Nun konnten sie nicht wissen, dass Götz Wörner in punkto humanistischer Glaubwürdigkeit jeden einzelnen am Tisch locker in die Tasche gesteckt hätte. Seine politische Gesinnung war ganz undogmatisch links, seine Plattenfirma hatte er nach dem Erntemonat Messidor aus dem französischen Revolutionskalender benannt und ein wichtiger Teil seiner Arbeit war es, Schallplatten für kubanische Musiker wie Arturo Sandoval, Paquito D'Rivera und Gonzalo Rubalcaba zu produzieren, die damit dann weltbekannt wurden und auf ihren Tourneen vor der Castrodikatur in den freien Westen fliehen konnten. Sie hätten höchstens bemerken können, das dem Satz der alles entscheidende Artikel “ein" fehlte, der die Feststellung in den Slogans der Neonazi zum identitätsstiftenden Schlachtruf gemacht hatte. Doch genau darum ging es ja und so ließ er die Runde noch ein Weilchen schmoren, bevor er seinen Satz mit den Worten “Wenn ich's nicht sage, sagen's doch die anderen", entschärfte.
Nun ist ein Moment des betretenen Schweigens im Café Laumer kein Ereignis von besonderer Bedeutung, aber wenn man im Ausland das schwierige Verhältnis der Deutschen zum eigenen Land deutlich machen will, macht das diese Anekdote meist schneller deutlich, als der historische Kontext der patriotischen Pathologie in Deutschland.
Die ist natürlich nicht zu unterschätzen, und vielleicht sollte man sich aus sechstausend Kilometern Entfernung auch nicht in Patriotismusdebatten einmischen. Auf der anderen Seite scheint ja gerade der Abstand einen freien Blick auf das heikle Thema zuzulassen, wie man in dem gerade so heftig diskutierten Buch “Wir Deutschen" von Matthias Matussek nachlesen kann, das so viel entspannter, kosmopolitischer und humorvoller ist, als die Debatte darum. So entspannt, kosmopolitisch und humorvoll, wie einem Deutschland eben erscheint, wenn man aus New York, Rio oder London zu Besuch ist. Sicher wird da viel geschimpft, gejammert und verdrängt, aber gegen die ganz realen Ängste von New York, Rio oder London sind die deutschen Sorgen doch vergleichsweise überschaubar. Und doch fällt es einem so viel leichter, dort etwas über leidenschaftliche Heimatliebe zu erfahren. Denn man darf sich von der momentanen Fahnenschwenkerei nicht täuschen lassen - Weltmeisterschaftseuphorie ist noch kein Patriotismus.
In zehn Tagen werden die Amerikaner beispielsweise ihren Nationalfeiertag begehen. In New York werden an diesem Abend kurz nach dem Sonnenuntergang Pyrotechniker von einer Barke im East River schillernde Ornamente in den Himmel über New York schießen und entlang der Flussufer werden alle Radios auf jenen Sender eingestellt sein, der die Musik spielt, zu der das Feuerwerk choreographiert wird. Wie jedes Jahr wird der Discjockey dann kurz vor dem Höhepunkt "God Bless America" auflegen, einen hymnischen Schmachtfetzen, den Irving Berlin einst für ein Musical geschrieben hat und der heute als inoffizielle Nationalhymne Amerikas dient. Eine Frauenstimme tremoliert sich da die Harmonien hinauf. Bei jedem Halbton, um den sie die jeweils nächste Strophen anhob, werden sich die Menschen am Fluss dann ein wenig fester an den Händen halten, und manche dabei vorsichtig eine Träne aus dem Augenwinkel wischen.
So viel Heimatgefühl an einem Nationalfeiertag berührt uns Deutsche ja eher unangenehm. Bestenfalls retten wir uns dann mit einem Witz aus der Situation, oft runzeln wir aber auch missbilligend die Stirn. Natürlich wissen wir, dass es kaum einen Begriff gibt, der so emotional aufgeladen ist, wie Heimat, aber im höflichen, zurückhaltenden, von der Vergangenheit so gequälten und in der Gegenwart so unsicheren Deutschland ist das für die meisten eben nur schwer nachvollziehbar. Wer als Deutscher also zum ersten Mal das Pathos beim Feuerwerk zum Fourth of July der USA erlebt, die frenetischen Feiern zum Cinco de Mayo in Mexiko oder den französischen Stolz am Jour de la Bastille, der wird wahrscheinlich auch zum ersten Mal erleben, mit welcher Inbrunst Menschen ihre Heimat feiern können.
Bleiben wir bei Amerika, weil der Patriotismus dort ein paar Ebenen hat, die es sonst nirgendwo gibt und die doch von aller Welt so bewundert werden. “Americana" heißt das Phänomen, das ursprünglich die klassischen Ikonen der amerikanischen Kultur bezeichnete, sich aber nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem Synonym für jene Sorte linken Patriotismus und Heimatliebe entwickelte, die von den amerikanischen Subkulturen in den Jahren der Beatniks entdeckt, von den Hippies zum Pop gemacht und schließlich von den Intellektuellen und Linken zum Credo einer linken Aufklärung deklariert wurde.
Nun tut sich Amerika mit einem solchen linken Patriotismus leichter, als jedes andere Land. Erstens basiert die Nation der USA nicht auf geografischen oder volksstämmischen Gemeinsamkeiten, sondern auf einer Idee. Zweitens besteht die Geschichte der USA von den Gründervätern über Roosevelt und Eisenhower bis zu John F. Kennedy und Martin Luther King aus rebellischen Figuren, die das Land voranbrachten, weil sie den Status Quo in Frage stellten, ohne jemals das humanistische Ideal der Aufklärung aus den Augen zu verlieren. Und drittens versteht sich kein Land so gut darauf, sich seine eigenen Mythen zu schaffen, wie Amerika.
Doch genau deswegen wird vieles, was es dort an linken Formen des Patriotismus gibt, vom Rest der Welt nicht als solcher wahrgenommen. In keiner Phase der amerikanischen Geschichte kann man diesen Patriotismus jedoch so gut erkennen, wie in den Jahren, die von einer Kultur geprägt wurde, die sich selbst bis heute als “Counterculture", also als Gegenkultur versteht. Und doch waren gerade die Ikonen dieser Gegenkultur patriotischer, als jede andere Phase der amerikanischen Subkulturen.
Da wehte das Sternenbanner auf der Kühlerhaube des bunt bemalten Autobusses, mit dem Ken Kesey und seine Merry Pranksters durch die Lande zogen genauso, wie vor den Zelten der Festivalbesucher in Woodstock und Spaßguerillero Abbie Hoffman hüllte sich bei seinen Auftritten in die Flagge. Gleichzeitig machten sich Bob Dylan, The Band und die Byrds auf, die Seele Amerikas in Folk und Country zu erforschen. Letztlich war selbst der Schlüsselfilm “Easy Rider" eine zutiefst patriotische Hymne an die Heimat, in der Peter Fonda als “Captain America" mit dem Sternenbanner auf Tank und Jacke neben einem Dennis Hopper in Cowboykluft die mythische amerikanische Landstrassen erobert.
Das schloss direkt an die Beatniks an, die diese Suche nach einem ursprünglichen amerikanischen Ideal in den Fotografien von Robert Frank und John Cohen und den Texten von Jack Kerouac und Allen Ginsberg begonnen hatte. Nun könnte man den Beatniks und Hippies auch Ironie unterstellen und das Flaggenschwenken als subversiven Akt auslegen. Doch wer sich näher mit deren Arbeiten beschäftigt, stößt schon bald auf einen grundlegenden Ansatz, der die amerikanische Landschaft, die amerikanische Kultur und die amerikanische Idee in einem Masse idealisiert, das sich in Europa seit der Romantik des 19. Jahrhunderts niemand mehr getraut hat.
Heute findet man das Erbe der Amerikana-Romantiker in den Filmen von Sean Penn und Robert Altmann genauso wieder, wie in der Musik von Ryan Adams oder Bruce Springsteen, der in diesen Tagen mit dem Folksänger Pete Seeger auf Tournee ist, oder in den Romanen von Don DeLillo und Thomas Pynchon. Die allesamt Beweis genug sein könnten, dass Patriotismus keineswegs eine affirmative Haltung einnehmen muss. Im Gegenteil - zu den obersten Pflichten jedes amerikanischen Patrioten gehört es, die eigene Regierung in Frage zu stellen.
Doch Americana greift viel tiefer, als jeder politischen Gestus. Da gehört eine regelrecht physische Verbundenheit mit dem Land, dem Licht, den Gerüchen und Geräuschen dazu, die den Amerikaner immer wieder erlaubt, in Film, Musik und Literatur selbst so triste Landstriche wie Texas, Tennesse und New Jersey zu romantisieren. Als Deutschem oder Europäer fällt es einem oft erst nach langer Zeit im Ausland auf, wie tief die Verwurzelung mit der Heimat geht. Ich lebte beispielsweise schon seit sechs Jahren in Amerika, als mir ausgerechnet bei einem Besuch in Moskau klar wurde, wie weit ich mich schon von meiner Heimat, meinen Wurzeln, meiner Vergangenheit entfernt hatte. Es war einer jener Spätsommernachmittage, an dem die Sonne Boden und Mauern immer noch erwärmen kann, aber man schon die Feuchtigkeit des nahenden Herbstes riechen kann, an denen die Geräusche und Stimmen von der warmen Luft immer noch mit jener anheimelnden Direktheit getragen werden, die einem auch mit geschlossenen Augen verrät, dass es Sommer ist, aber die Sonnenstrahlen mit der Illusion goldfarbenen Lichtes kurz vor dem Abend darüber hinwegtäuschen, dass sie schon so viel blasser geworden sind. Es war genau dieses Zusammenspiel aus dem unbestimmten Geruch der sommerlichen Stadt, den verwehten Sommerklängen und dem Lichteinfall, der mich für einen Moment in das München meiner Kindheit zurückversetzte. Dabei konnte ich Moskau nicht ausstehen, diese feindselige, schwermütige, grobe Stadt. Ich hatte mich in dem freundlichen, leichtfüßigen, verspielten Amerika schon immer wohler gefühlt, und doch schien mir Moskau in diesem kurzen Moment vertrauter, als New York, die Stadt, die in der Neuen Welt so anders roch, sich so anders anhörte, so anders leuchtete.
Es ist genau dieser Konflikt zwischen Vertrautheit und Fremde, der den Blick bestimmt, wenn man schon lange aus Deutschland fort ist. In Berlin Mitte stand ich in jenem Sommer meines ersten Besuches nach Jahren bei Freunden auf einem Dach, die aus Amerika ganz nach Berlin zurückgekehrt waren. Stolz präsentierten sie mir das Panorama mit den Kuppeln, Türmen und Giebeln, über denen das Sommerlicht flirrte. Wir fühlten uns fremd und doch in jenem Moment wieder zu Hause. Es war diese Mischung aus Gerüchen, Geräuschen und Licht, die uns aus der Kindheit hierher gefolgt war wie ein Schatten. Vie
Es kann natürlich kein deutsches Pendant zur Americana geben. Die Mythifizierung Deutschland wurde viel zu oft missbraucht. Doch es gibt einige wenige, die es schaffen, die Romantisierung zu meistern. Der Regisseur Wim Wenders war so einer, der dann aber doch lieber in Hollywood Americanastreifen drehte, die Einstürzenden Neubauten und all die Protagonisten des Hauptstadtpop, die für ihr entspanntes Verhältnis zu Deutschland so viel Schelte bezogen, junge Literaten wie Christian Kracht und Moritz von Uslar, oder eben einer wie Matthis Matussek, der lange genug im Ausland war, um zu verstehen, wie gut es einem in Deutschland gehen kann.
Vielleicht ist es noch zu viel verlangt, einen deutschen Patriotismus von links einzufordern, der dieses Land nach seinen Idealen formen will und den Stolz auf die Heimat nicht “den anderen" überlässt. Dabei sind die anderen heute gar nicht mehr die Rechtsradikalen und ihre Sympathisanten. Die bürgerliche Mitte hat längst begriffen, dass es bei der Patriotismusfrage nicht um die deutsche Vergangenheit gehen darf, sondern um die deutsche Gegenwart und letztlich um die Zukunft. Wenn die so entspannt, kosmopolitisch und humorvoll bleibt, wie die Gegenwart, wäre schon viel erreicht. Ohne Gegenstimme wird das jedoch auch der bürgerlichen Mitte nicht gelingen.
>New York im Juni '06 -
Es war mal wieder spät geworden auf der Frankfurter Buchmesse, und wie alle, die noch nicht schlafen gehen wollten, saßen wir in Adornos altem Stammcafé Laumer - ein ganzer Tisch voll mehr oder minder bekannter Literaten und Lektoren, ein paar Journalisten und mittendrin der Musikproduzent Götz Wörner. Anfang der Neunziger Jahre war das, als der Mauerfall schon ein paar Jahre her war, aber die Bundesregierung immer noch in Bonn residierte. Es ging mal wieder irgendwie um Deutschland, die deutsche Literatur und die deutsche Geschichte, als Herr Wörner eine Gesprächspause nutzte und die Tischgespräche mit einem fröhlichen “Ich bin stolz, Deutscher zu sein", kommentierte. Das darauf folgende betretene Schweigen der Runde schien ihm nichts auszumachen. Im Gegenteil. Genüsslich beobachtete er, wie die Literaten, Lektoren und Journalisten den unbekannten Gast aus den Augenwinkeln musterten und sich dabei am liebsten in die Polsterlehnen ihrer Kaffeehausstühle verkrochen hätten.
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