Herr Irving, die Suche nach dem verlorenen Vater kommt nicht nur in fast allen ihrer Romane vor, sondern ist auch ein Leitmotiv der amerikanischen Literatur und des amerikanischen Films. Welche Väter machen uns denn mehr zu schaffen - die Überväter oder die schwachen Väter?
John Irving hebt zu einer Antwort an, stockt, schweigt, blickt sich in seinem Arbeitszimmer um, starrt hilfesuchend auf die Pinnwand mit Familienfotos, hebt wieder an, stockt.
Wir können auch zur zweiten Frage übergehen, ob abwesende Väter von ihren Söhnen eher als Überväter oder als Schwächlinge empfunden werden.
Nein, nein, ich versuche der Frage nicht auszuweichen. Ich komme gleich dazu. Was mich zum Romanautor macht ist nur ein prinzipielles Misstrauen, Dinge zu generalisieren. Oder sollte ich das besser als ein Bedürfnis bezeichnen, zu präzisieren? Was ja die Essenz des Geschichtenerzählens ist, auch wenn sich in meinen Romanen ganz sicher bestimmte Elemente wiederholen oder variieren, was sicherlich mit meinen fixen Ideen zu tun hat. Was ich damit sagen will - ein etwas intellektuellerer Kopf wie ich, wäre sicher versucht, sich so einer Frage zu nähern.
Was für ein Vater sind Sie denn selbst?
Ich bin sehr jung Vater geworden. Das war 1965 Ich war 22 Jahre alt und seit 1961 in der Ausbildung Reserveoffizier. Wäre Colin nicht geboren worden, wäre ich in dem Sommer zum Leutnant ernannt und nach Vietnam geschickt worden. Aber damals wurden junge Väter aus der Armee entlassen.
Dann hat Sie ihr Sohn sozusagen gerettet.
Das ist richtig.
Wieso wurden Väter denn entlassen?
Das hat schon Sinn gemacht. Als ich meinen ersten Sohn bekam wurde die Welt plötzlich zu einem Ort voller Gefahren und ich realisierte plötzlich, dass es das Wichtigste auf der Welt ist, mein Kind zu beschützen. Die Armee hat diese Psychologie damals gut verstanden. Bevor Colin geboren wurde, war ich zwar gegen den Vietnamkrieg, ich hatte ja eigentlich damit gerechnet, mit der Armee nach Deutschland zu kommen, ich hatte ja auch in Wien studiert und sprach recht gut Deutsch, aber eigentlich wollte ich schon einmal einen Krieg sehen. Doch als ich dann Vater wurde, wurde die Vorstellung, dass ich Colin vielleicht nie mehr sehen würde unerträglich. So jemand ist als Zugführer an der Front unbrauchbar. Deswegen sind meine Romane wahrscheinlich auch voller Gefahren und Bedrohungen und kleiner Unfälle.
Werden junge Väter heute immer noch aus der Armee entlassen?
Nein, das war ja ganz zu Beginn des Vietnamkrieges. Heute nehmen sie jeden, den sie kriegen können.
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Diese Frage stellt sich bei meinen Büchern ja immer. Emma ist für Jack so eine Art sexuell aggressiver Schutzengel. So jemanden habe ich zwar nie gekannt, mir allerdings immer überlegt, was es bedeutet hätte, wenn es so jemanden in meinem Leben gegeben hätte. Manchmal sind die Figuren, die man sich nur ausdenkt eben genauso autobiografisch, wie die Dinge, die man wirklich erlebt hat.
Und der viel zu frühe Sex?
Der beruht auf einer absolut wahren Begebenheit. Auch wenn die Frau, mit der ich meine erste sexuelle Erfahrung gemacht habe keine Miss Machado war.
Also keine 40jährige Ringkämpferin?
Nein, das war eine 20jährige Collegestudentin.
Das klingt nicht ganz so traumatisch.
Ich übertreibe immer gerne.
Die Romanfigur Jack Burns wird von diesen Erfahrungen immerhin so erschüttert, dass er später als Erwachsener und Schauspieler sogar seine sexuelle Identität verliert.
Mehr noch - er hat fast keine eigene Persönlichkeit. Vor allem in sexuellen Beziehungen ist er so fügsam wie ein Kind. Dafür gibt es einen guten Grund, das haben mir zumindest die Psychiater erzählt, mit denen ich darüber gesprochen habe. Leuten, die als Kind sexuell missbraucht wurden, ist das meist mehr als einmal geschehen, weil sie sich dem ersten Mal schon fügen und glauben, das sei nun ein Teil ihres Selbst. Sie öffnen sich dann unbewusst weiteren solchen Erfahrungen und wenn ihnen das scheinbar zufällig wieder und wieder geschieht, ist das keineswegs ein Zufall. Irgendetwas an diesem Kind signalisiert, dass es ein williges Opfer ist. Fürs Schreiben ist diese psychologische Dynamik sehr dankbar. So kann man ein Muster festlegen, in dem der Leser zum Teil der Geschichte wird, weil er immer darauf wartet, wann der Figur nun wieder so etwas widerfährt. Deswegen macht Jack im Roman diese Erfahrungen ja immer wieder aufs Neue.
Hat Sie der frühe Sex als Kind belastet?
Nein, das kam erst, als ich alt genug war um zu realisieren, was wirklich geschehen war. Missbrauchte Kinder begreifen diese Muster meist erst ab einem bestimmten Alter und beginnen dann, sich Vorwürfe zu machen. Ich habe dann begonnen, mich sehr zu schämen. Das wurde dann auch noch schlimmer, als ich begriff, dass meine Erfahrung als 11jähriger der Grund dafür war, dass ich mich während meiner Teenagerjahre bis in meine frühen Zwanziger hinein immer zu deutlich älteren Frauen hingezogen fühlte, die mich gleichzeitig abstießen.
Wie haben Sie diese Scham dann überwunden?
In dem Moment, in dem ich selbst Vater wurde, ist auch diese Anziehungskraft älterer Frauen verschwunden. Deswegen war es für mich auch wichtig, dass Jack Burns im Roman nichts mit Kindern zu tun hat, denn die Verantwortung, eigene Kinder zu haben, hätte ihn zum Erwachsenen gemacht.
Vaterschaft als kathartischer Initiationsritus?
Richtig. Als Vater von drei Jungen kann ich Ihnen sagen, dass diese Verantwortung sehr erwachsen macht. Ich habe diese Verantwortung wahrscheinlich gerade deswegen so stark empfunden, weil mir das mit 11 Jahren geschehen ist. Es war mir dann auch sehr wichtig, dass ich meine Söhne, als sie in dieses Alter kamen, gewarnt habe. Ich habe ihnen gesagt, schau, es mag dir jetzt vielleicht seltsam vorkommen, aber wenn du glaubst, dass dir so etwas zugestoßen ist oder zustoßen könnte, dann rede um Gottes willen darüber. Denn das kann dir schon sehr übel mitspielen.
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Wie lange leben Sie schon in Amerika? Ich weiß ja nicht, wie oft Sie New York verlassen, da ist alles anders, als im Rest des Landes. Aber da werden die Uhren gerade kräftig zurückgestellt. In den 60er Jahren hätte ich mir nie träumen lassen, dass unser Land jemals wieder die verklemmten 50er heraufbeschwören könnte, oder dass es eine vergleichbare Situation wie den Vietnamkrieg geben könnte, die Amerika in zwei so grundlegend verschiedene Lager teilt. Nun - da habe ich mich wohl in beiden Punkten geirrt.
Die sexuelle Revolution und der Vietnamkrieg hatten allerdings ganz direkte Auswirkung auf das Leben der Menschen. Sind die heutigen Strömungen nicht etwas abstrakter?
Ich weiß nicht. Sehen Sie sich mal die Umschläge für “Bis ich dich finde" aus Amerika, Kanada und Holland an. (Irving zieht ein Exemplar der holländischen Ausgabe aus dem Regal, auf dem der Titel des Buches als Tätowierung über einer Frauenbrust erscheint). Das ist der Umschlag, den ich mir vorgestellt habe. Der ist ziemlich eindeutig. Jetzt nehmen Sie mal die kanadische Ausgabe (Irving zieht ein kanadisches Exemplar aus dem Regal, auf dem die Tätowierung nur noch bis an einen kaum sichtbaren Brustansatz reicht). Hier sieht man wenigstens noch, dass es sich da um Haut handelt, auch wenn das ein Babypopo sein könnte. Und jetzt sehen Sie sich die amerikanische Ausgabe an (triumphierend hält er ein Exemplar hoch, auf dem die gleiche Tätowierung auf einem rosa changierenden Untergrund steht, der nicht mehr als Haut erkennbar ist).
So gesehen ist das natürlich sehr lustig, dass die Umschläge immer züchtiger werden, je mehr man sich den USA annähert.
Stellen Sie sich vor, “Bis ich dich finde" wäre 1968 oder 1969 herausgekommen, da hätte niemand ein Problem damit gehabt, eine Frauenbrust auf einen Buchumschlag zu drucken. Selbst wenn wir damals in punkto Vietnam als Nation gespalten waren, wenn es um die freie Rede ging, um Filme, Bücher, Plakate, waren wir keineswegs so gespalten, wie heute. Das Land war sich kulturell einig, egal ob es um die Beatles ging oder um Bob Dylan. Heute sind die Zensurformen so massiv, dass sie ganz offensichtlich sogar die Literatur beeinträchtigen. Dabei sollte man meinen, dass New Yorker Verleger sich von der christlichen Moral des Mittleren Westens oder des Südens nicht einschüchtern lassen und sich für, sagen wir mal, einen John-Irving-Roman stark machen.
Werden die Verlage nicht durch den Markt zu solcher Selbstzensur gezwungen? Die Kaufhauskette Wal-Mart verkauft inzwischen 20 Prozent aller Bücher in den USA, und deren Geschäftsleitung ist für ihre konservativen Maßstäbe berüchtigt. Die würden ein Buch mit einer Brust auf dem Umschlag erst gar nicht ins Programm aufnehmen.
Das ist richtig, aber das ist doch eine furchtbare Situation.
Allerdings werden Sie ja nicht nur von Moralaposteln angegriffen. Wenn man die Kritiken der Washington Post und New York Times liest, könnte man meinen, Sie hätten mit “Bis ich dich finde" einen hoffnungslos übersexualisierten Trivialroman geschrieben.
Das stimmt, aber die haben meine Bücher schon immer verrissen. Natürlich stellt sich die Frage, ob ich mich in den sieben Jahren, die ich an diesem Buch geschrieben habe, von den vermehrten politischen Korrektheiten und sexuellen Verklemmungen in den USA bis zu dem Grad aufhetzten ließ, dass ich die Leute, die jetzt in ihren Kritiken schreiben, dass in meinem Roman zu viele Penisse angefasst werden, mit Absicht provozieren wollte? Bewusst habe ich es jedenfalls nicht getan.
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Die Wohnung haben wir erst neulich bezogen. Eigentlich sind wir nur während der Schulferien hier, weil mein jüngster Sohn in den USA zur Schule geht. In Vermont. Ich lebe ja lieber auf dem Land, aber wenn ich mal wieder eine Ladung Großstadtleben brauche, dann ist Toronto in Nordamerika inzwischen die Stadt, die mir am liebsten ist.
Wieso ausgerechnet Toronto?
Ursprünglich habe ich hier viel Zeit verbracht, weil meine Frau von hier ist, aber inzwischen bin ich aus den gleichen Gründen gerne in Kanada, aus denen ich auch gerne in Europa bin. Je schlimmer das politische Klima in den USA wird, desto lieber verbringe ich Zeit in Ländern, die einen etwas anderen Blick auf meine Heimat haben. Ich glaube, wenn mehr Amerikaner mehr Zeit im Ausland verbringen würden, wäre ein Mann wie George Bush nie zum Präsidenten gewählt worden und wir wären nicht ein politisch, religiös und sexuell so rückschrittliches Land.
Wie viel Zeit verbringen Sie denn in Europa?
Ich habe in Wien studiert und seither war ich eigentlich fast jedes Jahr ein bis zwei Mal in Europa.
Warum haben Sie Zürich als Schauplatz für das Ende Ihres neuen Romans gewählt?
Ich wusste ziemlich genau, was für einen Ort ich für diesen Schluss brauche, bis hin zur Architektur. Es sollte eine gute psychiatrische Klinik oder ein Sanatorium sein, und dafür ist die Schweiz ja bekannt.
Und das war dann Kilchberg?
Jemand aus meinem deutschen Verlag war mit einem der Psychiater in Kilchberg befreundet. Ich habe mich dann mit den Ärzten dort in Verbindung gesetzt. Den Patienten, den Vater der Hauptfigur Jack Burns, hatte ich ja im Kopf. Den habe ich ihnen dann beschrieben - sein Alter, seine Biografie, seine Sucht nach Tätowierungen, die schließlich seinen gesamten Körper bedecken.
Sie haben das mit dem Tätowieren ja auch selbst ausprobiert.
Ja (schiebt seinen Ärmel hoch, unter dem ein kreisförmiges Symbol eintätowiert ist), das hier ist der Startkreis beim Ringkampf. (Irving knöpft er seinen Hemdkragen auf und zeigt ein Kleeblatt auf seiner Schulter) Die sind beide von Hank Schiffmacher in Amsterdam, der wahrscheinlich der größte lebende Tätowierkünstler ist.
Können Sie die Tätowiersucht von Jack Burns Vater nachvollziehen?
Für mich persönlich nicht. Aber ich habe in Schiffmachers Studio mal so einen so genannten ’Ink Addict' getroffen. Das war im Sommer und er hat trotzdem total gefröstelt. Das tun die irgendwie alle. Ich habe die Ärzte in Kilchberg dann danach gefragt, die sagten, dass die meisten Patienten mit solchen Symptomen unter einer gewissen seelische Zerbrechlichkeit leiden und mit einschneidenden Ereignissen im Leben zu tun hatten.
Warum glauben Sie, dass die Schweiz so bekannt für Ihre psychiatrischen Einrichtungen ist? Wenn man weiß, dass beispielsweise Afghanistan aus ganz offensichtlichen Gründen die besten Spezialisten für Prothesen, Bangkok die besten Kliniken für Geschlechtsumwandlungen und die Armenviertel in den USA die besten Notärzte für Schusswunden haben, ist das ja ein zweifelhaftes Kompliment.
Toronto im Winter '06 -
Der ehemalige Ringkämpfer John Irving gehört zu den populärsten Schriftstellern Amerikas, dessen Romane wie “Hotel New Hampshire", “Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Witwe für ein Jahr" Vorlagen für große Hollywoodfilme waren. In seinem neuen, bisher längsten und persönlichsten Roman “Bis ich dich finde" verarbeitet er seine Kindheitstraumata, dass er als 11jähriger von einer älteren Frau sexuell missbraucht wurde, und dass er seinen leiblichen Vater nie kennen gelernt hat.
Ich glaube in meinem Fall habe ich immer wieder Väter erfunden, die dramatisch liebevolle, einflussreiche und meist starke Persönlichkeiten hatten. Wenn ich mich jetzt selbst analysieren müsste, würde ich sagen - in meiner Fantasie habe ich mir ausgedacht, was mir gefehlt hat. Ich bin ja kein sehr subtiler Autor. Ich übertreibe, gehe viel zu sehr ins Detail. Es ist mir unendlich wichtig, dass man ganz deutlich vor sich hat, was ich erzähle, da wiederhole ich mich lieber einmal zu viel oder verliere mich in Einzelheiten. Aber ich würde sagen, als Erzähler interessieren mich die starken, dominierenden Charaktere mehr, als die schwachen. Dagegen sind meine Hauptfiguren ja oft sehr passiv oder zumindest passiver, als die Menschen, die sie prägen. So auch Jack Burns aus “Bis ich dich finde", der nicht nur in seinen sexuellen Beziehungen eine so fügsame Rolle spielt, sondern auch keine besondere Persönlichkeit zu haben scheint.
Zwei der Schlüsselszenen in “Bis ich dich finde" sind die Momente, in denen die Hauptfigur Jack Burns als Kind von seiner älteren Freundin Emma sexuell missbraucht und dann als 10jähriger von seiner Ringkampfgegnerin Miss Machado entjungfert wird. Wie viel autobiographische Realität steckt denn in diesen Szenen?
Eine andere Schlüsselszene ihres Buches beschreibt eine Demonstration konservativer Pornografiegegner gegen einen Film, dessen Hauptfigur ein Pornodarsteller ist. Haben Sie da nicht auch ein bisschen übertrieben?
Ihre Wohnung hier in dem Apartmentgebäude in der Innenstadt von Toronto wirkt ein wenig unpersönlich, fast wie eine Hotelsuite. Wie viel Zeit verbringen Sie denn hier?
Als ich zum ersten Mal in Kilchberg war, habe ich zu meiner Frau nur gesagt, falls ich irgendwann einmal ausklinken sollte und eingewiesen werden muss, bring mich bitte hierher. Das ist ein wunderschönes Dorf auf einem Hügel, man sieht die Alpen, man sieht den See mit den Segelbooten. Man vergisst leicht, dass es sich um eine Anstalt handelt, aus der manche Leute nicht rausdürfen. Aber die Ärzte und Patienten dort wissen sehr gut, wie privilegiert sie sind. Weil mein Roman aber ein wenig wie eine Oper ein im tiefsten Inneren zerrüttendes Drama mit einem fast unwahrscheinlich glücklichen Ausgang ist, schien mir das der perfekte Ort für so ein Ende.
Jon Stewarts Interview mit John Irving zu
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"The Door In The Floor"(Witwe für ein Jahr) ansehen
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New-York-Times-Interview mit John Irving
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