ANATOMIE EINES SOMMERHITS

Gnarls Barkley im New Yorker Central Park

© Andrian Kreye

New York im August '06 - Natürlich fällt es einem viel zu leicht, an einem lauen Abend im Central Park zu stehen und den Sommerhit des Jahres auszurufen, wenn die neongelb erleuchteten Wolkenmuster und die verschnörkelten Turmspitzen der Upper Westside über den Ulmenwipfeln dieses unschlagbare New Yorker Grosstadtidyll vorgaukeln, während Gnarls Barkley auf der Bühne stehen und dem Publikum mit “Is Brooklyn in the House?!"-Rufen das Gefühl vermitteln, genau hier und jetzt befinde sich der Nabel der Popwelt. Exakt aus so einem Moment heraus funktioniert Pop am Besten, das wusste natürlich auch die Band um den volleibigen Sänger Ceelo und den Produzenten Danger Mouse, die an diesem Abend das Abschlusskonzert der Summerstage-Serie absolvierte. Den Song “Crazy", um den es hier geht, spielten sie deswegen ganz zum Schluss, was die Menge mit stimmungsreinem Mitsingen des Refrains und hysterischem Applaus quittierte, der gar nicht enden wollte.

Damit hätte man aber schon mal den ersten empirischen Beleg für die Behauptung, “Crazy" sei der Sommerhit des Jahres, dem sich noch so einige andere anfügen ließen, sei es die Konsequenz, mit welcher der Song in den letzten Monaten vom Alpenrand über die Mittelmeerregionen bis an die amerikanische Westküste aus offenen Autofenstern wehte, der Abend an dem ein Hochzeits-Discjockey die durch den Anschnitt der Torte verwaiste Tanzfläche mit “Crazy" so schnell wieder voll bekam, wie sonst nur mit Abba und den Bee Gees, oder die ungewöhnlich hohe Frequenz, mit welcher selbst notorisch antimoderne Verkehrsfunksender das Lied in den letzten Monaten rauf- und runterspielten.

Modern sind Gnarls Barkley dabei keineswegs im Sinne einer kurzlebigen Modelaune. Das beginnt schon mit ihrer Entstehungs- und Erfolgsgeschichte, an der man exemplarisch ablesen kann, wie Pop in Zukunft funktionieren wird. Danger Mouse, der mit bürgerlichem Namen Brian Burton heißt und wie Thomas “Ceelo" Callaway aus den Vororten von Atlanta stammt, hat schon zu Beginn seiner Laufbahn verstanden, dass man auf dem traditionellen Erfolgsweg des unabhängigen Pop, auf dem man sich mit Unterstützung einer Plattenfirma und der geneigten Fachpresse von Tour zu Tour und Album zu Album sein Publikum mit harter Arbeit erobert, nicht mehr besonders weit kommt. So richtig berühmt wurde Danger Mouse, als er sein schon legendäres Mashup-Projekt “The Grey Album" ins Netz stellte. Das war mehr musikalischer Kalauer, als ernsthaftes Projekt - Danger Mouse hatte Jay-Zs “The Black Album" mit dem weißen Album der Beatles zusammengemischt, was ihm dann auch prompt einen Prozess mit der Beatles-Plattenfirma EMI und einen weltweiten Presserummel einbrachte.

Mit Gnarls Barkley hat Danger Mouse den Beweis zur These von der digitalen Zukunft des Pop in diesem Sommer geliefert. In Großbritannien schaffte “Crazy" den Sprung auf Platz eins noch bevor man eine CD kaufen konnte ausschliesslich über den Vertrieb im Internet. Das garantiert dem Projekt schon jetzt einen Platz in der Popgeschichte.

Das alles hat allerdings auch nur zum Teil damit zu tun, dass “Crazy" der Sommerhit des Jahres ist, weil die Musik auch im digitalen Zeitalter aus sich heraus den Nerv des jeweiligen Sommers treffen muss. Das geht nie so plump vonstatten, wie man das der konsumbereiten Öffentlichkeit sonst gerne verkaufen will, denn die wahren Sommerhits sind keineswegs jene Sorte balearisch-karibischer Aufdringlichkeiten, wie man sie in Mittelmeerdiskotheken zu hören bekommt. Zwar lassen sich die enormen Erfolge des “Ketchup Song", des “Mambo No. 5" oder der “Macarena" nicht bestreiten, doch bei genauer Betrachtung werden solche Songs zwar im Sommer lanciert, jenseits von Ibiza und Rimini können sie sich allerdings meist erst als Apres-Ski-Hits durchsetzen. Im Winter will man sich nach ein paar Schnaps an der Pistenbar eben eher mal mit ein paar Modetanzschritten aufwärmen, während das Leben im Sommer viel entspannter verläuft. Da reichen auch 122 leicht verschleppte Beats Per Minute, denn man hat es nicht besonders eilig und auch die Gefühlswelt ist nach einem Tag am Wasser viel subtiler geordnet, als nach einer Schussfahrt über den vereisten Steilhang.

Zerlegt man das Stück weiter in seine musikalischen Einzelteile, stößt man bald auf handwerkliche Qualitäten, die sich seit ein paar Jahrhunderten kaum verändert haben. Prinzipiell erzeugt “Crazy" mit seinen Harmonien eine komprimierte Fassung jener bittersüßen Spannung aus Melancholie und Katharsis, mit der schon Bach, Beethoven und Wagner nach der emotionalen Mitte griffen. Das ist nicht neu. Mit solchen Destillaten großer Gefühle hat Pop schon seit den Beatles und den Beach Boys gearbeitet. Doch auch die Simplifizierung erfordert Geschick.

So beginnt “Crazy" im tragisch bitteren C-Moll, wechselt dann in die Paralleltonart des hoffnungsfroh warmen Es-Dur, um die Spannung schließlich triumphierend mit einem G-Septakkord als kathartische Dominante aufzulösen. Von dort fällt der Song wieder zurück ins C-Moll, wobei ein Zwischenteil in der zweiten Paralleltonart As-Dur einen Moment der Verheißung erzeugt, dessen Auflösung im Septakkord in G noch triumphaler klingt.

Solche Spannungsfolgen transportieren im Pop die Sommergefühle eines Teenagers, mit all den Höhen und Tiefen der großen Erwartungen und Verheißungen. Das funktioniert auch bei Erwachsenen, bei denen Pop in erster Linie eine Form von emotionaler Nostalgie erzeugt, die den Hörer über solche Harmoniefolgen in die sommerliche Jugend zurückversetzen kann. Fast alle großen Sommerhits haben so funktioniert - vom "Wouldn't It Be Nice" der Beach Boys und "Happy Together" der Turtles, über "Dreams" von Fleetwood Mac und "What A Fool Believes" von den Doobie Brothers, bis hin zu Mariah Careys "We Belong Together", das den Sommer letztes Jahr dominierte.

Man merkt Danger Mouse seinen Status als Schlüsselfigur des modernen Pop nicht an, wenn man ihm dabei zusieht, wie er das Konzert regungslos bis Grenze zum Autismus hinter seiner Batterie Computerkeyboards und anachronistischer Minimoog-Synthesizer verbringt. Das Unterhalten überlässt er seinem Frontmann Ceelo, der das mit unwiderstehlichem Charme und einem Tenor erledigt, der in seiner grellen Kratzigkeit an Al Green und Timmy Thomas erinnert. Der dirigiert auch die Band, zu der eine Rhythmusgruppe gehört, die sich nach Art der frühen Red Hot Chilli Peppers leidenschaftlich exaltiert durch die Nummern prügelt, drei Chorsänger und ein Discostreicherensemble. Es gibt für Danger Mouse also keinen wirklichen Grund, sich auch noch als Showman zu profilieren, auch wenn er wie der Rest der Band eine Schuluniform trägt. Aber so viel Marketing muss sein. Das schliesst an die Pressefotos an, für die sich Danger Mouse und Ceelo als Figuren aus Klassikern der jüngeren Filmgeschichte wie "Clockwork Orange", "The Big Lebowski" oder "Napoleon Dynamite" inszenieren.

Live sind Gnarls Barkley dabei erstaunlich traditionell. Die Musiker bewegen sich hinter dem ironischen Hip-Hop-Soul-Gemisch und den anschwellenden Hammondorgelteppichen irgendwo zwischen dem hysterischen Discogospel von George Clinton und Frank Zappas Dekonstruktion des Pop. Und weil das eigene Material nicht für ein ganzes Konzert ausreicht, füllen sie ihre Setliste mit Coverversionen, die zeigen sollen, dass es im Zeitalter der P2P-Netzwerke und iPods keine Genregrenzen mehr gibt - da klingt “The Wall" von Pink Floyd wie ein Funkhit aus dem tiefsten Süden, und Stücke von den Doors, den Violent Femmes und den Greenhorns werden virtuos in das eigene Klangbild integriert. Die Blaupause dafür hat Danger Mouse in “Crazy" so geschickt angelegt, dass Gnarls Barkley die entspannt-euphorische Stimmung im Central Park über eineinhalb grandiose Abendstunden halten konnten, ohne dass das Publikum ungeduldig den Sommerhit einforderte. Der allerdings wird uns nun auf ewig an den heißen Sommer von 2006 erinnern.





"Crazy"




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