Sonderkommando Volksmoral

Hollywood produziert seit den 50er Jahren Propaganda für das Pentagon.
© Andrian Kreye



Am 30. November lief in den USA der Film “Behind Enemy Lines" an. Ursprünglich war der Start für den 18. Januar angesetzt, doch im Dienste der Volksmoral wurde der Termin um sechs Wochen vorgezogen. Diese Änderung gehörte schon zu dem Paket patriotischer Aktionen, auf das sich 40 Hollywoodbosse am 11. November mit dem Bushberater Karl Rove geeinigt haben. Bei diesem Treffen ging es nicht um Inhalte. Das betonten sowohl das Weiße Haus, als auch der Präsident der Vorsitzende des Dachverbandes der Filmindustrie Motion Picture Association of America Jack Valenti. Trotzdem eignet sich “Behind Enemy Lines" ganz hervorragend zur Förderung der Wehrhaftigkeit, denn der Film basiert lose auf einer der wenigen Heldengeschichten, die es im modernen Krieg noch gibt.

Am 2. Juni 1995 wurde der Kampfpilot Scott O'Grady über dem südlichen Bosnien abgeschossen. Sechs Tage lang versteckte er sich im Wald, lebte von Gras und Käfern, bis er nach sechs Tagen von einem waghalsigen Einsatzkommando der Marines gerettet wurde. Im Film spielt Owen Wilson die Rolle des Fliegerleutnants Chris Burnett, der ebenfalls über Bosnien abgeschossen wird. Verfolgt von einem Trupp serbischer Soldaten schlägt er sich durch die Wälder und Berge, entdeckt unterwegs zufällig noch die Massengräber von Srebrenica und wird schließlich von seinem Chef Admiral Reigart (Gene Hackman) persönlich aus dem Kugelhagel geholt.

Bei der Vorführung für die internationale Presse in New York schlugen sich die anwesenden Kritiker schon bald vor Lachen auf die Schenkel. Nicht nur wegen der Landserromantik in den Dialogen, gegen die sich John Waynes Propagandaklassiker “Green Berets" wie ein Eric-Rohmer-Film ausnimmt, sondern vor allem wegen seiner schlichten Feindbilder. Da stehen auf der einen Seite hochmoralische Amerikaner, die entweder in wohltemperierten Hi-Tech-Räumen Krieg führen oder in der Cafeteria des Flugzeugträgers herumalbern. Die europäischen NATO-Partner, dargestellt durch einen Flottenkommandeur mit undefiniert südländischem Akzent, sind dagegen herzlose Bürokraten, die nicht einsehen wollen, dass man für das Leben eines amerikanischen Piloten eben mal einen Friedensvertrag opfern muß. An den Jugoslawen beider Seiten wird dagegen vor allem die NPD viel Freude haben - bartstoppelige Finstermänner, die gefälschte Addidasjacken tragen, Zigaretten zwischen Daumen und Zeigefinger halten, und sich vorzugsweise in klammen, dunklen Gewölben aufhalten, die sie nur verlassen, um unschuldige Zivilisten oder Bomberpiloten zu verfolgen. Man erwartet eigentlich, dass sie Dinge sagen wie “Weissu, hab' ich voll konkret krass Flieger von Ami runtergeholt". Stattdessen grunzen sie gutturales Serbokroatisch mit Untertiteln. Die Moslems sind da nicht viel besser. Als Leutnant Burnett auf seiner Flucht einer Wagenladung langhaariger Freiheitskämpfer begegnet, erkennt er die guten Jugos nur als Freunde, weil sie Elvis hören, Cola trinken und einer von ihnen ein Hip-Hop-T-Shirt trägt.

Die Produktion von “Behind Enemy Lines" begann natürlich lange, bevor die USA in den Afghanistankrieg zogen. Und auch wenn sich die Wochenzeitung The Nation in ihrer aktuellen Ausgabe über Hollywoods Propagandadienste lustig macht, die momentanen Kriegsanstrengungen lassen sich nicht einmal annähernd mit den Propagandafeldzügen des Zweiten Weltkrieges vergleichen. Damals achtete das Office of War Information streng darauf, dass die Studiofilme auf Linie blieben und initiierte die Produktion von staatstragenden Filmen wie John Waynes “Flying Tigers" und Humphrey Bogarts “Casablanca".

Die Aktivitäten Hollywoods im Krieg gegen den Terror beschränken sich dagegen auf das übliche Frontline Entertainment. Stars und Starlets werden die kämpfende Truppe besuchen, die Streitkräfte bekommen die neuesten Filme gratis gezeigt und auch Satellitenfernsehen gibt es umsonst. Die Tatsache, dass bei dem Treffen zwischen Regierung und Filmindustrie am 11. November der Einfluß auf Inhalte von beiden Seiten dezidiert ausgeschlossen wurde, verschleiert jedoch, dass Hollywood und das Pentagon schon seit den 50er Jahren eng zusammenarbeiten. Gut versteckt im Abspann von “Behind Enemy Lines" wird ein Mann genannt, den kaum jemand kennt, und der doch über enorme Macht in Hollywood verfügt - Philip Strub.

Strub fungiert als offizieller Verbindungsmann zwischen dem Pentagon und der Filmindustrie. In der Funktion hat er schon mehr Drehbücher umgeschrieben, als so mancher Studiochef. Es gibt zwar keine Zensurgesetze, die es dem Verteidigungsministerium erlauben würden, auf Filminhalte Einfluß zu nehmen. Doch Strub hat Zugriff auf das teure Kriegsgerät der amerikanischen Streitkräfte. Ohne das wäre die Produktion vieler großer Actionfilme nicht möglich. Wer auf einem Flugzeugträger drehen will, wer Hubschrauber, Jets oder Panzer braucht, der kommt an Philip Strub nicht vorbei. Dabei geht es vor allem um Geld. Viel Geld.

Wolfgang Petersen zahlte nach ein paar Änderungen im Drehbuch für die Kampfjets, die in “Air Force One" auftauchten laut Spiegel nicht einmal 8000 Dollar Miete. Der Regisseur John McTiernan durfte für die “Jagd auf Roter Oktober" für 400 Dollar die Stunde auf einem Flugzeugträger drehen, inklusive Flieger und Hubschrauber. Wer sein Drehbuch allerdings nicht in eine Form bringt, die dem Verteidigungsministerium genehm ist, der muß das Gerät auf dem freien Markt anmieten. Zum Beispiel bei der israelischen Armee, die zwar keinen Einfluß auf die Drehbücher nimmt, aber für die Flugstunde eines F-15 Kampfjets um die 20.000 Dollar pro Stunde berechnet.

Das Pentagon macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass es nur Filme unterstützt, die auch seinen Propagandazwecken dienen. “Unsere Arbeit ist es, die öffentliche Meinung zu beeinflussen", sagt Philip Strub. In einer Notiz an die Produzenten des Actionfilmes “Clear and Present Danger" mit Harrison Ford stand: “In Kürze - militärische Darstellungen sind für uns mehr zu einer Art Werbespot geworden". Dazu hat das Ministerium eine Broschüre mit dem Titel “A Producer's Guide to U.S. Army Cooperation with the Entertainment Industry" herausgegeben. In der es heißt, dass Produktionen, die sich um die Unterstützung des Militärs bemühen “das öffentliche Verständnis der Streitkräfte fördern, und den Streitkräften in ihren Rekrutierungsanstrengungen und Geheimhaltungsrichtlinien unterstützen sollten."

Die Liste der Filme, die mit Hilfe des Pentagons gedreht wurden, ist so lang wie offensichtlich. “Pearl Harbor" gehört dazu, “Patton" und die James-Bond-Filme, aber auch “Armageddon" und “Deep Impact". Es ist auch ganz klar, dass offensichtliche Antikriegsfilme wie Oliver Stones “Platoon", “Born On The 4th of July" oder Francis Ford Coppolas “Apocalypse Now" beim Pentagon keine Chance haben. Coppola drehte deswegen auf den Philippinen, wo ihm Ferdinand Marcos seine Hubschrauber und Boote für wenig Geld vermietete. Oliver Stones Filme kamen weitgehend ohne teure Kampfmaschinen aus. Doch selbst eine so harmlose Komödie wie Tim Burtons “Mars Attacks" ging nicht durch, weil die Armee in dem Film unfähig ist, einen Angriff von Außerirdischen abzuwehren.

Weitere Filme, die abgelehnt wurden: Mike Nichols' “Catch 22", weil es Flieger zeigte, die desertieren wollen. Der U-Boot-Film “Crimson Tide" mit Gene Hackman, weil die Mannschaft eines Atom-U-Bootes meutert. “Forrest Gump", weil die Armee keinen Trottel aufnehmen würde. “An Officer and a Gentleman" wegen zu viel Sex und Flucherei. Wolfgang Petersens “Outbreak", weil der Film die Schuld an einer Seuche einem Biowaffenprogramm der amerikanischen Armee gibt. Und “Space Cowboys" weil es Testpiloten zeigt, die absichtlich ein Flugzeug abstürzen lassen.

Manche Filmemacher bemühen sich vergeblich um ein spätes Ja. Regisseur Ridley Scott schrieb das Drehbuch zu “G.I. Jane" gleich dreimal um und wurde trotzdem abgelehnt. Dean Devlin, Produzent und Drehbuchschreiber von “Independence Day" bewarb sich um Kampfjets, Bomber, Hubschrauber. Die Probleme des Pentagons mit dem Drehbuch - die wahren Helden des Films sind Zivilisten, und der Handlungsstrang, der den Mythos bestätigt, die Air Force habe schon 1947 in Roswell, New Mexico eine fliegende Untertasse gefunden und halte seither die Überreste von Außerirdischen versteckt. Auch Devlin schrieb um. Vergebens.

Die Maßstäbe des kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Filmbüros im Pentagon sind über die Jahre strenger geworden. Fred Zinnemanns “From Here To Eternity" bekam 1953 die Unterstützung des Pentagon, nachdem Donna Reeds Rolle als Geliebte von Montgomery Clift so umgeschrieben wurde, dass sie die Hostess eines Offiziersclubs war, und keine Prostituierte wie in der ursprünglichen Fassung. Doch weil Burt Lancasters Sergeant Warden Offiziere haßt, sagt Philip Strub “würden wir das heute nicht mehr machen."

Es gibt eine ganz klare Grenze der Propagandawilligkeit in Hollywood - Zuschauerzahlen und Einschaltquoten. Als Präsident Bush die Fernsehsender aufforderte, ihm am 15. November für eine Rede zum Afghanistanfeldzug eine halbe Stunde Sendezeit zur Verfügung zu stellen, erklärte sich lediglich der Disneysender ABC dazu bereit. Die Quoten gaben den Kriegsdienstverweigerern recht - nur 11 Prozent der Zuschauer wollten Bushs Rede sehen. Mehr als doppelt so viele die neue Folge der Sitcom “Friends".

An diesem Wochenende wird sich zeigen, ob sich das Kinopulikum so unpatriotisch gebärdet, wie das Fernsehvolk. Kaum ein Film eignet sich für das Gütesiegel des Verteidigungsministeriums so gut wie “Behind Enemy Lines". Auch hier hatte Strub einiges auszusetzen. Vor allem an der Umgangssprache der Navy-Soldaten. Doch mit den schnellen Bildern und dem Technosoundtrack wirkt der Luftkrieg nun so modern und glorreich wie schon lange nicht mehr. Nach der Premiere auf dem Flugzeugträger USS Carl Vinson sagte einer der Matrosen: “Das war wie ein Kriegsrockvideo." Ganz ähnlich funktionierte vor 15 Jahren Tony Scotts “Top Gun", in dem Tom Cruise seinen Kampfjet zu Hardrockklängen durch die Wüstenschluchten jagte. “Top Gun" brachte damals Tausende neuer Rekruten zu den Luftstreitkräften. Nicht zuletzt, weil die Navy in den Foyers der Kinos mobile Rekrutierungsbüros errichtete. Das war der bisher deutlichste Beweis, dass sich die Investition von Steuergeldern in Hollywood sehr wohl lohnen kann.


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