BEWUSST GEPLANTE FOLTER

Ein Interview mit dem Islamwissenschaftler an der
New York University Prof. Bernard Haykel über die
Wirkung der Bilder aus dem Abu-Ghraib-Gefängnis
in der arabischen Welt.

© Andrian Kreye

New York 06.05.'04
- Professor Haykel, Verteidigungsminister Rumsfeld hat deutlich gemacht, dass im Falle Abu Ghraib nicht wegen Folter, sondern wegen Mißhandlung ermittelt wird. Hat er damit nicht recht?

Bernard Haykel: Das war auf alle Fälle Folter, auch in den Fällen, in denen nicht physische Gewalt angewendet oder getötet wurde. Dann war das auf alle Fälle Folter psychologischer Art. Die Leute, die das taten wußten ganz genau, was für ein enormes Tabu öffentliche Nacktheit in der arabischen Kultur darstellt. Auch zwischen Männern. Dass da Frauen dabei waren, hat das nur noch verschärft.

- Wie streng ist dieses Tabu? Sind denn Badehäuser keine öffentlichen Orte?

Haykel: Das schon, aber in der gesamten arabischen Welt werden Sie keinen Mann finden, der sich anderen Männern nackt zeigt. Sie werden auch in Badehäusern immer ein Handtuch tragen, das ihren Körper zwischen Nabel und Knien bedeckt.

- Ist das ein kulturelles Tabu oder findet sich dazu auch etwas im Koran?

Haykel: Das wurzelt sogar im islamischen Recht, das Nacktheit und Scham ganz eindeutig definiert. Für Männer ist das zwischen Nabel und Knie. Für Frauen der gesamte Körper mit Ausnahme des Gesichts. Selbst das ist umstritten. Einige sagen auch das Gesicht ist tabu, aber selbst die liberalste Auslegung des islamischen Rechts definiert den gesamten Körper der Frau als 'Awra', wie es im Arabischen heißt.

- Unter den Bildern ist auch das Foto eines Toten, der in Plastiktüten voller Eis verpackt ist.

Haykel: Das ist furchtbar, weil man weiß, dass der Mann an Folter gestorben ist, aber das ist einfach nur grausam. Auch das Bild mit dem Mann, der an Elektroden angeschlossen auf dem Hocker steht ist nicht so schlimm. Das rührt nicht an diesem Schamgefühl, das tief in der Kultur verwurzelt ist. Das Schlimmste ist das Bild, auf dem eine Frau sich über den Penis eines nackten Gefangenen lustig macht.

- Schande und Scham haben in westlichen Kulturen keinen besonders großen Stellenwert mehr. Können Sie beschreiben, was sie in der arabischen Kultur bedeuten?

Haykel: Wenn man jemanden zwingt, sich anderen nackt zu zeigen, auch wenn es nur andere Männer sind, bricht man ihre Menschenwürde. Buchstäblich.

- Im Westen wäre es einem eben peinlich.

Haykel: Nein, nein, das geht weit über Peinlichkeit hinaus. Das ist, als ob man das Selbstverständnis eines Menschen zerschlägt. Dazu gibt es ein Beispiel aus der islamischen Frühgeschichte. Damals war das Vorbild für arabisch-moslemische Tugendhaftigkeit der Schwiegersohn und Cousin des Propheten namens Ali. Während einer Schlacht versetzte er einem Gegner einen Streich mit dem Schwert. Während der zu Boden ging, verlor er sein Gewand und lag nun nackt vor ihm. Ali wand sich daraufhin ab und versetzte ihm nicht den Todesstoß, obwohl das sein Feind war.
Der Prophet Mohammed fragte ihn daraufhin, warum er ihn nicht getötet habe, worauf ihm Ali antwortete, der Mann sei ja schon geschändet und das sei schlimmer als der Tod. Und der Prophet gab ihm recht. Und in genau solchen Geschichten liegen eben die Wurzeln der islamischen Kultur. Deswegen ist Nacktheit eine unermeßliche Schande.

- Gib es irgend etwas in der westlichen Kultur, das dem irgendwie nahe käme?

Haykel: Ich würde sagen, als ob eine Frau vergewaltigt würde. Von mehreren Männern gleichzeitig. Die Vorfälle in Abu Ghraib waren Grausamkeiten von dieser Sorte. Wenn das keine Folter ist, was dann?

- So grausam die Bilder sind - waren das nicht einfach Übergriffe brutaler Einzeltäter?

Haykel: Ich glaube Seymour Hersh hat das in seinem Artikel im New Yorker richtig eingeschätzt - das waren bewußt geplante, systematische, institutionalisierte Praktiken. Auch die Fotos - die wurden aufgenommen, um neuen Häftlinge Angst einzujagen und sie zum Reden zu bringen. Wer auch immer den Amerikanern gesagt hat, dass sie das tun sollen, muß ein Araber gewesen sein, wahrscheinlich Mitglied eines arabischen Geheimdienstes, der genau wußte, welche wunden Punkte einen Häftling brechen.

- Welcher Geheimdienst könnte das gewesen sein?

Haykel: In bin mir ziemlich sicher, dass die Kuwaitis etwas damit zu tun hatten. Dazu gibt es einige Berichte. Die Amerikaner haben auch einiges von den Ägyptern und den Jordaniern gelernt.

- Sind solche Methoden in diesen Ländern üblich?

Haykel: Absolut. Arabische Regierungen verwenden sie systematisch. Was alles noch schlimmer macht und worüber man noch gar nichts gehört hat ist übrigens der Umstand, dass es in diesem Gefängnis einen ganzen Flügel für Frauen und Jugendliche gibt. Viele Araber werden sich deswegen fragen, wenn Männer so behandelt werden, was wird dann erst den Frauen angetan? Und für Frauen wäre so eine Behandlung noch zehnmal schlimmer.

- Versteht die amerikanische Öffentlichkeit, was für eine Wirkung diese Bilder in der arabischen Öffentlichkeit haben?

Haykel: Ich glaube nicht. Amerikaner finden das alles auch grausam und schlimm, aber die wahre Bedeutung dieser Bilder verstehen sie nicht. Sie dürfen auch nicht vergessen, für die westliche Öffentlichkeit sind das ein paar Iraker, die mißhandelt wurden. Für Araber und Moslems sind diese Bilder exemplarische Symbole für die gesamte Beziehung zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Die bringen die ganze Dynamik aus Unterwerfung, Erniedrigung und Entmannung auf den Punkt. Al-Qaida spielt mit diesen Motiven schon lange. Sie sagen immer wieder, dass der arabische Mann vom Westen entmannt wurde, dass der Westen Frauen als Soldaten einsetzt, die sich über die Mannesehre der Araber lustig machen. Und jetzt bestätigen diese Bilder all das.

- Das fiel also auf fruchtbaren Boden.

Haykel: Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, wie fruchtbar der Boden war, auf den das gefallen ist. Für Al-Qaida waren diese Bilder ein unglaublicher Public-Relations-Coup. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass die Analphabetenrate in vielen arabischen Staaten über fünfzig, sechzig Prozent liegt, deswegen haben Bilder eine Wirkung, die weit über jedes geschriebene Wort hinausgeht. Die Bilder werden deswegen das einzige sein, was viele Menschen über diese Vorfälle erfahren. Sie werden nichts über den Kontext lesen, oder verfolgen, was mit den Soldaten passiert, die das getan haben.

- Hat es geholfen, dass George W. Bush am Mittwoch im arabischsprachigen US-Sender al-Hurrah ein Interview gegeben hat?

Haykel: Ich glaube nicht, dass der Auftritt irgend etwas bewirken wird. An dem Mann ist für Araber so ziemlich alles ein Affront. Seine Wortwahl, seine Körpersprache.

- Welche Worte zum Beispiel?

Haykel: Er hat zum Beispiel gesagt, dass die Iraker verstehen müssen, dass die USA soundso handeln. Die Iraker müssen gar nichts. Er hat Arabern und Moslems überhaupt nichts zu befehlen. Er hätte ja auch sagen können, dass er sich wünschte, Iraker würden verstehen, dass die USA soundso handeln.

- Liegt das nicht auch daran, dass die englische Sprache sehr bestimmt und die arabische Sprache sehr höflich ist?

Haykel: Nein. Der englische Premierminister hat zum Beispiel einen ganz anderen Stil. Da haben die Leute das Gefühl, er weiß, dass er zu einem anderen Volk auf gleicher Augenhöhe sprechen muß. Bei Bush schwingt nicht ein bißchen Entgegenkommen mit. Er sagt, so sind wir, und entweder ihr akzeptiert uns so, oder wir behandeln euch eben weiter wie bisher.
Aber es geht sowieso längst nicht mehr um Worte, sondern um Handlungen. Die arabische Öffentlichkeit glaubt inzwischen, dass amerikanische Truppen im Irak genauso vorgehen wie die israelischen Truppen in Palästina. Da kann man nicht erwarten, dass sie sich von einer kurzen Ansprache umstimmen lassen. Es hilft auch nichts, wenn man irgendwelche Radio- und einen Fernsehsender in arabischer Sprache aufmacht. Propaganda reicht nicht mehr. Die Leute erwarten ganz konkrete Schritte. In diesem Teil der Welt haben die USA jedenfalls kein bißchen Glaubwürdigkeit mehr.





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