Doch nur oberflächlich betrachtet waren die Verhandlungen ein schlüpfriges Kuriositätenkabinett. Amerika findet über solche Sensationsprozesse immer wieder zu sich selbst. Da war der ewige Konflikt zwischen dem Hyperrealismus und der Weltflucht der amerikanischen Gesellschaft, der sich im surrealen Kampf der Bilder widerspiegelte. Auf der einen Seite die Beweisfotos und Verhörvideos des Sheriff Department, die mit ihrer amateurhaft ausgeleuchteten Sachlichkeit versuchten, Behauptungen als Realität zu verkaufen. Auf der anderen Seite die weichgezeichneten Videoaufnahmen aus Neverland, die mit ihrer saccharinsüßen Emotionalität von den Angriffen ablenken und die Geschworenen von der herzensguten Naivität des Angeklagten überzeugen sollten.
Der Prozess hatte schon mit einem Kampf der Bilder begonnen. Auslöser war die Dokumentation “Living With Michael Jackson" gewesen, in der man sehen konnte, wie der Popstar mit dem Klägerjungen Händchen hielt und sagte, es sei Zeichen großer Liebe, mit Kindern das Bett zu teilen. Beide Seiten wussten um die Macht dieser Bilder. Das Sheriff's Department von Santa Maria führte seine erste Hausdurchsuchung der Neverland Ranch an dem Tag durch, an dem Michael Jacksons Best-Of-Album erschien, inszenierte zwei Tage später eine demütigende Verhaftung und gab das inzwischen legendäre Häftlingsfoto an die Presse. Fünf Tage später antwortet Jackson auf die Vorwürfe in der Fernsehsendung 60 Minutes. Kurz vor Beginn des Verfahrens veröffentlichte er auf seiner Webesite ein Video, auf dem er seine Unschuld beteuerte.
Doch es war nicht nur der Kampf der Bilder und ihrer Bedeutungen, der sich in einem juristischen Zweikampf entlud, denn Michael Jackson war nur die letzten Jahre seines bisherigen Lebens die groteske Zwittergestalt, als der ihn die Welt nun kennt. Kaum jemand erinnert sich noch daran, dass der junge Michael Jackson als Kind der strahlende Star der Plattenfirma Motown war, die mit ihrem hitparadentauglichen Soulpop als kultureller Hoffnungsträger der Bürgerrechtsära diente. Michael Jacksons Aufstieg zum Weltstar der 80er Jahre diente vielen als Allegorie für die Wohlstandsträume eines neuen schwarzen Mittelstandes. Seine physische Transformation vom schwarzen Mann zur postethnischen, geschlechtslosen Fantasiefigur sahen dabei viele als Sinnbild für einen andauernden Konflikt innerhalb des schwarzen Amerikas: die Angst des schwarzen Mittelstandes, dass der gesellschaftliche Aufstieg meist damit einhergeht, die eigene Identität zu verleugnen.
Da aber kommt ein ganz neues gesellschaftliches Spannungsfeld zum Tragen. Mit dem Aufstieg des neuen schwarzen Mittelstandes wuchs auch der Hass der weißen Unterschicht. Dieser komplexe Zusammenprall von Rassenspannungen und Klassenkampf wird erst langsam und nur zögerlich erkannt. Neil LaBute machte ihn in seinem neuen Theaterstück “This Is How It Goes" zum Thema, in dem der unterdrückte Rassismus des erfolglosen weißen Heimkehrers vom Dünkel des schwarzen Erfolgsmenschen hervorgekitzelt wird. Im Spielfilm “Crash" eskaliert die nächtliche Begegnung zwischen reichen Schwarzen und proletarischen weißen Polizisten bei einer Verkehrskontrolle zum beklemmenden sexualisierten Machtkampf.
Beim Prozess gegen Jackson wogen die Vorwürfe allerdings so schwer, dass die Konflikte weitgehend verdrängt wurden. Nur wenige schwarze Kommentatoren sprachen aus, was viele dachten. Hier stand ein schwarzer Angeklagter vor einer Jury aus Weißen, Latinos und Asiaten. Als sich ein Redakteur der schwarzen Zeitung Amsterdam News nach einem Leitartikel, der die rassistischen Untertöne des Jacksonprozesses thematisierte, ins Studio des konservativen Nachrichtensenders Fox News wagte, wurde er sogleich mit der Frage niedergebügelt, ob er es denn richtig fände, wenn ein erwachsener Mann mit kleinen Jungs schlafe. Das war dann auch das Ende der Diskussion.
Es war nur Zufall, dass sich der amerikanische Senat am Montagabend im Windschatten des Jacksonurteiles endlich dafür entschuldigte, niemals ein Bundesgesetz gegen Lynchmorde erlassen zu haben. Immerhin wurden zwischen dem Ende des Bürgerkrieges 1865 und dem Jahr 1968 offiziell 4742 Lynchmorde an fast ausschließlich Schwarzen gezählt. Zwanzig Senatoren haben sich dabei anonym der Stimme enthalten. Querverbindungen solcher Art sind ideales Futter für Verschwörungstheorien. Die allerdings gedeihen nicht in Bildern, sondern Worten und kursieren auf den Mittelwellensendern im Radio und im Internet, wo sie ungestört Eigenleben entwickeln können.
In der Öffentlichkeit konnte allerdings auch der Freispruch nichts gegen die Macht der Bilder ausrichten. Nach einer Umfrage des Nachrichtensenders CNN sind 67 Prozent aller Amerikaner mit dem Jacksonurteil unzufrieden. Das wird Staatsanwalt Sneddon Mut machen, nicht aufzugeben. Gleich nach dem Urteil hatte er angedeutet, dass dies unter Umständen nicht sein letzter Prozess gegen Jackson war.
New York 14.06. '05 - Der Prozess gegen Michael Jackson war so bizarr wie seine Protagonisten. Kein Drehbuchschreiber würde es wagen, sich solche Figuren auszudenken und erst recht nicht diese ambivalente Dramaturgie. Es blieb ja doch ein schaler Nachgeschmack nach dem zehnfachen Freispruch. Kein Dämpfer für den Angeklagten, nicht einmal eine gerichtliche Ermahnung, künftig keine Pyjamaparties mit kleinen Jungs zu feiern? Auf seine Freunde und Berater hört Jackson in diesem Punkt ja schon seit zwölf Jahren nicht. Es dauerte auch keine zwölf Stunden, da war das Ende des Sensationsurteils schon Treppenwitz der Talkshowmonologe. Die Gagschreiber waren sich einig, dass die kalifornische Justiz hier wie schon bei O.J. Simpson und Robert Blake mal wieder einen prominenten Angeklagten laufen gelassen hatte, für den lediglich die Zweifel sprachen und Jay Leno witzelte, Saddam Hussein hätte schon einen Antrag gestellt, dass sein Prozess ins kalifornische Santa Maria verlegt wird. Das waren noch die freundlichen Kommentare, während die Demagogen auf den Kabelsendern die rhetorischen Messer wetzten.
Die Bilderflut riss während der Verhandlungen nicht ab. Einige der wichtigsten Beweismittel und Aussagen wurden in Überlebensgröße an die Rückwand des Gerichtssaales projiziert. Die Öffentlichkeit musste sich unterdessen mit den Endlosschleifen der Nachrichtenbilder und den Besserwissergesichter der Hetzer und Abwiegeler in den Talkshows zufrieden geben. Gipfel der visuellen Argumente waren dann die Bilder aus den Sexheftchen und erotischen Bildbänden, die man in Jacksons Schlafzimmer gefunden hatte, mit denen die Staatsanwaltschaft die pädophilen Neigungen des Angeklagten beweisen wollte.
Für den amerikanischen Rassismus hatte der Prozess gegen Michael Jackson eine ähnliche Bedeutung, wie der Sechstagekrieg für den europäischen Antisemitismus. Angesichts des Bösen im Einzelfall findet man ungestraft neue Formen für alte Ressentiments. Da fand sich die Angst einer puritanischen weißen Gesellschaft vor der vermeintlich bedrohlichen schwarzen Sexualität genauso wieder wie der Widerspruch zwischen dem Kredo der individuellen Freiheit und dem Zwang der permanenten gesellschaftlichen Konsensfindung, sich auf kleinste gemeinsame Nenner zu einigen und so genanntes lautes Verhalten nur als Entertainment oder Schrullen der oberen Zehntausend zu dulden.
Den Geschworenen waren die Bilder übrigens nicht genug. Es waren letztendlich die Auftritte, Gesten und direkten Antworten der Zeuge, Verteidiger und Staatsanwälte, die sie so zweifeln ließen, dass sie sich nicht zu einem Schuldspruch durchringen konnten. Ein Phyrrussieg der Realität, der sich nun auch Michael Jackson stellen will. Zumindest hat er durch seinen Anwalt mitteilen lassen, er werde fortan keine Knaben mehr in seinen Gemächern nächtigen lassen. Noch ist auch nicht entschieden, ob er seine Wunderwelt von Neverland verläßt und das Anwesen verkauft.
Zurück zum Inhalt