DAS BUCH BEIM FILM

Ein Interview mit dem Schriftsteller John Irving über
Romanverfilmungen, Hollywood und Moral.

© Andrian Kreye


New York im Herbst '04 - Mister Irving, “Door in the Floor" wurde von der amerikanischen Kritik als kongeniale Verfilmung Ihres Romanes “Witwe für ein Jahr" gefeiert. “Gottes Werk und Teufels Beitrag" wurde mit Oscars überschüttet. Was ist Ihnen inzwischen wichtiger? Buch oder Film?

John Irving: Oh Mann, tun Sie mir das nicht an. Das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge. Ich habe eine Zeitlang gebraucht, um Sympathien für Romanverfilmungen zu entwickeln. Genau gesagt war das die Arbeit an “Gottes Werk und Teufels Beitrag". Da habe ich zum ersten Mal erlebt, dass ein Film einerseits dem entspricht, was ich geschrieben habe und gleichzeitig doch etwas ganz anderes ist.

Dafür haben Sie das Drehbuch selbst geschrieben. “Door in the Floor" hat allerdings der Regisseur Tod Williams geschrieben. War “Gottes Werk" ein einmaliger Versuch?

Irving: Oh nein. Ich arbeite gerade an Drehbüchern für “Die vierte Hand" und “Zirkuskind", außerdem schreibe ich noch ein Originaldrehbuch, das ich mit Lasse Hallström verwirklichen werde. Das geht allerdings schon ein paar Jahre so, weil ich auch gerade einen neuen Roman redigiere, den ich im April fertiggeschrieben habe, und das dauert sicher noch bis Dezember oder Januar.

Wenn Sie so viel selbst schreiben, warum haben Sie Tod Williams dann “Witwe für ein Jahr"überlassen?

Irving: Ich mochte seine Idee, nur das erste Drittel des Romans zu verfilmen. Ein Roman ist ja meist wie ein Theaterstück in drei Akten, es gibt also oft einen ersten Akt, der ein eigenes Ende hat. Mich hat das daran erinnert, wie Volker Schlöndorff die Blechtrommel gemeistert hat. Der Trick dabei ist natürlich, den Punkt zu finden, an dem man aus der Geschichte aussteigt. Aber Tod Williams hat das brillant gemacht. Die erste Fassung seines Drehbuches hatte jedenfalls den gleichen Schluss wie der fertige Film. Und da gab es noch vier, fünf weitere Fassungen.

War es nicht trotzdem ein Risiko, mit einem so unerfahrenen Regisseur zu arbeiten? Er hatte ja bis dahin nur einen einzigen Spielfilm gedreht - “The Adventures of Sebastian Cole".

Irving: Das stimmt. Und der lief auch nur in Sundance und auf zwei anderen Filmfestivals. Aber er hat mich mit etwas überzeugt, das im Filmgeschäft niemand mehr macht - er hat mir einen Brief geschrieben. Wenn Leute im Filmgeschäft eine Idee haben, wollen sie einen immer gleich zum Frühstück treffen, ein Meeting ansetzen. Aber reden kann jeder. Wenn man zeigen will, dass man schreiben kann, dann sollte man eben auch etwas schreiben. Ich hatte zwar keine Ahnung, ob er auch ein Drehbuch schreiben kann, aber ein Brief war doch schon mal ein guter Anfang.

In Hollywood sind Sie eine Ausnahme - ein Autor mit Macht und Einfluss. Haben Sie denn so etwas wie das Recht auf “Writer's Cut", so wie Regisseure als ultimatives Machtmittel “Director's Cut" bekommen?

Irving: Ja genau so einen Deal habe ich. Das ist ja das Lieblingswort in Hollywood. Deal. (lacht) Andauernd macht man einen Deal, dealt, und ich hatte bei “Door in the Floor" den gleichen Deal wie bei “Gottes Werk". Allerdings hatte ich damit nicht das letzte Wort, er gab auch kein Mehrheitsrecht, sondern die Produzenten, der Regisseur und ich mussten einstimmig einer Meinung sein. Das hat bei beiden Filmen eigentlich immer funktioniert.

Ist es keine Qual, wenn so ein Roman von fünf-, sechshundert Seiten auf neunzig Minuten zusammengestutzt wird?

Irving: Durch meine Arbeit mit Lasse Hallström habe ich mich sehr mit dem Schneiden angfreundet. Das ist dem Romanschreiben auch viel näher, als das Drehbuchschreiben. Im Schnittraum überblickt man das gesamte Stück. Ganz ähnlich wie beim Überarbeiten eines Romans. Drei Viertel meines Lebens als Autors verbringe ich ja sowieso mit Überarbeitungen.

Ihre ersten Erfahrungen mit dem Film waren allerdings nicht so angenehm.

Irving: Die waren furchtbar. Ganz schlimm. Das war der Versuch “Lasst die Bären los" zu Verfilmen. Da hat Columbia Pictures erst mich verarscht, dann den Regisseur Irvin Kershner, mit dem ich immer noch gut befreundet bin. Die halten heute immer noch die Rechte am Roman und am Drehbuch. Deswegen habe ich auch gleich abgewinkt, als man mir angeboten hat für “Hotel New Hampshire" und “Garp und wie er die Welt sah" die Drehbücher zu schreiben.

Waren Sie da nicht mal beim Dreh dabei?

Irving: Doch, aber in erster Linie, weil ich so gut mit Tony Richardson und Joshua Hill befreundet war. Ansonsten habe ich da Abstand gehalten.

Und den erst bei “Gottes Werk" wieder aufgegeben.

Irving: Den Film habe ich von Anfang an begleitet. Das hat aber auch 13 Jahre lang gedauert, bevor das alles verwirklicht wurde. “Zirkuskind" dauert jetzt schon vierzehn Jahre. “Door in the Floor" hat dagegen nur vier Jahre gebraucht. Ich arbeite eben sehr langsam und will auch nicht aufhören, Romane zu schreiben. Mein nächster Film wird wahrscheinlich“Die vierte Hand". Wenn alles klappt beginnen wir 2005 mit dem Dreh.

Reizt Sie am Film, dass man damit mehr Menschen erreicht, als mit Büchern?

Irving: Sicher. Allerdings wird ein guter Film die Leute immer zum Buch bringen. Weil “Gottes Werk" so gut war, haben vor allem junge Leute, die mich als Autor nicht kannten, das Buch gelesen. Nach dem Filmstart hat die Taschenbuchausgabe noch einmal Millionen verkauft.

Es heißt allerdings, dass die großen Geschichten heute nicht mehr in Romanen, sondern mit Filmen erzählt werden.

Irving: Das ist aufgeblasenes Hollywoodgeschwätz.

Eines können Filme aber heute besser, als Bücher - Sensationen schaffen. Die Klatschmagazine im Fernsehen haben sich auch gleich auf die Sexszenen gestürzt, die Kim Basinger in “Door in the Floor" mit dem dreißig Jahre jüngeren Jon Foster hat.

Irving: Wirklich? Man sollte ja meinen, dass dieses Land hier sexuell mal ein bisschen reifer sein würde. Dass wir aus unseren puritanischen Wurzeln herauswachsen. Aber die Medien sind sexuell wohl immer noch auf dem Stand eines Fünfzehnjährigen, und so einige Amerikaner sind da mit stehen geblieben. Bedauerlicherweise sorgen wir uns ja mehr um Sex, als ums Töten.

So eine griechisch tragische, ödipale Szene rührt natürlich an Tabus. Der junge Mann, der mit der Mutter der Familie schläft und um ein Haar den Vater tötet.

Irving: Die griechische Tragik war mir eigentlich gar nicht so bewusst. Die klassische Geschichte, die ich erzählen wollte war eigentlich, dass Jeff Bridges Figur des Ted Cole den Jungen ins Haus holt, um es sich leichter zu machen, sich von seiner Frau zu trennen. Er baut ja sogar den Swimming Pool und pflanzt den Rasen, von denen er am Anfang spricht. Er kriegt alles, was er will und begreift nicht, dass er sich damit nur schadet. Das hat ja auch etwas griechisch tragisches - der Held als Architekt seines eigenen Untergangs.

Damit hat die Affäre zwischen seiner Frau und seinem Schüler doch eine ganz klare Bedeutung für die Handlung, die über den Sex weit hinausgeht.

Irving: Ja, ich glaube vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren hätten sich die Leute auch nicht so um diesen politisch korrekten Mist geschert. In den Sechzigern war das alles viel entspannter. Aber jetzt, mit diesem ganzen Rechtsruck und dieser Rückkehr zur Frömmelei sind die Leute so furchtbar prüde und verklemmt. Mehr denn je. Auf der anderen Seit sind die Zeiten den Sechzigern ja auch wieder sehr ähnlich.

Wie meinen Sie das?

Irving: So gespalten und polarisiert war das Land schon lange nicht mehr. Ich glaube während meines gesamten politisch bewussten Lebens gab es keine Wahl, die so wichtig war wie diese. Man musste sich noch nie so eindeutig zwischen einem potentiell guten und einem potentiell desaströsen Ausgang entscheiden.





Zurück zum Inhalt



Bild

Andrian Kreyes neues Buch:

Die Geschichte der Stadt New York

von Punk und Disco

bis zur Alarmstufe Orange.



Jetzt bei amazon.de