Schließlich lesen auch Polizisten Zeitung, vor allem die New York Post, und in der kann man oft genug nachlesen, was das für eine Welt ist - Hip Hop. Da sind die beiden ungeklärten Morde an Tupac Shakur und Christopher “Notorious Big " Wallace, zu denen die Boulevardzeitungen nun schon seit sechs Jahren hartknäckig Verschwörungstheorien kolportieren. Der kalifornische Produzent Marion "Suge" Knight, dessen Büros erst am Donnerstag wieder vor laufenden Fernsehkameras von SWAT-Teams der Polizei durchsucht wurden, hat die beiden Rapstars angeblich erschießen lassen. Vielleicht hatte aber auch Notorious Big's Produzent Sean “Puff Daddy Combs" etwas damit zu tun. Von dem konnte man ja erst letzten Montag wieder lesen, dass er einem Konkurrenten zwei Schläger auf den Hals gehetzt habe. Angeblich. Genaues weiß niemand, aber zutrauen würde man es ihm schon, denn seit seinem Prozess wegen einer Schießerei in einem Nachtclub steht Puff Daddy auf der langen Liste der Rapper, die vor Gericht landeten. Und dort landete schon viel Prominenz aus den Hip-Hop-Charts: Snoop Doggy Dogg, Dr. Dre, Jay-Z, gleich sechs der neun Mitglieder des Wu-Tang Clan, Lil' Kim und Eminem. Wegen Mordverdacht, Waffen, Drogen und Gewalt. Fast immer gab es Freispruch, aber das interessiert die Zeitungen dann nicht so. Das FBI scheinbar auch nicht, jedenfalls bereiten die Bundespolizisten gerade eine groß angelegte Untersuchung der Hip-Hop-Industrie vor.
Und jetzt auch noch der Mord an Jam Master Jay. In der Lobby seines Tonstudios in Queens von einem Maskierten mit einem Kopfschuß aus nächster Nähe hingerichtet. Man munkelt von Drogen, Schulden, Bandenkriegen. Das paßt perfekt ins Gangterbild vom Hip Hop. Deswegen bebte Darryl “DMC" McDaniels Stimme vor Zorn, als er seinem Freund und DJ eine Grabrede hielt, die im Kirchenschiff für die rund 3000 Trauergäste auf Videoleinwände übertragen wurde. “Jam Master Jay war kein Gangster", rief er. “Jam Master Jay war ein B-Boy, die Personifizierung des Hip Hop." Eine Unterscheidung, die im Rest von Amerika längst nicht mehr so deutlich gemacht wird. Dabei waren es ausgerechnet Run DMC, die dem Hip Hop eine Schneise ins Bürgerliche schlugen.
Die ersten Pioniere des Hip Hop wie die Sugarhill Gang, Afrika Bambaata oder Kurtis Blow waren mit ihren Soulzitaten, ihrer optimistischen Euphorie und ihrem Agitprop noch Ausläufer der 70er Jahre. Run DMC brachen mit den Traditionen und erschlossen dem Hip Hop einen breiten Markt, indem sie Rap mit Mainstreamrock vermischten. Von der Politik hielten sich die drei Teenager in schwarzem Leder und weißen Addidas-Turnschuhen fern. Schließlich mußten sie sich die Annehmlichkeiten des bürgerlichen Lebens nicht mehr erobern. Die hatten die Generation ihrer Eltern schon erkämpft, brave Bürger aus dem Mittelstandsviertel Hollis im New Yorker Stadtteil Queens.
Doch die Freiheiten und Erfolge ihrer Eltern erwiesen sich als trügerisch. Kaum verließen Run, DMC und Jam Master Jay ihr Viertel, gehörten sie als schwarze Teenager genauso zum Feindbild des weißen Amerika, wie ihre Altersgenossen aus urbanen Katastrophengebieten wie der South Bronx, Bedford Stuyvesant und Harlem. Das änderte sich nicht einmal, als sie weltweit als Stars gefeiert wurden. Jam Master Jay entdeckte dann weit draußen in den Vororten von Long Island eine Rapgruppe namens Public Enemy, die den Hip Hop ganz neu politisierten. In den Texten von Public Enemy manifestierte sich der Bruch der Kinder der Bürgerrechtsgeneration mit ihren Eltern. Sie glaubten nicht mehr an eine mögliche Gerechtigkeit für Schwarze in Amerika und vertraten die politisch inkorrekten Radikalismen der schwarzen Separatisten, der Afrozentriker und der Black-Muslim-Sekte der Five Percenters.
Run DMC und Public Enemy gehörten längst zum Kanon der amerikanischen Popkultur, als die Wut und die Frustration der Hip Hop Generation Ende der 80er Jahre in blanken Nihilismus kippten. Ehemalige Kleinkriminelle wie Ice-T und die Mitglieder der Gruppe NWA nutzten ihre Erfahrungen in der Welt der kalifornischen Gangs, um Texte zu schreiben, die den ungefilterten Machismo und Sexismus der Gangs transportierten. Was zunächst als Sozialrealismus und LA Noir der Schwarzenviertel gefeiert wurde, vermarktete die Popindustrie schon bald als Minstrelshow, mit der Suburbiateenies ihre Eltern provozierten. Der Erfolg brachte die Hip Hop Generation in einen perfiden Zwiespalt. Auf der einen Seite half der Gangsta Rap, Hip Hop als Popgenre zu etablieren. Auf der anderen Seite zementierten die Gangsta-Klischees die gängigen Vorurteile gegen junge Schwarze.
Viele junge schwarze Amerikaner empfinden diese Vorurteile inzwischen nicht mehr als Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit, sondern als permanenten Belagerungszustand. Was mit der Operation Hammer 1988 in Los Angeles begann, als der damalige Polizeichef Darryl Gates Ausgangssperren für junge Schwarze verhängte und die Teenager nach Massenrazzien in den Ghettos zu hunderten in Sportstadien einsperren ließ, ist inzwischen in den meisten Großstädten gängige Praxis. Die Insignien der Hip-Hop-Mode werden in den Dienstanweisungen der Polizei als ’Gang Paraphernalia' geführt und sind in einigen Wahlbezirken sogar per Verordnung verboten. Wer die Beschreibung jung, schwarz und männlich erfüllt, gilt prinzipiell als verdächtig.
Wie weit die Gesellschaft bereit ist, auf diesen Vorurteilen zu beharren, bewies der Fall einer Bande Jugendlicher aus Harlem, die im Frühjahr 1989 angeblich eine weißen Joggerin Central Park vergewaltigten und dabei halbtot schlugen. Die Bilder der fünf 14 bis 16 Jahre alten Halbstarken versetzte die braven Bürger von New York damals in Angst und Schrecken. Die Boulevardzeitungen prägten den Begriff des “Wilding", einer neuen Form des Randalierens, bei der sich niemand seines Lebens sicher sein kann. Nach neuen DNS-Analysen wurden die fünf Jungs vor wenigen Wochen freigelassen. Der Kolumnist Salim Muwakkil schrieb daraufhin in der Chicago Tribune: “Die Hysterie bestätigte damals die vorherrschende Meinung, dass die Kriminalität in den Städten außer Kontrolle geraten und die Täter vornehmlich junge Schwarze waren. Die fünf Jugendlichen sind nun zwar frei. Aber die Hysterie ist geblieben."
Nur wenige Wochen nach der Freilassung der fünf unschuldigen Jungs aus Harlem, bewies Amerika der schwarzen Jugend gleich noch einmal, wie tief die Vorurteile sitzen. Gleich nach der Verhaftung des Snipers von Washington John Allen Muhammad und seines 17jährigen Komplizen John Lee Malvo konstruierten die Kolumnisten und Kommentatoren eine Verbindung zum Hip Hop. Muhammad war Black Muslim, da sollte dann vor allem die Nähe der Hip Hop Generation zur Five Percent Nation of Islam als Beweis herhalten.
Daniel Pikes, der mit seiner Webseite “Campus Watch" Palästinenserfreundliche Akademiker als Antisemiten denunziert, schrieb in der New York Post: “Es war keine Überraschung, dass der Hauptverdächtige im Heckenschützenfall ein schwarzer Amerikaner ist, der zum Islam konvertierte. Das paßt zur Tradition amerikanischer Schwarzer, die zum Islam konvertieren, um sich gegen ihr Land zu wenden." Wenige Tage später zitierte der Autor Mark Goldblatt in der Zeitung USA Today aus Texten von Rapgruppen wie dem Wu-Tang Clan, Brand Nubian und Busta Rhymes, die der Five Percent Nation nahestehen und warf sie in mit dem Sniper in einen Topf. Auch die Presseagentur AP und Tim Russert, Moderator der Fernsehsendung “Meet The Press" zogen die Sniper-Hip-Hop-Parallele.
Welche Chance hat da eine Generation, die sich über eben diese Hip-Hop-Kultur definiert? Wut wäre nur verständlich. Doch der Nihilismus steigert sich nun langsam zur Resignation. In “8 Mile", dem ersten großen Hollywoodfilm über die Hip-Hop-Kultur, gibt es eine Schlüsselszene, in der Eminem diese Resignation auf den Punkt bringt. Bei einem improvisierten Wettreimen fegt er seinen Kontrahenten von der Bühne, indem er ihn als mittelständischen Anpasser beschimpft. “Auf der Privatschule warst du", keift er. “Deine Eltern sind glücklich verheiratet." In diesen wenigen Minuten des filmischen Höhepunkts hat Eminem eine Stimmung eingefangen, die inzwischen das Gros der Jugend in den amerikanischen Armenvierteln erfaßt hat, ganz egal welcher Hautfarbe. Die Kraft reicht nicht einmal mehr für den Nihilismus der Gangsta-Kultur. Sie haben kapituliert, finden sich ab mit ihrem Schicksal, definieren den Kodex der “Street Credibility", der Glaubwürdigkeit des Hipsters von der Straße, mit den Klischees der gescheiterten Unterschichten. “Fight the Power!", forderten Public Enemy vor zwölf Jahren. “Lose Yourself", resigniert Eninem auf seiner neuen Single, die seit Wochen auf Platz eins der amerikanischen Charts rangiert und erzählt die Geschichte eines Verliers: “Eine Chance hast du. Lass sie ziehen. Lass es sein. Komm' zurück in die Wirklichkeit."
Die Vorurteile gegen die Hip-Hop-Generation sitzen tief. Als sich die Trauergemeinde letzte Woche zum Begräbnis des ermordeten Run DMC-DJs Jason “Jam Master Jay" Mizell in der Betonkathedrale der African Methodist Episcopal Church im Südosten von Queens sammelte, postierte die New Yorker Polizei zur Sicherheit ein paar Scharfschützen auf den umliegenden Dächern.
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