Offizieller Sinn und Zweck dieser so genannten “Commencement Speeches" ist natürlich, dass eine Persönlichkeit mit Vorbildfunktion den Studenten am Tag vor ihrem Sprung ins Erwachsenenleben weise Ratschläge für den weiteren Lebensweg gibt. Meist sind es inspirierende Heldengeschichten, die sie dazu von sich geben. Applegründer Steve Jobs ist einer der beliebtesten Redner, weil er zum Milliardär wurde, obwohl er nicht einmal das College abgeschlossen hat. Vizepräsident Dick Cheney erzählte den Studenten der Louisiana State University in Louisiana in seiner Ansprache, wie er sich als junger Mann bei einem Kongressabgeordneten namens Donald Rumsfeld um einen Job bewarb und prompt abgelehnt wurde. “Geben Sie niemals auf", ermahnte er die Studenten als Fazit.
In letzter Zeit sorgen die Festreden jedoch immer öfter für Kontroversen und Skandale, weil die Redner ihre Auftritte nutzen, um Politik zu machen oder Wahlkampf zu betreiben. Während sich Cheneys bei seiner Festrede von politischen Inhalten fern hielt und dafür auch seltenes Presselob bekam, setzte sich der schwarze Fernsehkomiker Bill Cosby während seiner Festrede für das Spelman College in Atlanta in einer konservativen Brandrede mit handfesten Rassenklischees in die Nesseln. Cosby ermahnte die überwiegend schwarzen Studentinnen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, weil die meisten jungen schwarzen Männer “zwar die Texte komplizierter Rapsongs auswendig können, aber die Oberschule abbrechen und später meist im Gefängnis sitzen." An der Nova Southeastern University in Florida organisierten moslemische Studenten dieses Jahr Proteste gegen die Festrede des Schriftstellers Salman Rushdie, weil Ajatollah Khomeini 1988 eine Fatwa gegen ihn verhängt hatte.
Für die Redner ist es meist eine Ehre, die in vielen Fällen mit einem Ehrentitel gekrönt wird, so wie Condoleezza Rices, die für ihren Auftritt für das Boston College in diesem Jahr einen Ehrendoktor der juristischen Fakultät bekam. Doch die Verlockung, den meist im Fernsehen übertragenen Auftritt für Politik und Wahlkampf zu nutzen wird immer größer. George W. Bushs Auftritte an der Oklahoma State University, der Militärakademie West Point, Merchant Marine Academy und dem Mississippi Gulf Coast Community College unterschieden sich beispielsweise kaum von seinen Pressekonferenzen. Auch Hillary Clintons Tournee durch vier Universitäten und Colleges im Bundesstaat New York, wirkte angesichts ihrer anstehenden Wiederwahl als New Yorker Senatorin wie eine Wahlkampftournee. Das bleibt nicht ohne Reaktion. So wendeten fünfzig Studenten des Boston College Aussenministerin Rice während ihrer Rede den Rücken zu.
Die heftigsten Kontroversen der diesjährigen “Commencement"-Saison gab es allerdings um die Auftritte des republikanischen Senators aus Arizona John McCain, der sich 2008 noch einmal um die Kandidatur ums Präsidentenamt bemühen will. Zunächst verprellte McCain gemäßigte Konservative und potentielle Wechselwähler mit einer Festrede an der Liberty University in Lynchburg, Virginia, der christlich-fundamentalistischen Universität des Fernsehpfarrers Jerry Falwell, den McCain selbst einmal als Hetzer der Intoleranz bezeichnet hatte.
Als McCain drei Tage später in New York zur Commencement Speech der Ivy League Columbia University antrat, wurde er zunächst von offenem Protest begrüßt. Viele Studenten öffneten weisse- und orangegestreifte Regenschirme mit Antikriegs-Slogans und begleiteten seine Rede mit Zwischen- und Buhrufen.
New York im Juni '06 -
Jedes Jahr in den Monaten Mai und Juni treten die großen amerikanischen Universitäten und Colleges in einen Wettstreit um die prominentesten Festredner für die Abschlussfeier des jeweiligen Studienjahres. Manche Schulen haben eine solch beeindruckende Serie prominenter Festredner vorzuweisen, dass die Erwartungen entsprechend hoch sind. So waren sich die Studenten der University of Pennsylvania einig, dass sie mit Jodie Foster dieses Jahr relativ mäßig bedient waren, schließlich hatten in den letzten beiden Jahren U2-Sänger Bono und UN-Generalsekretär Kofi Anan die Reden gehalten. An der New Yorker Cooper Union, wo schon Abraham Lincoln, Mark Twain und Orson Welles Festreden zum Studienabschluss hielten, waren die Studenten mit Expräsident Bill Clinton dieses Jahr dagegen sehr zufrieden.
Für die Bildungsinstitute sind die prominenten Redner wichtig, weil sie so in die Schlagzeilen und Nachrichtensendungen kommen, was für die Anwerbung neuer Studenten fürs Herbstsemester hilfreich sein kann. Oft bemühen sich Universitäten dabei, ihr streng wissenschaftliches Image etwas aufzulockern. So engagierte die Harvard University in den letzten Jahren Komiker wie Will Ferrell, Al Franken and Ali G. als "Commencement Speakers", während in Yale Chevy Chase, Jon Stewart und Jerry Seinfeld auftraten. Dieses Jahr hielt Fernsehreporter Anderson Cooper die Festrede und in Harvard wird am 8. Juni der altgediente Fernsehjournalist Jim Lehrer das Studienjahr beschließen.
Zu regelrechten Unruhen kam es jedoch vier Tage später bei seiner Festrede für die liberalste der New Yorker Universitäten - die prestigeträchtige New School of Social Research. Seit Wochen hatten die Studenten schon orangefarbene Flugblätter in den Gebäuden der New School verteilt, auf denen “Unsere Abschlussfeier ist nicht Ihr Sprachrohr" stand. Zu Beginn der Rede rief ein Student: “Wir sind hier, um unser Studium abzuschließen, nicht um zu wählen." Viele begleiteten McCains Rede mit Zwischen- und Buhrufen. Wahrscheinlich kann McCain die Tumulte jedoch als Pluspunke verbuchen. Von sämtlichen Republikanern ist er der Politiker mit den meisten Sympathisanten in den Lagern der Demokraten und unabhängigen Liberalen. Mit seinem versöhnlichen Auftritt vor Falwells fundamentalistischen Studenten und den Protesten im liberalen New York, könne er der rechtskonservativen Basis der Republikaner nun beweisen, dass er mit den Linken keineswegs Gemeinsamkeiten habe.
Fernsehbericht über den Ärger um politische
Festredner
Amateurvideo von der Abschlussfeier 2006 an der
Pennsylvania University mit Jodie Foster
Steve Jobs 2005 Commencement Speech in
Stanford
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