Aus dem Moloch in die blauen Berge

Die Fotografien des Filmemachers und Folkmusikers John Cohen zeigen die Welt mit dem Blick der Beatniks.
© Andrian Kreye



Bild “Es ist früher Morgen im Universum", begann Jack Kerouac im Winter 1959 seinen improvisierten Monolog, mit dem er Robert Franks' Experimentalfilm “Pull My Daisy" vertonte. Mit diesem Satz hatte Kerouac genau diese unersättliche Neugier beschrieben, die nicht nur seinen Roman “On The Road", sondern auch das Lebensgefühl all der Dichter, Fotografen, Maler und Musiker bestimmte, die damals die Lower Eastside von New York bevölkerten. “Pull My Daisy" sollte der einzige Film bleiben, den die Beatniks selbst produzierten, und mit Ausnahme von John Cassavetes' “Shadows", der einzige, der es schaffte, dieses Lebensgefühl wiederzugeben. Die Dichter Allen Ginsberg, Gregory Corso und Peter Orlovsky gehörten zu den Schauspielern, der Maler Larry Rivers und die französische Schauspielerin Delphine Seyrig. Fotograf am Set war damals Franks Nachbar John Cohen, der soeben von einer Reise durch die peruanischen Anden zurückgekehrt war.

Ähnlich wie Robert Frank in seinem Buch “The Americans" hatte John Cohen einen Blick auf die Welt entwickelt, der mit seiner Subjektivität und Spontaneität das visuelle Pendant zum Stream-of-Conciousness-Stil der Beat-Schreiber bildete. Cohen hat seine Bildsprache später in Filme übertragen, er hat gezeichnet, gemalt, er fungierte bis 1997 Professor für darstellende Künste an der State University of New York. Doch erst jetzt ist die erste Retrospektive seiner Fotografien als Buch erschienen (“There Is No Eye ", PowerHouse Books, New York, 200 Seiten, ca. Euro 55,-).

Da sind die Bilder aus den Lofts an der Bowery, von durchzechten Nächten in den Bars des Greenwich Village, Porträts der Beatnik-Helden und Fotos von den Reisen durch die Anden. Eindringliche Momentaufnahmen und Atmosphären. Doch es sind vor allem die Fotos von Musikern, die zu John Cohens besten Arbeiten gehören.

Während der Schweizer Robert Frank versuchte, die Seele Amerikas in den Gesichtern und auf den Straßen des Landes zu ergründen, suchte der im New Yorker Stadtteil Queens geborene John Cohen nach den Wurzeln seiner Heimat in der Musik. Gleich nach den Dreharbeiten von “Pull My Daisy" fuhr Cohen in die Appalachian Mountains von Kentucky, um dort mit Tonband und Fotoapparat die Bluegrassmusik zu erforschen. Er befreundete sich mit dem Banjospieler Roscoe Holcomb, besuchte die Kirchen und Bars, in denen er die arbeitslosen Minenarbeiter traf, und begleitete Bluegrassmusiker über die Rummelplätze. Cohen teilte seine Begeisterung für die ungehobelte Musik des amerikanischen Hinterlands mit den meisten Musikern und Literaten der Beatnikgeneration, die in den Liedern der von den urbanen Eliten verachteten Hicks und Okies ein Stück Wahrheit über Amerika wiederfanden.

Ausgerechnet Jack Kerouac, der mit “On The Road" den Mythos Amerika für die Beatniks neu definiert hatte, konnte mit der Folkbegeisterung nichts anfangen. Im Text zu “There Is No Eye" beschreibt John Cohen, wie er kurz Kerouac vor den Dreharbeiten zu “Pull My Daisy" zum ersten Mal traf. “Ich sagte ihm, wie sehr mir ’On the Road' gefallen hatte, und sagte, dass es mich an Woody Guthrie erinnert hätte. Die nicht enden wollenden Sätze, die freie Grammatik, die Assoziationen von der Weite und Größe Amerikas." Doch Kerouac wies den Vergleich brüsk von sich. “Woody Guthrie ist nur ein Folksänger", fuhr er Cohen an. “Ich bin ein Dichter wie Rimbaud und Verlaine."

Erst später begriff Cohen, warum Kerouac so heftig reagiert hatte: “Woody stammte aus einer mittelständischen Familie in Oklahoma und wurde zum Wanderer, als das Geschäft seines Vaters während der Wirtschaftskrise bankrott ging. Erst dann wurde seine Solidarität mit den Okies der Arbeiterklasse zu seiner Identität. Keruoac stammte jedoch aus einer armen Arbeiterfamilie und fand seine künstlerische Persönlichkeit als Störenfried und Rebell in den intellektuellen Zirkeln der Literaten."

Zusammen mit seinem Freund Ralph Rinzler gründete Cohen Anfang der 60er Jahre die “Friends of Old Time Music", die Musiker wie Holcomb, Doc Watson und Muddy Waters zu ihren ersten Konzerten nach New York holten und später das Smithsonian Festival of American Folklife in Washington veranstalteten. Er spielte mit seiner Band The New Lost City Ramblers. Er wurde für seine Arbeit als Musikdokumentarist für mehrere Grammies nominiert. Und er beeinflußte einen jungen Musiker namens Robert Zimmerman, der Anfang der 60er Jahre aus dem Mittleren Westen nach New York gepilgert war, um die Folklegende Woody Guthrie kennenzulernen, und begann unter dem Namen Bob Dylan in den Tavernen des Greenwich Village aufzutreten. Ein paar Jahre später setzte er Cohen im Text von “Highway 61 Revisited" ein Denkmal, das nun als Namensgeber für dessen Buch diente: “You are right John Cohen, Quazimoto was right, Mozart was right - there is no eye".


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