New York 17. 05. '04 - Nach dem ersten Schock über die Folterbilder aus dem Gefängnis von Abu Ghraib in der Fernsehsendung "60 Minute 2" waren es vor allem Seymour Hershs Artikel für das Wochenmagazin New Yorker, welche die Hintergründe der Geschichte aufdeckten. Erst zeigte er auf, dass die Vorfälle dem Pentagon schon lange bekannt waren. Eine Woche später wies er nach, dass es sich nicht nur um die Übergriffe einzelner handelte, und dass CIA und Söldner daran beteiligt waren. In der aktuellen Ausgabe beweist er, dass die Folterungen Teil eines Programmes waren, das Donald Rumsfeld persönlich entwickelt und dann gemeinsam mit Condoleezza Rice abgesegnet hatte. Das Pentagon dementierte hart, und Condoleezza Rice dementierte weich. Sonntagabend saß sie bei Sabine Christiansen und teilte mit: “So weit wir wissen, stimmt die Geschichte nicht." Doch Hersh ist sich seiner Sache sicher.
Wie immer sind seine Texte mit Zitaten und Auszügen aus Dokumenten gespickt, die seine Enthüllungen unangreifbar machen. Eine Arbeitsweise, wegen der Seymour Hersh in der amerikanischen Hauptstadt schon seit über 35 Jahren bei Regierung und Behörden gefürchtet und berüchtigt ist. Nach einem Bericht von Hersh über die ethisch fragwürdigen Geschäfte des Pentagonberater Richard Perle letztes Jahr, wetterte dieser, mit Hersh käme der amerikanische Journalismus dem Terrorismus nahe.
Solche Anfeindungen gehören zum Alltag des 67-jährigen Reporters, der, egal ob im Interview oder in einer Talkshow, mit seiner direkten Art oft erfrischend unhöflich und ehrlich wirkt. “Wir sind an in diesem Land an einem Punkt angelangt, an dem bestimmte Kreise dich ganz wunderbar finden, solange du ihre Pläne unterstützt. Wenn du allerdings anderer Meinung bist, dann bist nicht nur ein Andersdenkender, sondern ein Verräter", erzählte er. Neu sind ihm solche Drohungen nicht. "Als die Geschichte über das Massaker von My Lay erschien, haben sie mich besoffen aus dem Offiziersklub angerufen, und mir ausgemalt, was sie mit meinen Weichteilen anstellen würden."
Das war 1969 und der Beginn seiner einzigartigen Karriere als Star des investigativen Journalismus. Ursprünglich wollte die My-Lay-Geschichte niemand drucken. Hersh hatte einen Tip bekommen, dass ein Militärtribunal einen jungen Zugführer namens William L. Calley Jr. wegen den Morden an vietnamesischen Zivilisten anklage. Hersh begann seine Recherche und deckte eines der schlimmsten Massaker in der Geschichte des Vietnamkrieges, bei dem Calleys Soldaten über 500 Bewohner des Dorfes My Lai ermordeten, Frauen vergewaltigten und Babys für Zielübungen benutzten.
Die Liste der Fälle, die Hersh seither aufgedeckt hat, liest sich wie ein Kompendium der wichtigsten amerikanischen Politskandale. Die CIA hat sich von seiner Arbeit für die New York Times in den siebziger Jahren angeblich bis heute nicht erholt. Da wies er zunächst nach, dass die Agenten amerikanische Organisationen bespitzelten, gefolgt von seinen Berichten über die Rolle der CIA beim Putsch in Chile. Er enthüllte Henry Kissingers Anordnungen für die geheimen Bombardierungen Kambodschas. Er rettete die Watergateberichterstattung der New York Times und ärgert sich bis heute, dass Bob Woodward und Carl Bernstein von der Washington Post mit der Geschichte so reich und berühmt wurden.
Später enthüllte er, dass die amerikanische Regierung die Atomwaffenprogramme von Israel und Pakistan unterstützt hatten. Für den New Yorker deckte er auf wie amerikanische Soldaten unter dem Kommando von General Barry McCaffrey in den letzten Tagen des Golfkrieges von 1991 irakische Truppen massakrierten. Nur einmal scheiterte Hersh mit einem Projekt. Bei den Recherchen zu seinem Buch über John F. Kennedy, das er 1997 veröffentlichte, hatte er sich zunächst auf gefälschtes Material berufen, das beweisen sollte, dass Marilyn Monroe Kennedy erpreßt hatte. Das hat ihm lange geschadet.
Doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist Hersh beim New Yorker zu neuer Höchstform aufgelaufen. Durch seine jahrzehntelange Arbeit verfügt er über ein weitreichendes Netz von Quellen und Informanten in sämtlichen Ämtern, Behörden und Regierungsstellen. Zitate hochrangiger Politiker und Sekundärquellen wie das Internet haben ihn noch nie interessiert. Das ist äußerst zeitaufwendig, doch so bewahrte er sich schon immer seinen Vorsprung.
So zeigte er auf, wo die Geheimdienste im Vorfeld der Anschläge versagt hatten, schrieb über die Atomgefahr in Pakistan, die Schwierigkeiten der US-Militärs in Afghanistan und die fragwürdigen Begründungen für den Einmarsch in den Irak. Doch keine seiner Geschichten hat in den letzten Jahre so viel Aufmerksamkeit erregt, wie seine Berichterstattung über den Fall Abu Ghraib. Diese Geschichte ist für ihn auch noch lange nicht zu Ende. In den Abendnachrichten von r BBC meinte er letzte Woche, die Verantwortung für die Vorfälle ginge bis ganz nach oben. Seither schweigt er allerdings. Auf die Interviewanfrage diese Woche rief er zurück und bat zu warten, bis er mit seinen Berichten fertig sei. Für die scheint er noch einiges auf Lager zu haben, denn im gleichen Atemzug meinte er: "Sie werden wissen, wann ich fertig bin."
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