AHNUNG ODER GLAUBE

Amerikanische Wissenschaftler
debattieren Ungewissheiten

© Andrian Kreye

New York im Juni '06 - Es gibt wohl kaum einen Ort auf der Welt, an dem so viele Hochbegabte und Wissenschaftspreisträger genau das machen, was sie schon immer tun wollten, wie die Straßenzüge rund um den Harvard Square im Bostoner Vorort Cambridge. Weswegen dort an einem lauen Sommertag eine so überaus entspannte Stimmung herrscht und es passieren kann, dass einem beim Spaziergang über besagten Platz innerhalb von zehn Minuten ein halbes Dutzend Menschen über den Weg laufen, die die Welt buchstäblich verändert haben. So wie dem Literaturagenten John Brockman, einem energischen Gentleman mit breitkrempigen Hut, der hier eine Schlüsselrolle zu Bestsellerautoren gemacht hat.

Der selbst ernannte Kopf der Third-Culture-Bewegung weiß, wie man Debatten anzettelt. Er weiß aber auch, welche Debatten man vermeiden sollte, und so hielt er sich gemeinsam mit seinen Mitstreitern bisher ganz bewusst aus der Politik heraus. Schließlich hatten sich Brockman und naturwissenschaftliche Vor- und Querdenker wie Steven Pinker, Jared Diamond und Daniel C. Dennett mit der Third Culture vorgenommen, intellektuelle Debatten mit naturwissenschaftlichen Argumenten zu führen und so die Geisteswissenschaften herauszufordern. Die Niederungen der Demagogie sind für Diskurse mit einem solchen Anspruch denkbar ungeeignet.

Auch die Debatte um Intelligent Design und die Vorstöße christlicher Fundamentalisten, eine größere amerikanische Öffentlichkeit dazu zu bringen, Darwins Evolutionstheorie anzuzweifeln, vermieden die meisten Naturwissenschaftler bisher. Zwischen Glaube und Wissenschaft gab es in den letzten Jahrhunderten nur selten eine Diskussionsgrundlage.

Vor Jahren hatte Brockman jedoch in seinem Webseitenforum Edge.org nach dem Glaubensfaktor in der Wissenschaft selbst gefragt und hochkarätige Antworten erhalten. Die hat er nun noch einmal in einem Essayband mit dem Titel “What We Believe But Cannot Prove" gesammelt, denn als Agent mit Schwerpunkt Sachbuch weiß er auch, welche Themen kaufkräftige Relevanz haben.

So lud er vor Kurzem einige der Essayisten zu einem Symposium in die Longfellow Hall der Harvard University hat. Vier Naturwissenschaftler und ein Philosoph sollen dort darüber “What We Believe But Cannot Prove" sprechen, welche Frage der Glaube an Ungewissheiten in der Wissenschaft spielt. Damit rückte er die Debatte der Third Culture erstmals aus dem Spannungsfeld des Machtkampfes der Natur- und Geisteswissenschaften um die intellektuelle Oberhoheit in das Epizentrum des amerikanischen Kulturkampfes.

Mit der Untersuchung wissenschaftlicher Gedankengänge stellen sie sich unausgesprochen dem Vorwurf, dass auch Wissenschaften auf einem Glauben beruhen. Oder wie es der Quantenmechaniker Seth Lloyd an diesem Abend beschrieb: “Ich kann nicht beweisen, dass es Atome gibt, aber ich glaube daran." Lloyd stellt auch die allseits beschworene Unfehlbarkeit der Wissenschaft in Frage. “Ich glaube an die Wissenschaft", sagte er. “Doch im Gegensatz zu mathematischen Lehrsätzen können wissenschaftliche Ergebnisse nicht bewiesen werden. Sie können nur wieder und wieder überprüft werden, bis sich nur noch ein Idiot weigern würde, an sie zu glauben."

Womit er das Argument seines Podiumsnachbarn Daniel C. Dennett schwächte, dem Wissenschaftsphilosophen und streitlustigen Religionsgegner, der nicht müde wird zu betonen, dass Religion ein Erklärungsmodell sei, das sich schon mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts überlebt habe. Der sagte an diesem Abend: “Ich kann nicht an etwas glauben, dass man nicht beweisen kann." Auch wenn er selbst an einem Thema arbeitet, das er bisher noch nicht beweisen kann. “Ohne es beweisen zu können, glaube ich, dass die Aneignung einer menschlichen Sprache die unumgängliche Vorraussetzung für ein Bewusstsein ist", schrieb er in seinem Text für die Sammlung. Aber genau so ein Vertrauensvorschuss für den Glauben an ein Phänomen, das es zu beweisen gilt, sei die Vorraussetzung für jede innovative Forschung, sagte der Psychologieprofessor Daniel Gilbert.

Die anschließende Diskussion zerfranste wie so oft bei Symposien dieser Art in dogmatische Verlautbarungen aus dem Publikum. Er sei ein spirituelles Wesen und das lasse er sich von der Wissenschaft nicht nehmen, sagte da ein Herr voll Grimm. “Scientism" warf man den Wissenschaftlern vor, wie das Schlagwort für dogmatischen Wissenschaftsglauben im Englischen heißt.

Es war jedoch vor allem Dennett, dem der Zorn vieler galt. Nicht nur bei Symposien - gleich nach der Veröffentlichung seines jüngsten Buches gegen die Religionen “Breaking the Spell - Religion as Natural Phenomenon" im Februar hagelte es in den Zentralorganen der Ostküstenintellektuellen Verrisse. Als “zeitgenössischen Aberglauben des Naturalismus" beschimpfte der Literaturredakteur des New Republic Leon Wieseltier Dennetts Buch. Allen Orr gab im New Yorker zu bedenken, dass die Wissenschaft noch nie für Grundsatzwerke der Metaphysik zuständig war. Religion sei schließlich mehr, als nur eine Ansammlung transzendentaler und unbeweisbarer Behauptungen. Sie sei auch eine wichtige soziale und politische Kraft. Gerade da gäbe es zwar die Gefahr eines Übereifers, der im schlimmsten Falle zu Intoleranz, Fanatismus und auch Terrorismus führen könne, doch die Lösungen dieser Probleme, kämen sicherlich nicht aus einem Laboratorium der Naturwissenschaft. Selbst in Brockmans Forum Edge.org tobt die Debatte inzwischen, seit der Physiker Freeman Dyson dort in einem Kommentar die Religionsfeindlichkeit der Third-Culture-Bewegung angriff. Ausgangspunkt der hitzigen Wortwechsel war der Preis der britischen Templeton Foundation, einer Stiftung aus Philadelphia, die alljährlich 40 Millionen Dollar in Forschungsprojekte investiert, die letztlich gemeinsame Nenner zwischen Spiritualität und Wissenschaft finden.

Den interessantesten Einwand brachte der Mathematiker Martin Nowak, der in Harvard das Institut für evolutionäre Dynamik leitet. Auch Nowak hat ein Essay in Brockmans Band, mischte sich an diesem Abend jedoch nicht ein, sondern gab nur am Rande der Veranstaltung zu bedenken, dass die meisten naturwissenschaftlichen Religionskritiker von der Religion und ihrer Geschichte nur rudimentäre Ahnung hätten. Kaum einer würde erwähnen, dass die moderne Wissenschaft tief in der Religion verwurzelt und von religiösen Institutionen gefördert und initiiert wurde.

Selbst der im Kulturkampf von allen Seiten so leidenschaftlich zitierte Darwin habe Religion und die Existenz Gottes nie angezweifelt. Im Gegenteil. Darwin habe in Cambridge Theologie studiert und oft damit gerungen, wie er seine Theorie mit einem Gottesbild vereinen könne. Es sei dabei nie zu dem Schluss gekommen, dass die beiden Bilder inkompatibel seien. Im Gegenteil. Schon sein Grundlagenwerk “Von der Entstehung der Arten" habe mit den Worten beschlossen: “Es liegt eine Größe in dieser Sicht des Lebens mit seinen verschiedenen Kräften, die ursprünglich vom Schöpfer in einige oder in eine Form gebracht wurden, und dass von einem so einfachen Anfang eine so endlose Zahl von wunderschöner und wunderbarer Formen entstehen konnte."

Kurz nach dem Symposium in Harvard ließ sich John Brockman nun endgültig auf den Sumpf der Intelligent-Design-Debatte ein. “Intelligent Thought" heißt der Essayband, der soeben erschien. Darin schreiben einige der besten Wissenschaftsautoren mit einer Leidenschaft gegen den Unfug des Kreationismus an, als ginge es um ihr Leben.

In den USA hat die Desäkularisierung der Politik die Wissenschaft ja auch durchaus in Bedrängnis gebracht. John Brockman weiss noch genau, wann er sich dazu entschied, doch in die Debatte einzugreifen: “Letzten Herbst haben der Präsident, der Mehrheitsführer im Senat und Senator John McCain alle in der gleichen Woche öffentlich befürwortet, dass Intelligent Design an öffentlichen zusammen mit der Evolutionstheorie unterrichtet werden soll."

Und so weist der Anthropologe Frank Sulloway in dem Band nach, dass Darwin zwar ein gläubiger Mensch war, sich jedoch Schöpfungslehren, wie sie die Intelligent-Design-Hypothese vertritt, letztlich ablehnte. Der Evolutionstheoretiker Nicholas Humphrey macht sich über das Unvermögen des Darwinismus Gedanken, das Bewusstsein zu erklären. Und der Neurobiologe Steven Pinker entkräftet den häufigsten Vorwurf gegen die Wissenschaften, dass sie es bis heute nicht geschafft hätten, das moralische Vakuum einer säkularen Welt zu füllen. “Es stimmt, dass die Wissenschaften uns keine moralischen Prinzipien liefern können", schreibt er da. “Die Religion kann das genauso wenig. Ein tieferes Verständnis von Moral muss durch eine säkulare moralische Vernunft gefunden werden und liegt in den grundlegenden Tatsachen der menschlichen Natur und nicht in den Vorschriften einer überirdischen Gottheit."

Noch gibt es mehr Fragen, als Antworten. Sind Religion und Wissenschaft zum ewigen Antagonismus verdammt, oder bedienen sie in Wahrheit zwei Aspekte eines in sich schlüssigen Weltbildes? Muss es eine Trennung von Religion und Wissenschaft geben, die in beide Richtungen funktioniert? Schlüssige Antworten kann man auch in dieser Phase der Debatte nicht erwarten, schließlich tobt dieser Streit nun schon seit dem 16. Jahrhundert. Eines hat John Brockman zumindest erreicht. Erstes Ziel seiner Third Culture, so betonte er immer wieder, sei es nicht, neue Antworten zu finden, sondern die relevanten Fragen zu stellen.


Bill Maher über Intelligent Design

BBC über den Krieg gegen die Wissenschaften

Ali G. diskutiert mit Kreationisten

Penn & Teller über Creationism Teil 1 --- Teil 2 --- Teil 3



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