MILLIARDENFIEBER

Die New Yorker Herbstauktionen sollen
alle Rekorde für Kunstpreise brechen

© Andrian Kreye




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New York im November '06 - Die Berichterstattung vom Kunstmarkt hat am Vorabend der New Yorker Herbstauktionen für moderne und zeitgenössische Kunst bei Christie's und Sotheby's einen fiebrigen Unterton bekommen, den man sonst eher aus den Wettbüros in den Arbeitervierteln von Brooklyn kennt, vor denen die alten Männern mit den Bulletins der Pferderennbahnen sitzen und hitzige Debatten ausfechten. Von Dienstag bis Donnerstag Abend erwartet die Kunstwelt jedenfalls Antworten auf so einige Fragen eher sportlicher Natur. Durchschlagen die vereinten Verkaufszahlen erstmals die mythische Milliarden-Dollar-Marge? Schafft es der Markt, einen Picasso zum teuersten Bild aller Zeiten zu machen? Welche Zeitgenossen können sich durchsetzen? Hält sich der Boom der Pop Art und kann die zeitgenössische Kunst aus China halten was sie verspricht?

Außerdem gibt es noch einen ganzen Katalog juristischer, ethisch-moralischer und kunstgeschichtlicher Fragen, die sich auf die Katalognummer 1722 im Los Nummer 37 konzentrieren, das am Mittwochabend bei Christie's unter den Hammer kommt - die “Straßenszenen" von Ernst Ludwig Kirchner. Die hatte der Berliner Kultursenator Thomas Flierl im Juli aus der Sammlung des Brücke Museums an die Erben des jüdischen Schuhfabrikanten und Kunstmäzen Alfred Hess und seiner Frau Thekla zurückgegeben, deren Familie die Bilderserie 1937 unter Wert verkauften. Auch da gibt es eine sportliche Komponente. Sollten sich weitere Erbengemeinschaften durchsetzen, könnten in den nächsten Jahren rund fünfzig weitere Meisterwerke aus deutschen Museen den Markt für die Kunst des 20. Jahrhunderts aufheizen.

Die Milliarden-Dollar-Marge hat sicherlich nur symbolischen Wert, allerdings setzt sie auch Zeichen für eine Verschiebung der kunsthistorischen Machtverhältnisse. Es gibt viele Erklärungen, warum der Kunstmarkt derzeit so nach oben schnellt. Eine davon ist die Evolution des Sammlertypus, deren Methode zu Sammeln auch immer in ihrer eigenen Biografie liegt. Die traditionellen Sammler des 20. Jahrhunderts waren Fabrikanten und Reeder, die ihr Leben damit verbracht hatten, Imperien zu schaffen. Für sie zählte der Platz, den ihre Sammlung in der Gesellschaft einnehmen konnte, ihr persönlicher Status, den ihnen der Sitz im Vorstand eines wichtigen Museums verschaffen konnte. Mit den Achtziger Jahren drängte eine neue Generation auf den Kunstmarkt, die ihr Geld vor allem mit Immobilien und an der Börse gemacht hatte. So wurde aus der Kunstsammlung ein spekulatives Investitionsprojekt.

Die neue Sorte Reichtum, die den Kunstmarkt derzeit aufheizt kommt in den USA aus der Welt der Hedge-Fonds, international aus den aufstrebenden Wirtschaftsmächten China, Indien und vor allem Russland. Da gibt es qualitative und quantitative Unterschiede zu den traditionellen Sammlern und Museen, durch die so manches Meisterwerk aus der Öffentlichkeit verschwinden wird.

Zunächst können Museen bei Rekordauktionen wie sie derzeit stattfinden nicht mehr mithalten. Die neuen Sammler pflegen dafür immer seltener jenes kunsthistorische Verantwortungsbewusstsein, das den Museen so manche Leihgabe gebracht hat. “Die Russen" nennt man die neue Sorte Sammler in New York, und spricht das mit einem Unterton aus, der genauso verächtlich wie ängstlich ist, wie immer, wenn sich reicher Pöbel eine Domäne der Eliten erobert. Die Befürchtung ist jedenfalls, dass viele der kunstgeschichtlich wichtigen Gemälde als Prestigeobjekte in den Salons von Penthäusern und Luxusyachten zwischen New York und Zypern landen und so de facto verschwinden.

Die Hedge-Fonds-Manager und die so genannten “Russen" haben aber auch die Sammlerwelt verändert. Viele von ihnen bleiben anonym oder verweigern sich der Öffentlichkeit. Sie interessieren sich weder für die Mitwirkung im Vorstand eines Museums, noch an der Pflege der zeitgenössischen Kunst. Ihre Welt dreht sich um die adrenalingeschwängerten Auktionsabende, an denen sie ihre Zockerfähigkeiten Sammler gegen Sammler beweisen können.

Die traditionelle Sammlerszene betrachtet die Rekordauktionen inzwischen mit einem kunsthistorischen Argwohn, der weit über den Einfluss auf die Marktpreise hinausgeht. Christie's hat am Mittwoch Abend beispielsweise vier Gemälde von Gustav Klimt im Angebot, zu denen auch “Adele Bloch-Bauer II" gehört, das Folgewerk zu jenem Gemälde, das der Kosmetikfabrikant Ronald Lauder im Juni für 135 Millionen Dollar kaufte, um es in seinem New Yorker Privatmuseum Neue Galerie auszustellen. Viele Sammler hielten das Rekordergebnis für Klimt nicht für gerechtfertigt, weil Klimt kunsthistorisch nur eine untergeordnete Rolle einnehme. Auch als der Klimtrekord letzte Woche gebrochen wurde, als ein anonymer Sammler Jackson Pollocks “No. 5" aus der Sammlung des Medientycoons David Geffen für 140 Millionen Dollar ersteigerte, murrte man in der Sammlerszene.

Eigentlich hatte man gehofft, dass der Verkauf von Picassos “La Reve" des Kasinomagnaten Steve Wynn mit 139 Dollar den neuen Rekord mit einem Klassiker der Moderne setzen würde. Allerdings stieß der fast blinde Wynn kurz nach der Auktion aus Versehen mit dem Ellenbogen durch die Leinwand. Nun wird gemunkelt, Picassos Porträt seines Trinkkumpanen Angel Fernándes de Soto könne den Schätzpreis von 40 bis 60 Millionen Dollar um ein Vielfaches überspringen und Picasso als neuen Rekordhalter etablieren.

Weil der Kunstmarkt aber nicht nur nach seinen eigenen, sondern auch nach den Regeln des freien Marktes funktioniert, warnen Experten schon vor Risiken und Langzeitwirkungen. Alleine diese Woche stehen epochale Werke von Toulouse-Lautrec, Monet, Cezanne, Klimt, Renoir, Chagall, Picasso, de Kooning, Warhol und Koons zum Verkauf. Dazu kommt die weiter anhaltende Begeisterung für deutsche Kunst, die neue Höchstpreise für Werke von Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Andreas Gursky und Thomas Struth, aber auch für Franz Ackermann, Martin Eder und Neo Rauch einspielen könnten. Sollte der Boom zur Blase eskalieren, droht der Crash.

Für die Kunstgeschichte selbst hat der überhitzte Markt allerdings auch positive Auswirkungen. Weil die Museen bei den Superauktionen nicht mehr mithalten können, besinnen sie sich derzeit auf ihre Rolle, als Inkubatoren der zeitgenössischen Kunst. Viele Häuser wie das Museum of Modern Art investieren in die effektive Produktion neuer Werke. Und selbst wenn der Kunstmarkt durch einen Crash in die Knie gezwungen wird, besteht keine Gefahr für ernsthafte kulturelle Erschütterungen. Im Gegenteil. Als der Kunstmarkt in den Neunziger Jahre zusammenbrach, schlug die Stunde der ernsthaften und leidenschaftlichen Sammler. Da ging es einige Jahre plötzlich nicht mehr um Prestige, Investitionen und Rekorde, sondern um Inhalte und Qualitäten. Das sind bleibende Werte, die auch Rekordpreise nicht verderben können.




Dana Carvey als Sotheby's-Auktionator

Christie's

Sotheby's