KOLLEKTIVES TOTSCHWEIGEN

Der Historiker Tony Judt über
Zensur und Selbstzensur der Wissenschaften

© Andrian Kreye

New York am 23. Oktober '06 - Vergangene Woche unterzeichneten 154 namhafte Wissenschaftler und Publizisten einen Aufruf, in dem sie dagegen protestieren, dass ein Vortrag des Historikers Tony Judt über Nahostpolitik auf Initiative der Anti Defamation League ADL kurzfristig abgesagt wurde. Ein offener Brief an den ADL-Vorsitzenden Abe Foxman von Richard Sennett und Mark Lilla wurde im New York Review of Books veröffentlicht und von ebenso namhaften Wissenschafterln und Publizisten unterzeichnet. Judt ist der Gründer des Remarque Institute for European Studies an der New York University. Sein letztes Buch “Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart" gilt als Standardwerk.

Professor Judt, was ist passiert?

Professor Tony Judt: Ich wurde vor Monaten von der Organisation Network 20/20 eingeladen, bei einer ihrer Veranstaltung für junge Leute im polnischen Konsulat einen Vortrag zum Thema die Israel-Lobby und die amerikanische Außenpolitik zu halten. Ungefähr drei Stunden vor meinem Vortrag, teilte mir die Vorsitzende der Organisation telefonisch mit, die Veranstaltung sei abgesagt worden, weil die Anti-Defamation League und andere Organisationen Druck auf das polnische Konsulat ausgeübt.

Was oder wer ist denn die Israel-Lobby?

Judt: Da gibt es zwei Ebenen. Zum einen gibt es die offiziellen Lobbygruppen wie das American-Israel Public Affairs Committee oder die parlamentarischen Aktivitäten von Organisationen wie dem American Jewish Committee oder dem Jewish Institute of Middle East Studies, deren Ziel es ist, den amerikanischen Kongress und die amerikanische Regierung zu einer pro-israelischen Außenpolitik zu bewegen. Dann gibt es noch die informellen Lobbygruppen, die prinzipiell das gleiche Ziel verfolgen, aber gleichzeitig als Beobachter fungieren, die beobachten, ob jemand etwas Kritisches über Israel schreibt und die dann darauf reagieren.

Wozu die Anti Defamation League ADL gehört.

Judt: Die ADL ist die bekannteste, aber da gibt es noch viele andere wie Campus Watch, das Committee for Accuracy in Middle East Reporting in America.

Beschäftigt nicht jedes Land Lobbyisten, die in Washington ganz legitim versuchen, die Außenpolitik zu beeinflussen?

Judt: Natürlich gibt es Tausende von Lobbygruppen in diesem Land. Lobbyisten für bestimmte Länder, sei es Griechenland, die Türkei oder Israel, sind eine etwas komplizierte Angelegenheit, weil es natürlich etwas anderes ist, ob sich ein Abgeordneter für die Interessen eines anderen Landes einsetzt, oder für die Interessen einer Industrie. Das wird oft als politisch fragwürdig oder sogar als Form des Landesverrats gesehen.

Sind Sie den informellen Lobbygruppen schon vorher begegnet?

Judt: Ich bin ihnen schon in zwei Formen begegnet. Da gibt es die Briefkampagnen und die Erklärungen in den Medien, das kriegt man ja immer mit. Was man eher nicht so mitbekommt ist der Druck, den diese Organisationen auf kleine Colleges, auf jüdische Gemeinden und manchmal auch auf nichtjüdische Gemeinden normalerweise in kleiner Städten und Vororten ausüben, keine Leute einzuladen, die sie ablehnen. Das ist mir einmal in einem College in Pennsylvania passiert. Halten sich die Schulen und Gemeinden nicht an die Empfehlungen, organisieren sie oft Demonstrationen. Das ist mir und einem Kollegen in Riverdale passiert, als wir dort bei einem Symposium zum Nahen Osten sprachen.

Welche Probleme haben diese Organisationen denn mit Ihnen?

Judt: Da gibt es zwei Probleme. Das eine ist, wer ich bin und das andere, was ich sage. Sie kommen immer wieder auf zwei Punkte aus meinem Essay “Israel the Alternative" zurück, das ich vor drei Jahren im New York Review of Books veröffentlicht habe. Da beschrieb ich Israel als Anachronismus, weil die ethnische Struktur und die Vorrangstellung, die einer Gruppe gegeben wird, eher an heutige Staatsformen. Der zweite Punkt ist, dass ich davon ausgehe, dass die Zukunft Israels und der Palästinenser wahrscheinlich ein binationaler Staat sein wird, und dass es keinen Sinn macht, endlos an einer Zweistaatenlösung zu arbeiten, wenn die sowieso nie verwirklicht werden wird. Was diese Gruppen an mir persönlich stört ist, dass ich kein Extremist bin. Da gibt es Leute wie Noam Chomsky und Norman Finkelstein, die sehr bekannt und äußerst anti-israelisch sind. Die sind so weit links und allem was in der politischen Mitte geschieht so kritisch gegenüber, dass man sie leicht als verrückte Randerscheinungen abtun kann. Ich dagegen bin sehr gemäßigt in meinen Ansichten, eher links von der Mitte, manchmal nicht einmal links, ich stehe dem Marxismus zum Beispiel sehr kritisch gegenüber. Dadurch kann ich auch immer wieder in der New York Times oder im New York Review of Books schreiben. Wenn also jemand Gemäßigter solche Dinge sagt, ist das viel bedrohlicher.

Wo stünden Ihre Argumente denn im Diskurs in Israel selbst?

Judt: In Israel bin ich Teil einer allgemeinen Debatte und veröffentliche dort in der großen liberalen Zeitung Haaretz. In Israel gibt es Leute die viel radikaler und vor allem zorniger argumentieren, als ich. Als Problem werde ich nur in Amerika gesehen.

Gibt es solche Versuche, die Nahostdebatte zu ersticken denn nur in Amerika?

Judt: Der einzige andere Ort, an dem mir das schon begegnet ist, war Deutschland. Ich glaube heute ist das nicht mehr so, aber vor ungefähr zehn Jahren war ich bei einer Konferenz mit Deutschen, Israelis, amerikanischen und europäischen Juden, die über den Nahen Osten debattierten. Sowohl die europäischen Juden, als auch die Israelis selbst waren viel kritischer gegenüber Israel, als die Deutschen, die sehr verlegen wirkten. Das ist schon verständlich, vor allem wenn es um die Frage geht, ob Antizionismus automatisch antisemitisch ist. Das ist mir in Europa sonst nicht begegnet. Außer vielleicht in Polen, wo es eine neue politische Korrektheit gibt, die sich als super-pro-israelisch manifestiert, weil sie pro-amerikanisch sein wollen.

Bleibt Deutschland nicht ein Sonderfall und sollte deswegen prinzipiell pro-israelisch eingestellt sein?

Judt: Ja schon, aber es sollte keinen blinden pro-israelischen Kurs verfolgen. Das Problem ist sonst, dass gerade junge Deutsche sagen, dass sie nicht verstehen, warum sie sich nicht kritisch über die furchtbaren Dinge äußern sollen, die Israel im Libanon oder in Gaza tut, schließlich habe das nichts mit dem Holocaust zu tun, sondern mit dem Nahen Osten. Und das höre ich jetzt schon von deutschen Schülern, die ich hier in Amerika treffe. Das schadet der Erinnerung an die Geschichte des wirklichen Antisemitismus in Deutschland, weil solche jungen Menschen dieses Schweigen verdächtig finden und wenn wir über die Kritikpunkte an Israel schweigen sollen, vielleicht wird uns ja im Andenken an die deutschen Juden auch etwas verschwiegen. Ich glaube, dass man sich über die deutschen Vergangenheit und die Vernichtung der Juden in Klaren sein muss, ohne die Kritik an Israel auszublenden.

Gibt es alte und neue Formen der politischen Korrektheit noch in einem Masse, wie Anfang und Mitte der Neunziger Jahre, als einige Debatten effektiv nicht mehr geführt werden konnten?

Judt: Wenn wir von politischer Korrektheit sprechen, denken wir meist an die politische Linke an den Universitäten. Wenn wir aber von Selbstzensur sprechen, vom kollektiven Totschweigen heikler Themen, dann ist das an den amerikanischen Hochschulen sehr präsent. In England wurde zum Beispiel bis vor kurzem nicht über die islamische Frage geredet. Jetzt schwingt das Pendel allerdings gerade in die ganz andere Richtung und es plötzlich salonfähig, anti-moslemische Einstellungen zu pflegen. Und genau deswegen finde ich diese Formen des kollektiven Schweigens eher beunruhigend.

Ist die akademische Arbeit und der wissenschaftliche Austausch in den politischen und den Geisteswissenschaften hier in den USA seit dem 11. September allgemein schwerer geworden? Am vergangenen Donnerstag musste ein Symposium der New York University über die Moslembrüder beispielsweise ohne die beiden Hauptredner stattfinden. Dr. Abd El Monem Abo El Fotouh, der in Kairo als Beirat der Moslembrüder, aber auch als Vorsitzender dem Dachverband arabischer Mediziner fungiert, wurde kein Visum ausgestellt. Der Gründer der Muslim Association of Britain Kemal el-Helbawi wurde in London aus dem Flugzeug nach New York abgeführt.

Judt: Ähnlich ging es ja auch Tariq Ramadan, einem eher moderaten und vor allem klugen Kopf des modernen Islam, der eine Stelle an der Notre Dame University nicht antreten durfte. Einwanderungsgesetze und die Beschränkungen, was für Veranstaltungen man hier durchführen kann, werden zunehmend zu einem Problem. Ich veranstalte solche Konferenzen und Symposien inzwischen fast immer in Europa, weil ich dort einladen kann, wen ich will. Es gibt die freie Rede ja noch. Nur nicht unbedingt in Amerika.

Widerspricht das nicht dem Grundgedanken Amerikas?

Judt: Wenn sich Amerika bedroht fühlt, neigt es schon immer zu Hysterie und Paranoia, was Ausländer betrifft. Das begann mit dem Ausländergesetz von 1796, ging über die Anti-Ausländergesetze von 1918 und 1919 und die McCarthy-Ära bis heute. Ich finde es nicht so beunruhigend, was im Moment geschieht, weil Amerika eben so eine lange Geschichte des Misstrauens gegenüber Ausländern hat, obwohl die Bushregierung sicherlich extremer ist, als alle Regierungen zuvor. Was ich beunruhigend finde ist, dass es keinen Widerstand gibt und sich niemand dafür interessiert.
Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der Menschen hier noch nie ins Ausland gereist ist und nicht einmal einen Reisepass besitzt. Das gilt auch für einen guten Teil der Kongressabgeordneten. Amerika ist ein Land, das ganz froh ist, provinziell und vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Deswegen sind diese juristischen Übergriffe und Zensurmaßnahmen gegen die Verbindungen mit der Außenwelt eher willkommen. Eines der beliebtesten Zitate von Bush ist sein Satz, dass wir im Irak gegen sie kämpfen werden, damit wir nicht hier gegen sie kämpfen müssen. Deswegen interessiert sich auch niemand dafür, ob irgendein Araber nicht ins Land gelassen wird oder irgendein Pakistani sein Recht auf Habeas-Corpus-Recht verliert und fünf Jahre ohne rechtmäßige Anklage irgendwo festsitzt.

Nun haben gerade über 150 namhafte Akademiker, Publizisten und Diplomaten eine Erklärung unterschrieben, in der sie die Absage ihres Vortrages im polnischen Konsulat zum Anlass nehmen, um gegen die Übergriffe gegen die Debatte der amerikanischen und israelischen Außenpolitik protestieren. Von den Medien wurde das hier allerdings nicht weiter wahrgenommen.

Judt: Die New York Times hat mich interviewt, das könnte die Woche erscheinen. Aber es stimmt. Genauso, als wir mit dem London Review of Books eine Konferenz zur Israel-Lobby veranstaltet haben. Da gab es europäische, israelische, arabische Medien, aber kein einziges amerikanisches Medium. Das ist kein aktives Schweigen. Da sitzt niemand in Dick Cheneys Büro und ordnet an, dass da niemand darüber berichtet. Es ist eher ein passives Schweigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Universitäten der einzige Ort sind, an dem wir dagegenhalten können. Die Rolle der Universitäten und der Intellektuellen an den Universitäten wird in Amerika in den nächsten Jahren äußerst wichtig sein.





Aufruf im New York Review of Books



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