'Coffee and Cigarettes' ist kein erzählerischer Film, sondern eher eine Art Kurzgeschichtensammlung. So etwas bekommt man normalerweise nur auf Festivals zu sehen und nicht im kommerziellen Kino.
Jarmusch: Das ist ganz sicher keine kommerzielle Form. Aber das Kommerzielle hat mich noch nie interessiert. Das Spiel mit den Formen m mag ich dagegen sehr. Und meine Lieblingsform ist die Variation. Die findet man in so ziemlich allen Werken von Bach, in den Siebdrucken von Warhol, in der Literatur. Im Film ist das eher unüblich.
Einzelelemente ziehen sich allerdings wie rote Fäden durch die gesamte Sammlung.
Wann haben Sie angefangen, diese Szenen zu sammeln?
Jim Jarmusch: 1986 hat mich die Fernsehsendung Saturday Night Live gefragt, ob ich nicht einen Kurzfilm drehen will. Er müsste lediglich fünf Minuten lang und lustig sein. Ich wusste, dass Roberto Benigni in der Stadt sein würde und da war noch Steven Wright. Also habe ich mich mit den beiden am Abend vorher zusammengesetzt und dann haben wir das gedreht.
Wurde das jemals gesendet?
Jarmusch: Oh ja. Das läuft heute noch in den Wiederholungen.
Wie ging es dann weiter?
In jeder der kurzen Szenen steckt eine ganze Menge Inhalt...
Jarmusch: Ich kann ja meine eigene Arbeit nicht analysieren. Ich finde das immer ganz interessant, wenn Leute, die klüger oder einsichtiger sind als ich meine Filme ansehen, weil sie dann oft Dinge in meinen Filmen finden, die mir gar nicht bewusst waren. Aber ich schau nicht gerne zurück. Wenn meine Filme fertig waren, habe ich sie mir nie wieder angeschaut. 'Stranger Than Paradise' habe ich seit 1984 nicht mehr gesehen.
Ein paar Referenzen in dem Film sind ziemlich hintergründig. Warum unterhalten sich Meg und Jack White von den White Stripes zum Beispiel über eine Tesla-Spule?
Jarmusch: Weil ich mich schon lange für die Arbeit von Tesla interessiert habe. Als ich Jack und Meg zum ersten Mal getroffen habe, kamen sie bei mir im East Village im Büro vorbei, und als Jack all meine Bücher über Tesla im Regal gesehen hat, war er sofort begeistert. Wir haben dann ein Video vorbereitet, in dem Jack White Nikola Tesla spielen sollte und Philip Seymour Hoffman Thomas Alva Edison. Das ist dann alles viel zu teuer geworden. Aber die Idee, etwas mit Tesla zu machen blieb.
(An dieser Stelle des Interviews hält Jim Jarmusch einen ausführlichen Vortrag über Leben, Werk und Bedeutung des bulgarischen Physikers Nikola Tesla, der im 19. Jahrhundert als Assistent von Thomas Alva Edison für viele Erfindungen verantwortlich gewesen sein soll, die Edison als seine eigenen Patente anmeldete. Tesla soll auch an Technologien gearbeitet haben, die Energie und Kommunikation zum kostenlosen Rohstoff für alle gemacht hätten, sowie an Methoden für eine gerechte Güterverteilung zwischen den armen und reichen Teilen der Welt).
In der Antiglobalisierungsbewegung ist Tesla wegen seiner Arbeit an kostenlosen Energiequellen eine geradezu mythische Figur.
Man kann ja nicht einmal mehr eine Zigarette zum Kaffee rauchen. Das macht Ihren Film für New Yorker fast nostalgisch.
Jarmusch: Ach, da geht es doch auch nur ums Geld und nicht um die Gesundheit. Die wollen ihre Strafen kassieren und acht Dollar für eine Schachtel Zigaretten verlangen. Außerdem geht es da um Kontrolle. New York war früher so renitent, wenn man den Leuten hier 1977 erzählt hätte, dass sie in einer Bar nicht rauchen könnten, hätten sie die verdammte Bar abgefackelt oder zumindest die Scheiben eingeworfen. Aber heute ist die Stadt eben eine riesengroße Immobilie.
Das klingt frustriert.
Jarmusch: Na ja, früher hat sie mir ganz schön Energie und Inspiration gegeben, aber je älter ich werde, desto mehr kostet sie mich Energie. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe diese Stadt immer noch. Aber die halbe Zeit lebe ich jetzt in den Catskill Mountains. Dort habe ich mir vor zwölf Jahren ein kleines Haus mit etwas Land gekauft. Da gibt es Seen und Wälder, das ist sehr ruhig und sehr hübsch. Allerdings muss ich ab und zu in die Stadt kommen.
Was fehlt Ihnen denn dort am meisten?
Jarmusch: Am meisten vermisse ich da oben die Kultur der Straße. Ich vermisse die schwarze und die Latinokultur. Da ist nicht viel los da oben. Aber ich brauche das als Inspiration. Vor allem die schwarze Kultur. Hip Hop mag ich sehr, den Stil, die Klamotten, die Sprache.
Im Film gibt eseine Szene mit RZA und GZA vom Wu-Tang Clan.
Wie kam es zu der Szene mit dem Wu-Tang Clan und Bill Murray?
Jarmusch: Ich hatte mit Bill an einem Projekt gearbeitet, aus dem allerdings nichts wurde. Ich habe ihn dann angerufen, um herauszufinden, ob er was mit RZA und GZA machen würde. Und er meinte gleich, echt, die Jungs vom Wu-Tang Clan? Klar. Er hat nicht mal wissen wollen, was wir da machen, ich sollte ihm einfach am Abend vorher eine Nachricht hinterlassen, wann er wo sein und was er anziehen sollte. Na ja, Bill Murray ist ja eher bekannt dafür, dass er zu Verabredungen überhaupt nicht erscheint. Aber er kam dann wirklich nur eine Viertelstunde zu spät. Die Wu-Tangs waren auch total begeistert. Die fanden Bill Murray ganz großartig. Allerdings sieht man jetzt nur die geschnittene Version. Die haben da einfach drauflos gespielt und ich habe einfach mitgedreht. Das war sehr lustig, aber auch sehr konfus.
Wie viel war in den Szenen improvisiert?
Jarmusch: Das war alles geschrieben. Ich habe sie zwar improvisieren lassen. So kam es zum Beispiel zu Steve Buscemis Elvistheorien. Alfred Molina und Steve Coogan haben bei der Probe sehr viel improvisiert, aber dann haben wir das noch aufgeschrieben.
Machen es einem die neuen Schnittcomputer da einfacher, an Erzählstrukturen zu arbeiten?
Wenn Sie für ein großes Studio arbeiten würden, ginge so was allerdings nicht durch.
Jarmusch: Nein. Wenn man hier für ein Studio arbeitet müssen sie erstmal dein verdammtes Drehbuch absegnen und dann noch mal acht Drehbuchschreiber engagieren. Das sind Control Freaks. Selbst die kleinen Firmen wollen hier das Drehbuch genehmigen, bestimmen, wer mitspielt, Tagesaufnahmen sehen. Mir redet niemand drein. Sonst würde ich wahrscheinlich aufhören, Filme zu machen.
Haben Sie die Szenen in ’Coffee and Cigarettes' denn selbst bezahlt?
Jarmusch: Die meisten. Irgendwann habe ich dann eine französische und eine japanische Firma dazu gebracht, die Rechte vorab zu kaufen.
Sind Europa und Japan immer noch die besten Geldquellen für unabhängige Filme?
Jim Jarmuschs neuer Film 'Coffee & Cigarettes' ist eine Sammlung von kurzen Schwarzweißfilmen, die er während der letzten 18 Jahren gedreht hat. Ein gutes Dutzend Hollywood- und Rockstars wie Bill Murray, Iggy Pop, Cate Blanchett, die White Stripes und Roberto Benigni spielen darin Einakter, in denen die Figuren in Kneipen, Bars und Lokalen sitzen, Kaffee trinken und Zigaretten rauchen.
Jarmusch: Ich mochte vor allem die Idee mit den Schachbrettmustern, weil der Film Schwarzweiß ist. Kaffee ist schwarz, Zigaretten sind weiß. Und die meisten Figuren sind auch auf verschiedene Arten schwarz und weiß. Für mich ist der ganze Film ein grandioses Spiel gewesen. Für jede Szene habe ich mir zuerst ausgedacht, wer sie spielen soll, und wenn sie interessiert waren, habe ich ein Drehbuch dafür geschrieben.
Jarmusch: Mein nächster Spielfilm war 'Mistery Train', da waren Steve Buscemi und Cinque Lee mit mir in Memphis, und als Cinques Schwester Joie ihn besucht hat, habe ich schnell was für sie geschrieben. Den nächsten 'Coffe and Cigarettes'-Film habe ich gedreht, als ich mit Tom Waites in Kalifornien das Video für seinen Song 'I Don't Want To Grow Up' gemacht habe und ich erfahren habe, dass mein Freund Iggy (Pop) in der Gegend sein würde. Und so ging das dann immer weiter.
Jarmusch: Das stimmt, ich treffe mehr und mehr junge Leute, die Tesla kennen. Vor zehn Jahren kannte ihn kein Mensch. Diese ganze Antiglobalisierungs- und Protestbewegung stimmt einen sowieso recht optimistisch. Da beschäftigen sich ziemlich viele Leute mit solchen Ideen. Irgendwie ist das der neue Underground, verbunden durch Internet und einen gemeinsamen Glauben. Es ist ja hart genug, in dieser Konzernwelt überhaupt noch einen Underground zu haben. Viel schwerer, als in den 60ern und 70ern. Wie soll man sich in so einer Konzernwelt noch ausdrücken?
Jarmusch: RZA hat die Musik für ’Ghost Dog' geschrieben. Seither sind wir gut befreundet. Ich hänge oft mit RZA und GZA herum, mit Raekwon und Ghostface Killah. Ich bin aber schon seit den siebziger Jahren Hip-Hop-Fan. Achtzig Prozent finde ich ja ziemlich uninteressant. Ich mag eher die Hardcoresachen, Gang Starr, Wu-Tang. Oder Public Enemy. Hank Shockley hat für die früher die Musikspuren produziert, da hatten Sie einen verdammten Stravinski, so ein musikalisches Genie war das.
Aber ich mag auch immer noch Rock'n Roll. Die Strokes und die Yeah Yeah Yeahs, die bringen da wieder Leben rein. Und die White Stripes sowieso. Das sind richtige Bluesmusiker. Ich habe versucht, Meg mit irgendwelchen obskuren Bluesplatten reinzulegen. Aber die kannte alles.
Jarmusch: Nicht viel. Ich drehe ja doch meistens nach einem Drehbuch. Aber ich bin da nicht dogmatisch. Das versichere ich auch meinen Schauspielern immer. Im Schnitt macht einem der Film selbst oft klar, was er braucht und was nicht. Ich lerne da immer noch dazu. Einen Film zu drehen ist ein bisschen, als ob man mit seinen Kumpanen in einen Steinbruch geht, um einen Marmorklotz zu holen, aus dem man ein Pferd meißeln will, aber dann bringt man den Klotz zurück und er sieht gar nicht wie ein Pferd aus, sondern wie ein Elch. Das ist zwar immer noch ein großes vierbeiniges Tier, aber der Stein sagt einem eben, ich wäre zwar ein ziemlich albernes Pferd, aber ein verdammt starker Elch. Das muss man zulassen.
Bei ’Mystery Train' hatte ich so eine Aufnahme mit einem richtig teuren Kran. Der hat mich 20.000 Dollar am Tag gekostet. Aber im Schneideraum hat das einfach nicht mehr zum Film gehört. Das hat richtig wehgetan.
Jarmusch: Das hat sich in den letzten Jahren ziemlich geändert. Ich drehe jetzt zum Beispiel einen Film mit Focus Features. Das ist erst das zweite Mal, dass ich mit amerikanischem Geld arbeite. Ich mag amerikanisches Geld nicht. Die glauben dann immer, dass ihnen deine Ideen gehören. Diese ganze beschissene Hollywoodnummer halt.
In Europa sind sie da anders. Da haben sie Respekt, vertrauen einem, dass man weiß, wie man einen Film macht, dafür vertraue ich ihnen ja auch, dass sie wissen, wie man einen Film verkauft. Amerikaner lügen einen von vorne bis hinten an. Wenn dir Europäer oder Japaner ihr Wort geben, dann stehen sie dazu. Vor allem die Japaner. Die machen ja unter sich nicht mal Verträge. Wer nicht zu seinem Wort steht ist da geächtet. Das ist ein Ehrgefühl, das man sonst eher von Gangstern kennt. Hier in Amerika habe ich zu jedem Gangster mehr Vertrauen, als zu einem Anwalt.
Zurück zum Inhalt

Ab sofort im Handel:
Andrian Kreyes neues Buch
Jetzt bei amazon.de bestellen