Zur Sonne, zur Freiheit

Mit dem Internet entstand in Kalifornien die Ideologie für ein Cyberutopia auf Erden.
© Andrian Kreye



Egentlich sollte ja Schluß sein mit den Ideologien. Die Berliner Mauer stand noch, da verkündete der Politologe Francis Fukuyama im Sommer 1989 in der Vierteljahresschrift “The National Interest" schon das Ende der Geschichte und mit ihr den Beginn des postideologischen Zeitalters. Die Menschheit strebe nun endgültig nach der einzig sinnvollen Staats- und Lebensform, der liberalen Demokratie. Gleichzeitig forderte er eine Abkehr vom Kulturpessismismus des 20. Jahrhunderts, den er in Europa ansiedelte, und die Hinwendung zu einer optmistischen Zukunftssicht, die für ihn in amerikanischen Denktraditionen wurzelte.

Doch während Fukuyama an der Harvard University seine basistheoretischen Zeilen verfaßte, formierten sich dreitausend Meilen weiter westlich schon die Grundlagen einer neuen Ideologie. Was mit den Cyberpunks der nördlichen Westküste begann, wurde bald von Theoretikern, Politikern und Unternehmern im ganzen Land aufgenommen, die als Libertarier der Cyber-Ära für die ultimative Freiheit kämpften. Mit liberaler Demokratie hatte das recht wenig zu tun. Mit Fukuyamas Forderung nach einem radikalen Optimismus umso mehr.

Bis heute begreift sich diese neue Ideologie als ultimative Rebellion. Nicht nur gegen die althergebrachten Ideologien, Regeln und Denkmuster, sondern auch gegen traditionelle Gesellschaftsformen, den Nationalstaat mit sämtlichen seiner Institutionen und sogar gegen die Begrenzungen der Geographie als solche - ihr virtueller Mittelpunkt ist der dezentralisierte Cyberspace der neuen Technologien.

Von Anfang beharrten die neuen Ideologen darauf, keine Ideologie zu vertreten. Doch wenn man Ideologie als säkulares Dogma definiert, dann erfüllten die Cyberpunks in den Hackerbuden von San Francisco, Berlin und Amsterdam die Kriterien als Ideologen genauso wie die Cybertarians im Silicone Valley, in Downtown Manhattan und Washington D.C.. So beanspruchten sie, die ultimative Weisheit gefunden zu haben und entzogen sich der Diskussion mit der klassischen Haltung aller Dogmatiker, wer anderer Meinung vertrete, der sei eben noch nicht so weit, die Wahrheit zu begreifen und anzunehmen. Und wie alle Ideologien, war die Theorie eine Verheißung, die an den Unbestimmbarkeiten der Realität scheiterte.

Bevor man sich mit den Inhalten dieser neuen Ideologie befaßt, sollte man vielleicht kurz betrachten, in welchem Umfeld sie entstand. Das Jahr in dem sich die Begeisterung für neue Technologien in eine Ideologie verwandelte war 1993. Schon im Frühjahr wurde der “Digital Summer of Love" verkündet. Und ganz wie im Sommer der Liebe, den die Hippies ein Vierteljahrhundert zuvor ausgerufen hatten, kamen auch diesmal die Besten, Klügsten und Neugierigsten einer neuen Generation aus dem ganzen Land nach San Francisco gepilgert, um selbst zu sehen, was da für eine verheißungsvolle Ära im Anbruch war.

Die Subkultur der Cyberpunks hatte sich die Ruinen des ausgehenden Industriezeitalters erobert. In alten Fabrik- und Lagerhallen gab es nun digitale Firmen, Studios und Nachtclubs wie das Toontown, in denen DJs, Programmierer und Künstler mit den neuen digitalen Medien experimentierten, während die Massen dauz tanzten. Oben in den viktorianischen Holzhäusern des ehemaligen Hippieviertels Haight Ashbury siedelten sich unterdessen all jene an, die ihre Gegenkultur als Protest gegen die weltfremden Althippies des New Age einfach “New Edge" nannten. Sie erfanden sich sogar ihre eigenen Drogen - so genannte “Smart Drugs", Cocktails voller Vitamin- und Zusatzstoffe, mit denen sich die Cyberpunks nicht berauschten, sondern zu mentalen Höchstleistungen trieben. Denn sie lehnten die Zivilisation nicht ab, sondern stürzten sich mit euphorischer Besessenheit in die neue Welt der Technologien.

Nächtelang reizten sie die Möglichkeiten der immer hochleistungsfähigeren Heimcomputer aus. Auf dem Internet experimentierten sie mit neuen Kommunikationsformen. Und nachdem der Informatikstudent Marc Andreesen im Winter zuvor an der University of Illinois den ersten Webbrowser entwickelt hatte, machten sich Zehntausende daran, um aus dem binären Internet ein mehrdimensionales Medium zu machen. Grafiker, Musiker und Künstler suchten neue Wege in den digitalen Medien und trieben so die technische Entwicklung im Untergrund voran.

Der Generationskonflikt blieb dabei Pose, denn die Hippiebewegung ihrer subkulturellen Vorväter hatte sich schon in den 70er Jahren in zwei Fraktionen aufgeteilt. Die Fraktion der psychedelischen Fundis hielt es mit Carlos Castaneda. Sie akzeptierten ausschließlich den spirituellen Weg zur Erkenntnis, auch wenn sie die Askese der Schamanen nur in homöopathischen Reformhausdosen durchhielten. Die Realos unter den Hippies hielten es dagegen mit dem Medientheoretiker Marshall McLuhan und glaubten, dass der technologische Fortschritt ihren nonkonformistischen Ideen beim Marsch durch die Institutionen helfen würde.

Anfang der 90er erlebten legendäre Figuren der Gegenkultur einen zweiten Frühling. LSD-Guru Timothy Leary predigte nun die Segnungen eines Hi-Tech-Spiritualismus, der auf der heute schon anachronistischen Technologie der Virtual Reality basierte. Rockstar Todd Rundgren, dessen Band in den 70ern sogar Utopia hieß, prophezeihte ein Schlaraffenland der Kreativität. Auch das erste Cyberutopia, die Onlinegemeinde namens The Well, wurde von ehemaligen Aussteigern betrieben. Well-Gründer Stewart Brand war in den 60ern mit dem bunt bemalten Bus von Ken Keseys Merry Pranksters durch die Lange gezogen und hatte dann mit dem Whole Earth Catalogue den Grundstein für die Industrie des biologisch korrekten Konsums gelegt. Sein Nachfolger Clifford Figallo gehörte zu den Radikalen, die Mitte der 70er Jahre versuchten mit der "Farm" in Tennessee die größte Kommune der Welt aufzuziehen.

Der große Unterschied zu den vorigen Gegenkulturen war vor allem: Geld. Das gab es plötzlich reichlich. Ein knappe Autostunde südlich von San Francisco hatte sich die junge Computerindustrie aufgemacht, aus dem Silicone Valley hinter Palo Alto heraus die Welt zu erobern. Kaufmännische Genies wie Bill Gates und Steve Jobs fande bei den Cyberpunks genau das anarchische kreative Potential, das sie für die Innovation prinzipiell linearer Technologien dringend benötigten. Die Subkulturellen brachten jedoch nicht nur ihre Kreativität in die grünen Hügel des Silicone Valley, sondern auch ihre Visionen von einer Hi-Tech-Demokratie im Geiste Thomas Jeffersons. Und es war genau diese utopistische Aura, die einer neuen Generation von Wirtschaftslibertariern dazu verhalf, den Erfolg einer neuen Industrie mit ideologischem Eifer zur gesellschaftlichen Umwälzung zu stilisieren.

Zentralorgan der neuen Ideologie war die grafisch opulent gestaltete Monatszeitschrift Wired mit Sitz in San Francisco. Da wurde nicht nur über die technologischen Errungenschaften berichtet. Mit avantgardistischer Aura wurde hier ein vermeintlich neues Weltbild entworfen, das auf den Theorien der Futuristen Alvin und Heidi Toffler beruhte. Die hatten die “Third Wave" ausgerufen, den Beginn eines neuen Zeitalters, das mit der “First Wave" der Agrar- und der “Second Wave" der Industriegesellschaft endgültig aufräumen sollte.

Nicholas Negroponte, Gründer des legendären Media Lab am Massachussetts Institute of Technology, schrieb in seiner Kolumne über Lebensformen, das sich von den Fesseln der Zeit, der Topgraphie und gesellschaftlichen Zwänge befreit hatte. Der Sozialökonom George Gilder forderte eine Abkehr von den überholten Siedlungsformen des Industriezeitalters wie der Großtadt. Die ideologischen Köpfe der neuen Bewegung fanden sich im Think Tank der Progress and Freedom Foundation PFF des rechtsrebellischen Republikaners Newt Gingrich zusammen. Dort verfaßten die Tofflers mit Publizsten wie Esther Dyson und George Keyworth sogar eine “Magna Carta for the Knowledge Age".

Doch hinter der Cyberrebellion verbarg sich ein ganz traditioneller Gedanke - das Credo vom Freien Markt, in dem die menschliche Gesellschaft durch die Naturgesetze von Angebot und Nachfrage zu einem globalen Konsens finden. Die digitale Spiritualität des Internet diente dabei als Modell und Allegorie. Doch damit katpuliterte sich der “New Edge" in eine ähnliche Weltfremdheit wie die geschmähte “New Age"-Bewegung. Althergebrachte Institutionen wie demokratisch gewählte Nationalregierungen und Gewerkschaften wurden zu Anachronismen erklärt. Erklärtes Ziel der Gingrich-Schule war dabei einzig die profitorientierte, weltweite Privatisierung staatlicher Aufgaben wie die Energie- und Wasserversorgung, Kommunikation, Verkehr, Sozialleistungen und sogar Strafverfolgung und -vollzug.

Lange regte sich keine Opposition. Warum auch? Das Wirtschaftswunder der 90er Jahre schien Wohlstand für alle zu bescheren. Dazu kamen die Begriffsverwirrungen des Paradigmenwechsels. Forderte die PFF nicht Fortschritt und Freiheit? Dagegen kokettierte die Linke plötzlich mit den Mythen der Traditionalisten. Der einstige Songschreiber für die Grateful Dead John Perry Barlow gründete eine Organisation namens Electronic Frontier Foundation EFF. Und auch hier vermischten sich die Freiheitsbegriffe von links und rechts. Losgelöst von den gesellschaftlichen Anforderungen der analogen Welt geriet der Freiheitskampf gegen den Zugriff der Regierung auf den Cyberspace automatisch zum Wirtschaftliberalismus.

Mit dem Ende des Booms kam auch das Ende der neuen Ideologen. Der Zusammenbruch der neuen Märkte, die Skandale um Firmen wie Enron und Worldcom war für die Cyberkultur ein ähnlich traumatisches Erlebnis wie Altamond oder der Tod von Jimi Hendrix und Janis Joplin für die Hippies. Mit dem Unterschied, dass es diesmal nicht mit einem Lebensgefühl zu Ende ging, sondern gleich mit der gesamten Weltwirtschaft. Doch der Dotcom-Crash hat dem Internet lediglich seine mythische Aura genommen. Das globale Netz ist nicht mehr Zentrum der Bewegung, sondern lediglich ein Forum. Diese Rolle ist nicht zu unterschätzen. Ohne das Netz wären globale Protestbewegungen wie die Ruckus Society, Attac oder der alternative Medienverbund Indymedia nicht denkbar. Das Internet selbst taugt nicht zum Utopia. Doch es ist ein ganz hervorragendes Werkzeug auf dem Weg dorthin.

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