STERNSTUNDE DER WAHRHEIT

Der erste Guide Michelin New York
erzürnt die dortige Gastroszene.

© Andrian Kreye


New York 01.11. ’05 - Sacre bleu, les Américains! Verstehen keinen Spaß und vertragen keine Kritik, schon gar nicht von Franzosen, selbst wenn die das Land hinter dem Atlantik zur zweitwichtigsten Gourmetnation der Welt erklären. Diese Woche erschien der erste Guide Michelin für New York und somit gab es zum ersten Mal Michelin-Sterne für Restaurants auf dem amerikanischen Kontinent. Vier Dreisterne-, vier Zweisterne- und 37 Einsternlokale kürten die strengen Prüfer aus Frankreich. Damit hat New York dem britischen London den Rang als Stadt mit den zweitmeisten Sternelokalen nach Paris abgelaufen.

Verdientermassen. Die Qualität der Restaurants ist phänomenal und kaum eine Stadt feiert gute Küche so leidenschaftlich, wie New York. Die Vorberichte auf die neuen Lokale der Saison sind den Zeitungen und Stadtmagazinen regelmäßig Sonderteile und Titelgeschichten wert. Seit dem Ende des Clublebens und der Subkulturen im Wirtschaftsboom der 90er Jahre werden prominente Köche wie Jean-Georges Vongerichten, Mario Batali oder Wylie Dufresne in New York wie Rockstars verehrt.

Die meisten der Starköche benahmen sich angesichts der dräuenden französischen Urteile allerdings schon im Vorfeld eher wie Diven, als Stars. Im Stadtmagazin für Besserverdienende “New York" übten sich die großen Namen schon mal im Präventivquengeln. Mario Batali sagte: “Die Michelinsterne sind vor allem für europäische Köche interessant." Anthony Bourdain ergänzte: “In der New York wird der Michelin nicht viel bedeuten. Allerdings wissen die Sterneköche, dass er für japanische Touristen sogar sehr wichtig ist."

Große Überraschungen gab es bei der Verkündung der Sterne dann nicht. Allerdings auch keine Amerikaner auf den vorderen Plätzen. Alle vier Spitzenreiter sind Franzosen (Alain Ducasse, Jean-Georges Le Bernadin, Per Se, auch wenn dessen Chef Thomas Keller Amerikaner ist). Zwei Sterne bekamen ein Österreicher (Danube), ein Japaner (Masa) und zwei Franzosen (Bouley und Daniel). Erst bei den Einzelsternen fanden sich einheimische Favoriten wie Wylie Dufresnes WD-50, Tom Colicchios Gotham Bar and Grill oder Danny Meyers Grammercy Park Tavern. Ein paar lokale Spitzenreiter gingen ganz leer aus. Der Besitzer des alteingesessenen Power-Lunch-Lokales Four Seasons tobte dann angesichts seines sternlosen Eintrages auch: “Man sollte die Franzosen aus den Vereinten Nationen werfen." Und Mario Batali war erzürnt darüber, dass er mit einem Stern in der gleichen Kategorie gelandet war, wie das Pub The Spotted Pig.

So richtig sauer waren allerdings die Gastrokritiker, die ihre Meinungshoheit gefährdet sehen. Der Vorwurf des Bloomberg-Nachrichtendienstes, der Guide Michelin lasse außer Acht, dass New Yorker amerikanische, italienische japanische Lokale viel lieber mögen, als französische Küche, mag noch berechtigt sein. Doch selbst die New York Times schmückte ihren Bericht mit bissigen Seitenhieben. Die New York Post mokierte sich über die Wichtigtuereien eines Autoreifenherstellers. Der konservativen Tageszeitung New York Sun war der Guide sogar ein Leitartikel mit der Überschrift “Go Back to France" wert, in dem die Redaktion auf die Erklärung des Michelin-Herausgebers New York sei “internationalen Reisezielen wie London, Madrid und Paris ebenbürtig" mit einer einspaltigen Hasstirade reagierte. “New Yorker wissen, dass ihre Stadt nicht ebenbürtig ist - sie ist besser. Die Vorstellung, dass New Yorker einen pingeligen Franzmann brauchen, der ihnen sagt, wo sie essen gehen sollen ist lächerlich", stand da.

Der Artikel wies außerdem darauf hin, dass es mit dem Zagat Guide ja schon einen allgemein beliebten Restaurantführer gäbe, in dem keine professionellen Gourmets, sondern ganz normale New Yorker über die Wertungen bestimmen, “die den Stengel ihres Weinglases mit allen Fingern inklusive des Kleinen anfassen". Somit reduziert sich auch der transatlantische Gastrostreit auf den ewigen Kulturkampf zwischen europäischer Besserwisserei und amerikanischer Markthörigkeit, zwischen affektiertem Elitegehabe und breitbeinigem Gepolter.






Bild

Guide Michelin New York 2006
Jetzt beiamazon.de


Zurück zum Inhalt