Festung New York

Halloween, die Yankees und der Präsident - Massenveranstaltungen sind der Stadt New York immer noch suspekt.
© Andrian Kreye



Ein bischen trübe war es dann schon dieses Jahr. Die Halloween Parade zog brav und geordnet die 6th Avenue entlang. Es wurde getrommelt und gerasselt. Ein paar Lastwagen mit Discoanlagen auf den Ladeflächen beschallten die Menge, die sich hinter den eisernen Polizeisperren drängte. Transvestiten und Hippies präsentierten stolz ihre Kostüme.

Normalerweise artikuliert sich beim amerikanischen Karneval im Herbst der politisch inkorrekte Volksmund. Zwei puertorikanische Teenager hatten den Weltgeist erfaßt, zogen Arm in Arm über die Straße - der eine schwarz vermummt als Islamist, der andere mit Staubmaske als Trümmerheld. Doch die erwarteten Ausbrüche des Patriotismus oder gar des Protestes blieben aus. Ein paar mehr als üblich hatten sich als Soldaten verkleidet, ein paar Fantasielose sich ganz einfach in Flaggen gewickelt. Ein Mann im Arztkittel trug eine überdimensionale Pillendose und ein Schild, auf dem die alten und die neuen Frustrationen der New Yorker zusammengefaßt waren: “Tausche Cipro gegen Karten für die Producers". Die knappen Milzbrandmedikamente gegen die seit Monaten ausverkauften Tickets für den Broadwayhit.

Zum ersten Mal seit den Anschlägen versuchte New York zu feiern. Allgemein gab es jedoch weniger Kostüme, weniger Teilnehmer, weniger Schaulustige. Nur den Verkaufsschlager des Jahres, die roten Plastikfeuerwehrhelme, sah man in dieser Nacht wirklich überall. So richtig Stimmung wollte allerdings nicht aufkommen. Eine dringende Warnung vor möglichen Terroranschlägen in den nächsten Tagen lastete einmal mehr auf jener Stadt, die seit dem 11. September weiß, dass sie natürlich die allererste Zielscheibe für Anschläge aller Art ist, auch wenn Amerikas oberster Staatsanwalt seine schwammigen Warnungen mit dem Zusatz versieht, alle Amerikaner seien aufgerufen, in diesen Tagen ganz besonders wachsam zu sein.

Besonders wachsam war dann vor allem die New Yorker Polizei. Das war schade, denn eigentlich beginnt der Halloweenspaß immer dann, wenn die Parade vorbei ist und die Menge in zunehmend trunkenem Zustand das Schwulenviertel um die Christopher Street in ein Partykatastrophenbgebiet verwandelt. Bis zum frühen Morgen stelzten dann die Transvestiten den kilometerlangen Laufsteg der Straße entlang, niemand scherte sich um das Verbot, Alkohol auf der Straße zu konsumieren. Doch wer will schon ausgelassen feiern, wenn einem dabei 2000 Polizisten zusehen.

Mag sein, dass sich die Feuerwehrmänner für immer als archetypische Helden ins amerikanische Bewußtsein geprägt haben. Die Cops, die blau uniformierten New Yorker Polizisten, verloren in dieser Nacht ihre Aura. Aus den Helden wurden wieder die Ordnungshüter. Anstatt wie sonst ganz einfach die Straßen abzusperren, hatten sie mit ihren himmelblau angestrichenen Holzbarrieren entlang der Christopher Street wahre Labyrinthe aufgebaut, mit denen sie die Massen in geordnete Bahnen lenkten.

Da tänzelte ein Trupp Transvestiten in den Trikots und Umhängen von Comicsuperhelden an den Schwulenbars vorbei, ließ sich fotografieren und beklatschen. Doch an der Ecke Bleecker Street kollabierte die glamouröse Pose. Ein paar hundert Feiernde standen Schlange, um die Straße zu überqueren. Polizeibeamte scheuchten Ausbrecher zurück in die Reihe. Ein Block weiter dirigierte ein ordensgeschmückter Polizei-Captain die Passanten sogar mit heiserem Gebell per Megaphon eine Schnur entlang, die seine Beamten bei jeder Grünphase über die Straße spannten, als wären sie Schülerlotsen, die einen Kindergarten beaufsichtigen. Crowd Control nennt sich das im Jargon der Polizeiwissenschaften. Kontrolle und Steuerung von Menschenmassen. Die größte Herausforderung an jede Stadt.

Schon am Tag zuvor hatte die New Yorker Polizei sich bemüht, Teile von New York in uneinnehmbare Festungen zu verwandeln. Im Madison Square Garden hatten die Knicks gegen Michael Jordans Washington Wizzards gespielt. Im Yankee Stadium in der Bronx fand das dritte der sieben Endspiele der Baseballmeisterschaften statt. Da waren die Kontrollen besonders streng, denn nach dem gemeinsamen Absingen der Nationalhymne, betrat George W. Bush das Feld, um den ersten Ball zu werfen. Deswegen hatte der Secret Service an den Eingängen Metalldetektoren errichtet, und die NYPD dazu angehalten, jeden einzelnen Fan zu filzen.

Die New Yorker Teams haben sich wacker geschlagen. Latrell Sprewell von den Knicks übertrumpfte seinen legendären Gegner so brillant, dass die Daily News den Star als “Fair Jordan" beschrieb. Und Yankee-Pitcher Derek Jeter führte seine Mannschaft, deren Spitznamen “Bomber aus der Bronx" derzeit niemand so recht aussprechen will, zum Sieg über die Diamondbacks aus Arizona. Und doch macht sich der Unmut breit in der Stadt. Als die Fans am Halloweenabend zum vierten Endspiel ohne Metalldetektoren ins Stadion durften, verfluchten sie den Secret Service vom Vortag. Und vor allem in Downtownvierteln wie dem East Village, der Lower Eastside und SoHo, wo vor die Liberalen wohnen, kippt die Patriotenstimmung.

Im Lolita, einer Kneipe an der Broome Street, erreichen die Bargespräche schon nach einem Bier den Siedepunkt einer hitzigen Politdebatte. “Unfaßbar", findet der Dokumentarfilmer Jim Bilal das neue Antiterror-Gesetzespaket. “Das ist quasi das Ende der Bürgerrechte. Und diskutiert irgend jemand darüber? Nein. Weil alle Angst haben, dass ihnen ein Flugzeug auf den Kopf fällt, oder ein Pulver aus der Post rieselt." Sein Saufkumpan, der Reisejournalist William Troy, gibt ihm recht. “Diese Milzbrandpanik. Erst vergeigt das FBI die verseuchten Briefe. Und dann rufen sie die neue Pest aus." Milzbrand, so finden sie, ist die Brittney Spears des Katastrophenjournalismus. Viel Hype, null Substanz. Troy hat einen Bekannten in der Malariaforschung. “Daran sterben mehr Menschen, als an jeder anderen Krankheit." Allerdings wird das Budget wohl bald gestrichen. Das braucht man jetzt für die biologische Verteidigung.

Doch auf den New Yorker Straßen suchen die Polizeibeamten weiter nach der Bedrohung. Sie wissen nicht so recht, wie die aussehen soll. “Verdächtige Pakete", stand an Halloween ganz oben auf den Einsatzdirektiven. “Verdächtige Passanten", gehören dazu, “verdächtige Fahrzeuge". Die Gesetze, die ihnen ganz neue Befugnisse und Macht verleihen, sind ja seit Montag schon in Kraft. Am nächsten Sonntag aber, wird sich die New Yorker Polizei erst einmal der nächsten Herausforderung stellen. Dann nämlich findet der alljährliche New York Marathon statt. Das wird ein Meisterstück der Crowd Control - ein Sperrgebiet von 42 Kilometern Länge.

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