ÜBERSCHÄTZTES FRANKREICH

Die Historikerin Gertrude Himmelfarb korrigiert
die Geschichte der Aufklärung.

© Andrian Kreye


Die Historikerin Gertrude Himmelfarb verfügt über jene Sorte akademischen Scharfblicks und rhetorischer Überlegenheit, die Amerikaner ehrfürchtig als intellektuelle Feuerkraft bezeichnen. Nun gilt es unter Geisteswissenschaftlern prinzipiell als anrüchig solch eine Feuerkraft in den Dienst der Polemik zu stellen. Damit begäbe man sich viel zu weit in die Niederungen der Ideologen und Meinungshuber, den traditionellen Feinden jeder objektiven Wissenschaft. Doch mit ihrem neuen Buch “The Roads to Modernity - The British, French and American Enlightenments" (Knopf, New York) hat Gertrude Himmelfarb nicht nur eine beißende Polemik gegen das alte Europa und vor allem Frankreich verfasst. Gerade weil sie ihre Argumente von der hohen Warte einer langen Karriere als Expertin für die europäische Geschichte vorbringt, liefert sie den Ideologen und dem modischen Frankreichhass wertvolles Material.

Rechtzeitig zum ausklingenden Kantjahr will Gertrud Himmelfarb mit “The Roads to Modernity" die Urheberschaft der Aufklärung bei den angelsächsischen Denkern ansiedeln. Sie macht aus ihrem revisionistischen Anliegen gar keinen Hehl. “Dieses Buch ist ein ehrgeiziger Versuch, die Aufklärung zurückzufordern - von den Kritikern, die sie schlecht machen, von den Postmodernen, die ihre Existenz verleugnen, von den Historikern, die sie verniedlichen, vor allem aber von den Franzosen, die sie dominiert und usurpiert haben."

Zugegeben, “The Road to Modernity" ist ein großes Lesevergnügen. Himmelfarb schreibt mitreißend, argumentiert überzeugend. Die französischen Philosophen von Rousseau bis Diderot entlarvt sie als elitäre Menschenverächter. Mit Genuss kolportiert sie Voltaires Verachtung für “la Canaille" und seine Vorschläge, die Schulbildung für Landkinder abzuschaffen, weil diese im religiösen Aberglauben aufgewachsen und deswegen nicht mehr zu retten seien. Und es fällt nicht schwer, in ihren Beschreibungen von Rousseaus Gemeinwillen und Robespierres Tugend des Terrors die Grundlagen für die Schreckensherrschaften der modernen Totalitarismen zu entdecken.

Wäre da nicht der tagespolitische Kontext, schließlich stehen dem tumben Antiamerikanismus in Europa die nicht minder heftigen antieuropäischen Ressentiments der Amerikaner entgegen, die sich vor allem auf Frankreich konzentrieren. Aber steht eine so bedeutende Geisteswissenschaftlerin wie Getrude Himmelfarb nicht über solch politischen Beweggründen?

Nun könnte man ihr familiäre Nähe zu zwei der wichtigsten intellektuellen Sturmgeschütze der neokonservativen Ideologie vorwerfen. Gertrude Himmelfarb ist mit dem Vordenker der Neocons Irving Kristol verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn William leitet mit dem Weekly Standard das Zentralorgan der neokonservativen Revolution. In den letzten zwei Jahren haben die Neocons in Frankreich und seiner Empire-nostalgische Weltpolitik ein klares Feindbild gefunden. Da kommt der Beweis, dass die französische Aufklärung nur ein elitäres Experiment, die angelsächsische Aufklärung aber die wahre Grundlage der modernen Gesellschaft war, etwas zu gelegen.

Intellektuelle Sippenhaft ist natürlich ein besonders krudes Mittel der Polemik. Andererseits musste sich Gertrude Himmelfarb genau das kürzlich vorwerfen lassen. Seit Jahrzehnten gehört sie zu den ausgesprochensten Gegnern der neuen Geschichtswissenschaften. Im Mai dieses erschien bei Harvard Press eine überarbeitete Neuauflage ihrer Essaysammlung “The New History and the Old" von 1987, in der sie die marxistisch geprägte Geschichtsschreibung genauso verdammt wie den psychohistorischen und postideologischen Denkansatz. Ein konservatives, aber berechtigtes Anliegen. Allerdings, so schreibt ihr Kollege David Gordon vom libertären Ludwig von Mises Institute, beschränke sich Himmelfarbs Beweisführung viel zu oft darauf, die jeweiligen Vertreter der gescholtenen Denkansätze alleine auf Grund ihrer Verbindungen zu verurteilen.

Für europäische Leser liegt die Stärke des Buches aber weniger in dem vergnüglichen Zurechtstutzen der französischen Arroganz, sich als Nabel der Weltgeschichte zu betrachten. Ungewollt liefert Gertrude Himmelfarb mit “The Road to Modernity" vor allem ein klares Bild des Misstrauens, mit dem Amerika dem alten Europa begegnet. Da steht die rücksichtslose Brutalität, mit welcher der Einzelne Europa seit dem Beginn der Aufklärung immer wieder den Ideen und Idealen unterworfen und geopfert wurden gegen das geheiligte Recht des Einzelnen. Da ist die inzwischen offene Religionsfeindlichkeit des Säkularismus, die für das konservative Amerika doch nichts anderes ist, als die weltliche Fortsetzung der religiösen Verfolgung, vor der sich die Gründerväter der Nation in die neue Welt gerettet hatten. Und da ist dieser weltfremde Intellektualismus, der die europäischen Ideale so oft zum theoretischen Konstrukt reduziert. “Im heutigen Amerika ist die Aufklärung lebendig und gesund", schreibt Himmelfarb im Epilog. Die ethischen Grundlagen der Aufklärung hätten dort längst Partei-, Kultur- und Klassengrenzen übersprungen. “Die Soziologie der Tugend, die Ideologie der Vernunft, die Politik der Freiheit - diese Ideen hallen heute immer noch nach", schließt sie dann. Einen deutschen Dichter hätte sie da noch zitieren können. Der kam vor 177 Jahren zu einem ganz ähnlichen Fazit.





Zurück zum Inhalt



Bild

Andrian Kreyes neues Buch:

Die Geschichte der Stadt New York

von Punk und Disco

bis zur Alarmstufe Orange.



Jetzt bei amazon.de