Gut einhundertfünfzig Händler haben ihre Klapptische an diesem Nachmittag aufgebaut. Sturm- und Schnellfeuergewehre, Glasvitrinen voller Pistolen und Revolver gibt es da zu bestaunen. Neugierige befingern fachkundig das Gerät, lassen Ladeschlitten vor- und zurückschnellen, blinzeln gegen das Licht durch die Läufe. Es sind nicht nur Männer hier. Ein paar junge Frauen lassen sich an einem Stand Damenrevolver der Baureihe Ladysmith vorführen. Viele Händler sitzen auch gemeinsam mit ihren Ehefrauen und Kindern hinter ihren Tischen.
Noch vor wenigen Jahren galten die Gun Shows als Sammelbecken der rechtsradikalen Szene. Da gab es immer einen Stand, bei dem man Pamphlete für den Sturz der Regierung und Baseballkappen mit dem Signet des Ku Klux Klan finden konnte. Die Survivalists verkauften Dosennahrung für die Apokalypse und die rechten Bürgermilizen predigten die Renaissance der Wildwestjustiz. Auch der Oklahomabomber Tim McVeigh trieb sich jahrelang auf den Gun Shows herum. Doch das gehört alles längst der Vergangenheit an.
Es gibt viele Gründe dafür, warum die rechtsradikale Szene in Amerika so gut wie verschwunden ist. Die Arbeit des Bürgerrechtsanwaltes Morris Dees ist einer, der die großen Organisationen mit Zivilprozessen ruininierte. Die Blamage des Jahrtausendwechsels, als weder ein weltweiter Zusammenbruch der Computernetze, noch die Heerscharen der Weltverschwörung Amerika in ein Armageddon verwandelten. Fragt man bei den Händlern nach den Untergangspredigern und Milizen erntet man jedenfalls nur ein Augenrollen. “Das waren doch alles Verrückte", meint einer.
Waffengesetze gehören bei amerikanischen Wahlkämpfen zu den heiklen Kulturkampfthemen, mit denen ein Kandidat hervorragend polarisieren, aber auch leicht ganze Wählerblöcke verlieren kann. Selbst John Kerry ließ sich schon zu Beginn des Wahlkampfes beim Tontaubenschiessen filmen, um deutlich zu machen, dass er den zweiten Verfassungszusatz nicht nur respektiert, sondern auch lebt. Denn nicht nur im amerikanischen Süden herrscht die Meinung vor, dass der zweite Verfassungszusatz, der jedem freien Bürger das Tragen einer Feuerwaffe zuspricht, mindestens so heilig ist, wie der erste Verfassungszusatz des Rechts auf freie Rede. Beide wurzeln in den Anfängen der Nation, als die freie Rede vor allem die freie Ausübung all jener Religionen meinte, die im alten Europa verfolgt wurden. Das Tragen einer Waffe sollte den amerikanischen Siedlern die Möglichkeit geben, sich gegen etwaige Tyrannen und Despoten ebenso heldenhaft wehren zu können, wie die Revolutionäre gegen die Kolonialschranzen der britischen Krone.
Bob Morris, ein massiger junger Mann, der hinter einem Tisch voller Sturmgewehre und Selbstladepistolen auf einem Campingstuhl sitzt und mit seiner kleinen Tochter Erdnüsse schält, bringt das auf den historischen Punkt: “Waffen haben Amerika zu dem gemacht, was es ist. Sie sind Teil unserer Kultur." Im Rest des Landes wäre Bob Morris eigentlich kein Gegner der so genannten “Gun Control"-Bewegung, die Waffenbesitz zwar nicht verbieten, aber zumindest einschränken will . Er arbeitet im nahen Städtchen Florence als Polizeibeamter, und Polizisten gehören schon wegen dem Berufsrisiko eher zu den Gruppen, die vor allem die Sturm- und Schnellfeuergewehre per Gesetz verbieten lassen wollen. Doch das sieht er anders. "Sturmgewehre würden statistische nur in einem Prozent aller Verbrechen benutzt", sagt er.
"Genauso wie wir der Regierung vertrauen, muss die Regierung uns vertrauen," fährt er fort. “Die Geschichte hat ja oft genug gezeigt, was passiert, wenn dieses Vertrauen gebrochen wird." Eine der ersten Amtshandlungen Adolf Hitlers seien strenge Waffengesetze gewesen, behauptet er. Nur so hätten Nazitruppen die Juden ins Warschauer Ghetto pferchen können. Deswegen mache ihm jeder der aggressiven Vorstöße der Liberalen, den Waffenbesitz einzuschränken Angst. “Ich habe das Gefühl, jeden Tag könnte jemand an meine Türe klopfen und mich entwaffnen", sagt er leise. “In Waco und Ruby Ridge hat die Regierung doch schon mal vorgefühlt." In Waco, Texas hatte das FBI das Anwesen der Branch Davidian-Sekte, in Ruby Ridge, Idaho die Blockhütte der rechtsradikalen Familie Weaver belagert, die jeweils illegale Waffenarsenale angehäuft hatten. In beiden Fällen endeten die Belagerungen tragisch und wurden damit zum Fanal der rechten Szene.
Vor allem ginge es aber um Notwehr. “Ich habe sechs Töchter, von denen drei immer noch zu Hause leben. Und natürlich meine Frau. Die sollen wenigstens eine Chance haben, sich zu verteidigen." Die Polizei könne doch bei einem Überfall wenig ausrichten. “Die Gesetzeshüter sind längst zu Meldebehörden verkommen, bei denen man den Überfall dann anzeigt." Bob Morris ist keineswegs beleidigt, sondern nickt seinem Freund zu.
Neben der praktischen Notwehr seien Schusswaffen aber auch die einzig wahre Garantie für die Freiheit. Nur ein Volk unter Waffen könne sich gegen Tyrannei und Unterdrückung wehren. Der zweite Verfassungszusatz habe dabei eine noch viel weiter reichende Dimension: “Bevor Christus nicht wieder aufersteht, kann man das Volk nicht entwaffnen. Wie soll es sonst gegen den Antichrist kämpfen?" Weil er merkt, dass solch biblische Auslegungen auf einen europäischen Besucher etwas befremdlich wirken, wirft er rasch ein: “Ich bin ja kein Bibelfundi", zitiert dann aber doch recht Esoterisches aus dem alten Testament. “Gog und Magog werden aus dem Norden über uns herfallen", sagt er. Gog und Magog, der nordische König und sein Volk, die in der Johannesoffenbarung unheilvolle Kriegspläne gegen die friedliebenden Christen hegen, sind für Wiley Burt ganz reale Bedrohungen. “Damit sind die Russen gemeint. Der Kommunismus ist nicht tot. Er ist nur momentan pleite." Bob Morris stimmt ihm zu. “Die Bibel hat alles vorhergesagt. Hitler, Israel, und selbst die Weltwährung als Mittel der Weltherrschaft." Er pausiert triumphierend. “Sie in Europa haben ja mit dem Euro schon angefangen."
"Bush sollte sich mal besser als Waffenfreund profilieren", sagt Morris. “Sonst wären wir ja mit Kerry noch besser dran. Da weiß man wenigstens, wo der Feind steht." Bush solle die Stimmen der Waffenfreunde jedenfalls nicht zu selbstverständlich nehmen. “Gott kann ein Reich auf Erden errichten", sagt Morris. “Aber Gott kann es auch wieder einreißen." So eine Wählerdrohung mag für Außenstehende etwas pathetisch klingen. Für Meinungsforscher sind solche Äußerungen in der heißen Phase allerdings Sand im Getriebe der republikanischen Walkampfmaschine. Sand, der am Wahltag auf der Goldwaage der Abstimmung den Ausschlag geben kann.
In der Hitze eines Sommersonntages wirkt die Hauptstadt des Bundesstaates Mississippi Jackson so verschlafen wie ein Kurbad kurz nach Mittag. Kaum ein Auto fährt durch die menschenleeren Straßen. Ab und zu rauscht eine leichte Brise durch die Magnolienbäume vor dem Kapitolgebäude. Nur auf dem Gelände, auf dem sonst die Landwirtschaftsschauen und Volksfeste stattfinden, herrscht reger Verkehr. Vierschrötige Gestalten marschieren dort zwischen ihren Autos hin und her. Sie tragen Flinten, Gewehre und Maschinenpistolen, meist lässig unter den Arm geklemmt. “Jackson Gun & Knife Show" verkündet ein Plastiktransparent über dem Eingang der Mehrzweckhalle. Waffenmesse wäre ein etwas zu gewichtige Begriff für diese Sorte Flohmärkte für Waffenfreunde, die in der amerikanischen Provinz zu einer ähnlich festen Wochenendinstitution geworden sind, wie Amateurautorennen und Kirchenfeste.
Eine Gun Show ist deswegen eine gute Gelegenheit, um den ultrarechten Flügel der Basis der Republikaner zu treffen. Gerade hier. Mississippi ist der ärmste Staat der Union, trotzdem werden nach einer Untersuchung der University of Mississippi 61 Prozent ihre Stimme für Bush abgeben und nur 30 Prozent für die Demokraten. Das bildet eine eigenartige Parallele zur ethnischen Demographie, die mit 61,4 Prozent Weißen und 36,6 Prozent Schwarzen eher die Verhältnisse des alten Südens, als des modernen Amerika widerspiegeln. Im Wahljahr 2004 ist Mississippi also eher Extrem- als Normalfall, aber hier kann Bush eben auch auf jenen harten Kern seiner Basis zählen, den er mit seinen Appellen an die amerikanischen und christlichen Werte mobilisiert, obwohl er ihnen das Leben mit seiner Steuer-, Sozial- und Gesundheitspolitik immer schwerer macht.
Während sich die rechtsradikale Szene zurückgezogen hat, ist die Anzahl der Gun Shows in den letzten Jahren allerdings massiv angestiegen. Bill Milstead, ein freundlicher, schmal gebauter Herr mit gepflegtem Vollbart, der die meisten Gun Shows im Raum Jackson veranstaltet, hat den Anstieg in den letzten fünf Jahren beobachtet. “Früher war auf den monatlichen Listen mit Gun Shows im ganzen Land vielleicht ein gutes Dutzend aufgelistet. Inzwischen sind es jedes Wochenende mindestens fünfzig." Das sei einerseits damit zu erklären, dass Gun Shows für viele eine Möglichkeit geworden sind, sich in diesen Zeiten der Wirtschaftskrise etwas Geld nebenher zu verdienen. Andererseits haben vor allem die verschärften Waffengesetze das Geschäft der Händler auf die Flohmärkte gedrängt. Gun Shows sind nämlich von vielen der Gesetze ausgenommen. So braucht man dort beim Verkauf einer Waffe nicht erst das polizeiliche Führungszeugnis eines Käufers überprüfen lassen. Hier darf man auch noch Sturmgewehre und automatische Waffen anbieten, die im regulären Handel längst verboten sind.
Es geht aber nicht nur um hehre amerikanische Grundwerte. Am Nachbarstand verkauft der Büchsenmacher Wiley Burt Sturmgewehre und Maschinenpistolen. Strengere Waffengesetze wären natürlich schlecht für sein Geschäft, denn der muskulöse ältere Herr hat sich darauf spezialisiert, halbautomatische Gewehre und Pistolen zu Schnellfeuerwaffen umzubauen. “Mit einem legal angemeldeten Maschinengewehr wurde noch nie ein Verbrechen angemeldet", sagt er.
Bob Morris und Wiley Burt haben beide Zeit ihres erwachsenen Lebens vor allem deswegen die Republikaner gewählt, weil die den zweiten Verfassungszusatz als unantastbares Recht ansehen. Mehr noch. “Waffenbesitz ist ein unveräußerliches Grundrecht", sagt Wiley. “Das Autofahren dagegen ein Privileg." Trotzdem haben sie beide dieses Jahr ihre Zweifel. Am 13. September läuft die präsidiale Verordnung aus, mit der Bill Clinton vor zehn Jahren den Besitz von Sturmgewehren einschränkte. Nun sieht es aber so aus, als ob der Senat das Verbot mit 52 gegen 47 Stimmen erhalten will. George W. nehmen ihm Morris und Burt sehr übel.
Zurück zum Inhalt
