DER AMERIKANISCHE FAUST

Ein Interview mit dem amerikanischen Komponisten John Adams.

© Andrian Kreye


September '05 - Am 1. Oktober wird an der San Francisco Opera John Adams neue Oper “Doctor Atomic" aufgeführt. Mit einem Libretto des Regisseurs Peter Sellars erzählt Adams darin die Geschichte von Robert Oppenheimer, dem ’Vater der Atombombe'. “Doctor Atomic" ist nach “Nixon In China" und “Death Of Klinghoffer" John Adams dritte Oper.

Sie haben gesagt, dass Sie nie wieder eine Oper schreiben wollten. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

John Adams: Es war das Thema, das mich nicht mehr losgelassen hat - Robert Oppenheimer und die Atombombe, das ich für einen psychologischen und symbolischen Archetypen des amerikanischen Lebens mit enormem Tiefgang hielt. Das ist genau die Sorte Thema, mit der ich mich in meinen Bühnenwerken beschäftige. Als ich ’Nixon In China' komponiert habe, haben der Zusammenprall von Kapitalismus und Kommunismus genauso gereizt, wie die Vorstellung, dass politische Persönlichkeiten durch die Medien konstruiert werden. Ähnlich wie der Terrorismus bei “Death Of Klinghoffer".
Die Geschichte der Atombombe ist eine ebenso komplexe, moralische Geschichte. Da kann man nicht einfach nur urteilen. Diese jungen Wissenschaftler glaubten, dass sie in einem Wettkampf gegen Hitler standen, und dass sie mithalfen, die Zivilisation zu retten.

Es gab ja auch diesen Brief, in dem Einstein 1939 Präsident Roosevelt anflehte, ein Atomwaffenprogramm zu initiieren, weil die Nazis eine Atombombe entwickelten. Dieser Aspekt des Atomwaffenprogramms ist allerdings weitgehend vergessen.

Adams: Wegen der Ungeheuerlichkeit, dass wir Atombomben zu einem Zeitpunkt auf die Japaner abgeworfen haben, als ihr Land nach sechs Monaten Flächenbombardements vollkommen hilflos war. In einer einzigen Nacht waren schon 100.000 Menschen im Feuersturm umgekommen. Das war wie in Hamburg und Dresden. Und dann werfen wir Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Ist die Atombombe denn eine rein amerikanische Geschichte?

Adams: Natürlich ist das auch der Moment in der Geschichte des Planeten, an dem die Spezies des Homo Sapiens plötzlich die Fähigkeit, die Macht und die Technologie hat, den gesamten Planeten zu zerstören. Bis zu diesem Punkt gehörte die menschliche Spezies prinzipiell zum Reich der Tiere. Auch wenn wir uns schon weit entwickelt hatten, Ackerbau und Viehzucht beherrschten und Wälder niederbrennen konnte, waren wir doch nur eine weitere Spezies, die ums Überleben kämpft. Und dann, an diesem schicksalsträchtigen Morgen auf dem Wüstenboden von New Mexico hat dieser historische Moment das alles gekippt und die menschliche Speizes hatte plötzlich die ethische Verantwortung mit dieser furchtbare Macht verantwortungsvoll umzugehen.

Und hat die Menschheit daraus gelernt?

Adams: Ich weiß nicht so recht. Ich jetzt in der Mitte meiner Fünfziger. Als ich in jungen Jahren aufs College ging hat man in der ganzen Welt sehr ernsthaft über nukleare Abrüstung nachgedacht. Während meiner Kindheit in den Kennedyjahren hatten wir diese Krise mit Castro, die wirklich furchterregend war.

Solche Ängste sind heute so gut wie vergessen.

Adams: Wegen des Gleichgewichts des Schreckens. Dabei gibt es heute das furchterregende Szenario der Selbstmordanschläge. Der 11. September und was sich im Irak abspielt haben viel zu deutlich gemacht, dass Menschen bereit sind, ihr Leben zu opfern, nur um einen Punkt zu machen. Wenn die Atomwaffen hätten, würden sie vielleicht nicht gleich den Planeten zerstören, aber Sie müssen sich nur vorstellen, was ein einzige Kofferbombe die in New York, London oder Frankfurt detoniert für die Freiheit bedeuten würde. Für die Bürgerrechte wäre das katastrophal.

Können Sie sich noch an die eigene Angst vor dem atomaren Vernichtungsschlag erinner?

Adams: Natürlich. Ich war ungefähr 13 Jahre alt und ich erinnere mich noch ganz genau an diese Woche, in der ich glaubte, dass die Wahrscheinlichkeit eines Atomkrieges sehr hoch ist.

Haben Sie die Testgelände in New Mexico oder Nevada besucht?

Adams: Ich muss zu meiner Schande gestehen - nein. Auf der anderen Seite war ich auch nie in China.

Was hat Ihnen geholfen, sich die Dimension einer atomaren Explosion vorzustellen?

Adams: Ich habe sehr viel gelesen. Außerdem lebe ich in Berkeley, wo viele dieser Wissenschaftler herkamen. Oppenheimer, Teller und Lawrence haben hier sogar unterrichtet. Einige unserer Freunde sind Nobelpreisträger, die haben dann Abendessen veranstaltet, bei denen ich Leute treffen konnte, die Teller und Oppenheimer noch kannten.

War die Physik mit ihren sehr unemotionalen logischen Systemen nicht sehr fremd für sie?

Adams: Wenn ich irgendetwas an’Doctor Atomic' auszusetzen hätte, wäre es eigentlich, dass zu wenig Wissenschaft darin ist. Ich liebe es, über Wissenschaft zu lesen. Das sind fast Liebesgeschichten und erinnern mich daran, was es heißt, wenn man als Komponist einen guten Tag hat, wenn einem neue Ideen kommen und alles zusammenpasst.

Welche tragischen Eigenschaften machen Oppenheimer denn zu einer Opernfigur?

Adams: Aus meiner Sicht als Komponist hat er einen durchaus einnehmenden Charakter, weil er sowohl über einen schillernden Intellekt, wie über eine komplexe Persönlichkeit verfügte. Ich glaube, er war der kultivierteste Wissenschaftler, der jemals gelebt hat. Mehr noch als Newton und Einstein. Er hat enorm viel von Literatur, Musik, Sprachen und Kunst verstanden. In der Nacht vor der Trinity-Explosion, als alle nur herumsaßen und warteten, hat er zum Beispiel einen Band von Baudelaire gelesen, um sich zu beruhigen. Ich habe neulich auch erfahren, dass er darum bat, dass bei seinem Begräbnis das Zwölftonrequiem Canticles von Strawinsky gespielt wird.
Auf der anderen Seite war Oppenheimer moralisch nicht ganz konsequent. Er war so eine Art amerikanischer Faust. Als er das Labor leitete, hat er fast täglich mit mächtigen Politikern gesprochen. Peter Sellars glaubt, dass er in einem Machtrausch war. Als Leo Szilard gegen den Einsatz von Atomwaffen gegen Zivilisten protestierte, hat sich Oppenheimer für die Bombardierung von Städten ausgesprochen. Später hatte er dann wiederum enorme Schuldgefühle und ich glaube einer der Gründe dafür, dass ihn die US-Regierung später fertigmachte war, dass er diese Gewissensbisse öffentlich zugab.

Kritiker werfen Ihnen vor, sich in Ihrer Arbeit mit Themen zu beschäftigen, die sich nicht für Opern und ernste Musik eignen.

Adams: Ich finde, dass sie sich sogar ganz hervorragend eignen. Wenn Oper überhaupt noch eine Bedeutung als lebendige Kunstform haben will, dann muss sie sich mit Geschichten befassen, die etwas mit unserem eigenen Leben zu tun haben. Andere amerikanische Komponisten schreiben Opern, die auf Romanen aus den 20er Jahren basieren, so wie ’Der große Gatsby'. An der Metropolitan Opera wird dieses Jahr eine Oper aufgeführt, die auf einem Roman von Theodore Dreiser beruht. Das mögen berühmte Romane sein, aber sie werden nie diese intensiven Regungen und dieses Gefühl, hier und jetzt zu leben erzeugen, wie die Sujets, mit denen ich arbeite.

Welche Rolle hat denn Oper heute in Amerika?

Adams: Das ist ein bisschen wie Sport. Da geht man hin, wie ins Kino oder ins Stadion. Man will große Stimmen hören, man sieht sich Placido Domingo an, der mit seinen 70 Jahren immer noch singt. Das ist, als ob man sich Beckham ansieht. Wen kümmert das schon?

Aber was kann die klassische Musik zu aktuellen Themen sagen, das Texte oder Filme nicht können?

Adams: Ich glaube Oper ist eine sehr geheimnisvolle Kunstform. Ich mag Oper ja nicht unbedingt. Ich mag im Allgemeinen zum Beispiel keinen Operngesang, den ich für sehr überzogen und altmodisch halte. Weswegen ich auch immer versuche, mit Sängern zu arbeiten, die besonders klare Stimmen haben und die gute Schauspieler sind. Aber prinzipiell ist Oper eine hyperreale Erfahrung, die sich über Logik und Erzählstrukturen hinwegsetzen kann. Und das erlaubt uns, bestimmte Aspekte des menschlichen Geistes zu behandeln, die andere Kunstformen nicht erfassen. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass sie die Erfahrung, die ihnen zum Beispiel Wagners Ring beschert, mit einem Film oder einem Roman machen können.

Wie kann in so einem Kontext Peter Sellars die Grenzen der Sprache mit seinem Libretto überwinden?

Adams: Ich versuche nie, die Grenzen der Sprache zu überwinden. Ich glaube, dass Worte, wenn es die richtigen Worte sind, Teil des Tiefgangs und der Erfahrung sind. ’Doctor Atomic' ist ein besonders interessantes Libretto, weil es teilweise aus Dokumenten besteht. Die sind vielleicht nicht besonders lyrisch, aber sehr erhellend. Dazwischen verwenden wir ja dann auch die Lyrik von Baudelaire oder John Donne.

Warum haben Sie diesmal mit Peter Sellars gearbeitet und nicht mit Alice Goodman, die die Libretti für ihre beiden anderen Opern geschrieben hat?

Adams: Peter und ich hatten vor fünf Jahren schon sehr gute Erfahrungen mit ’El Niño' gemacht, einem Krippenspiel, für das wir ein Libretto aus bereits existierenden Quellen verfaßt haben - aus Gedichten, Bibelzitaten, mittelalterlichen Texten. Und weil es so viel Informationen über die Atombombe gibt und ich wußte, dass Oppenheimer Lyrik liebte, habe ich Peter vorgeschlagen, dass wir aus diesen Quellen ein Libretto machen.

Als Sie für die New Yorker Philharmoniker zum ersten Jahrestag des 11. Septembers das symphonische Stück ’On the Transmigration of Souls' schrieben, beklagten sie damals, dass alle Orchester zu solchen Anlässen immer nur Beethovens Neunte oder Mozarts Requiem spielen. Hat die klassische Musik ihre Rolle zu reagieren und zu reflektieren vernachlässigt?

Adams: Ich glaube, sie hat sie weder vernachlässigt, noch aufgegeben. Ich glaube nur, dass es eine begrenzte Anzahl großer und geeigneter Werke gibt. Ein großer Teil der Musik des 20. Jahrhunderts war Musik um ihrer selbst Willen. Das begann mit Schönberg. Das war für die meisten Zuhörer nicht mehr zugänglich und dann passierte etwas ganz Eigenartiges - im 20. Jahrhundert erfuhren die meisten den Genuss, den sie bisher bei Verdi, Mozart oder Wagner hatten, in der Popmusik. Das war oft großartige Popmusik, Bob Dylan, die Beatles, Duke Ellington oder Miles Davis. Aber klassische Musik wurde marginalisiert. Als ich studierte beschäftigte ich mich zum Beispiel den ganzen Tag über mit Webern und dann hörte ich nach dem Unterricht Jimi Hendrix. Da habe ich mir irgendwann gesagt, da stimmt etwas nicht. Ich sehe mich nicht in den letzten Resten der westlichen Kunstmusik herumstochern, wenn es auch ein Leben als Komponist geben kann, das mehr bedeutet.

Stossen Sie nicht andauernd auf Themen, die eine Oper wert wären? Die mythischen Dimensionen der Hurrikane zum Beispiel.

Adams: Ich lese keine Zeitungen, um auf Ideen zu kommen. So viele große Werke schreibe ich ja nicht. Ich sehe mich da nicht als musikalischer Daniel Libeskind, der zu jedem wichtigen Ereignis eilt und dann ein Stück Architektur dazu macht, weil es eben das momentane Thema ist.

Beschäftigen Sie sich den schon mit einem neuen Thema?

Adams: Ja. Peter leitet nächstes Jahr dieses Mozartfestival in Wien und gibt dazu Stücke in Auftrag, die sich allesamt mit Mozarts spirituellen Anliegen in seinem letzten Lebensjahr beschäftigen. Da habe ich ihn sofort gefragt, ob ich nicht etwas zur Zauberflöte machen kann, das mit jungen Menschen zu tun hat, die damit kämpfen, erwachsen zu werden. Das wird eher ein Stück für kleines Orchester. Wir haben schon ein Ensemble junger Sänger. Das wird im November nächsten Jahres in Wien uraufgeführt und im Dezember 2006 von Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern gespielt.





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