TRETMÜHLE DER LUST

Geld macht nur glücklich wenn
man davon mehr als andere hat.

© Andrian Kreye


New York im September '05 - Geld macht glücklich heißt es gleich zu Beginn der Studie ’Relative Income and Happiness', die die Soziologen Glenn Firebaugh und Laura Tach gerade veröffentlicht haben. Damit schließen sie sich prinzipiell dem Konsens ihres Wissenschaftszweiges der so genannten “Science of Happiness" an, die im Deutschen auch Glücksforschung genannt wird. Mehrere Untersuchungen haben in den letzten Jahren festgestellt, dass reiche Menschen in allen Gesellschaften glücklicher sind als Arme, egal ob in den Wohlstandsländern der freien Marktwirtschaftszonen, oder in Ländern des asiatischen Raumes, deren Gesellschaften angeblich nicht ganz so materialistisch denken, wie im Westen.

Firebaugh und Tach haben in ihrer Studie nun erstmals die Hypothese belegt, dass sich dieses Glück vor allem über den Vergleich mit den Mitmenschen definiert. Wer Geld hat, der ist vielleicht zufrieden, aber nur wer über mehr Geld verfügt als seine Altersgenossen und Kollegen, ist wirklich glücklich. Das wirft kein besonders gutes Licht auf das Streben der Menschheit, wurde aber von Firebaugh und Tach mittels hochpräziser Algorithmen nachgewiesen, die sie mit den Daten aus den Umfragen des General Social Survey zwischen 1972 und 2002 fütterten, die insgesamt 23.339 Amerikaner im arbeitsfähigen Alter von 20 bis 64 erfasst haben.

Ziel der Studie war es, das so genante Wohlstandparadox zu ergründen, welches die Erkenntnis, dass Geld glücklich macht, ganz grundsätzlich in Frage stellte. Denn obwohl das durchschnittliche Einkommen in westlichen Gesellschaften während der letzten 50 Jahre um ein Vielfaches angestiegen ist, sind die Menschen nicht wirklich glücklicher, als damals. Das bestätigt auch eine Untersuchung, die ergeben hat, dass Lottogewinner maximal fünf Jahre lang glücklicher sind, als vorher und sich ihre Zufriedenheit danach wieder auf ihrem Normalstand einpegelt.

“Das Wohlstandsparadox hat schon angedeutet, dass Einkommen auf das Wohlbefinden des Einzelnen keinen absoluten, sondern nur einen relativen Einfluss hat", sagt Glenn Firebaugh. “Wir wollten nun herausfinden, wie stark und mit wem sich Leute nun vergleichen." Dieses immanente Konkurrenzdenken führt nach der Studie von Firebaugh und Tach zu einem Phänomen, das Wirtschaftswissenschaftler ’Hedonic Treadmill' nennen - die Tretmühle der Lust. Je stärker wir unser Selbstwertgefühl am Mehrwert gegenüber anderen orientieren, desto mehr müssen wir erwirtschaften. Firebaugh und Tach haben nun den entscheidenden Antriebsmoment dieser Tretmühle gefunden.

“Es war uns schon vor unserer Untersuchung klar, dass sich die meisten mit Geschwistern, Kollegen und Nachbarn vergleichen", sagt Firebaugh. “Die interessanteste Vergleichsgruppe sind jedoch die Altersgenossen, denn normalerweise steigt das Einkommen eines Menschen bis ungefähr zum 55. Lebensjahr. So wird der Vergleich zum beweglichen Ziel und man muss immer härter arbeiten, um dem standzuhalten. Damit haben wir die erste wissenschaftliche Erklärung der ’Hedonic Treadmill' gefunden."

Ganz neu ist diese Erkenntnis der Studie nicht, schließlich definierte der Satiriker Ambrose Bierce in “Des Teufels Wörterbuch" Glück schon 1906 als “angenehmes Gefühl, das aus der Betrachtung fremden Elends erblüht". Auf ein Kollektiv übertragen beschreibt dies das Wettbewerbsprinzip, das so ziemlich jede freiheitlich-westliche Gesellschaft bestimmt, doch man sollte sich hüten, die Glücksforschung lediglich als akademisches Widerkäuen von Binsenweisheiten abzutun. Die Glücksforschung ist ein relativ junges Feld der interdisziplinären Wissenschaften, an dem sich derzeit die Soziologie genauso versucht wie die Wirtschaftswissenschaften, die Neurobiologie und die Psychologie. Sie gehört wie so viele der neuen interdisziplinäre Wissenschaften zu den Versuchen, all jene Aspekte der menschlichen Natur mit wissenschaftlichen Methoden zu ergründen, denen man bislang lediglich mit den diffusen Denkmodellen der Religion und Philosophie nachgehen konnte.

Die rein faktische Betrachtung der menschlichen Natur führt oft dazu, dass unser Bild vom Menschen entmystifiziert und so mancher Götterfunke zum schlichten Zusammenspiel biologischer, chemischer und sozialer Prozess banalisiert wird. Das Argument der Wissenschaft - wer mit Fakten arbeitet, statt mit Hypothesen zu spekulieren, kann all die Probleme der menschlichen Natur umso gezielter angehen. Und nicht nur die Probleme, denn der Anstoß für die Glücksforschung war die Zielvorgabe des Psychologieprofessors an der University of Pennsylvania Martin Seligman, der 1998 nach seiner Berufung zum Leiter der American Psychological Association verkündete, dass die Aufgabe seiner Zunft mehr sein sollte, als Patienten aus dem Seelentief in den Zustand der Normalität zu bringen. Der Zustand des Glücks sei ein genauso wichtiges Forschungsthema, wie Ängste, Neurosen, Depressionen, Schizophrenie und all die anderen Höllenqualen, deren Bekämpfung sich die Neurowissenschaften bisher verschrieben hatten. Einfacher ausgedrückt - statt nur den Bereich von Minus bis Null zu bearbeiten, sollte sich die Forschung Gedanken machen, wie man das menschliche Befinden von Null auf Hundert beschleunigt.

Die ersten Ergebnisse der Glücksforschung unterschieden sich nicht weiter von den Binsenweisheiten der Selbsthilfeliteratur und Lebensberatung. Freunde, Familie und Spiritualität sind entscheidende Faktoren für das persönliche Glück. Doch die Evolutionsbiologie steuerte bald die Bestätigung der unangenehmen Vorahnung bei, dass die Gene für gut 50 Prozent unserer Glücksfähigkeit verantwortlich sind. Und die Wirtschaftswissenschaftler stürzten sich auf jenes Phänomen, das der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi als ’Flow' bezeichnete - jener Moment, in dem sich Begeisterung, Motivation und Geschick zu einem Zustand höchster Konzentration vereinen, der bei Arbeit, Sport oder Vergnügen dazu führt, dass man vollkommen im hier und jetzt aufgeht. Gleichzeitig begann die Neurobiologie, die chemischen und biologischen Mechanismen des Glücks zu erforschen, was zu enormen Sprüngen bei der Entwicklung von Psychopharmaka geführt hat.

Kritiker sehen die Glücksforschung lediglich als frivoles Unternehmen proftiorientierter Wissenschaftszweige, die nichts anderes im Sinn haben, den schlicht gestrickten menschlichen Geist der Marktforschung auszuliefern oder immer neue so genannte Lifestylepsychopharmaka zu entwickeln, die nicht der Heilung, sondern lediglich der geistigen Fitness dienen. Das sind sicherlich die üblichen kommerziellen Nebenwirkungen, doch Firebaugh sieht in der Glücksforschung einen Katalysator für wichtige Schritte einer Gesellschaft.

“Wenn man sich an der Befürfnispyramide orientiert, die der Psychologe Abraham Maslow entwickelt hat, dann ist die Tatsache, dass wir uns leisten können, Glück zu erforschen, ein deutliches Anzeichen, dass wir uns als Gesellschaft sehr weit fortentwickelt haben", sagt er. “Kalt, nass und hungrig würden wir uns vor allem um die nächste Mahlzeit und ein trockenes Plätzchen im Warmen interessieren. Ich bin mir sicher, dass sich die Pioniere nicht besonders viele Gedanken darüber gemacht haben, ob sie glücklich sind oder nicht. Aber die Glücksforschung geht in den westlichen Gesellschaften auch damit einher, dass sich die Menschen um die Umwelt und die allgemeine Lebensqualität Gedanken machen."

Firebaugh fordert nun wie einige seiner Kollegen aus der Glücksforschung erste Schritte aus der Theorie zur Praxis. “Wir haben in den USA ja mit dem Council of Economic Advisors einen wirtschaftlichen Beirat des Präsidenten", sagt er. “Es wurde nun schon häufig die Forderung laut, dass wie auch einen gesellschaftlichen Beirat brauchen, der gesellschaftliche Indikatoren wie subjektives Wohlbefinden und Glück genauso misst, wie bisher die Wirtschaftsindikatoren." Es seien auch keineswegs nur die Psychologen und Soziologen, die so einen Beirat fordern. “Wirtschaftswissenschaftler sind bei diesen Forderungen genauso wie in der Glücksforschung ganz vorne dran. Bis vor kurzem hätte kein Ökonom es gewagt, Glück als Forschungsobjekt ernst zu nehmen, weil sich das nicht so objektiv erfassen ließ, wie beispielsweise Einkommenszuwachsraten." Das neue Interesse der Ökonomen am Glück ist aber keineswegs nur ein diffuses Umdenken. Vielmehr verfügen heute neben den Natur- auch die Wirtschaftswissenschaften über eine Vielzahl zusätzlicher Methoden, Dinge zu definieren, zu messen und zu erforschen, die bisher nur mit Hilfe von religiösen und philosophischen Denkmodellen umkreist werden konnten. Dazu gehört nun auch das Glück.





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