Nazi-Pizza und Lego-KZ

In New York kulminiert der Generationskonflikt zwischen jungen Juden und ihren Eltern in den Kontroversen um die Popzeitschrift Heeb und eine Ausstellung im Jewish Museum.
© Andrian Kreye



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Selbst auf englisch ist es gar nicht so leicht, die kulturellen Doppeldeutigkeiten des Wortes “Heeb" zu erläutern. Deswegen muß Jennifer Bleyer, Chefredakteurin des gleichnamigen Magazins mit dem Untertitel “The New Jew Review", auch etwas länger ausholen. Sie will klar machen, warum Abe Foxman von der Anti Defamation League ihr und ihren Freunden jüdischen Selbsthaß an der Grenze zum Antisemitismus vorgeworfen hat und damit voll daneben liegt. Überhaupt fühlt sie sich genötigt, so einiges zu erklären. “Wir sind ja gar nicht so professionell, wie es scheint", sagt sie zum Beispiel. Denn immerhin muß man Termine mit der 26jährigen New Yorkerin über die Publicity-Firma Susan Blond Inc. arrangieren, die ansonsten Kunden wie Michael Jackson, Puff Daddy und die Lenny Kravitz vertritt. Da hieß es dann, “Jennifer würde es bevorzugen, sich außerhalb der Redaktionsräume zu treffen." Was vor allem daran liegt, dass es gar keine Redaktionsräume gibt.

Die Redaktion besteht bisher aus zehn jungen New Yorkern aus den Bohémevierteln Williamsburg und East Village, die die erste Ausgabe von Heeb auf ihren Heimcomputern zusammengebaut haben und die 20.000 Stück Erstauflage jetzt über ein paar Buchläden und Kioske vertreiben. Die 60.000 Dollar Startkapital von der “Joshua Venture for Jewish Social Entrepreneurs" aus San Francisco und die 10.000 Dollar Zuschuß von Steven Spielbergs “Righteous Persons Foundation" sind mit der ersten Ausgabe aufgebraucht.

Normalerweise würde Heeb in den Regalen der unzähligen amerikanischen Pop- und Untergrundmagazine wohl untergehen. Aber weil die kulturellen Doppeldeutigkeiten des Wortes “Heeb" so manchen wunden Punkt berühren, gab es schon vor einem Jahr so viele Presseanfragen, dass einer der Sponsoren dem Team die Unterstützung der prominenten PR-Firma spendierte. So findet das Treffen im “Caravan of Dreams" statt, einem vegetarischen Kellerlokal neben der ehemaligen Synagoge auf der östlichen sechsten Straße, in dem Althippies in Breitcordhosen und Veganer mit gepiercten Augenbrauen ihre Reisschüsseln leerlöffeln. Mit ihrem roten Ledermantel und ihrer hellblauen 70er-Jahre-Bluse wirkt Jennifer Bleyer fast ein wenig zu modisch hier. Es ist auch schon ein paar Jahre her, dass sie zur Subkultur im Village gehörte. Damals gab sie ein Punk-Fanzine mit dem Namen “Mazeltov Cocktail" heraus. Aber dann ging sie zum ehrwürdigen Harper¹s Magazine. Dort hatte sie auch die Idee für Heeb.

Ursprünglich war Heeb ein Schimpfwort für Juden, erklärt sie. Das war in den 20er und 30er Jahren, als den protestantischen Amerikanern die Einwanderer aus dem jüdischen Osteuropa und dem katholischen Mittelmeerraum noch so verdächtig und exotisch erschienen, wie heute die Moslems aus Zentral- und Vorderasien. “Eigentlich ist das Wort längst in Vergessenheit geraten", sagt sie. Irgendwann wurde die anachronistische Beleidigung von der jungen jüdischen Subkultur in New York als Slangwort adaptiert, das für das Lebensgefühl junger Juden der dritten bis vierten Generation steht, die sich ganz grundsätzlich von der Weltsicht ihrer Eltern distanzieren.

Aber das verstehen die Älteren nicht, genausowenig wie die Eltern der schwarzen Hip-Hop-Kids begreifen, warum sich ihre Kinder “Nigger" und “Schlampe" nennen, oder die erste Einwanderergeneration der Türken einsieht, warum “Kanake" kein Schimpfwort ist, wenn es die jungen Türken selbst benutzen.

Dass Abe Foxman von der Anti Defamation League empfindlich darauf reagiert, war zu erwarten, schließlich wurde seine Organisation ja gegründet, um antisemitische Strömungen und Untertöne aufzuspüren. Aber selbst Howard Stern, der großmäulige, vulgäre Radiomoderator, der mit seinen Zoten und Minderheitenwitzen als erster eine Art Hardrockattitüde ins Radio brachte und ansonsten eine recht ironische Haltung zu seinem Judentum demonstriert, reagierte ziemlich ungehalten. “Er hat mich in seine Sendung eingeladen, kurz aufs Titelbild geschaut und mich dann die ganze Sendung lang als Antisemitin beschimpft", sagt Jennifer Bleyer und zuckt unsicher mit den Schultern.

Es wären eher die sehr viel Älteren, die mit der ironischen Qualität des Wortes umgehen könnten. “Ich habe einer Zeitung in Miami ein Interview gegeben", sagt Bleyer. “Deren Leser sind vor allem jüdische Rentner. Der Reporter gab uns recht, dass ’Heeb' längst seine schmerzhafte Wirkung verloren hat." Und auch der Vergleich mit der subversiven Umkehr von Worten wie “Nigger" hinkt eigentlich, denn die jungen Juden haben sich das Wort nicht aus Protest gegen Unterdrückung und Antisemitismus angeeignet, sondern vielmehr als Rebellion gegen jenes permanente Gefühl von Verfolgung und Außenseitertum, mit dem sie aufgewachsen sind.

“Die Identität der Generation unserer Eltern baut in erster Linie auf Israel und den Holocaust", sagt Jennifer Bleyer. “Das hat mit unserer Realität als junge amerikanische Juden nur periphär zu tun." Die Generation ihrer Eltern sei geradezu besessen davon, an allen Ecken latenten Antisemitismus zu wittern. Davon handelt eigentlich auch die Titelgeschichte der ersten Heeb-Ausgabe, die unter der Mottozeile “Nazi Pizza" auf zwei Seiten darlegt, warum das neueste Produkt von Pizza Hut eine antisemitische Botschaft sendet. Eine bissige Satire. “Allerdings", sagt Jennifer Bleyer: “Haben das nur die Leute in meinem Alter verstanden." Auch der Witz des Heeb-Centerfold-Posters auf dem Neil Diamond im strassbestickten Overall zu sehen ist kann nur verstehen, wer in der behüteten Welt der Vororte von Long Island aufgewachsen sind, wo die Kids bei ihrer Bar Mitzvah dagegen rebellieren müssen, dass die Mütter und Tanten am späteren Abend bei der Band Neil Diamond und die Streisand bestellen.

Ganz unpolitisch sind sie bei aller Ironie bei Heeb aber nicht. Da gibt es eine Reportage über Homosexuelle bei den Orthodoxen und ein Dossier über die zynischen Profite der privaten Gefängnisindustrie. Nur eben keine Geschichte über Antisemitismus, über alte oder neue Nazis oder Juden in Israel. “Der Holocaust ist hier in Amerika zu einer heiligen Kuh der Juden geworden", sagt Jennifer Bleyer. So ein Satz gilt in der Generation ihrer Eltern schon fast als blasphemisch. Und was passiert, wenn man sich dem Thema nicht mit dem gebührenden Respekt und Ehrfurcht nähere, könne man ja derzeit am Streit um die Ausstellung “Mirroring Evil: Nazi Imagery and Recent Art" sehen.

Unter den Ausstellungsstücken befindet sich so manches Stück, das schon früher für Aufruhr sorgte. Die Lego-Konzentrationslager des polnischen Installationskünstlers Zbigniew Libera zum Beispiel, von denen sich auch ein Exemplar in der Sammlung im Bonner Haus für Geschichte befindet. Oder die Zyklon-B-Kanister, die der Bildhauer Tom Sachs mit Modelabel von Chanel und Tiffany verzierte. Deswegen schreibt die Lokalpresse schon zwei Monate vor der Eröffnung, dass “Mirroring Evil" für die jüdische Gemeinde Amerikas einen ähnlichen Effekt haben wird, wie die Ausstellung “Sensation" mit dem Madonnenbild aus Farbe, Dung und Pornoschnipseln von Chris Ofili für die Katholiken.

Aus dem ganzen Land meldet sich schon der Protest. Menachem Rosensaft aus dem Vorstand des Holocaust Memorial Museum agitierte in der Washington Post gegen die Ausstellung. Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt und Nobelpreisträger Elie Wiesel meldeten Bedenken an. New Yorks neuer Bürgermeister Michael Bloomberg sagte zwar, es glaube im Gegensatz zu seinem Vorgänger Giuliani nicht, dass Kunst eine Angelegenheit des Bürgermeisters sei. Aber ansehen werde er sich die Ausstellung ganz sicher nicht.

“Ganz prima", findet Bleyer diese Kontroverse. Weil sie Tabuthemen in Frage stellt. Auch wenn sie weiß, dass sie für ihre Haltungen manchmal Applaus von der falschen Seite bekommt. “Überwiegend ist das Echo auf Heeb ja positiv", sagt sie. “Die paar Haßbriefe gehören eben dazu. Nur die Email von so einem rechtsradikalen Vollidioten aus Idaho oder wo immer solche Typen hausen fand ich ja eher verstörend. Der dachte echt, wir seien da einer Meinung."

Es geht Jennifer Bleyer ja keineswegs darum, die Geschichte des Holocaust zu verdrängen oder die Errungenschaften Israels herunterzuspielen. Nur die Gewichtung müsse sich ändern. “Wir Juden haben uns in Amerika nun wirklich recht angenehm in die obere Mittelschicht integriert", sagt sie. “Hier werden wir jedenfalls nicht verfolgt. Und deswegen finde ich hat meine Generation die Verpflichtung an die Tradition unserer Großeltern anzuknüpfen. Die kamen hierher und bauten die Gewerkschaften auf. Das waren Sozialisten, Anarchisten. Und es gibt weiß Gott genügend soziales und ökonomisches Unrecht in diesem Land, gegen das man zu Recht auf die Barrikaden gehen kann." Deswegen geht Jennifer Bleyer mit der neuen Protestgeneration in Washington und New York gegen die Globalisierung auf die Straße.

Und deswegen sind Jennifer Bleyers Helden eben nicht die Gründer Israels, sondern sie bewundert Frauen wie Emma Goldman, die um die Jahrhundertwende in Rochester, New York als Näherin arbeitete, revolutionäre Essays schrieb und als Begründerin der Anarchismus in Amerika gilt. Kämpferinnen wie Gloria Steinem, die in den Jahren der Bürgerrechtsbewegung für die Rechte der Frauen auf die Barrikaden ging und später die feministische Zeitschrift Ms. gründete. Oder Abbie Hoffman, den Urvater der Spaßguerilla und Hippiebewegung. “Sein Bruder Jack Hoffman hat uns geschrieben und will uns eine Erstausgabe von ’Steal This Book' schicken", sagt Jennifer Bleyer und strahlt übers ganze Gesicht. “Das war für mich bisher die größte Anerkennung."


“Mirroring Evil: Nazi Imagery and Recent Art" ist vom 17. März bis 30. Juni 2002 im Jewish Museum(1109 Fifth Avenue, New York) zu sehen.Katalog 164 Seiten, ca. Euro 80,-.
“Heeb - The New Jew Review" soll alle drei bis vier Monate erscheinen und ist über die Webseite http://www.heebmagazine.com zu bestellen.

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