So abgedroschen ist der Vergleich mit dem Kriegsbeil gar nicht. Die New York Times bezeichnete Ray Halbritter, der gleichzeitig als Vorstandsvorsitzender und Häuptling der Oneida Indian Nation fungiert, als den gefährlichsten Indianerkrieger aller Zeiten, der mehr zu fürchten sei, als Geronimo oder Crazy Horse. Nicht weil er einen bewaffneten indianischen Widerstand organisieren würde, sondern weil er schon vor fünfzehn Jahren begriffen hat, dass er das System der “weißen Kolonialisten" - die ihn und seinen Stamm, wie alle amerikanischen Ureinwohner, bis heute diskriminieren, unterdrücken und ausbeuten - nur mit seinen eigenen Waffen schlagen kann. Und so hat er innerhalb von nur zehn Jahren aus dem ärmlichen Reservat ein Erfolgsmodell der Geschäftskunst gemacht und ist gerade dabei, eine historisch harte Klage gegen die Regierung der USA durchzukämpfen.
Für das Geschäft hat er sich eine Klausel im amerikanischen Grundgesetz zu Nutze gemacht. Die besagt, dass die Indianerreservate de facto autonomen Status genießen, keine Steuern bezahlen müssen, und lokale Bestimmungen, wie zum Beispiel die Freigabe und die Regulierung von Glücksspiellizenzen, selber kontrollieren dürfen. Seit Jahren schon sind die Bingohallen und Kasinos auf den Reservaten eine der wichtigsten Einkunftsquellen für die amerikanischen Indianerstämme. Mit Erfolg, denn außerhalb der Reservate ist das Glücksspiel in den USA nur in Atlantic City und dem Bundesstaat Nevada erlaubt.
Mit vier Millionen zahlenden Gästen pro Jahr ist das Turning Stone Kasino das fünftbestbesuchte Touristenziel im Bundesstaat New York. Wegen ihrem Steuerstatus müssen die Oneida ihre Bilanzen nicht veröffentlichen, aber man schätzt, dass Oneida Nation Enterprises, zu denen auch eine Besteckfabrik, ein Verlag, sieben Tankstellen, Einzelhandelsgeschäfte, ein Online-Versandhaus für indianisches Kunsthandwerk und ein Wohnwagenpark gehören, im letzten Jahr dreistellige Millionenumsätze und einen ordentlichen Profit gemacht haben. Das Geld gehört allen Mitgliedern des Stammes. Dividenden werden allerdings nicht ausgezahlt. Alle Verdienste werden entweder sofort wieder in die Firmen investiert, oder für Infrastrukturen wie das Alten- und Kinderzentrum, die Public Housing Project - die an noble Vororte erinnern - oder die neue Kläranlage verwendet.
Mindestens so wichtig wie das Geld, ist Ray Halbritter der Triumph. Momente wie der im letzten Jahr, als er die 2,6 Millionen Dollar Zuschußgelder, die seinem Stamm von 1.100 Menschen zustanden, an das Bureau of Indian Affairs zurückschickte. Mit bestem Dank und dem Hinweis, man solle das Geld doch lieber sinnvoll verwenden.
Deswegen hat er auch die drei Golfplätze gebaut. Zwei mit neun Löchern für die Touristen. Einen mit 18 Löchern, der alle Ansprüche eines Turnierplatzes erfüllt. Nicht nur das. Der Oneida Nation Golf Course ist einer von nur 17 Golfplätzen in den USA, die mit dem begehrten Signature Status der Audubon International Society ausgezeichnet wurden, die Golfanlagen nach äußerst strengen Kriterien auf umweltbewußten Bau und Unterhalt prüft.
“Es gibt wohl kaum eine Sportart, die so blütenweiß ist, wie Golf. Außer Tiger Woods gibt es da so gut wie keine Minderheitenspieler", sagt Ray Halbritter und kann sich ein verschmitztes Lächeln kaum verkneifen. Natürlich weiß er, dass er als indianischer Unternehmer immer wieder an Grenzen stoßen wird: “Die Professional Golfer's Association wird tausend vernünftige Gründe finden, warum sie ihre Turniere nicht bei uns abhalten kann", gibt er zu. Aber angesichts eines der besten Championship Courses im Land, werden sie sich schon ganz schön um Ausreden bemühen müssen.
Ray Halbritter sitzt in seinem Büro im dritten Stock des Kasinokomplexes an einem schweren Holzschreibtisch, auf dem ein paar Akten und die Telefonanlage säuberlich im rechten Winkel plaziert sind. Hinter ihm öffnet sich der Blick auf die sanft wogenden Hügel des Golfplatzes, die von der dunkelgrünen Wand eines Nadelwaldes begrenzt werden.
Zum naturweißen Maßanzug trägt der stämmige Kasino- und Reservatschef einen Bolo Tie, eine dieser Westernkrawatten, die aus einem Lederband bestehen, das von einer silbernen Medaille zusammengehalten wird. Als wüßte er, dass seine Geschäftspartner wenigstens ein winziges Detail erwarten, das ihre Klischees vom wilden Indianer aus der Prärie bestätigt, auch wenn seine klimatisierten Executive Offices mit fingerdickem Teppichboden belegt sind, und die adrett gekleideten Bürokräfte zwischen Computerterminals, Fax- und Kopiermaschinen mit einer geschäftigen Würde umherschwirren, als würden sie kein Indianerreservat, sondern eine Fortune-500-Firma verwalten.
Der heute 49jährige Halbritter war nicht gerade prädestiniert für die Karriere eines Geschäftsmannes, der dreistellige Millionenumsätze erwirtschaftet. Er wuchs in weißen Gemeinden auf, blieb Außenseiter. Sein Volksschullehrer stellte ihn seiner Klasse mit den Worten “Das ist ein Indianer" vor. Doch mit den paar dummen Bemerkungen, die er sich auf dem Schulhof anhören mußte, hatte er es noch leicht, im Vergleich zu seinen Altersgenossen in den Missionsschulen, in denen die meisten Kinder aus den amerikanischen Reservaten unterrichtet wurden. Dort wuschen die Lehrer den Kindern den Mund mit Seife aus, wenn sie sich erdreisteten, im Schulgebäude ihre eigene Sprache zu sprechen.
Als junger Mann begann Ray Halbritter im traditionellen Job der Irokesenstämme zu arbeiten. Als Iron Worker auf den Wolkenkratzer- und Brückenbaustellen, auf denen die Indianer heiß begehrte Arbeitskräfte sind, weil sie - von Natur aus schwindelfrei - selbst in luftigen Höhen die Stahlträger ohne Seil und Sicherung zusammenschweißen können. Auf einer dieser Baustellen kam auch der Wendepunkt in Halbritters Leben.
“Ich war Anfang 20 und habe in der U-Bahn-Röhre von Washington D.C. Gleise zusammengeschweißt. Da habe ich mir den Arbeiter neben mir angesehen, der war ebenfalls Indianer, ungefähr 50, sah aber aus wie 80. Da wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen kann." Halbritter kehrte auf das Reservat seines Stammes zurück, begann sich für die Poltik zu interessieren. Er arbeitete wie ein besessener an seinen Abschlüssen an der Syracuse University und der traditionellen Kaderschmiede der Harvard Law School. Und stampfte das Geschäftsimperium der Oneida Nation innerhalb von knapp zehn Jahren buchstäblich aus dem Boden.
In vorkolonialen Zeiten waren die Oneida eines der reichsten Völker des Kontinents gewesen. Sie besaßen zweieinhalb Millionen Hektar Land, das bei der Unabhängigkeitserklärung auf rund 100.000 zusammengeschrumpft war. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren den Oneida noch ganze 13 Hektar geblieben.
Inzwischen haben Halbritter und die Oneida Nation über 5.000 Hektar zurückgekauft. Doch der größte Coup soll erst noch kommen. In einer schon jetzt legendären Landklage fordert die Oneida Nation insgesamt 100.000 Hektar ihres ehemaligen Landes zurück.
Die Oneida sind nicht der einzige Stamm, der seine alten Ländereien zurückfordert. Dutzende Landklagen wurden in den letzten Jahren eingereicht, denn während die meisten Indianerstämme in der gesetzfreien Zone des amerikanischen Westens ganz einfach massakriert oder von ihren Ländereien vertrieben wurden, verloren die Stämme des strenger reglementierten östlichen Amerika ihr Land meist durch Verträge. Da gibt es das klassische Beispiel des holländischen Kolonialbeamten Peter Minnewit, der den Canarsee-Indianern die Insel Manhattan für Plunder im Wert von 60 Gulden abschwatzte. Andere Siedler schlossen im 19. Jahrhundert Pachtverträge mit den Stämmen ab, die auf 99 Jahre Laufzeit ausgelegt waren. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass sich das “Indianerproblem" bis dahin durch Assimilation, Krankheit und Ausrottung von selbst erledigt hätte. Andere Verträge waren schlichtweg Betrug.
Viele der Pachtverträge laufen in diesen Jahren aus. Das hat schon zu gewaltigen Schwierigkeiten geführt. Ein Großteil der Stadt Syracuse liegt zum Beispiel auf einem Gebiet, das rein rechtlich den Onondaga zusteht. Die Stadt Salamanca im Bundesstaat New York steht ganz offiziell auf dem Stammesgebiet der Seneca und muß jedes Jahr eine dreiviertel Million Dollar Pacht an den Stamm entrichten.
Die Landklage der Oneida gehört zu den Betrugsfällen. Die Rechtslage ist eindeutig. Die Landkäufe, die zwischen 1795 und 1846 vom Bundesstaat New York und den Oneida abgewickelt wurden, hätten von der Bundesregierung in Washington genehmigt werden müssen, weswegen der US Supreme Court 1985 entschied, dass die Ansprüche der Oneida auf Rückgabe ihrer Stammesgebiete und Schadensersatz für die 200 Jahre, die sie diese nicht nutzen konnten, legitim sind.
Seit Halbritter den seit 1970 in den juristischen Mühlen verschleppten Prozeß mit einem aggressiven Anwaltsteam beschleunigt hat, sind in seinem Landkreis all die alten Ressentiments wieder aufgebrochen. Nur diesmal verschärft der Neid auf die neureichen Indianer den Rassismus bis zum Haß. Wütende Weiße aus der Gegend beschmieren die Straßenschilder und Werbetafeln mit rassistischen Graffiti. Es gab Morddrohungen, Fälle von Vandalismus und Demonstrationen mit häßlichen Slogans.
Doch Ray Halbritter denkt gar nicht daran, einzulenken. Er hat nicht nur den juristischen Hintergrund, um die Klage durchzufechten, sondern auch die finanziellen Mittel, einen jahrelangen Prozeß durchzuhalten. “Wir haben es 200 Jahre lang mit der Armut versucht", sagt er entschlossen. “Es wird Zeit, dass wir mal was anderes ausprobieren."
Die Erfolgsgeschichte der Oneida-Irokesen ist kein Einzelfall. Dutzende von Indianerstämmen haben sich mit Bingohallen und Kasinos Vermögen aufgebaut. Und es gibt eine neue Generation von indianischen Anwälten und ihrer Kollegen mit einer Leidenschaft für Bürgerrechte, die den Stämmen bei ihren Landrechtsprozessen helfen. Das Indian Law Resource Center, 1979 von dem Bürgerrechtsanwalt Robert Coulter vom Stamm der Potawatomi gegründet und heute eine gefürchtete Lobbygruppe in Washington D.C., hat sich auf dieses Gebiet spezialisiert. Dutzende indianischer Nationen sind oder werden derzeit vor Gericht gehen. Stück für Stück erobern sich die Indianer so einen Platz in jener Gesellschaft, die nur entstehen konnte, weil sie die amerikanischen Ureinwohner ausgerottet und vertrieben hat.
Es gibt inzwischen auch prominente Indianer, die sich geweigert haben sich anzupassen, und trotzdem an ihr Ziel gelangt sind. Den Schauspieler und Produzenten Russell Means vom Stamm der Sioux zum Beispiel, der in Filmen wie “Natural Born Killers" und “Der letzte Mohikaner" mitspielte, und nebenher ein revolutionäres Schulprojekt für Indianer leitet. Die Politikerin Winona LaDuke vom Stamm der Ojibwe, die dieses Jahr als Vizekandidatin mit dem Präsidentschaftsanwärter der amerikanischen Grünen Ralph Nader in den Wahlkampf geht. Es gibt indianische Akademiker, die aus den Traditionen ihrer Herkunft schöpfen, wie die Forscherin Professor Jane Mt. Pleasant vom Stamm der Irokesen, die den Maisanbau mit jahrhundertealten Techniken ihres Volkes revolutionieren will. Schriftsteller und Essayisten wie Sherman Alexie und Vine DeLoria, tragen die Anliegen und die Geschichten der Indianer in die Medien. Und es gibt sogar Minderheitenaktivisten innerhalb der indianischen Gemeinde, wie den homosexuellen Anwalt Clyde Hall vom Stamm der Schoschonen.
Sie stehen stellvertretend für ein neues Selbstbewußtsein der nordamerikanischen Indianer, das nicht den Widerstand probt, wie die bewaffneten Rebellen des American Indian Movement AIM in den 60er und 70er Jahren, sondern wie Ray Halbritter den Kampf für ihr Volk innerhalb des Systems führen. Dieses Selbstbewußtsein der nordamerikanischen Indianer geht inzwischen so weit, dass sie sich aufgemacht haben, Ureinwohner in aller Welt im Kampf gegen Unterdrückung, Assimilierung und Kulturozid zu unterstützen.
Der International Indian Treaty Council ging aus dem militanten American Indian Movement AIM hervor und setzt heute den Kampf in der Bürokratie der internationalen Politik fort. Was 1974 während der legendären AIM-Konferenz in Standing Rock, South Dakota als Splittergruppe begann, ist heute eine international anerkannte Menschenrechtsorganisation, die 98 Eingeborenenvölker aus den Amerikas, Afrika, Asien, Australien und - mit den Samis aus Skandinavien - sogar Europa vertritt. Ziel des IITC ist es, angesichts der Bedrohung der Kultur und Existenz von weltweit 300 Millionen Ureinwohnern, die Vereinten Nationen dazu zu bringen, eine global gültige Konvention für die Rechte aller Ureinwohner zu verabschieden.
Doch die Erfolgsgeschichten der Oneida, von Russell Means oder Winona LaDuke sind keineswegs die Norm. Vor allem die Oneida Nation, das Kuwait der Reservate, ist die schon fast utopische Verwirklichung eines Traumes, der für die meisten Indianer in weiter Ferne liegt. 31 Prozent der amerikanischen Ureinwohner leben heute unter der Armutsgrenze, im Gegensatz zu den sowieso schon hohen 13 Prozent der Gesamtbevölkerung. Mal davon abgesehen, dass man mit den 16,700 Dollar Jahreseinkommen für eine vierköpfige Familie, die als die offizielle Armutsgrenze festgelegt wurden, auch in der billigen amerikanischen Provinz nicht überleben kann.
Die amerikanischen Ureinwohner haben auch im 21. Jahrhundert mehr als alle anderen Minderheiten des Landes unter einem institutionalisierten Rassismus zu leiden, der von Menschenrechtsorganisationen mit der Apartheid in Südafrika verglichen wird. Es heißt sogar, dass die südafrikanische Regierung die Townships der Schwarzen nach dem Vorbild der amerikanischen Indianerreservate konzipiert habe. Auch wenn das vielleicht Legende ist, so muß man bei nüchterner Betrachtung der Tatsachen doch feststellen, dass die gesetzlich garantierte Unabhängigkeit der indianischen Nationen vor allem zu eine Gettoisierung geführt hat. Das Land, das den Stämmen zugeteilt wurde, war und ist unter allen Gesichtspunkten minderwertig - isoliert und abgelegen, für die Landwirtschaft meist nicht brauchbar, oft sogar verseucht. Akwesasne, die Hauptstadt der Mohawk Nation, liegt beispielsweise am St. James River. Wenige Meilen flußaufwärts steht eine Aluminiumfabrik, die das Wasser und den Boden des Reservats vergiftet. Im Reservat der Navajos wird Kohle über Tage abgebaut, was die Gegend um die Gruben extrem belastet.
Die Navajo Nation, das größte Reservat in den USA, gilt als eines der Musterbeispiele für die Probleme der amerikanischen Ureinwohner. In den “4 Corners" der Sandsteinwüste zwischen Arizona, Utah und New Mexico gelegen, leben die Navajos in einem Elend, das man eher in einem Entwicklungsland, als in den USA erwarten würde.
Hier existiert über die Hälfte der Einwohner unter der Armutsgrenze. Das durchschnittliche Jahreseinkommen liegt bei knapp 11.885 Dollar pro Kopf, rund ein Drittel von dem der übrigen USA. Die Arbeitslosenrate wurde bei rund 59 Prozent festgelegt. Die meisten Jobs gibt es bei den verschiedenen Behörden des Stammesrats. Ansonsten können sich die Navajos nur in den Kohlegruben oder den wenigen Franchise-Firmen auf ihrem Reservat verdingen.
Die Hauptstadt Window Rock ist eine triste Ansammlung von flachen Sozialbauten, Fast-Food-Buden und Zweckgebäuden in einem Talkessel aus klüftigen Sandsteinfelsen. Vor dem Supermarkt lungern Männer herum, denen das Leben in Armut tiefe Furchen ins Gesicht gefräst hat. Alkohol ist eigentlich illegal. Es gilt immer noch ein Gesetz, das 1863 eingeführt wurde, als die amerikanische Regierung nach den Massakern, die Oberst Kit Karson an den Navajos verübt hatte, endlich einen Friedensvertrag aufsetzen ließ, der ihnen ein Stück Felsenwüste von der Größe Bayerns zugestand.
Trotzdem werden die meisten der Männer vor dem Supermarkt bald an ihrer Trunksucht sterben. Weil es sich die Arbeitslosen nicht leisten können, die zehn Meilen bis zum Schnapsladen zu fahren, einer Betonbude, die mitten in der Wüste wenige Meter hinter der Reservatsgrenze steht, trinken sie so genanntes “Ocean Water". Für zwei Dollar kaufen sie sich eine Dose Haarspray der Marke Aqua Net, die sie in einen Kanister leersprühen. Das Gemisch aus kosmetischem Billigalkohol und Wasser führt schon nach wenigen Schlucken zu einem brutalen, betäubendem Rausch.
Es ist Samstagabend. Der Ältestenrat, die traditionelle Stammesregierung, die ihre politische Macht an den von der US-Regierung eingesetzten Tribal Council abtreten mußte, hat zum Pow Wow in die Mehrzweckhalle von Window Rock geladen. Unter dem Basketballkorb an einem Ende der Halle sitzen sieben junge Männer aus dem Kriegerstand im Kreis und schlagen auf Trommeln und Tamburinen einen schwermütigen Rhythmus, singen dazu einen monotonen Chor. Auf dem Parkettboden des Spielfeldes drehen rund hundert Menschen mit langsamen Tanzschritten ihre rituelle Runde, mit der sie den Ahnen, den Tieren der Wüste und den Geistern der spirituellen Welt Tribut zollen. Sie tragen traditionellen Federkopfschmuck, Ketten, Armbänder und Gürtel über ihren Jeans und Sportjacken.
Das Pow Wow ist kein folkloristisches Ritual. Es sind keine Weißen zu sehen, keine Touristen oder Sinnsuchenden aus der Großstadt. Hier werden keine Mythen abgefeiert, um den Philorassismus von New-Age-Anhängern zu bedienen, die die Indianer mit einem Romantizismus zu “noble savages" degradieren, der an die Menschenverachtung der Entdeckungsreisenden während der Kolonialzeit erinnert. Hier klammert sich ein Volk an die letzten Reste von Identität und Würde, den ihnen einer der konsequentesten Vernichtungskriege gelassen hat, der jemals gegen eine Ureinwohnerschaft und ihre Kultur geführt wurde.
Navajos aus allen Schichten sind gekommen. Die Arbeiterfamilien, die Arbeitslosen, die Würdenträger. Selbst die Teenager der Streetgangs “Dragons" und “Insane Cobra Nation" haben sich eingefunden. In gebührendem Abstand voneinander sitzen sie auf den Zuschauerrängen. Junge Männer im modischen Outfit der Großstadtgangster, mit den überweiten Hosen, den Sporthemden und Baseballkappen. In der militanten Ghettokultur des Gangsta Rap haben sie eine Identität gefunden, mit der sie gegen den verzweifelten Traditionalismus ihrer Eltern und die himmelschreiende Ungerechtigkeit der amerikanischen Gesellschaft protestieren. In selbstzerstörerischen Straßenkämpfen kopieren sie die Mordserien ihrer schwarzen Vorbilder aus South Central Los Angeles und Chicagos South Side, auch wenn sie sich für ein Drive By Shooting das Auto ihrer Eltern oder Großeltern ausborgen müssen. Nur für heute Abend haben sie ihre Fehden beigelegt.
Tate, der Chef der “Insane Cobra Nation", sitzt mit seiner hochschwangeren Freundin Izzy auf der Zuschauertribüne. Sein sonst so verkniffenes Gesicht ist entspannt, während er dem Gesang der jungen Krieger lauscht. Doch sein trotziger Machismo erlaubt es ihm nicht, zuzugeben, dass die melancholische Musik etwas in ihm berührt, das größer ist als das Elend, der Kampf und die Frustration seines Lebens. Mit einer nachlässigen Geste tätschelt er den kugelrunden Bauch seiner Freundin. “Izzy sagt, das Baby strampelt beim Pow Wow im Rhythmus mit", murmelt er. “Das kann doch nur gut sein für das Kind."