Der Frontmann

Ein Interview mit Sebastian Junger.
© Andrian Kreye



Bild New York ist die Heimat der Kriegsreporter. Meist leben sie in spärlich mobliertem Appartments, in denen sich Archivmaterial und Mementos ihrer Reisen stapeln. Auch Sebastian Junger lebt zwischen seinen Reisen in einem dieser so genannten “crash pads", einer kleinen Zweizimmerwohnung im neuen Bohèmeviertel der Lower Eastside. Nach seinem Bestseller “Der Sturm", der von Wolfgang Petersen mit George Clooney verfilmt wurde, hat Sebastian Junger gerade sein zweites Buch veröffentlicht - eine Reportagesammlung mit dem Titel “Fire", die ebenfalls schon in den Bestsellerlisten geführt wird und in Deutschland im Februar im Diana Verlag erschienen ist (“Feuer. Reportagen von den Brennpunkten... ." 280 Seiten, ¤ 20,-).

Mister Junger, wieso begeben Sie sich für Ihre Geschichten immer in Gefahr?

Junger: Als ich so um die 30 war, habe ich als sogenannter ’Climber' für eine Holzfällerfirma gearbeitet. Das sind die Typen, die in Bäume steigen und sie von oben her abtragen. Ich habe diesen Job geliebt. Es war auch sehr aufregend. Aber dann habe ich mir eine Motorsäge ins Bein gerammt. Im Krankenhaus habe ich mir überlegt, dass man eigentlich ein Buch über Menschen mit gefährlichen Berufen schreiben sollte. Über Arbeiter auf Ölplattformen, Bauarbeiter auf Wolkenkratzern, Hochseefischer. Ich habe damals in dem Fischerstädtchen Gloucester gewohnt. Als ich mich dann erholte, ist ein unglaublicher Sturm über Neu-England hereingebrochen. Eigentlich sollte die Geschichte über die Fischer von Gloucester nur ein Kapitel für mein Buch werden, aber dann hat sich das viel weiter entwickelt und wurde ’Der Sturm'.

Wann haben Sie angefangen, über den Krieg zu schreiben?

Junger: Das kam auch durch das Buch. Ich wollte ein Kapitel über Kriegsreporter in Bosnien recherchieren. 1993 bin ich nach Zagreb, habe dort Journalisten getroffen, mit denen ich nach Sarajewo geflogen bin. Später war ich in Serbien, im Kosovo, in Sierra Leone, und immer wieder in Afghanistan.

Und wo waren Sie am 11. September, als der Krieg nach Amerika kam?

Junger: In Moldawien. Dort habe ich eine Geschichte über Frauenhandel recherchiert. Ich bin dann allerdings sofort zurück und habe meine Reise nach Afghanistan vorbereitet. Die Moldawiengeschichte muß ich jetzt endlich mal schreiben. Die soll in der Mai-Ausgabe der Vanity Fair erscheinen.

In der Februar-Ausgabe der Vanity Fair kann man ihren Artikel lesen, wie sie mit den Truppen der Nordallianz in Kabul einmarschiert sind. Wie war die Reaktion auf den Krieg dort?

Junger: Die Nordallianz war natürlich begeistert, als die amerikanischen B-52s die Taliban bombardierten. Als wir nach Kabul sind war ich mir erst nicht ganz sicher, wie die Leute reagieren würden. Immerhin hatten wir ja gerade erst damit aufgehört, sie zu bombardieren. Es mag ja sein, dass wir nur die Taliban und die al Qaida treffen wollten, aber wenn man Bomben von Flugzeugen abwirft, dann wird man immer Unschuldige treffen. Das war in Serbien so, im Kosovo. Wir haben in der Türkei ja sogar Leute damit umgebracht, dass wir Nahrungsmittel abwarfen.

Wie ging es Ihnen da, als einer der ersten Amerikaner nach Kabul zu kommen?

Junger: Als ich mit einer der ersten Einheiten in die Stadt bin, war ich erstaunt, wie begeistert die Leute waren. Und sie riefen ’Amerika, Amerika!' Wie oft passiert einem das schon in einem armen Land, dass Menschen Amerika bejubeln. Ich war dann schon stolz darauf, dass die amerikanischen Flugzeuge ein gutes Werk verrichtet hatten. Wir wußten damals ja noch nicht, wie hoch die zivilen Verlusten sein würden.

Und wie sehen Sie das, jetzt da Sie es wissen?

Junger: Letztendliche waren es die Afghanis, die den Preis für diesen Krieg bezahlt haben. Deswegen finde ich auch, dass ihre Meinung mehr zählt, als unsere. Und die Afghanis haben eine ganz einfache Rechnung angestellt - sie haben 3000 Zivilisten durch die amerikanischen Bomben verloren. Der Bürgerkrieg mit der Taliban hat sie allerdings 70.000 Menschen gekostet. Auf eine eigenartige, furchtbare Weise ist das ihre Chance auf Frieden.

Sind Sie ein Patriot?

Junger: Das hat man mich schon öfter gefragt. Ich bin stolz auf mein Land, weil wir eine der ersten Demokratien waren. Das war ein unglaubliches Experiment, das immer noch funktioniert. Aber ich glaube auch, dass es eine der wichtigsten Aufgaben eines Patrioten ist, das Land das man liebt, zu kritisieren. Und Kritik ist kein Angriff.

National Geographic hat mit Ihnen und dem Fotografen Reza in Afghanistan einen Dokumentarfilm produziert. Das gibt es eine Szene in der Sie unter Raketenbeschuß in einem Schützengraben kauern. Was treibt sie an die vorderste Front?

Junger: Ich fand es wichtig, mit den Frontsoldaten zu reden. Wir haben ja nicht ahnen können, dass man uns beschießt. Sonst wären wir sicherlich nicht dort hin. Kein vernünftiger Journalist wird sich beschießen lassen, denn dabei erfährt man gar nichts. Außer vielleicht, wie man selbst mit extremer Angst umgeht.

Kann man danach noch den Abstand zur Geschichte bewahren?

Junger: Oh ja. Das ist ihr Leid, ihr Tod. Nicht meiner. Ich kann morgen nach Hause fliegen. Ob es einen emotional mitnimmt? Auf alle Fälle. In so einem Lazarettzelt in Afghanistan haben sie mal all diese Verwundeten gebracht, die in ein Minenfeld geraten sind. Das war furchtbar anzusehen. Ich bin dann raus. Es war Nacht. Ich habe eine Zigarette geraucht und mir dann gesagt, das ist mein Job. Entweder gehe ich da jetzt wieder rein, oder ich schreibe nie mehr etwas über Krieg. Ich kann mir ja nicht einfach nur die aufregenden Sachen ansehen. Entweder alles oder gar nichts.

Die aufregenden Sachen?

Junger: Naja, die Maschinerie des Krieges ist sehr dramatisch. Die Flugzeuge, die Kanonen, die Panzer. Auf so einer Achtjährigen-Ebene ist das alles ganz schön aufregend. Wie wenn ein Haus niederbrennt, da starrt man dann auch ganz fasziniert in die Flammen, auch wenn man weiß, dass sich da natürlich eine Tragödie abspielt.


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