Jonathan Safran Foer: Es hat sich so einiges verändert. Ich bin nach Brooklyn gezogen, habe geheiratet, mir einen Hund zugelegt und bin Onkel geworden. Waren ein paar sehr nette Jahre gerade. Und dieses Jahr war bisher auch recht nett.
AK: Vor zwei Jahren hatten Sie noch einen Roman in Arbeit, der in einem Museum spielen sollte, das einem fiktiven Autor gewidmet ist, dessen Mythos darauf beruht, dass er spurlos verschwand. Was ist daraus geworden?
Foer: Das Interessante ist, dass ich dieses Buch eigentlich nie bewußt zur Seite gelegt habe, um ein Neues zu beginnen. Ich habe es nur Stück für Stück immer wieder verändert. Ich habe einen Ausschussordner auf meinem Computer, in dem ich alles ablege, das nicht ins Buch kommt. Und da habe ich mehr und mehr Stoff reingetan. Inzwischen sind in dem Ordner dreitausend Seiten. Nicht dass ich die nicht mochte. Einiges davon mag ich sogar lieber, als einiges im Buch. Aber ein Buch ist ja nicht einfach eine Sammlung Deiner besten Seiten, es ist eher wie der bestmöglich Kompromiss.
AK: Was ist denn davon in “Extrem laut und unglaublich nah" übrig gegblieben?
Foer: Dass der Roman in New York spielt. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger erstaunlich finde ich das, weil sich meine Erfahrungen in New York ja auch andauernd ändern. Und New York hat sich entscheidend verändert. Da hat sich der Roman eben mit verändert.
AK: Die entscheidende Veränderung New Yorks mit den Anschlägen vom 11. September hatten sich aber schon zugetragen, als wir über den Museumsroman sprachen.
Foer: Aber das war noch nicht so lange her. Das war alles sehr seltsam und traurig. Hm....ich hasse es ja, wenn ich auf Worte wie seltsam oder traurig zurückgreife, weil sie dem allem nicht gerecht werden. Das war alles so unbegreiflich.
AK: Haben Sie deswegen einen Neunjährigen zur Hauptfigur gemacht?
Foer: Nein, den Neunjährigen hatte ich schon, bevor sich das Buch um den 11. September drehte. Das hat sich dann zusammen mit allem anderen so ergeben. Es fällt mir immer ziemlich schwer, zu rekonstruieren, wann und warum ich bestimmte Entscheidungen getroffen habe.
AK: Das geht doch sonst eher Musikern so.
AK: Musiker haben allerdings noch ein Instrument zwischen sich und dem Publikum. Ist das Schreiben da nicht eher wie singen?
Foer: Beim Schreiben hat man doch auch ein Instrument - die Sprache. Die stellt sich sogar sehr oft zwischen einen selbst und die Person, an die man sich richtet. Ein Freund von mir sagt, jeder Maler träumt davon, ein Schreiber zu sein, und jeder Schreiber, ein Maler zu sein. Jeder Maler würde sich gerne deutlicher erklären, jeder Schreiber genau das Gegenteil. Mit Sprache ist es manchmal verdammt schwer, nichts Konkretes auszusagen.
AK: Aber was wäre Sprache ohne Aussage? Es sei denn man dekonstruiert sie vollkommen.
Foer: Da gibt es verschiedene Bedeutungen von Aussage. Eine Melodie kann etwas ohne Worte auf eine Art aussagen, wie es ein Buch nie schaffen wird, weil Worte immer mit so vielen Assozationen belastet sind. Und Worte bedeuten für jeden einzelnen immer etwas anders. Das wird manchmal sehr verwirrend. Musik hat für mich als Schreiber immer etwas sehr reines, unkorrumpiertes. Bücher sind dagegen immer nur eine Annäherung.
AK: Als Kritiker ist es allerdings viel schwerer, über Musik zu schreiben, als über ein Buch.
Foer: Das ist auch interessant - Schreiben ist die einzige Kunst, die sich mit ihrern eigenen Mitteln kritisiert. Niemand kritisiert einen Song mit einem Song oder ein Bild mit einem Bild. Das ist glaube ich auch mit ein Grund dafür, warum das Schreiben in den letzten hundert Jahren konservativer geblieben ist, als jede andere Kunstform. Vergleicht man zum Beispiel Shakespeare mit Jonathan Franzens “Die Korrekturen", dann würde Shakespeare “Die Korrekturen" immer noch erkenne können. Wenn man dagegen die Unterschiede zwischen Mozart und Eminem betrachtet, dann sind die schon gewaltigt. Die haben fast nichts mehr miteinander zu tun.
AK: Aber ist das nicht lediglich eine Sache der Form? Beim Schreiben geht es eben darum, Gedanken in Worte zu fassen. Dabei können die Inhalte doch auch sehr modern und radikal sein.
Foer: Ja schon, Musik sollte ja auch irgendwie eingängig sein. Klassische Avantgarde hört sich ja eigentlich niemand wirklich an. Und trotzdem hat sich Popmusik gewaltig verändert, ohne unklar zu werden.
AK: Die grafischen Elemente in “Extrem laut und unglaublich nah" sind ja ein Versuch, diese Konservatismen zu durchbrechen. Benutzen Sie denn beim Schreiben neue Techniken? So wie Dave Eggers, der seine Romane gleich in dem Grafikprogramm Quark Express schreibt?
Foer: Nein, das habe ich alles mit dem ganz normalen Word-Programm gemacht. Ich bin gar nicht so geschickt mit dem Computer.
AK: Und die Fotos? Haben Sie die selbst gemacht?
Foer: Ein paar. Viele habe ich aus Fotoarchiven. Ich habe bestimmt tausend Stunden im Onlinearchiv von Corbis verbracht und oft Sachen gefunden, nach denen ich gar nicht gesucht habe und dann den Text danach geändert. Das hat großen Spaß gemacht. Auch wenn mir viele vorwerfen, das sei bloß ein Gimmick. Was genauso schwachsinnig ist, als wenn man sagen würde, die Musik eines Balletts sei überflüssig, weil es doch ums Tanzen geht. Das hat mich schon gewundert. Wenn ein Maler wie Ed Ruscha Worte in seine Bilder einbaut, stört es ja auch niemanden.
AK: Man braucht eben ein Empfinden für Bildsprache und visuellen Rhythmus, das kann vielleicht nicht jeder nachvollziehen.
AK: Das ist doch schon ein Ausbruch aus dem konservativen Sprachbild. Zum Beispiel das Kapitel gegen Ende, in dem Oskar einen inneren Dialog mit seinem toten Vater führt, der in extrem rhtyhmischen, extrem kurzen Sätzen abläuft.
Foer: Ein guter Freund von mir hat mich zum Pingpongspielen gebracht. Er ist eigentlich ein sehr intellektueller Mensch, aber er sagt, er sei eigentlich nur ganz bei sich, wenn er Pingpong spielt, weil er nur dann gleichzeitig physisch und intellektuell aktiv sei. So ähnlich geht es mir auch, weil man einerseits daran denken muss, was man tut, andererseits, nicht zu genau darüber nachdenken kann, weil es sonst nicht mehr funktioniert. Beim Schlagzeugspielen geht es mir auch so.
AK: Ist es beim Schreiben schwerer, diesen Zustand zu erreichen?
Foer: Ja, eben wegen der Sprache. Sprache ist so ungenau, dass man meistens weniger als ein Prozent von dem sagt was man sagen könnte.
AK: Weniger als ein Prozent?
Foer: Naja, ich habe ja während der Arbeit an dem Buch drei, vier Jahre gelebt. Da gab es so viele Geschichten, die ich gerne erzählt hätte. Oder lieber nicht erzählt hätte. Die ich vergessen habe. So ein Buch ist ein winziger Ausschnitt aus einer persönlichen Erfahrung. Die meisten Leser glauben ja immer, so ein Buch sei die Summe des Autors selbst. Aber das ist ein Irrtum.
AK: Sonst wäre es aber kein Roman, sondern ein Blog.
Foer: Ich glaube, ein Blog sind eher Null Prozent. Wenn ich ein Buch schreibe, dann bringt mich das Buch zu den Punkten, die ich sagen will. Der Dichter W.H. Audin hat gesagt, er schaut sich an, was er schreibt, damit er sieht, was er denkt. Die meisten, die einen Blog schreiben, haben das Gefühl, dass ihr Leben und ihre Erfahrungen irgendeine Bedeutung oder Wichtigkeit haben und sie das mit dem Rest der Welt teilen wollen. So geht es mir beim Schreiben gar nicht. Ich habe nichts gegen Blogs, es gibt sicher Blogs, die besser sind als mancher Roman. Aber eigentlich ist das alles eher deprimierend. Das hat sowas von Bastelkeller. Gleichzeitig ist das Phänomen sehr erstaunlich, weil wir in einer Welt leben, in der wir als Individuen anonymer sind und gleichzeitig mehr Macht haben, als je zuvor. Das ist ein eigenartiges Paradox.
AK: Ist das eine Frage der Werkzeuge?
Foer: Theoretisch ist das ja eine wunderbare Sache. Aber da gibt es so viele Gefahren. Niemand muss sich mehr für seine Aussagen verantworten. Du kannst alles sagen was du willst und dabei so zerstörerisch sein wie du willst. Ich kann heute Nachmittag noch eine Webseite ins Netz stellen und jemanden komplett vernichten. Ich kann so tun, als hätte ich Beweise, kann Fotos konstruieren. AK: Das ist die neue Welt der Meinungs- und Behauptungsjournalismus. Die gibt es doch inzwischen sogar im Fernsehen.
Foer: Wohl wahr, weil nichts so sehr geschätzt wird wie Klatsch. Wir beziehen uns inzwischen über Figuren aufeinander, die nicht wir sind, aber die wir gerne wären und dann suchen wir nach einem Weg, diese Figuren zu zerstören. Was dazu geführt hat, dass wir in einer Zeit leben, in der es keine Helden mehr geben kann.
AK: Wieso das?
Foer: Wir könnten heute niemals mehr einen John F. Kennedy haben oder einen Joe DiMaggio, weil es diesen Instinkt gibt, alles zu zerstören, was groß wird. Wir machen Bill Clinton fertig, der vielleicht das Zeug zum Helden gehabt hätte. Wir machen unsere Sportler, Schauspieler, Musiker fertig.
AK: Aber gerade nach dem 11. September gab es doch Heldenfiguren, die keiner angetastet hat - Feuerwehrleute, Polizisten, Rudolph Giuliani.
Foer: Das hat ein Weilchen funktioniert. Aber den kriegen sie auch noch. Spätestens dann, wenn er fürs Präsidentenamt kandidiert. Das fing eigentlich schon mit seinem ehemaligen Polizeichef Bernard Kerrick an, dem sie alle möglichen Skandale nachgewiesen haben, als er Leiter des Heimatschutzamtes werden sollte. Das war indirekt auch ein Weg, um Giuliani an den Karren zu fahren.
AK: Gegen den es ja auch einiges einzuwenden gibt.
AK: Nun ja, wenn ein wichtiger Autor ein schlechtes Buch schreibt, dann ist das eben auch wichtig.
Foer: In dem Fall wird ein Verriss aber nicht viel ändern. Einem Bestsellerautor wird sogar eher helfen. Aber wenn man stattdessen einen genialen Erstling oder einen fremdsprachigen Autor auf den Titel heben würde köntne das sehr wohl etwas verändern.
AK: Richten sich solche Entscheidungen nicht oft auch nach der Prominenz des Kritikers? Oft kritisieren ja große Schriftsteller ihre großen Kollegen, das ist dann eben eine Sensation.
Foer: Das ist ziemlich billig. In anderen Ländern machen sie sowas nicht. In Europa gibt es professionelle Kritiker und so sollte das auch sein.
AK: Aber wenn John Updike Tom Wolfes neues Buch verreißt und Tom Wolfe dann einen bösen Essay über Updike schreibt, schlägt das eben Wellen.
Foer: Aber brauchen wir solche Debatten?
AK: So verkauft man jedenfalls Zeitungen.
Foer: Das bezweifle ich gar nicht.
AK: Hat man Ihnen schon Kritiken angetragen?
Foer: Man hat mir angeboten, Philip Roths Frühwerke für eine neue Ausgabe zu besprechen. Das wäre eigentlich ein Traumjob gewesen. Aber ich habe trotzdem abgesagt, weil das eben ein Interessenskonflikt wäre.
AK: Haben andere Schriftsteller über Sie geschrieben?
Foer: Walter Kern. Das war allerdings ein Super-GAU, weil das ein drittklassiger Schriftsteller ist, den niemand liest und wann immer der über ein Buch schreibt, macht er das fix und fertig. Genau deswegen engagieren sie ihn ja auch. Wie einen Kampfhund. Der greift jeden Schriftsteller an, der jünger ist als er.
AK: Das scheint Ihnen doch nahe zu gehen.
Foer: Nein, es liest sich eher amüsant. Vielleicht wenn das öfter passiert wäre, aber im Großen und Ganzen wurde mein neues Buch sehr gut aufgenommen. Und was soll man auch sagen? Wenn mein Buch Mist sein sollte, schreibe ich eben ein anderes. Ich habe nie behauptet, dass ich nur gute Bücher schreibe.
New York im August '05 - In diesen Tagen erscheint Jonathan Safran Foers neuer Roman “Extrem laut und unglaublich nah", in dem er die Anschläge des 11. September aus der Perspektive eines Neunjährigen namens Oskar Schell erzählt, der seinen Vater in den Türmen verloren hat. In der Zwischenzeit wurde Foers Debutroman “Alles ist erleuchtet" von Liev Schreiber mit Elijah Wood in der Rolle des fiktiven Alter Ego Foers verfilmt (US-Filmstart 22. August). Außerdem hat Foer das Libretto für die Oper “Seven Attempted Escapes From Silence" geschrieben, die im September an der Staatsoper unter den Linden in Berlin uraufgeführt wird.
Foer: Das stimmt. Im Englischen gibt es diesen Spruch, dass eine Ameise kein Insektenkundler ist. Nur weil man etwas verkörpert, kann man das nicht unbedingt erklären. Ich schreibe eigentlich immer dann am besten, wenn ich mir dessen am wenigsten bewußt bin. Der Maler Philip Guston hat erzählt, dass er immer, wenn er in sein Atelier ging, seine Frau und seine Tochter und sein Galerist mitkamen und im Laufe des Tages einer nach dem anderen gegangen ist, und zum Schluss, wenn das Malen richtig gut lief, habe er dann selbst den Raum verlassen und nur das Malen an sich sei zurückgeblieben. Genauso geht es mir auch. Wenn das Schreiben richtig läuft, bin ich gar nicht richtig da. Das ist sehr intuitiv. Ich frage mich, ob es Musikern auch so ergeht.
Foer: Über visuellen Rhythmus habe ich bei der Arbeit viel nachgedacht - wie sich Bilder aufeinander beziehen, wie eine Reihe von Bilder eine Art Reim entwickeln kann. Wenn man beispielsweise ein Bild einstellt, dann noch eines, dann eine Reihe von acht Bildern und dann wieder eine Zeitlang gar keines. Ich habe früher Schlagzeug gespielt und das hat auf mein Schreiben enormen Einfluss gehabt. Wann immer ich schreibe, schlage ich eigentlich immer mit dem Fuß einen Takt. Und wenn es um Bilder, Worte, Geschichte und Charaktere geht, denke ich eigentlich auch immer rhythmisch.
Bisher mußte man sich in einem Bezugssystem legitimieren, wenn man etwas öffentlich machen wollte. Da gabe es Lektoren, Redakteure, Verlage, die sich hinter dein Buch stellen mußten. Das waren alles Mechanismen, die uns vor durchgeknallten Botschaften geschützt haben.
Natürlich muß man dem Verlag vertrauen, dass er zwischen durchgeknallt und vernünftig unterscheiden kann. Die meisten Leute tun das aber nicht. Die lesen die politische Klatschwebseite Drudge Report und glauben, die Nachrichten dort hätten die gleiche Gültigkeit wie auf CNN. Dabei wurde erst neulich nachgewiesen, dass 34 Prozent aller Nachrichten im Drudge Report falsch sind.
Foer: Ganz sicher. Aber mein Punkt ist, dass es derzeit höher im Kurs steht, etwas fertig zu machen, als etwas zu schaffen. In der Literatur ist das doch genauso. Schon bemerkt, dass Kritiken immer bösartiger geworden sind? Schon mal Michiko Kakutani in der New York Times gelesen? Mit der ist doch irgendwas nicht in Ordnung. Die hat gerade über Michael Cunninghams neues Buch geschrieben. Ich konnte gar nicht glauben, wie fies die war. Inzwischen hebt das New York Times Book Review Verrisse sogar auf den Titel. Kann das die Aufgabe der Kritik sein? Natürlich müssen sie Verrisse schreiben. Aber wenn man die auf den Titel hebt, dann sagt das doch, dass wir schlechte Bücher inzwischen genauso wichtig nehmen, wie gute.
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