In Deutschland forderte “Jackass" sein erstes Opfer am vergangenen Montag in Esslingen, als zwei Jugendliche eine Szene aus der Sendung nachstellen wollten. Laut Esslinger Polizei zog sich ein 14jähriger Schüler auf einem Sportplatz mehrere Kleidungsstücke übereinander an, ließ sich dann von einem Freund mit Brandbeschleuniger überschütten und anzünden. Nachdem ein älterer Bekannter die Flammen gelöscht hatte, mußte der Junge in eine Spezialklinik eingeliefert werden.
Die deutsche Filiale von MTV hat nun angekündigt, “Jackass" vorsichtiger zu bearbeiten und noch deutlicher darauf hinzuweisen, dass man Knoxvilles Späße nicht nachmachen sollet. Der Hinweis, die Sendung sei sowieso für die Zielgruppe der 18- bis 24jährigen konzipiert, klang dabei ungefähr so glaubwürdig wie die wiederholte Versicherung von Zigarettenfirmen, Werbekampagnen mit Cowboys, Comicfiguren und Discoszenen seien auf volljährige Raucher abgezielt.
Das Argument mit der Zielgruppe brachte MTV schon in den USA. Dort läuft “Jackass" mit wachsendem Erfolg seit Oktober 2000 und dort ist sie auch nicht die erste MTV-Sendung, durch die es Tote und Verletzte gab. Wohlmeinenden Warnungen zu Beginn von Sendungen gibt es seit der Zeichentrickfilmserie “Beavis & Butthead", deren Humor auf dem gleichen Vollidiotenprinzip basierte, wie bei “Jackass".
Als Halbwüchsige in New Jersey nach dem Vorbild von Beavis & Butthead eine Bowlingkugel von einer Autobahnbrücke warfen, welche die Rückscheibe eines vorbeifahrenden Autos durchschlug und ein Kleinkind tötete, begann eine nationale Debatte über den Einfluß gewalttätiger Jugendsendungen. Als im Oktober 1993 ein Fünfjähriger in Ohio das Haus seiner Mutter abfackelte, brachte MTV “Beavis & Butthead" dann nur noch am späten Abend und entfernte aus den Wiederholungssendungen mehrere Szenen, in denen die beiden Figuren etwas anzünden und dabei “Fire is good!" krakeelen.
Auch “Jackass" sorgte in den USA schon in für heftige Diskussionen um Nachahmungsfälle, die böse ausgingen. Als sich sowohl ein 11jähriger, als auch ein 13jähriger in Connecticut selbst anzündeten und mit schweren Brandwunden eingeliefert wurden, trat Joseph Lieberman auf den Plan. Der Senator des Bundesstaates und ehemalige Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten hatte schon im Wahlkampf 2000 versucht, mit scharfer Kritik an Gewalt und Sex in den Medien konservative Wähler ins Lager der Demokraten zu locken. Nach den Vorfällen in seinem Wahlkreis forderte er von MTV, die Sendung zu streichen, oder sie zumindest so spät zu senden, dass sie weniger Kinder sehen.
In den USA tobt die Debatte, ob moderne Medien junge Menschen zu Untaten verleiten, schon länger. 1974 kam der erste Fall in die Schlagzeilen. Damals zeigte der Fernsehsender NBC als “Movie of the Week" die Eigenproduktion “Born Innocent", in der Linda Blair in einem Frauengefängnis mit einer Klobürste vergewaltigt wurde. Wenige Tage später stellten drei Halbwüchsige die Szene mit einer Colaflasche und einem neunjährigen Mädchen nach. Gleich dreißig Amerikaner brachten sich vier Jahre später um, weil sie die Russisch-Roulette-Szene aus dem Vietnamkriegsfilm “Deer Hunter" mit Robert de Niro nachspielen wollten.
Über die Jahre nahmen die Fälle zu. Vergleichsweise harmlos war der Fall, bei dem ein 13jähriger aus Kentucky 1992 mehrere Polizisten verletzte, weil er im Haus seiner Eltern nach dem Vorbild des Filmes “Kevin allein zu Haus" mehrere Fallen aufgebaut hatte. Im gleichen Jahre wurde allerdings auch der Serienmörder Nathaniel White gestellt, der angab, dass ihn die “Robocop"-Filme dazu gebracht hätten, sechs Frauen umzubringen. Drei Jahre später mußte Oliver Stone vor Gericht, weil sein Film “Natural Born Killers" für mehrere Morde verantwortlich gemacht wurde. Selbst der rechtsradikale Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh, der am 19. April 1995 186 Menschen mit einer Autobombe tötete, gab an, dass ihn nicht nur William Pierece's rassistischer Roman “The Turner Diaries", sondern auch der Actionfilm “Die rote Flut" mit Patrick Swayze zu seinem Anschlag inspiriert habe.
Doch nicht nur Spielfilme und Serien scheinen Jugendliche zu Gewalttaten und gefährlichen Dummheiten anzustiften. Ein aufsehenerregender Prozeß im US-Bundesstaat Nevada sollte beispielsweise klären, ob sich zwei Jugendliche von Texten der Hardrockgruppe Judas Priest zum Selbstmord verleiten ließen. Zwei Teenager in Florida vergewaltigten wiederholt ihre achtjährige Halbschwester, nachdem sie in der Nachmittagstalkshow von Jerry Springer eine Folge über Inzest gesehen hatten. Und die Ringkampfshows der World Wrestling Federation WWF haben in ganz Amerika eine Welle des sogenannten “Backyard Wrestling" ausgelöst, bei der Teenager in Hinterhöfen und Gärten Amateurringkämpfe austragen.
Die gehen oft böse aus, weil die Kids im Gegensatz zu ihren professionellen Vorbildern eben nicht im Schaukämpfen ausgebildet sind. So hat ein Siebenjähriger in Dallas seinen dreijährigen Bruder mit einem Nackenschlag getötet, den er sich bei seinem Lieblingswrestler Stone Cold Steve abgeschaut hatte. Und in Florida wurde letztes Jahr ein 12jähriger verurteilt, der ein sechsjähriges Mädchen mit einem Bodycheck umgebracht hatte, den er aus WWF-Kämpfen kannte.
Unzählige Studien sind zum Thema schon veröffentlicht worden. Die teilen sich so eindeutig, wie die beiden Lager der Debatten. Auf der einen Seite die Medienindustrie, die darauf beharrt, dass ihre Produkte Werke der Fiktion sind und keinen Einfluß auf die Realität haben. Auf der anderen Seite konservative Politiker, die nach jedem Fall erneut mit den Ängsten der Eltern unter ihren Wählern spielen. Und beide haben ein bißchen recht.
Die Debatte ist inzwischen so eingespielt, dass nach Gewalttaten von Jugendlichen, wie den Amokläufen an den Schulen in Littleton und Erfurt, die Polizei sofort die Kinderzimmer der Täter nach Computerspielen, Videofilmen und CDs durchsucht, um den möglichen Auslöser in der Popwelt zu finden. Ein Ende der Debatte ist nicht abzusehen. Warnhinweise vor Sendungen wie “Jackass" oder “WWF Smackdown" werden Jugendliche auch in Zukunft nicht davon abhalten, die Stunts ihrer Vorbilder nachzuahmen. Hollywood wird nicht aufhören, Thriller und Actionfilme zu produzieren, nur weil einige wenige Labile die Gewaltszenen zum Vorbild für Greueltaten nehmen. Und Politiker werden weiterhin jede Gelegenheit wahrnehmen, mit Angriffen auf die Medienindustrie ein paar Wählerpunkte zu sammeln.