten Spieledesigner wie Nick Kang und Raiden produziert. Was an diesem Dialog nicht stimmt, ist der Versuch, dem Gang zur Wahlurne eine coole Aura zu verleihen. Kein Mensch wird wählen, weil Wählen cool ist. Wer wählt, will etwas verändern.

Das bestätigen auch die aktuellen Umfragen unter den amerikanischen Jungwählern. Die setzen nämlich im Gegensatz zum Großteil ihrer erwachsenen Landsleuten auf Inhalte. Während viele der älteren Wähler die Kandidaten nach politisch so irrelevanten Aspekten beurteilen wie die charakterliche Härte, die Moral des Privatlebens oder das Verhältnis zu Religion und Sexualität, sind Jungwählern Themen wie Umweltschutz, Bürgerrechte und die Intelligenz eines Kandidaten wichtig.

Das macht die Jungwähler vor allem für die konservativen Republikaner gefährlich. Die vertreten traditionell die Interessen der Eliten und der Wirtschaft, es gibt für die meisten Amerikaner also keinen guten Grund, einem Kandidaten wie George W. Bush ihre Stimme zu geben, der während seiner Amtszeit den oberen fünf Einkommensprozent Steuergeschenke von über 80 Milliarden Dollar gemacht hat. Das Geheimnis des Erfolges, mit dem sich die Republikaner seit über dreißig Jahren mit kurzen Unterbrechungen an der Macht hielten, ist ein künstlich inszenierter Kulturkampf, mit dem sie vor allem die Millionen strenggläubiger Christen mobilisieren.

Das Gros der 24 Millionen Wahlberechtigten zwischen 18 und 24 Jahren aber, die vor allem in den Ballungszentren der Grosstädte und in den Vororten leben, entzieht sich aber nicht nur dem Kulturkampf. Jungwähler sind für alle Regierungsparteien eine beängstigende Zielgruppe. Zum einen, weil sie sich längst aus den traditionellen Medien ausgeklinkt haben und somit immer schwieriger zu erreichen sind. Das Durchschnittsalter der Zuschauer der Fernsehnachrichtensendungen liegt zum Beispiel bei den großen Kanälen zwischen 65 und 72 Jahren. Die Jungwähler aber informieren sich über ganz andere Kanäle. Im Fernsehen gehört dazu höchstens noch die Daily Show des Satirikers Jon Stewart, der sich allabendlich über die Tagespolitik lustig macht. Ansonsten sind es Dokumentarfilme, die im Kielwasser von Michael Moore die Kinos eroberten, alternative Nachrichtenagenturen wie alternet oder indymedia, die sich ihre Unabhängigkeit im Internet bewahren, oder E-Mail-Listen von Basisorganisationen wie MoveOn.org.

Vor allem aber sind die Jungwähler eine Bedrohung des politischen Alltages, weil sie für die Zukunft wählen. Ältere sind bei Wahlen eher daran interessiert den Status Quo zu verändern oder ihn zu bewahren. Wer jung ist denkt nicht nur an die aktuellen Wirtschaftszahlen, sondern an prinzipielle Reformen. Das bedeutet für eine Regierung aber genau jene Sorte Arbeit, die ihnen keine kurzfristigen Erfolge und somit auch keine direkten Wählerstimmen einbringt.

Deswegen war es den Parteien eigentlich ganz recht, dass sich bei den Jungwählern in den vergangenen 32 Jahren eine politische Lustlosigkeit ausbreitete, die immer mehr vom Wählen abhielt. Dabei dürfen die Jungwähler noch gar nicht so lange wählen. Die amerikanische Verfassung hatte die Vollmündigkeit auf 21 Jahre festgelegt. Nach zwei Jahrzehnten Generationenkonflikt und Jugendrevolte würde das Wahlalter dann 1972 auf dem Höhepunkt der Proteste gegen den Vietnamkrieg auf 18 gesenkt. Das war durchaus als Verwöhnungsgeste des Landes mit seiner Jugend gedacht. Ein Jahr später wurde dann auch noch die Wehrpflicht abgeschafft.

Fast die Hälfte aller Jungwähler hatte damals von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. Bei den Präsidentschaftswahlen 2000 war es nur noch ein Drittel. Dieses Jahr verzeichnete das Pew Research Center bei den jungen Wahlberechtigten, die sich in die Wählerverzeichnisse eintragen ließen, einen Anstieg von fünfzehn Prozent. Unter den Stundenten sind die Zahlen regelrecht sensationell - 95 Prozent aller Collegestudenten sind oder haben sich zu den Wahlen angemeldet.

Kein Wunder also, dass die Anstrengungen der Parteien Jungwähler zu mobilisieren auf Hochtouren laufen. Die Demokraten haben dabei das große Glück, dass sich die Popkulturen traditionell von selbst auf ihre Seite geschlagen haben. Hollywood verlieh den Demokraten schon seit Galaparties für John F. Kennedy seinen Glamour. Die Popmusik stiess beim Amtseinführungsball von Jimmy Carte und endgültig mit der Wahl von Bill Clinton dazu. Dieses Jahr gingen Ben Affleck, Bono und Moby mit John Kerry auf Wahlkampfreise. Seit einigen Monaten touren Gruppen wie Offspring, NoFx und Sum 41 für die Organisation Punkvoter.com durchs Land. Lenny Kravitz, Eminem und die Beastie Boys haben Antikriegslieder geschrieben. Bruce Springsteen und R.E.M. umwarben die Rockfans der Elterngeneration.

Mit Erfolg. Die Organisation Rock the Vote hat für diese Wahlen immerhin 1,4 Millionen Neuwähler rekrutiert, das Hip Hop Summit auf immerhin eine halbe Million. Die meisten dieser Neuwähler werden voraussichtlich für Kerry stimmen. Es sind natürlich nicht nur Bushgegner unter den Jungwählern. Die größtenteils jungen Mitglieder der amerikanischen Streitkräfte tendieren dazu, ihren obersten Befehlshaber Bush auch an der Wahlurne zu unterstützen. Es sind auch nicht nur die Demokraten, die mit der Popkultur neue Anhänger rekrutieren. Amerikanische Kirchen haben eine regelrechte Parallelwelt des Popuniversums aufgebaut, in dem es von langhaarigen Heavy Metal Bands bis zu Hip Hop Stars, die auf eigenen Videosendern den Namen des Herren lobpreisen. Vor allem die fundamentalistischen Kirchen des amerikanischen Südens hatten in den letzten Jahren enormen Zulauf junger Christen. Die unterscheiden sich von ihren demokratischen Altersgenossen vor allem dadurch, dass sie die weltliche Politik der Demokraten nicht mit ihrem Glauben vereinbaren können.

Wie die Wahlen ausgehen und wer den Ausschlag geben wird, lässt sich schwer abschätzen. Vor allem nachdem mehrere zehntausend Wahlbeobachter und Anwälte aller Lager und Partien ausgeschwärmt sind, die angedroht haben, jede Unstimmigkeit im Wahlverfahren vor Gericht zu bringen. Das kann ein endgültiges Ergebnis um Wochen, wenn nicht sogar Monate hinauszögern. Das neue politische Engagement der amerikanischen Jugend wird aber langfristig Wirkung zeigen. Wenn sich die Jungwähler an diesem Dienstag als massiver Block profilieren, werden die Parteien nicht drumherum kommen, sich künftig anzuhören, was diese Jugend eigentlich will. Dann werden die Proteste und Demonstrationen nicht mehr ungehört im politischen Nichts verhallen. Denn dann hat die Jugendrebellion den Marsch durch die Institutionen endgültig gemeistert.





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