NUR EINE BESTÄTIGUNG

Ein Interview mit dem
Islamwissenschaftler Bernard Haykel

© Andrian Kreye

New York/Riad 16.02. '06 - Der Islamwissenschaftler an der New York University Bernard Haykel gilt als einer der besten Kenner der arabischen Welt. Momentan arbeitet er für ein halbes Jahr in der König-Faisal-Stiftung in Riad an einem Forschungsprojekt über die moderne Geschichte Saudi-Arabiens.

Professor Haykel, wie ist die Stimmung in der arabischen Welt, nach der Veröffentlichung der neuen Fotos aus Abu Ghraib?

Bernard Haykel: Sie mögen das erstaunlich finden, aber ich habe hier in Saudi-Arabien noch keine besonderen Reaktionen bemerkt. Und das Land gilt immerhin als Herz der islamischen Welt. Die Leute interessieren sich in diesen Tagen viel mehr für den Höhenflug der Börse. Zumindest in bürgerlichen und gebildeten Kreisen. Gestern war ich beispielsweise bei einem Abendessen mit Einheimischen, da kam das Thema Abu Ghraib überhaupt nicht auf. Die meisten Leute in der arabischen Welt sind schon lange zu dem Schluss gekommen, dass alles, was es über Amerika und den Westen zu sagen gibt, gesagt wurde. Diese Bilder sind nur eine Bestätigung dafür, dass die Außenpolitik der USA von Vorurteilen und Rassismus geprägt ist.

Was wird bei diesen Bildern als schlimmer gesehen - die physische Folter, oder die Entwürdigung?

Haykel: Ganz sicher die Entwürdigung, denn das ist für viele die Bestätigung, dass diese Folterungen bewusst gegen das Ehr- und Schamgefühl von Moslems gerichtet sind. Diese Fotos sind so etwas wie Ikonen für die Situation und das Verhältnis zum Westen, in dem sich viele arabische Länder sehen. Das macht diese Bilder natürlich zu enorm wirkungsvollen Propagandawerkzeugen für die Islamisten

Wie präsentieren die arabischen Medien diese Bilder?

Haykel: Sehr nüchtern. Die panarabischen Nachrichtensender Al Dschassira und Al Arabia gesehen zeigten bisher lediglich das Foto von dem Mann, dessen Kopf ans Metallgitter schlägt und keine der Bilder nackter Gefangener, was deutlich macht, wie beherrscht berichtet wird. Die Blogs explodieren zallerdings gerade vor lauter Beiträgen, aber selbst wenn man die liest, ist das alles sehr nüchtern und überlegt.

Gibt es Aufrufe zur Gewalt?

Haykel: Nein, nicht mehr als sonst. Die Dschihadisten haben natürlich schon immer zur Gewalt aufgerufen. Daran ändert sich nichts.

Wem wird die Schuld an den Folterungen gegeben?

Haykel: Wenn George W. Bush oder Condoleezza Rice behaupten, dass die USA Folter ablehnen, glaubt ihnen kein Mensch. Man sieht die Folter schon als eine systematische Methode, mit der in Abu Ghraib und Guantanamo gearbeitet wird.

Haben die Prozesse gegen Foltersoldaten wie Lynndie England etwas verändert?

Haykel: Die hat so gut wie niemand wahrgenommen.

Warum werden die neuen Folterbilder so gelassen aufgenommen, während die dänischen Mohammed-Karikaturen so eine derartige Welle der Wut ausgelöst haben?

Haykel: Die Karikaturen wurden als direkter Angriff des Westens auf den Islam wahrgenommen. Das wird schon anders rezipiert, als Übergriffe auf Terroristen im Irak. Die Folterbilder sind für den einzelnen vielleicht schwieriger zu ertragen. Aber die Karikaturen machen der arabischen Welt als Kollektiv mehr zu schaffen. Die meisten Menschen hier haben sowieso das Gefühl, dass der Westen ihre Länder besetzt und sie um ihre Ressourcen und Reichtümer bringt, die Karikaturen empfand man hier in diesem Kontext als so böswillig, dass sie das Fass zum überlaufen gebracht haben.

Wurden die Karikaturen benutzt?

Haykel: Von den Islamisten ganz sicher. In Syrien kann man davon ausgehen, dass niemand demonstrieren eine Botschaft niederbrennen kann, wenn das von der Regierung nicht ausdrücklicht gebilligt wird. Das wurde benutzt, um von internen Problemen abzulenken. In Saudi-Arabien erlaubt man dagegen keine Demonstrationen. Im Fall der Karikaturen könnte das dazu führen, dass sich das schnell zu einem Protest gegen die Regierung ausweitet, denn die Folterbilder bringen in Ländern wie Saudi-Arabien oder in Ägypten die Regierungen in Bedrängnis, weil sie immer noch so enge Beziehungen zu den USA pflegen. Deswegen werden die Folterbilder bewusst heruntergespielt.

In den USA unterstützen nur noch sechs Prozent der Bevölkerung den Krieg gegen den Terror. Wird in der arabischen Welt ein Unterschied zwischen der Politik und der Bevölkerung des Westens gemacht?

Haykel: Das hängt davon ab wie gebildet und informiert die Leute sind. In den meisten Fällen nicht. Viele Araber fragen sich, warum die westlichen Bevölkerungen diese Art von Politik nicht verhindern, wenn sie so dagegen sind.

Gibt es im Kontext der Bilder einen Unterschied im Gerechtigkeitsempfinden der arabischen und der westlichen Welt?

Haykel: In der arabischen Welt zählt Gerechtigkeit als der wahrscheinlich höchste, fundamentalste Wert - im Gegensatz zum Freiheitsgedanken des Westens. Freiheit von Unterdrückung ist auch in der arabischen Welt ein wichtiges Leitmotiv, aber der Freiheitsgedanke des Westens, die Freiheit, seinen Glauben und seinen Lebensstil zu wählen, zählt in der arabischen Welt nicht. Im Islam gibt es keine Möglichkeit, den Glauben zu wählen.

In den letzten Wochen wurde wieder häufig Samuel Huntingtons Schlagwort vom Kampf der Kulturen zitiert. Hat die Parole in der islamischen Welt eine reale Gültigkeit bekommen?

Haykel: Die Islamisten hätten das zumindest gerne so. Sie benutzten den Begriff auch häufig. Die meisten anderen Kräfte wie Regierungen, Nationalisten oder Liberale versuchen jedoch, den Begriff zu vermeiden, weil sie verstehen, dass es hier nicht um den Zusammenstoß von Zivilisationen geht, sondern um ganz klare politische und wirtschaftliche Interessen.

Können die USA und der Westen die Beziehungen zur arabischen Welt noch retten?

Haykel: Entgegen den westlichen Befürchtungen sind die wenigsten Araber von einem irrationalen antiwestlichen Eifer getrieben. Wenn Sie als Westler in arabische Länder reisen bekommen sie den vermeintlich allgegenwärtigen Zorn der islamischen Welt jedenfalls nicht zu spüren. Da werden sie extrem gastfreundlich aufgenommen, die Leute sind sehr aufgeschlossen und wollen sich mit Ihnen austauschen. In den Monaten, die ich hier verbracht habe, wurde ich duchweg sehr freundlich behandelt. Dabei ist gerade Saudi-Arabien ein Land, über das sich Westen hartnäckige das Vorurteile hält, dass die meisten hier Fundamentalisten sind, die den Westlern an den Kragen wollen. Aber es geht den Leuten wirklich in erster Linie um die Außenpolitik der USA und der westlichen Länder ganz spezifisch um Palästina, um den Irak, um Öl. Die meisten hier sind auch durchaus gut informiert. Sie hören verschiedene Radiosender, nutzen das Internet, sehen panarabische Fernsehsender. Die wenigsten Araber haben einen simplen Blick auf die Welt.

Liegt der Erfolg der Islamisten nicht in ihrer Ablehnung westlicher Werte?

Haykel: Die Werte der Islamisten stehen sicherlich konträr zu den Werten des Westens. Aber das ist nicht der Grund für ihren Erfolg. Die meisten Leute unterstützen die Islamisten, weil sie nicht korrupt sind, weil sie soziale Leistungen erbringen, sich wirklich um ihre Anhänger kümmern, während die Eliten als arrogant und korrupt gesehen werden. Die meisten Palästinenser sind nicht unbedingt ideologisch auf einer Linie mit der Hamas.

Ist das eine Hoffnung für Reformbewegungen?

Haykel: Absolut. Im Nahen Osten gibt es für jeden Hoffnung, der die Leute ehrlich behandelt und für so elementare Sozialleistungen wie Krankenhäuser, Medikamente, Schulen sorgen kann. Aber gerade deswegen ist der Wahlsieg der Hamas so interessant weil wir hier zum ersten Mal eine islamistische Organisation an der Macht haben, die sich der Gewalt verschrieben hat und nun gezwungen wird, Ideologie und Realpolitik in Einklang zu bringen.





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