GOTTES SOLDATEN

Eine Generation junger Christen
erobert die amerikanische Politik

© Andrian Kreye

New York im Oktober '06 - Es lohnt sich, den Film “Jesus Camp" in Begleitung von Christen zu sehen, die ihren Glauben aktiv leben, um sicher zu gehen, dass man sich nicht in ideologische Empörungen verrennt. “Jesus Camp" ist eine Dokumentation über das allsommerliches Ferienlager “Kids On Fire" in North Dakota, in dem Kinder aus christlich-fundamentalistischen Familien für den Kampf gegen den säkularen Rechtsstaat geschult werden. Wer als Reporter schon einmal die Erziehungsanstalten besucht hat, in Islamistengruppen wie der Hamas Kinder ab dem Vorschulalter für den heiligen Krieg schleifen und auf ihre Rolle als Märtyrer (sprich Selbstmordbomber) vorbereiten, der kommt nicht umhin, Parallelen zu sehen. Spätestens wenn die Pastorin Becky Fischer die Kinderschar anfeuert: “Das ist Krieg! Das ist Krieg!" und die Jungen und Mädchen daraufhin in Jubel und Tränen ausbrechen, erinnert man sich an die Palästinenserkinder im Scheich-Raduan-Viertel von Gaza, die in militärischer Formation “Allahu Akbar" rufen und dazu Holzgewehre schwenken.

Das sind sie dann wohl, die säkularen Vorurteile gegen den amerikanischen Protestantismus, der immer ein wenig heftiger und inbrünstiger als die europäische Andacht, doch zum Glück ist man ja mit Gläubigen im Kino und die schütteln schon bald fassungslos den Kopf, weil sie die Militanz der Kinderpastorin nicht mit ihrem eigenen Glauben vereinbaren können. “Das kann man doch nicht machen", ist die Reaktion auf eine Szene, in der die Kinder zu Hardrockmusik einen martialischen Säbeltanz aufführen, bei dem sie Kampfanzüge tragen und Kampfrufe für Gott skandieren. Die Parallelen zu den Palästinenserkindern zieht dann Becky Fischer selbst. “Ich will, dass junge Leute ihr Leben genauso radikal für das Evangelium riskieren, wie die Jugend in Pakistan oder Palästina. Doch die letzte Wahrheit haben wir." Und Becky Fischers Kinder sind bereit. Da sagt der zwölfjährige Levi, er hätte keine Angst sein Leben für Jesus zu opfern. Die zehnjährige Rachael erzählt von Missionaren, die in Übersee starben und nun als Märtyrer gefeiert werden.

Ziel des Plans ist ganz eindeutig. Die Kinder sollen als Soldaten in den Kulturkampf um die amerikanische Seele ziehen. Sie sollen gegen Abtreibung und gegen die Meinungshoheit der Naturwissenschaften agitieren. Da gehört zum Glauben auch die religiöse Schulbildung. Viele von ihnen gehören zum so genannten “Home Schooling Movement" und werden von ihren Eltern zu Hause unterrichtet. Weltliche Popkultur hat da keinen Platz. Becky Fischer sagt: “Im alten Testament hätten sie Harry Potter hingerichtet". Die Kinder hören stattdessen christliche Popmusik und ergeben sich im Gebet. Einen mächtigen Verbündeten haben sie jedoch in der säkularen Welt. In einer Szene sprechen die Kinder einen Segen über einer lebensgroßen Pappfigur von George W. Bush, der die christlichen Fundamentalisten seit seinem Amtsantritt in die Mitte der Gesellschaft gerückt hat.

Angesichts solch religiöser Militanz sicherten sich übrigens auch die Filmemacherinnen Heidi Ewing und Rachel Grady gegen ihre eigenen Vorurteile ab. Sie verzichteten auf einen Offtextkommentar und ließen stattdessen Mike Papantonio zu Wort kommen, Moderator der linksliberalen Radiosendung “Ring Of Fire" und praktizierender Methodist, der die Unterwanderung des politischen Prozesses durch eine neue Generation christlicher Fundamentalisten aus der Warte eines Gläubigen beurteilt. Da wird er deutlich. “Das ist nicht der Wille Gottes", sagt er über die politischen Ambitionen der Fundamentalisten.

Im amerikanischen Fernsehen wird “Jesus Camp" seit Tagen heftig diskutiert. Die Reaktionen sind vorhersehbar. Konservative werfen den Filmemacherinnen Demagogie vor. Liberale sprechen von Gehirnwäsche. Den Vorwurf der Demagogie hat die Hauptfigur des Filmes Becky Fischer allerdings selbst entkräftet. “Sie haben großartige Arbeit geleistet", sagte sie in mehreren Interviews. “Ich finde, dass sie unser Konzept wunderbar erfasst haben." Der Vorwurf der Gehirnwäsche lässt sich wie bei den meisten dogmatischen Religionsbewegungen nur schwer entkräften. Allerdings hat Becky Fischer die Debatte mit ihrer Parallele zur Indoktrination von Palästinenserkindern die Debatte selbst unnötig angeheizt. Christliche Kinder und Jugendliche mögen sich für den radikalen Kulturkampf engagieren. Linienbusse und Straßencafes haben sie noch keine gesprengt. Überhaupt hinkt der Vergleich mit radikalen Organisationen, die im Nahen Osten letztlich nationalistische Ziele mit religiösen Argumenten verbrämen. Becky Fischers Bibelcamps stehen für ein ganz anderes Phänomen - für den weltweiten Trend zu Desäkularisierung.

Denn da sind sich amerikanische Pech- und Schwefelprediger mit dem Papst, dem Dalai Lama und den Imams von Casablanca bis Jakarta einig. Die Trennung von Kirche und Staat muss aufgehoben werden. Nur ein Gottesstaat kann der Moderne widerstehen. Die älteren Kinder sind sich der Aufgabe schon bewusst. Als der zwölfjährige Levi eine Predigt halten darf, schärft er seinen Ferienfreunden ein: “Wir sind die Schlüsselgeneration für die Wiederkunft von Jesus Christus. Wir sind Gottes Soldaten."

Becky Fischers Bibelcamp ist sicherlich ein Extrem-, allerdings kein Einzelfall. Den Plan, gleich ganze Generationen junger Christen für den Kulturkampf auszubilden hat der Verfassungsrechtler und Gründer der “Home School Legal Defense Association" Michael Farris jedoch mit ungleich größerer Konsequenz umgesetzt. Rund eine Autostunde westlich von Washington DC hat er in Purcellville, Virginia das Patrick Henry College gegründet. Auch darüber gibt es einen Film. In “God's Next Army" zeigt der Regisseur Jed Rothstein, wie das College christlich fundamentalistische Studenten auf ein Leben in der Politik vorbereitet. Die Demografie ist eindeutig. Harris Organisation für Heimunterricht gehören schon 81.000 Familien. Rund drei viertel der Collegestundenten haben auch nie eine Schule besucht, sondern wurden zu Hause unterrichtet. Alle müssen ein Gelübde unterschreiben, dass sie einen christlichen Lebenswandel führen und sich den Grundlagen der christlichen Bildung wie dem Kreationismus verschreiben.

Harris hat viel vor. Er wolle sein College zum christlichen Äquivalent der Ivy-League-Schulen machen, sagt er da. Bis dahin ist noch ein weiter Weg. Mit rund 350 Studenten ist das Patrick Henry College im Verhältnis zu den Elite-Unis eher eine Zwergschule. Doch Harris will hier eine neue politische Elite christlicher Fundamentalisten schaffen. Da zeigen sich schon die ersten Erfolge. Keine höhere Schule vermittelt so viele Praktikanten an das Weiße Haus und an Kongressabgeordnete. In den Tagen vor den letzten Wahlen bekamen die Studenten frei, weil so viele im Wahlkampfeinsatz waren. Selbst das Büro des republikanischen Chefstrategen Karl Rove beschäftigte eine Patrick-Henry-Studentin.

Der Film zeigt, warum die christlichen Praktikanten so beliebt sind. Sie arbeiten nicht nur für einen prestigeträchtigen Eintrag in ihrem Lebenslauf, sondern nehmen den Kampf für den Einzug des Glaubens in die Politik von der ersten Minute an ernst. Bis in die Nacht hinein sind sie da unterwegs, um Flugblätter zu verteilen, Bürger zur Wahl zu motivierten oder in der Wahlkampfzentrale auszuhelfen. Rothsteins Film wirkt zwar nicht so schockierend wie “Jesus Camp", aber er gibt einen exzellenten Einblick in die Basis, die George W. Bush und seine Parteigängern selbst dann noch zum Sieg verhilft, wenn die Umfragewerte in den Keller gehen. Angesichts der epidemischen Wählerlethargie ist es in den USA oft wichtiger, zu mobilisieren, als zu überzeugen. Diese Strategie verfolgt die so genannte Christliche Rechte in Amerika schon seit den Siebziger Jahren. Was mit der “Moral Majority" als Reaktion auf die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung mit politisch ambitionierten Pastoren wie Jerry Falwell, Pat Robertson und Robert Grant begann, mit der Robertsons Christian Coalition seit 1988 zur modernen Politmaschine ausgebaut wurde, gilt heute als einer der größten politischen und gesellschaftlichen Kräfte Amerikas.

Europäische Konservative spielen den Einfluss des amerikanischen Protestantismus auf die US-Politik gerne herunter, um transatlantische Vorurteile zu entkräften und die heimische Desäkularisierung herunterzuspielen. Als Europäer sollte man sich auch keine Illusionen machen, dass die Trennung von Kirche und Staat in den USA nach wie vor konsequenter umgesetzt wird, als hierzulande. Doch die christliche Volksbewegung wächst in Amerika stetig an. Rund 80 Millionen aller Amerikaner bezeichnen sich als “wiedergeborene Christen", rund vierzig Prozent gehören einer evangelikalen Kirche an. Pastor Ted Haggart, religiöser Berater von George W. Bush und Gründer Mega Church, wie die Auditorien für bis zu zehntausend Gottesdienstbesucher heißen, sagt es im Finale von “Jesus Camp" ganz deutlich: “Wenn die Evangelikalen wählen, entscheiden sie die Wahl." Das sei längst geschehen, sagt Mike Papantonio: “Sie haben das Weiße Haus übernommen, den Kongress und die Justiz für mindestens eine Generation."

In der neuen Ausgabe des politischen Journals Foreign Policy versucht der Politiker Walter Russell Mead den Einfluss der Religion auf die US-Politik in seinem Essay mit dem Titel “God's Country?" in den richtigen Kontext zu bringen. Religion habe in der amerikanischen Politik und Kultur schon immer eine große Rolle gespielt, schreibt er, und es sei eben der Protestantismus gewesen, der die Identität Amerikas begründe. Da sich die moderaten und liberalen Kirchen jedoch zunehmend säkularisiert hätten, hätten eben die fundamentalistischen Strömungen an Dynamik gewonnen. Das habe inzwischen nicht nur Auswirkungen auf die Innen-, sondern auch auf die Außenpolitik. So seien einerseits die Menschenrechte zu einer geopolitischen Priorität der USA geworden und andererseits die Unterstützung des Staates Israel verstärkt. Gerade der Wille, Menschenrechte weltweit durchzusetzen sei in der angelsächsischen Welt jedoch kein neues Phänomen. Schon die britische Antisklavereibewegung sei Ende des 18. Jahrhunderts von dem Evangelikalen William Wilberforce angeführt worden. Evangelikaler hätten gegen Witwenverbrennungen in Indien, die chinesische Praxis, Frauenfüße einzubinden und in den letzten Jahren gegen die sexuelle Sklaverei gekämpft.

Die jüngste Welle der evangelikalischen Bewegung in Amerika habe ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. “Vorsichtiger Optimismus wäre jedoch die bessere Reaktion, als Horror und Panik", schreibt Mead. Vordergründige Reizthemen wie Abtreibung, Homosexualität und Kreationismus würden von allen Seiten zur Polarisierung genutzt. Sicher gebe es die Unterteilung der Menschheit in Gläubige und Nichtgläubige, den Fatalismus einer apokalyptischen Weltsicht. Doch fundamentalistische Institutionen seien Orte intensiver Gelehrsamkeit. Die Einbindung evangelikalischer Führungsfiguren könne zu erstaunlichen Ergebnissen führen. Es seien Evangelikale gewesen, die als erste gegen die Gewalt im Sudan protestiert hätten. Und vor kurzem hätten mehrere führende Evangelikale eine Erklärung veröffentlicht, dass Klimawandel ein ernstes Problem mit akutem Handlungsbedarf sei.

Ob die neue Generation politischer Christen ihre Macht in Amerika weiter zementieren kann, wird sich einmal mehr am 7. November zeigen. Dann finden die Zwischenwahlen statt, bei denen die Machtverhältnisse in Kongress, Senat und den Bundesstaatsregierungen neu geordnet werden. Die christliche Rechte sorgt sich unterdessen auf nationaler Ebene um künftige Generationen. Die Zahl der bibeltreuen Jugendlichen nehme stetig ab, meldete der Dachverband National Association of Evangelicals. Wenn sich der Trend fortsetze, seien nur noch vier Prozent aller Teenager Christen. Den bekämpft der Dachverband derzeit mit einer Seminarreihe für klerikale Führungskräfte. Über sechstausend Pastoren werden in diesem Herbst in 44 Städten auf den Kampf um die jungen Seelen vorbereitet. Dazu gehören jetzt schon christliche Rockfestivals, modische Keuschheitsgelübde mit Zeremonien und Ringen, sowie Skateboardmissionare.

Laut dem Soziologen an der Univerisity of Notre Dame Christian Smith, der eine Studie über Teenager und Glauben erstellte, sind die vier Prozent reine Propaganda. Keine Religion rekrutiere so erfolgreich Jugendliche, wie der evangelikale Protestantismus. In vielen Gegenden Amerikas gebe es unter Teens schon Gruppendruck, sich zum Glauben zu bekennen. Im Jargon verblasster Jugendkulturen heißt das - Cool ist out, das Feuer des christlichen Glaubens ist in.




'Jesus Camp' Trailer

Becky Fischer predigt zu Kindern im Ferienlager 'Kids on Fire'

Trailer 'God's Next Army'



Zurück zum Inhalt